Eine Reportage von Paula Scheidt

Das Magazin N°19 – 14. Mai 2016

Die Morgen sind ruhig auf Bali, weil die Menschen im Westen dann schlafen. Keine Videokonferenzen, keine Anrufe. In der Hängematte liegt der philippinisch-kanadische Maler und streichelt sein Smartphone, im Pool treibt in einem riesigen gelben Schwimmring die holländische Illustratorin, die zurzeit ein Kinderbuch zeichnet, meist nachts, weil sie dann die besseren Einfälle hat. Es ist ein Montag im März, sechs Stunden Zeitverschiebung nach Zürich, zwölf nach New York, fünfzehn nach San Francisco. «Der Traum jedes Prokrastinierers», sagt Benjamin Gleitzman, ein 29-jähriger Softwareentwickler, den Laptop auf dem Schoss, die Füsse im Pool, «wir leben in der Zukunft!» Er hat drei Firmen im Silicon Valley gegründet, musste aber die Erfahrung machen, dass die Dollarmillionen der Investoren gute Ideen ruinieren. Deshalb versucht er nun, das Prinzip des Mäzenatentums in der Tech-Branche zu etablieren: Wertschöpfung ohne Renditedruck. Kürzlich hat er die erste Auktion für Computercodes organisiert.

Im Schatten sitzt die Social-Media-Expertin Terri Witherden, eine blonde Britin, 26 Jahre alt, erst vor zwei Tagen auf der Insel gelandet. Ein bisschen blass noch, aber gut gelaunt. Wie alle hier trägt sie Shorts und Flipflops. Es ist die Uniform der digitalen Nomaden. Sie haben den Büroalltag westlicher Grossstädte abgestreift wie die Lederschuhe, Hemden und Anzughosen, die sie in ihrem früheren Leben trugen.

Temporäres Zuhause für Menschen, deren Büro in ein Notebook passt: Das «Roam» auf Bali hat 24 Zimmer, drei Dachterrassen, eine offene Gemeinschaftsküche. Gegründet hat es der Österreicher Flo Lauber ( links).

Das Hauptquartier der neuen Lebensform ist ein ehemaliges Hotel und heisst Roam. Wie «umherschweifen». Oder auch wie: «immer online». Zwei Österreicher und ein Amerikaner haben die Immobilie in der Kleinstadt Ubud vor drei Monaten angemietet, 24 Zimmer, zwei Stockwerke, viel Stein und Holz, der Entwurf eines Berliner Architekten. Zum Hotel hatte das Gebäude nicht getaugt, zu hohe Kosten für zu wenige Zimmer. Als temporäres Zuhause für Menschen, deren Büro in ein Notebook passt, eignet es sich bestens: ein Innenhof mit Pool und offener Gemeinschaftsküche, drei Dachterrassen, jede so gross wie ein Tennisplatz. Fast alle Zimmer sind belegt. Anfang Mai haben die Roam-Erfinder die erste Dependance in Miami eröffnet, die nächsten sollen in Madrid, Buenos Aires und London folgen, dann an weiteren Orten. Für 1800 Dollar pro Monat bekommt man ein Bett und schnelles WLAN überall auf der Welt. Ziel ist, die Infrastruktur für ein modernes Nomadendasein zu schaffen. Coliving ist die Steigerung des Coworking-Trends – nicht nur ein allen offenes, flexibel nutzbares Büro zu teilen, sondern dort auch zu wohnen.

In der offenen Küche neben dem Pool schnippeln die Britin Terri und ein kanadischer Grafikdesigner Zwiebeln, Auberginen, Feta und Tomaten, sie wollen Omeletts braten. Erst heute Morgen haben die balinesischen Angestellten die Arbeitsflächen und den Herd mit einem hinduistischen Ritual eingeweiht: Sie haben aus Kokosblättern geflochtene Blütenkörbchen mit brennenden Räucherstäbchen aufgestellt und einen Segen gesprochen. Die meisten Bewohner haben schon lang nicht mehr selbst gekocht. Der Anreiz schwindet von Tag zu Tag, wenn man zwischen zahllosen Restaurants wählen kann, wo Granola-Müesli mit Cashewnussmilch, Frühlingsrollen aus Papaya-Mango-Reisblättern, Blaubeer-Smoothies, Sushis oder vegane Burger nur wenige Franken kosten. Der Superfood-Trend dominiert die Speisekarten, keiner missioniert, aber Fleisch ist doch eher out.

