Von Oliver Demont

Das Magazin N°21 – 29. Mai 2010

Alle sahen ihn in dieser Nacht. Den jugendfreien Zusammenschnitt eines Pornos auf TeleBärn, den Hauptdarsteller: sehnige Männerwaden, muskulöser Rücken, ein liebes Gesicht. Das ist doch der Älteste von den Soundsos, der Will, dachten sich einige im Dorf, vorne im Solothurner Jura. Wenige sagten es. Das heisst, eigentlich sagten es alle, nur nicht offen. Das Mümliswiler Tuschelthema landete überall, nur nicht bei Wills Mutter. Sie hatte auch die Frauenzeitschrift«Annabelle» nicht gelesen, in der sich ihr Ältester auf einem ausklappbaren Bogen in der Mitte des Hefts räkelte (als der «Porno-Newcomer aus Solothurn»).

Wills Mutter hat ein zartes Gesicht, sanfte blaue Augen und eine Mireille-Mathieu-Frisur, nur in Blond. Am langen Küchentisch reicht sie Kaffee und schöpft die Milchhaut ab. Dann geht sie zum Radio und dreht es lauter. Ihr Mann, der wisse von nichts. Also, vermutlich doch, aber sie reden nicht darüber. Sie selbst habe mit Will auch noch nie so direkt über die Filme gesprochen. Er sage ihr immer nur, dass er «wieder Arbeit habe». Sie wisse dann, dass er sich beim Sex filmen lasse. Der Will sei schon immer ein Spezieller gewesen. Ein Charmeur, der sie auch mal umarmt. Das habe sie gern. Sie erinnert sich, wie er am Ende seiner Schulzeit nach einem Termin bei der Berufsberaterin den Hoger hinauflief und ihr begeistert einen Prospekt unter die Nase hielt. Darauf war ein Mann mit nacktem Oberkörper zu sehen, im Firn stehend, die Axt in der Hand. Will wurde Zimmermann.

Im Februar vor ein paar Jahren erfuhr sie es, an der Fasnacht. Wills Mutter sass auf der Festbank in der Turnhalle Brühl, schunkelte und lachte mit. Wenn die Mümliswiler einmal im Jahr bei Schnitzelbänken lustig seien, müsse man das geniessen, sagt sie.

«Frühener, do hei mer der Schmid Hans gha as euse Schiispringstar, hüt heimer e Pornostar!»

Sie lachte noch immer. Dann fragte sie ihre Sitznachbarin, wer denn dieser Pornodarsteller sei. «Dein Sohn», erhielt sie zur Antwort.

Die Reise nach Mümliswil startet mit dem Pendelzug von Oensingen nach Balsthal. Von dort dauert die Fahrt sieben Minuten im Postauto bis nach Mümliswil. Mümliswil: Hauptstrasse, Papeterie, Gasthof, Bar, Garage, Schreinerei, Elektrofachgeschäft, Bäckerei und Metzgerei. Die Gemeinde Mümliswil-Ramiswil, dieses Destillat des Mittellandes: 2544 Einwohner, 239 Ausländer, SVP, FDP, SP und CVP, 1730 Katholiken und eine intakte Vereinsmeierei.

Das Mümliswiler Jahrzehnt endete euphorisch. Im vergangenen November wurde Janick Kamber, U-17-Fussballer, mit seinem Team Weltmeister in Nigeria, das Dorf war in heller Aufregung: «Wir feiern unseren Weltmeister! Einzug durchs Dorf bis zur Aula Brühl, Besammlung beim Gasthof Kreuz!», liess ein Flugblatt die Mümliswiler wissen. Leiser fiel damals die Feier für Sven Müller, Mister Gay 2005, aus. Ganz verschwiegen werden die internationalen Aktivitäten von Will Steiger, Pornodarsteller.

Will Steiger ist der Künstlername des 27-Jährigen, sein Produzent Peter Preissle hat ihn so getauft. Preissle lobt seine «Ausnahmeerscheinung» überschwänglich. Will habe einen Bauarbeiter-Körper («anders als diese Anabolikamonster»), sei zuverlässig («er bringt immer alle Gesundheitstests mit»), lebe gesund («hab ihn noch nie besoffen gesehen»), sei herzlich im Umgang («nicht so wie diese Ostblock-Roboter») und garantiert frei von Drogen («der nimmt keine Mitteli, auch beim Sex nicht»). Und auch die Grösse stimme. So einen wie Will habe er nur alle zehn Jahre. Nach den grossen Komplimenten wird der Porno-Produzent rührselig: «Will ist ein Kuschelbärli. Er kann nicht hinstehen, die Hosen runterlassen und loslegen. Vorher muss er schon rumschmusen können und sich wohlfühlen. Da muss ich Rücksicht nehmen auf ihn.»

