Die Frau, vor der Breivik Angst hat

In Norwegen gibt es, fünf Jahre nach den furchtbaren Anschlägen vom 22. Juli, nur noch eine Haltung: Die Menschen wollen nichts mehr davon hören. Nur eine Frau lässt das Thema nicht los.

Von Mikael Krogerus

Das Magazin N°19 – 14. Mai 2016

Åsne Seierstad hat ein schonungsloses Buch über Anders Behring Breivik und die Opfer vom 22. Juli 2011 geschrieben. Bild  Lars Botten

Åsne Seierstad hat ein schonungsloses Buch über Anders Behring Breivik und die Opfer vom 22. Juli 2011 geschrieben. Bild  Lars Botten

Wenn man Åsne Seierstad die Hand reicht, ist sofort klar, dass man sich nicht lange mit Small Talk aufhalten wird. Die selbstbewusste, breitschultrige 46-Jährige betrachtet die Welt mit einer beneidenswerten Klarheit. «Sie wollen in das Restaurant?», fragt sie. «Ich finde, wir gehen lieber hierhin.»

Seierstad ist die renommierteste Journalistin Skandinaviens, spezialisiert auf Abgründe. Sie berichtete aus Serbien, Tschtschenien, Irak, Syrien, Afghanistan. Was reizt sie am Extremen? Wir sitzen im «Dinner Restaurant», einem Chinesen im Zentrum Oslos, vom Nachbartisch tönt ausgelassenes Gelächter. Sie sagt: «In Krisengebieten fühle ich mich sicher. Du bist allein, fällst alle Entscheide. Es sind Situationen, in denen du dich selbst vergisst.»

Ihr Genre ist der sogenannte literarische Journalismus – lange, ausufernde Reportagen, die sich wie Romane lesen. Hemingway, Capote, Wolfe – das waren die Ersten. In der Schweiz folgte Niklaus Meienberg, heute vielleicht Erwin Koch. Diese Schreiber haben einen eigenen Stil, den man wiedererkennt wie den Sound seiner Lieblingsband. Das Faszinierende an Seierstads Texten ist aber gerade, dass sie keinen eigenen Sound hat, keinen braucht. Auch verzichtet sie auf die klassischen Elemente der Reportage: Sie beobachtet nicht, analysiert nicht, kommentiert nicht. Sie schreibt einfach auf, was andere gesehen, gesagt, gedacht, gefühlt haben. Und so passiert etwas fast Einzigartiges: Der Stoff wird grösser als die Autorin. Sie als Person rückt in den Hintergrund. Vielleicht ist es das, was sie von Capote unterscheidet. Wenn man Capote liest, denkt man: Das hat ein Genie geschrieben. Wenn man Seierstad liest, vergisst man, dass es eine Autorin gibt.

Ihr eigenes Land war für die Kriegsreporterin immer zutiefst langweilig. Norwegen ist beschaulich, ereignislos und von einer gähnenden sozialdemokratischen Friedfertigkeit. Das änderte sich am 22. Juli 2011. Ein 22-jähriger Mann, gekleidet in eine Polizeiuniform, parkierte einen Transporter vor dem Regierungsgebäude in Oslo und zündete eine Autobombe. Acht Menschen starben. Während die Katastrophenszenen aus der norwegischen Hauptstadt in aller Welt übertragen wurden, fuhr der Mann in einem Mietauto zur Insel Utøya, wo sich Hunderte Jugendliche zum alljährlichen Sommercamp der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet trafen. Auf der nur 500 mal 300 Meter grossen Insel begann der Mann eine Menschenjagd, die über eine Stunde dauerte. 66 Jugendliche erschoss er, meistens aus kurzer Distanz. Ein Junge stürzte bei der Flucht von einem Felsen, einer ertrank im Fjord. Ein Mädchen, die 18-jährige Synne, fand man hinter einem Stein mit drei Schüssen durch die Stirn. Bei der Obduktion stellte man fest, dass sie eine schwere Lungenverletzung hatte. In den letzten Minuten ihres Lebens hyperventilierte sie, ihre panischen Atemzüge zerstörten ihre Lunge. Sie starb aus Angst.