«Bald wird es sowieso keine Küchen mehr geben», sagt Georgio Giorgiev, ein 27-jähriger Bulgare, der sein Geld mit E-Commerce und klugen Anzeigendeals mit Google verdient. Einen Motorradhelm unter dem Arm lehnt er an der Treppe, das schulterlange Haar hinter die Ohren geklemmt. Nach drei Jahren auf der Insel spricht er einigermassen Balinesisch. «Oder kennst du etwa jemanden in New York City, der noch selbst kocht? Dort gibt es kaum noch Supermärkte. Wozu auch, wenn Restaurants individualisiertes Essen anbieten?» Während das Kokosöl in der Pfanne heiss wird, springt Terri kurz in den Pool. Eine junge Frau mit dunklen Locken und Einkaufstaschen in beiden Händen kommt die Treppe herunter und begrüsst überschwänglich einen nach dem anderen. Als sozialer Treffpunkt funktioniert die Küche auch hier. Der kanadische Grafikdesigner hebt warnend die Arme: «Willst du mich wirklich umarmen? Ich bin total verschwitzt!»

Digitale Nomaden sind Personen, die ihre Arbeit überwiegend am Computer verrichten und ortsungebunden leben. Es ist eine Philosophie, die ihren Ursprung in der Technologiebranche hat. In den 1960er- und -70er-Jahren hat Herbert Marshall McLuhan, der damals einflussreichste Medien- und Kommunikationstheoretiker, das Bild der neuen Nomaden gezeichnet, in den 1990er-Jahren waren Tsugio Makimoto und David Manners die Ersten, die ein Buch über die digital nomads geschrieben haben. Heute weiss keiner mehr über die digitalen Nomaden als die digitalen Nomaden selbst. Ihr Leben ist ein Selbstversuch, und den werten sie mit wissenschaftlichen Methoden aus. Einige haben Bücher geschrieben, andere veröffentlichen Texte auf medium.com. Eine Koryphäe in der Szene ist der 29-jährige Holländer Pieter Levels. Er betreibt das Nomadenhandbuch nomadlist.com und hat im Sommer 2015 bei einer Konferenz in Berlin einen Vortrag gehalten, mit vielen Diagrammen und Grafiken, den man im Internet nachlesen kann: Anfang der Nullerjahre haben in den USA nur 15 Prozent der Berufstätigen freiberuflich gearbeitet, heute sind es 30 Prozent. Schätzungen zufolge werden es in zwanzig Jahren über 50 Prozent im Westen sein – jeder zweite Mensch in der westlichen Welt wird dann keine feste Stelle mehr haben. Gleichzeitig werden das Internet und die Flugzeuge schneller. Die Prognose von Pieter Levels: Jeder dritte Freiberufler könnte im Jahr 2035 ein digitaler Nomade sein, nicht nur Menschen aus dem Westen, sondern auch aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Insgesamt eine Milliarde Menschen. Die Nomaden von Bali sind diesem Trend voraus. Sie sourcen sich schon heute selbst aus.