«In mir, da fühlte ich immer dieses Brennen, diese überdurchschnittliche Lust auf Sex.»

In seinem Fach kann sein Zögling eine respektable Karriere vorweisen: Seit sieben Jahren schon hält sich Will in der Pornoindustrie, in 120 Filmen ist er zu sehen, er fliegt von Sankt Petersburg bis Los Angeles und wird als einziger Pornodarsteller der Schweiz weltweit von den grossen Studios gebucht. Doch hat er Zeit, trinkt er seine Ovi an Grosis Küchentisch in Mümliswil. Will bewohnt das Studio im Erdgeschoss ihres Bauernhauses. Es seien auch schon Bemerkungen in der Art von «ich weiss mehr, als du denkst» gefallen. Trotzdem, so richtig mag er nicht mit ihr darüber sprechen, er will nichts kaputt machen, denn: «Wir haben es einfach huere guet miteinander.»

Bloss nie monogam

Die Mutter erinnert sich, dass Will in seiner Sexualität offener war als seine zwei Geschwister. Im Jugendalter brachte er bald einmal Mädchen mit nach Hause. Und was ihr auffällt: Selbst heute laufe er noch nackt bei ihnen durchs Haus, wenn er aus der Dusche komme. Am Tisch wurde über Sex kaum gesprochen, verklemmt sei die Stimmung aber nicht gewesen, sagt die Mutter. Will sieht das anders. Er hat seine Familie eher als prüde erlebt. Er kann sich nicht erinnern, dass er den Vater nackt sah, die Mutter ab und zu. Ausgiebig waren die Zärtlichkeiten nie. «In mir, da fühlte ich immer dieses Brennen, diese überdurchschnittliche Lust auf Sex.» Er erinnert sich an seine zahlreichen Beziehungen bis zwanzig, die selten länger als vier Monate dauerten. Der Beziehungsimperativ «Appetit holen darfst du dir, aber gegessen wird zu Hause» habe ihn immer befremdet: «Ich will doch essen können, wenn ich Appetit habe.» Will gestand seinen Freundinnen, dass er nicht monogam leben könne. Sofort war Schluss. Heute sagt Will, dass er die meisten Frauen nicht verstehe. «Oft kriege ich Komplimente von Frauen. Sie sagen, dass ich ein geiler Typ bin, ein schönes Gesicht und einen tollen Arsch habe. Das freut mich natürlich.» Wenn der Abend aber fortgeschritten sei und er höflich frage, ob sie nicht Lust auf unverbindlichen Sex hätten, dann bekomme er meistens einen Korb. Jedenfalls war das immer irgendwie schwierig mit den Freundinnen. Bis jetzt.

Mit seiner jetzigen Freundin, Jahrgang 1970, gelernte Glasmalerin, sitzt er in einer orientalischen Lounge nahe dem Bahnhof von Dübendorf, beide trinken Caipirinha. Seine Freundin wohnt um die Ecke, Will arbeitet bis zur Wochenmitte in dieser Gegend, bei einem Freund im Betrieb, reinigt und repariert Rollläden. Die beiden umarmen und küssen sich, andauernd. Drei Jahre sind sie zusammen. Dabei haben sie das Spielfeld ihrer Beziehung emotional anspruchsvoll abgesteckt: Beide leben eine offene Beziehung, Will dreht zusätzlich Pornos. Manchmal besuchen sie auch Swingerclubs oder organisieren gleich selbst eine Swinger-Party («Mafia» das Motto, Dresscode: gefährlich, verführerisch, sexy, stylishe Kopfbedeckung).

Nie Probleme mit Eifersucht? Beide verneinen, Wills Freundin präzisiert. «Wir sind beide so, dass wir mit unserem Selbstwertgefühl nicht in einen Konflikt geraten, nur weil wir auch mit anderen Leuten Sex haben.»