Schwarzer Tag in Norwegen: Die Journalistin Åsne Seierstad hat ein intimes Buch über den Anschlag vom 22. Juli 2011 geschrieben. Bild: Kamerapress Sweden/Photoshot/Keystone

Bild: Kamerapress Sweden/Photoshot/Keystone

Åsne Seierstad war gerade zurück aus Libyen, wo sie für ein Buch über den arabischen Frühling recherchierte, als Tina Brown anrief, die Chefredaktorin der amerikanischen Zeitschrift «Newsweek», für die sie gelegentlich schreibt: «Besorg mir alles über diesen Mann.» Wie alle Journalisten versuchte Seierstad Breivik zu entschlüsseln. Es gelang ihr nicht. Sie schrieb über die Hinterbliebenen und reiste kurz darauf wieder nach Libyen. Aber dort ging ihr eine Frage nicht aus dem Kopf: Warum berichte ich über Tragödien aus fremden Ländern, wenn der Täter unserer Tragödie gleich bei mir um die Ecke wohnte? (Breivik wohnte im wohlhabenden Westteil der Stadt, nicht sehr weit von Seierstads Haus.)

2012 kam die Reporterin zur Gerichtsverhandlung gegen Breivik. Sie sah die Überlebenden, die Angehörigen. Sah ihn. Es war Journalisten verboten, die Angehörigen im Gerichtssaal anzusprechen, aber manche Eltern wandten sich an Seierstad. Ein Vater zeigte ihr ein Manuskript seiner Erinnerungen an den Tag. Darin fand Seierstad den SMS-Kontakt zwischen ihm und seinem Sohn, der sich auf der Insel versteckt hielt und irgendwann nicht mehr antwortete. Sie fragte den Vater, ob sie die Aufzeichnungen für ein Buch verwenden könne. Der Mann willigte ein, und Seierstad begann mit dem, was sie am besten beherrscht: Menschen dazu bringen, ihre Geschichte zu erzählen.

Seierstad wirkt ein wenig abwesend, unterdrückt mitunter ein Gähnen. Wenn aber ein Stichwort fällt, das sie interessiert, rückt sie mit dem Oberkörper nach vorn, fixiert das Gegenüber und stellt präzise Fragen, bis man alles erzählt, selbst Dinge, die man unbedingt für sich behalten wollte. Breivik hatte nach seiner Verurteilung eine Interviewanfrage von ihr abgelehnt. Aus dem Gefängnis schrieb er ihr einen Brief, in dem er sie mit einem gefährlichen Raubtier verglich, vor dem er sich fürchte.

In Norwegen waren schon vor Seierstad viele Bücher über das Attentat erschienen: zehn von Augenzeugen, eines von Breiviks Anwalt, eines über seine Mutter, zudem hatte jeder Journalist, der auf sich hält, eine Chronologie des Anschlags verfasst. Warum also noch eins schreiben? «Das haben mich alle gefragt. Ich wusste keine Antwort. Ich wusste nur, dass es da eine Geschichte gibt, die ich erzählen will.»

Es wurde eine Parallelgeschichte. Auf der einen Seite hat sie mit fast wissenschaftlicher Akribie die unzähligen Puzzlestücke in Breiviks Biografie zusammengetragen, die sich im Lauf der Jahre zu einer explosiven Mischung aus Hass und Geltungsdrang formten. Die stärksten Passagen sind die Beschreibungen der letzten Monate vor dem Attentat, als sich Breivik auf eine Farm in Schweden zurückzieht und mit Stereoi-den vollgepumpt, paranoid und komplett isoliert, in wochenlanger Kleinarbeit die Bombe baut. Wir erfahren, wie man Pikrinsäure synthetisiert, Dünger zerkleinert und Diazodini-tro-phenol herstellt. Seierstad gelingen hier filmische Szenen, irgendwo zwischen «Homeland» und «Breaking Bad», in denen wir Breivik beunruhigend nahe kommen. Man ertappt sich dabei, wie man langsam die Seite wechselt, auf eine perverse Art mitfiebert. Es sind verstörende Lese-erlebnisse, die dem Titel des Buches, «Einer von uns», eine weitere Bedeutung geben: Vielleicht geht es ja nicht nur darum, dass Breivik einer von uns ist, sondern auch darum, dass wir wie er sein könnten?