Manche Roam-Bewohner sind noch im Modus des sehr langen Auslandsaufenthalts wie die Britin Terri, andere haben schon seit Jahren kein Zuhause mehr, wie der Bulgare Georgio. Als er vor acht Jahren die Schule verliess und den Entschluss fasste, um die Welt zu ziehen, schlief er erst mal einen Winter lang in New York bei Freunden auf einer Luftmatratze. «Heute mag das glamourös klingen», sagt er, «aber ich war borderline obdachlos.» In Costa Rica hat er eine Vermittlungsagentur für Sprachschulen gegründet, in Schweden ein Studium in Unternehmertum absolviert und in London für Techstars gearbeitet, den wichtigsten Beschleuniger für Unternehmensgründungen. In Costa Rica war der Kontakt zu den Einheimischen besser und der Zeitunterschied zu den USA geringer, aber die Infrastruktur auf Bali ist unschlagbar: wahnsinnig günstig, kaum Kriminalität, kurze Wege (auch zum Strand) und das Internet schneller als überall sonst. Roam hat einen eigenen Glasfaseranschluss, zwei Kabel, je 50 Megabit pro Sekunde, von verschiedenen Anbietern – falls eine Verbindung ausfallen sollte. Anders als in Europa und den USA darf man die Kabel hier überirdisch verlegen.

Wenn diese Insel einen Nachteil hat, dann den, dass Georgio, der eine Firma mit mehreren Angestellten leitet, sich ständig rechtfertigen muss. Die Menschen im Westen können sich nämlich nicht vorstellen, dass im Ferienparadies Bali irgendjemand ernsthaft arbeitet. «Meine Eltern denken noch immer: Erfolgreiche Menschen leben in London oder New York», sagt er. Dabei arbeite er auf Bali fokussierter und effizienter als in einem verglasten Büro einer abendländischen Metropole.

Dresscode? Flipflops

Schwer zu sagen, wie viele Westler sich mit Notebook auf Bali aufhalten, einige Tausend dürften es schon sein. Seit drei Jahren schiessen sogenannte Coworking Spaces aus dem Boden wie Reispflanzen in der Regenzeit. Der erste war Hubud – Hub in Ubud. Mehrere Hundert Mitglieder, Skype-Kabinen, klimatisierte Sitzungsräume, Schreibtische unterm Ventilator mit Blick auf Bananenpalmen. Am Eingang stapeln sich die Flipflops, drinnen sind alle barfuss. Manchmal klettert ein Äffchen aus dem angrenzenden Wald über die Mauer. Junge Frauen und Männer auf Sitzsäcken und in Hängematten gestikulieren in ihr Smartphone. Der kalifornische Programmierer aus Roam hat sich Hubud mal angeschaut und war ein bisschen schockiert, dass die Menschen hier noch ernsthafter arbeiten. Alle versunken in ihre Bildschirme, Unterhaltungen nur im Flüsterton. Trotz 33 Grad im Schatten sind manche so blass, als seien sie lange nicht mehr an der Sonne gewesen.

Alle sind erleuchtet: Yoga ist für die digitalen Nomaden fast so wichtig wie schnelles Internet.

Alle sind erleuchtet: Yoga ist für die digitalen Nomaden fast so wichtig wie schnelles Internet.

Thomas Fussel sitzt auf der Dachterrasse des Roam. Der 26-jährige Programmierer aus den USA genehmigt sich zur Feier des Tages ein Bier, ein indonesisches Bintang, sehr dünn, aber etwas anderes kann man bei der Hitze kaum trinken. Bernie Sanders hat letzte Nacht bei den Vorwahlen in Michigan Hillary Clinton geschlagen. «Eine ziemlich aufregende Sache», sagt Thomas, der natürlich Sanders wählen wird. Bis vier Uhr morgens hat er mit dem Laptop im Bett gesessen, weil das Schlafzimmer hier der einzige klimatisierte Raum ist. Auch nach Einbruch der Dunkelheit klebt draussen die heissfeuchte Tropenluft an Armen und Beinen, die Haare kringeln sich, die Fingerkuppen schrumpeln. Jetzt trägt er seine selbst gebastelten Sandalen aus Gummiriemen. Thomas verantwortet die Website des US-Radios NPR, des grössten nicht kommerziellen Rundfunksenders der USA, mit Sitz in Washington D.C. Sein Chef weiss nicht, dass Thomas in Indonesien ist, aber das ist auch egal, Hauptsache, er ist während der Bürozeiten über HipChat und Google Hangouts erreichbar.