Wie es zu den Pornos kam? Ein Unfall im Alter von 19 Jahren soll es gewesen sein, der seinem Leben eine Wende gab. Er auf dem Bike, zwischen Ramiswil und Mümliswil, mit reichlich Tempo, am Ende landete er im Spital. Verlor dabei den Geruchssinn, für immer. Seither vermisst er diesen Geruch an heissen Sommertagen, wenn plötzlich starker Regen einsetzt, und achtet genau darauf, wie lange er ein Kleidungsstück trägt. Zur Not fragt er auch mal, ob er nach Schweiss stinke. Will lag wochenlang im Spital. Was Will nicht sagt, sagt seine Tante: «Er schrammte am Tod vorbei.» Noch im Krankenbett formuliert er sein Credo, es könnte aus einer Schnulze stammen und steht auch auf seiner Website: «Mein Leben ist nicht die Hauptprobe, sondern die Aufführung. Darum will ich so oft wie möglich das tun, was mir Spass macht. Und was liegt näher, als mit meiner Lieblingsbeschäftigung Geld zu verdienen?»

Routiniert beim ersten mal

Aus dem Regionsspital Niederbipp entlassen, googelt Will «Porno» und «Casting». Bereits kurze Zeit später reist er nach Berlin-Kreuzberg. Nach dem Dreh kommt Will mit den Produzenten ins Gespräch und wird zu einem Amateur-Film im Ruhrgebiet eingeladen. Auf einem Industriegelände in Essen gehts zur Sache, sieben Frauen stehen neun Männern gegenüber. Abgesehen von den Kameramännern, die jetzt um ihn rumstehen, kennt er diesen puren Sex schon, von Bordellbesuchen und Swinger-Partys, dementsprechend routiniert zeigt er sich vor der Kamera. Mit dabei sind die Produzenten von WatchMe-TV, dem Erotikformat von TeleBärn. Mit Will, dem einzigen Schweizer auf dem Set, wird ein Interview geführt. Der Beitrag läuft siebenmal pro Nacht im lokalen Sendegebiet, eine Woche lang. Einmal schaut Will am späten Abend bei seinen Eltern vorbei, sein Vater sitzt in der Stube vor dem Fernseher. Er sieht, wie sein Vater ihn sieht. Beide schweigen, wie immer.

Beim nächsten Treffen sitzt Will im Restaurant Volkshaus in Zürich und trinkt ein Rivella rot. Will zieht die Blicke auf sich: der Körper eines Athleten, volle Lippen, schwarzes Haar, dunkle Augen, gut proportioniert. Eigensinnig und doch sanft. Lacht er, hat er sie alle in der Tasche.

In der Stadt sei er selten, sagt Will, sein Drang zur körperlichen Herausforderung treibe ihn in die Natur. Sein Körper fordert auch jetzt sein Recht Nach einer halben Stunde bittet Will um einen Platzwechsel, er könne nicht mehr auf dem Stuhl sitzen. Er platziert sich auf der Bank mit dem Rücken zur Fensterfront und fährt — sichtlich entspannt — fort. Fallschirmspringen, Basejumping, Canyoning, River-Rafting, Bungee-Jumping — in allen Sportarten ist er inzwischen ausgebildet. Eben hat er mit einem Freund eine Firma für Outdoor-Aktivitäten gegründet. Er wisse: Die Zeit läuft, das Geschäft mit seiner Potenz sei zeitlich begrenzt.

Die «Solothurner Zeitung» schreibt am 12. September 2001: «In Balsthal haben die Rekrutenaushebungen stattgefunden. Der Mümliswiler Will Steiger setzte mit 397 Punkten in der Sportfachprüfung die Höchstpunktmarke.» Will erfuhr von Kollegen, was für «huere Spinnsieche» sich in Isone zu Grenadieren ausbilden liessen, und dachte: «Kick und Drill. Das Richtige für mich.» Doch bereits bei der Ankunft verlor Isone seinen Glanz: Da stand doch tatsächlich ein Transporter für das Gepäck bereit. Und beim ersten Marsch begannen die Rekruten zu jammern. Wieder eine Herausforderung weniger, dachte sich Will.

Seine Sportlichkeit sei schon besonders, sagt die Mutter. Ein polysportives Wunderkind sei er gewesen, bestätigen auch Tante, Mitschüler, Cousins und Freunde. Fast ehrfürchtig berichten sie von seinen Fähigkeiten. Sitzt Will dabei im Raum, schaut er verlegen zu Boden. Die Tante erinnert sich, dass immer wieder jemand ihn gezielt fördern wollte. Doch zeigte Will letztlich wenig Interesse, es ganz an die Spitze zu schaffen. Dann die Schule, das Lernen überhaupt. Lesen mochte er nie sonderlich, der Schulstoff interessierte ihn nur mittelmässig. Sein letztes Buch? «Der Alchimist.» An den Autor kann er sich nicht mehr erinnern. Dafür an den Ort, wo er das Buch las: in der Luft. Bevor er sich die Brille aufsetzte und mit dem Fallschirm auf dem Rücken aus dem Flieger sprang.