Das Massaker auf der Insel erzählt sie abwechselnd aus der Perspektive Breiviks, wie in einem Ego-Shooter-Spiel, und aus der Sicht seiner Opfer, wie in einem Horrorfilm. Es ist nicht auszuhalten.

Seierstad beschreibt den Täter schmerzhaft genau, entwickelt aber keine Obsession für ihn. Gegen die seitenlangen, forensisch-exakten Details aus Breiviks Innenleben schneidet sie wieder im Stil einer Netflix-Serie ausgiebige Schilderungen aus dem kurzen Leben von fünf Jugendlichen: Bano, Lara, Simon, Viljar und Anders haben das, was Breivik fehlt. Sie zeigen Mitgefühl, übernehmen Verantwortung, finden Freunde. Ihre Lust aufs Leben strahlt wie ein helles Licht durch das düstere Buch. Die fünf wollen Politiker werden. Sie wollen die Welt verändern. Und Breivik will töten. Die Gegensätze sind krass: Während die Jugendlichen an ihren Reden feilen, tauscht Breivik seine Bleispitzgeschosse gegen Hohlspitzgeschosse, «um dem Ungeziefer maximalen Schaden zuzufügen», wie er in sein Tagebuch schrieb. Während Simon Flüchtlingen bei den Hausaufgaben hilft, ballert sich Breivik mit dem Computerspiel «Call of Duty» warm (ein Detail, das Leser mit game-affinen Kindern in Krisen stürzen wird).

Auf Utøya kreuzen sich dann  ihre Wege, und Seierstad erspart uns nichts: Das siebzigminütige Massaker zeigt sie abwechselnd aus der Perspektive des Täters, wie in einem Ego-Shooter, und aus der seiner Opfer, wie in einem Horrorfilm. Es ist schwer auszuhalten. Eigentlich gar nicht.

Ausführlich berichtet Seierstad auch über die Schreckensmomente, in denen die Eltern von dem Tod ihrer Kinder erfahren. Und auch über die quälende, nicht enden wollende Trauer. Es sind fast unerträglich intime, aber würdevolle Beschreibungen seelischer Abgründe. Die Erlöse aus den Buchverkäufen in Norwegen spendete Seierstad der Opferhilfe.

Knausgård redigierte das Buch

Das Buch ist chronologisch erzählt, mit einer Ausnahme. Auf den ersten Seiten, in einer Art Prolog, sind wir mit den Jugendlichen auf der Insel. Sie flüchten in Panik vor Breivik, legen sich ins Gras, stellen sich tot. «Der Auftakt, das war eine Idee Karl Ove Knausgårds», erzählt Seierstad. Sie hatte den Schriftsteller, der selber mehrere Essays über Breivik verfasst hat, auf einer Veranstaltung kennengelernt und ihm eine frühe Version ihres Buches geschickt. Kurz darauf erhielt sie acht Seiten Notizen und Redigierhinweise («Eine Sonne kann nicht lächeln»). Vor allem aber forderte Knausgård sie auf, mit dem Allerschlimmsten zu beginnen.

Was war das Schlimmste? «Ich glaube, auf der Insel traf die Unschuld auf das Böse. Weil sie nicht fliehen konnten, legten sich die Jugendlichen in verdrehten Körperhaltungen neben die Leichen ihrer Freunde, stellten sich tot. Breivik ging von einem zum anderen, trampelte auf ihnen herum, um zu sehen, ob sie noch leben, und schoss jedem noch einmal in den Kopf.»