Gestern war Thomas mit Georgio, einer amerikanischen Beraterin in Umweltfragen, dem österreichischen Technikchef von Roam und dem Silicon-Valley-Entwickler abendessen. Unter dem Bambusdach des Restaurants unterhielten sie sich über Arbeitsmarktentwicklungen. Georgio, ein Stück Pizza in der Hand, sagte: «Die Leute in den USA warten darauf, dass die Jobs, die die Finanzkrise vernichtet hat, zurückkommen, aber das werden sie nicht.» Wie lange jemand schon auf Bali ist, erkennt man auch an seinem Verhältnis zu den Mücken. Georgio wischte nur kurz mit der Hand das Summen neben seinem Kopf weg. «Der häufigste Job in den USA ist Lastwagenfahrer», sagte Thomas. Man musste keinem am Tisch erklären, wie sehr die Beschäftigungsquote der weltgrössten Wirtschaft leiden wird, wenn Google, Apple und Tesla bald ihre selbst fahrenden Autos auf den Markt bringen.

Die zierliche Beraterin verrieb den Mückenspray auf ihren Oberarmen. Sie hat gerade ihr Haus in New York verkauft. Für die US-Regierung hat sie Umweltanalysen erstellt. Zuletzt aber hatte sie nicht mehr das Gefühl, mit dem staatlichen Top-down-Ansatz etwas zu bewirken. Nun schreibt sie ein Buch über Angststörungen. Kurz vor neun trank Thomas den letzten Schluck Coca-Cola light und stand auf. Neun Uhr abends auf Bali bedeutet neun Uhr morgens an der amerikanischen Ostküste, und um diese Uhrzeit beginnt Thomas Arbeitstag.

Was früher das Homeoffice war, heisst heute remote. Nicht nur Freelancer, sondern auch immer mehr Angestellte– vor allem in der Technologiebranche – sitzen nicht mehr an einem Schreibtisch im Firmengebäude, sondern arbeiten aus der Ferne, und zwar fünf Tage die Woche: beim Medienunternehmen BuzzFeed sind es 50 Prozent; bei Mozilla, der Firma hinter dem Firefox-Browser, schon 60 Prozent; bei der Firma Automattic, der Gruppe hinter WordPress, wählen alle über 400 Mitarbeiter ihre Arbeitsumgebung selbst.

Eine klassische Berufskarriere – Stufe für Stufe die Unternehmensleiter hoch – wirkt hier wie ein antiker Ausgrabungsfund: historisch sicher bedeutsam, aber aktuell nicht von Nutzen. Alle haben mehrere Jobs. Projekte, Einnahmequellen. Schreibtische gibt es nicht, genauso wenig Drucker, Flipcharts oder Sitzungsräume.

Morgen ist balinesisches Neujahr, Tag der Stille, der höchste hinduistische Feiertag. Die ganze Insel wird dann heruntergefahren wie ein überdimensionaler Rechner. Am Flughafen dürfen keine Maschinen starten oder landen, alle Bankomaten: ausser Betrieb. 24 Stunden lang wird es verboten sein, Musik zu hören, Licht zu machen, das Haus zu verlassen, zu arbeiten. Grundsätzlich sind die Balinesen nachsichtig mit westlichen Besuchern und deren Wünschen, schliesslich sind sie die wichtigste Einnahmequelle, aber manche Regeln müssen eingehalten werden. Hotelmanager, die den Tag der Stille nicht respektieren, werden ausgewiesen. Hubud, wo sonst rund um die Uhr gearbeitet wird, wird schliessen, und Steve Munroe, der Chef, rät zu digital detox: 24 Stunden ohne Bildschirm. Roam kann man nicht schliessen, aber die Bewohner werden sich selbst versorgen müssen.

Seit Tagen schmücken die Balinesinnen und Balinesen ihre Insel mit Palmwedeln, feiern Reinigungsrituale am Strand und basteln haushohe Monster aus Pappmaschee. Am Vorabend des Tags der Stille werden alle Einheimischen auf der Strasse sein und böse Geister vertreiben. «Balinesische Frauen trinken nicht einmal an Festen Alkohol, hab ich gehört», sagt Terri, die sich am Kiosk deshalb für ein Wasser entschieden hat. Mit elf anderen Roam-Bewohnern hat sie die Hipsteroase verlassen und wartet nun an einer Strassenecke. Dem kanadischen Grafiker, Bierflasche in der Hand, ist gerade eingefallen, dass er noch eine Konkurrentin in Vancouver verklagen muss, die ihm einen Entwurf geklaut hat. Er tippt eine Erinnerung in sein Smartphone – für morgen. Und dann kommen die Monster: mit spitzen Krallen und nackten Brüsten, die Augen leuchten elektrisch rot, die Haare stehen zottelig vom Kopf ab. Auf Bambusgerüsten tragen junge Männer die Pappmaschee-Ungeheuer, denen sie nur bis zum Oberschenkel reichen, durch die Strassen. Frauen schwenken Fackeln, Männer koordinieren mit Funkgeräten die diversen Prozessionen, andere heben mit langen Bambusgabeln die über die Strasse gespannten Kabel hoch, damit die Monster sich nicht darin verfangen. Die Roam-Leute drängen sich zwischen den Einheimischen an den Strassenrand und fotografieren das Spektakel. Indonesien zum Anfassen – ein tropisches Entwicklungsland mit einer Bevölkerung, die Büffel opfert und an Dämonen glaubt.

Die Yogastunde am nächsten Morgen wird nach hinten verschoben, auf elf, weil das Frühstück sich in die Länge gezogen hat. Georgio war letzte Nacht auf der Rückfahrt vom Küstenort Canggu stecken geblieben – verstopfte Strassen, er hatte den inselweiten Ausnahmezustand unterschätzt. Schon hatte er befürchtet, unterwegs übernachten zu müssen.

Normalerweise dauert die Fahrt mit dem Motorroller eine halbe Stunde. Georgio verbringt viel Zeit in Canggu. Dort hat kürzlich der Coworking Space Dojo eröffnet, mit dem australischen Besitzer ist er befreundet. Dojo ist der tropische Traum jedes Büromenschen. Neben dem Eingang parken die Motorroller, darüber ist eine hölzerne Halterung für Surfbretter in die Wand geschraubt. Bis zum Strand sind es 500 Meter, man riecht das Salzwasser. Die Welle bricht an der immer gleichen Stelle. Genau richtig für Georgio und den 23-jährigen Webdesigner aus Basel, der mobile Applikationen für Valora und Mediamarkt designt. Alles, was er besitzt, passt in einen 45-Liter-Rucksack und eine Surfbretttasche. Nach dem Surfen duscht er kurz, bevor er sich wieder vor den Bildschirm setzt. 150 Dollar im Monat kostet das unbegrenzte Monatsabo für die Nutzung der Räume und des Internets. Die Baristas an der Kaffeebar sind, was Mahlgrad, Wassertemperatur und Pumpendruck betrifft, so geübt wie ihre Kollegen in den Trend-cafés von Zürich und Barcelona.

Die meisten haben nur ein Touristenvisum

Es ist die Ironie der Geschichte: Jahrhundertelang haben Europäer und Amerikaner das Nomadentum als rückständige Lebensform verachtet, haben Häuser gebaut, Städte geplant und Nationalstaaten gegründet – und jetzt lassen sie die moderne Zivilisation wieder hinter sich und feiern das nomadische Leben als neuen, visionären Lebensstil. Es gibt Entwicklungs- und Schwellenländer, die westliche Freelancer und Start-ups gezielt anlocken, weil sie sich wirtschaftliche Impulse von ihnen erhoffen. Südkorea vergibt Förderstipendien; Chile lockt mit bis zu 40 000 US-Dollar Startkapital und einem einjährigen Arbeitsvisum. Bali hat all das nicht nötig. Die Leute kommen von selbst. Die meisten mit einem Touristenvisum, mit dem sie sechzig Tage im Land bleiben können, dann müssen sie ausreisen. Sogenannte visa runs, zweitägige Trips nach Singapur, Bangkok oder Hongkong gehören hier zum Alltag. Bei der Gelegenheit kann man auch gleich einen Vorrat an Kontaktlinsen und Tampons kaufen – Produkte, die es auf der Insel nicht gibt.