Erst siebzig Minuten nach Breivik erreicht die «Delta»-Sondereinheit der Polizei die Insel Utøya. Bild: Jan Bjerkeli / Reuters

Erst siebzig Minuten nach Breivik erreicht die «Delta»-Sondereinheit der Polizei die Insel Utøya. Bild: Jan Bjerkeli / Reuters

Sie schweigt. Trinkt einen Schluck. Die Gesellschaft vom Nebentisch schaut jetzt zu uns herüber. In Norwegen sind die Menschen des ständigen Redens über Breivik müde. Sie wollen nicht mehr trauern, sie wollen vergessen.

«Ich glaube, es geht immer um Liebe», fährt Seierstad fort. «Die fünf Jugendlichen haben eines gemeinsam: Sie wurden geliebt. Anders Breivik liebte nicht und wurde nicht geliebt.» Sie macht wieder eine Pause. Denkt nach. «Wer nicht liebt, tötet.»

Das Problem der Norweger mit Seierstad

In Norwegen entstand wie immer, wenn Seierstad etwas schreibt, eine Kontroverse. Manchen war das Buch zu hart, zu nah, zu viel. Andere fragten: Wie konnte sie das alles so genau aufschreiben? Woher wusste sie, was Breivik dachte? Sie hat ihn ja nicht einmal interviewt!

Seierstad lässt der Vorwurf kalt. Als sie den negativen Bescheid für das Interview bekam, besann sie sich der alten Journalistenregel: Sprich nicht nur mit der Person, sondern auch mit dem Umfeld. Und sie machte es mit der ihr eigenen Besessenheit. Sprach mit jedem Mitschüler, mit jedem Arbeitskollegen, jedem Lehrer, jedem Nachbarn, jedem Polizeibeamten, die je Kontakt zu Breivik hatten. Dazu las Seier-stad alles, was je über ihn oder von ihm geschrieben wurde. Sie traf die Mutter (acht Tage vor deren Tod), belagerte seine Psychologen und Anwälte. Der Epilog des Buches, in dem sie ihre journalistische Methode und ihre Quellenarbeit erklärt, sollte Pflichtstoff in der Journalistenausbildung sein: Nicht sie, Seierstad, macht sich ein Bild von Breivik, sondern wir sehen ihn durch die Augen jener, die ihn kannten.

Auf Seite 396 findet man eine Stelle, in der sich Seierstads gnadenloser journalistischer Instinkt und ihr sicherer Blick für den Abgrund beispielhaft vereinen. Sie schreibt:

«Überall auf der Insel waren Klingeltöne zu hören. Die Anfangstakte einer Melodie, ein Justin-Bieber-Song, die Erkennungsmelodie von ‹Die Sopranos› oder einfach irgendwelche Standardklingeltöne. Viele Handys waren lautlos gestellt, weil ihre Besitzer sich versteckt hatten. All diese Handys lagen nun lautlos blinkend im Dämmerlicht. Unter einer Decke, in einer Hosentasche, in einer steif gewordenen Hand. Die eingehenden Anrufe konnte niemand mehr entgegennehmen. Nur die Polizisten, die auf der Insel die Stellung hielten und über die Toten wachten, hörten die Melodien, sahen die immer wieder aufleuchtenden Displays.

Mama

Mama

Mama

Mama

Bis die Akkus versagten, einer nach dem anderen.»

«Einer von uns» ist vielleicht eines der besten Bücher dieses Jahres. Ganz sicher aber ist es das grausamste. 

«Einer von uns», Kein & Aber, 2016.  Am Montag, 23. Mai 2016, liest Åsne Seierstad im Zürcher Kaufleuten. Beginn 20 Uhr.

Mikael Krogerus ist Redaktor bei «Das Magazin»; Der Fotograf Lars Botten lebt in Oslo