Yogalehrer, die man ohne Arbeitsvisum auf Bali erwischt, werden direkt zum Flughafen gefahren und in die nächste Maschine Richtung Heimat gesetzt. Manche Yogaschulen machen deshalb schnell dicht, wenn sich das Gerücht einer anstehenden Kontrolle herumspricht. Auch im Coworking Space Hubud kamen die Mitarbeiter der Immigrationsbehörde schon zu Besuch und fragten, was die Leute hinter den Bildschirmen mit den Kopfhörern eigentlich den ganzen Tag treiben. «E-Mails schreiben und Videos auf Youtube schauen», sagte der Hubud-Chef, woraufhin sie zufrieden waren und wieder gingen. Seither werden die Westler mit den Notebooks wie Touristen behandelt. Georgio ist einer der wenigen, die sich ein einjähriges Businessvisum gekauft haben, aber auch er muss alle drei Monate das Land verlassen, deshalb wird er am kommenden Wochenende zum Surfen nach Australien fliegen.

Digitale Nomaden sind ein Phänomen, das die meisten Regierungen überfordert. Wo sollen diese Personen sich registrieren? In welchem Land Steuern zahlen? Manche füllen die Steuererklärung ihres Herkunftslandes aus, andere die Singapurs, manche keine. Georgio zahlt seine Steuern noch immer in England, auch weil er so seine Krankenversicherung behält. Estland bietet seit 2014 eine digitale Staatsbürgerschaft an, die «E-residency». Sie erlaubt es Staatenlosen, einen Steuerwohnsitz anzumelden, ein Konto zu eröffnen, eine Firma zu gründen. Die Idee stammt vom estländischen Politiker Taavi Kotka, der den Internettelefonanbieter Skype mitgegründet hat.

Steve Munroe, Chef vom Coworking Space Hubud, treibt die Frage um, wie die Einheimischen von der Invasion der digitalen Nomaden profitieren könnten. Wie man einen Austausch anregt, von dem beide Seiten etwas haben. «Wir Westler könnten natürlich regelmässig den Strand von Abfall säubern», sagt er, «aber das wäre, wie ein Waisenkind streicheln – ohne Effekt.» Seine Idee ist, dass die Westler gratis Webseiten für die lokale Bevölkerung programmieren. So würde das Know-how der digitalen Nomaden am wirkungsvollsten eingesetzt, und die Geschäfte der Einheimischen könnten professionalisiert werden. Er ist nur noch nicht sicher, wie er die Zusammenarbeit am besten koordiniert; er hat viele Jahre für die Uno gearbeitet und weiss, wie schwierig Entwicklungshilfe ist. Auch im Roam und im Dojo macht man sich über diese Frage Gedanken. «Digitale Nomaden sind privilegiert, und das verpflichtet uns dazu, etwas zurückzugeben», sagt der Chef von Dojo. Wenn Start-ups sich bei ihm einmieten wollen, bevorzugt er jene mit einem sozialen oder ökologischen Ziel.

Auf der Dachterrasse des Roam turnen in der ersten Reihe Georgio, David Kamp, ein Deutscher, der gerade eine neue Schokoladenmarke aufbaut (nach Bier und Kaffee der nächste grosse Craft-Trend), und der kanadische Grafiker, der sein Geld grösstenteils an der Wall Street hat. Es ist schon wieder unglaublich heiss, die Männer tragen Badehosen, der Schweiss tropft auf die Yogamatten. Konzentrierte Gesichter, verrenkte Körper, fast alle besuchen täglich Klassen, hier oder in einem der unzähligen Studios. «Und jetzt sind wir Schmetterlinge und fliegen 500 Meter weit», sagt der philippinisch-kanadische Maler. Die Beine im Schneidersitz angewinkelt, wippen neun Paar Knie. «Und nun: glückliche Babys.» Auf dem Rücken liegend fassen alle mit den Händen die nackten Füsse und rollen ein wenig hin und her. «Ihr seht süss aus!», kichert eine Frau in der letzten Reihe.

Neue Version von Office: Digitale Nomaden sind Menschen, die freiberuflich und ortsungebunden mit dem Laptop ihr Geld verdienen. Es gibt Schätzungen, dass in zwanzig Jahren eine Milliarde Menschen so arbeiten werden.

Neue Version von Office: Digitale Nomaden sind Menschen, die freiberuflich und ortsungebunden mit dem Laptop ihr Geld verdienen. Es gibt Schätzungen, dass in zwanzig Jahren eine Milliarde Menschen so arbeiten werden.

Heute, am Tag der Stille, verlässt niemand das Gelände. Manche planschen im Schwimmbecken, andere arbeiten auf der Dachterrasse. David liegt in der Sonne auf einer Liege und denkt über einen geeigneten Markennamen für seine Schokolade nach. Man könnte mit dem Hell-dunkel-Motiv spielen, Moon vielleicht. Oder doch lieber ein deutsches Wort? Georgio sitzt an der Bar, Stöpsel im Ohr, und spricht in sein Notebook, ein Skype-Meeting. «Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Victor Hugo», steht mit Kreide an einer Tafel über der Kaffeemaschine. Die britische Social-Media-Expertin Terri trinkt durch einen pinken Strohhalm aus einer Kokosnuss und schreibt E-Mails. Kürzlich sind in ihrem Londoner Freundeskreis zwei Babys auf die Welt gekommen, sie versteht sich sehr gut mit ihren eigenen Eltern. Aber die Wahrheit ist: Sie vermisst niemanden.

Arbeit, die sich wie Ferien anfühlt

Thomas, der Radioprogrammierer, hüpft fünf Minuten Seil, vorwärts, doppelter Seilschlag, rückwärts, dann taucht er ins lauwarme Wasser. «Ich bin in Ferien», sagt er, «oder jedenfalls fühle ich mich so.» In der vergangenen Nacht hat er seine regulären acht Stunden gearbeitet, in den USA gibt es keinen Tag der Stille, die Nachrichtenlage ist wegen der Vorwahlen weiterhin angespannt. Mit der Zeit zerrt die zwölfstündige Zeitverschiebung doch etwas an den Nerven, nächste Woche wird er nach Australien weiterreisen. Langfristig könnte die Zeitzone Süd- oder Mittelamerika mehr Sinn machen, aber langfristige Pläne hat er noch nicht.

Als gegen sieben der Himmel am Horizont hinter den Palmen sich orangerosa verfärbt und die holländische Illustratorin in der Wolkenform ein schlafendes Herz erkennt und noch immer niemand auf der Strasse ist und alle Häuser in der Dunkelheit versinken, damit die Dämonen an der Insel vorbeiziehen, sagt Georgio, der Bulgare: «So müssen sich in früheren Zeiten Sonntage angefühlt haben.» Und die Illustratorin pflichtet ihm bei: «Wie schön diese Ruhe ist! Wir arbeiten immer. Vielleicht sollten wir ein paar Regeln einführen.» Sie winken der Pariser Coworking-Chefin und dem philippinisch-kanadischen Maler zu, die auf der Dachterrasse gegenüber Gin Tonic trinken.

So gehen die Tage und Nächte dahin, und es ist eigentlich egal, welcher Wochentag gerade ist, ja sogar, welche Uhrzeit. Nur Samstag und Sonntag helfen noch ein bisschen bei der Orientierung. Wer keine Skype-Termine und keine nahen Deadlines hat, macht Freizeitpläne. Die angesagteste Party der Insel findet samstagabends in Ubud statt. Um sieben Uhr, als der kanadische Grafikdesigner und der Programmierer aus dem Silicon Valley an der auf Facebook angegebenen Adresse aus dem Taxi steigen, tanzen bereits 200 blonde, braun gebrannte Menschen barfuss vor und in der Privatvilla – eine Mischung aus römischem Palazzo und indonesischer Pagode. Am Eingang müssen die Gäste ihre Flipflops ausziehen. Sie werden mit einem brennenden Räucherstäbchen gescannt wie am Flughafen. Negative Schwingungen sollen draussen bleiben. Der weisse Marmorboden der Villa ist mit Rosenblüten bedeckt, entlang der Wände stehen goldene Statuen. Die DJs sind aus Berlin angereist. Es gibt weder Alkohol noch Drogen; nur Wasser, Kokosnüsse und Obstsalat.

Der Programmierer aus dem Silicon Valley hat seit gestern Besuch von einer sommersprossigen ehemaligen Balletttänzerin, die ihn auf die Party begleitet hat. «Wenn wir zusammen sind, sind wir ein Paar, wenn nicht, dann nicht», sagt sie, als er nicht in der Nähe ist. «Klingt das seltsam?» Sie arbeitet in Colorado als Krankenschwester, ein Beruf, der sie an einen physischen Ort bindet, sie wird nie zur Nomadin werden. Um nach Bali zu kommen, musste sie Ferien nehmen.

Die meisten hier sind Single. Eine feste Beziehung ohne festes Zuhause – das passt nicht gut zusammen. Verliebt man sich in eine sesshafte Person – und die sind noch in der Mehrheit –, kommt irgendwann der Moment des Abschieds. Das Ideal wäre: sich in jemanden mit dem gleichen Lebensstil zu verlieben und gemeinsam um die Welt zu ziehen. Demnächst soll eine Dating-Plattform für digitale Nomaden online gehen.

Es geht um mehr als die Suche nach dem persönlichen Glück. Was hier gelebt wird, ist die Utopie einer neuen Gesellschaft. Vielleicht ist es wie mit den Hippies der 1968er-Jahre: Erst werden sie als Spinner abgetan, manche Ideen werden sich als Irrtum entpuppen, andere als zu extrem. Aber ihre Vision wird die Gesellschaft für immer verändern. Wie die Hippies die Erziehung und die Sexualmoral revolutionierten, werden die digitalen Nomaden die Arbeitswelt umwälzen.

Männer in Leinenpluderhosen, mit nackten tätowierten Oberkörpern, langen Haaren und Bärten wiegen sich mit geschlossenen Augen zur monotonen House-Musik. Frauen in Leggings und engen Tops dehnen ihre Körper so anmutig, als harmonisierten sie ihre sieben Energiezentren. Manche haben nur ein Leintuch um ihren Körper gewickelt, andere Henna-Tattoos auf die Stirn gemalt oder Indianerfedern ins Haar gesteckt. Einheimische sieht man nicht. Zwei Bikinifrauen stehen bis zum Bauch im Pool und zucken entrückt mit den Oberkörpern. Niemand hat ein Smartphone in der Hand. Abends in das bläuliche Licht eines Bildschirms zu starren, das weiss hier jeder, stört die körpereigene Herstellung des Schlafhormons Melatonin. Im Wasser treiben zwei Frauen und zwei Männer, Arme und Beine zu einem Knoten verschlungen, stumm und reglos, als wollten sie zu einer Seerose verschmelzen.

Um halb zehn wird die Musik leiser, ein Mann um die fünfzig in einer langen schwarzen Kutte, die brustlangen Haare leicht angegraut, bittet zur Meditation. Als alle im Schneidersitz auf dem Boden sitzen, spricht er mit leiser, warmer Stimme ins Mikrofon: «Wir danken für die Samen der Menschlichkeit, die wir gemeinsam säen, mit der Art, wie wir tanzen, wie wir leben und wie wir sind.» Er bläst in ein Didgeridoo, die Feiernden liegen jetzt mit geschlossenen Augen rücklings auf dem Marmorboden. Dann ist die Party vorbei. Um zehn gehen alle nach Hause, nüchtern und ausgepowert. Morgen früh werden sie mit den ersten Sonnenstrahlen wieder aufstehen. Um Yoga zu machen. Oder um zu arbeiten. 

Paula Scheidt ist Reporterin bei «Das Magazin»;  Der Fotograf Christopher Wise lebt in Bangkok