Will schaut konzentriert. Etwas müsse unbedingt geschrieben werden. «Entweder du lebst dein Leben, wie du willst, oder du lebst es, wie es die anderen wollen.» Ein Satz, wie er auch auf einem Zuckerbeutel stehen könnte. Will setzt mehrmals an, um ihn zu erläutern. «Wir leben falsch. Denken uns nur, was die anderen über uns denken.» Natürlich sei es ihm nicht völlig egal, was das Grosi meint. Darum habe er auch seine Tante und sein Mami gefragt, bevor er sich mit diesem Artikel einverstanden erklärte. Was aber andere in der Gemeinde über ihn denken, kümmere ihn nicht. Mümliswil habe ihn bisher nur gebremst, diese Enge, diese Langeweile, diese Norm.

In der Traube Mümliswil wummert Jon Bon Jovis «Its My Life» aus den Lautsprechern. An der Bar sitzen eine Frau und fünf Männer um die Fünfzig beim Feierabendbier. Auf ihren Pornostar angesprochen, äussern sie sich mit Verzögerung. Klar kenne man ihn, er sei ja schliesslich «ein attraktiver Giel». Für seine Mutter sei das aber mit Sicherheit nicht einfach. Alle kennen Wills Mutter. «Sie ging mit mir in die Schule!», ruft einer. Mit ihr darüber gesprochen habe aber niemand, das sei heikel. Es gäbe halt schon viele «schwarze Cheibe» im katholischen Mümliswil. Gut vorstellbar, dass sich die Leute daran stören würden. Sie aber hätten kein Problem damit, beteuern sie.

Am Set ist Will Steiger keiner, der sofort loslegt, sondern ein Kuschelbärli.

Am Set ist Will Steiger keiner, der sofort loslegt, sondern ein Kuschelbärli.

Ein sauberer Mann

Im Gasthof Ochsen am langen Stammtisch sind die Meinungen geteilt. Ein älterer Herr sagt, dass er von so einem Siech nicht viel halte und er ihn ausbürgern würde; ein «Porno-Idiot» sei das. Ein anderer fragt rhetorisch: «Sie verstehen schon, dass wenn Will ins Dorf kommt, wir nicht die Kirchenglocken läuten lassen und auch die Dorfmusik Konkordia nicht aufspielt?» Die Mümliswiler seien aber nicht konservativ, korrigiert er ungefragt. Ein Mann schweigt inmitten der bierseligen Runde, um dann plötzlich zu sagen: «Der Will, das ist ein sauberer Mann.» Der Satz geht unter in lauter schlüpfrigen Sprüchen. «Der Will, das ist ein sauberer Mann, als Person ist er absolut in Ordnung», wiederholt er mit Nachdruck. Sein Sohn verbrachte oft seine Freizeit mit Will, daher kenne er ihn.

Ein Beweis für das, was der Mann wohl meinte, ohne es zu wissen: Als der Produzent einem von Wills Darstellerkollegen keinen Lohn auszahlen wollte, weil der bei einer Sexszene Erektionsprobleme hatte wegen seiner ungewaschenen Partnerin, setzte sich Will wie ein Gewerkschafter für ihn ein. Knapp einer Prügelei entkommen, wurden sie beide irgendwo im Umland von Bratislava ausgesetzt. So einer ist Will.

«Das Vögelchen kann nicht im Käfig leben», schreibt Wills Tante in einem Brief. Sie will sich nur schriftlich zu ihrem Neffen äussern. Sie fand keine Erklärung dafür, «was zum Teufel ihn dazu bewog, Pornos zu drehen», und stellte Will. Dieser erklärte ihr alles ganz nüchtern. Er würde das sportlich sehen, es gäbe keine Tabus. Er lebe, wie er wolle, und füge keiner Frau Schaden zu. Sex sei eine Sache, Liebe eine andere, antwortete er ihr. Will sei von Natur aus empathisch, könne mit seiner offenen Art auf alle Menschen zugehen, bei jedem anknüpfen ohne grosse Worte. Freundschaften pflege er, «man hat ihn einfach gern.»

Auf einem Spaziergang durch Mümliswil bittet Wills Mutter, leiser zu sprechen, wenn die Leute in Hörweite den Weg kreuzen. Bis heute hat sie noch niemand darauf angesprochen, was ihr Sohn macht. Sie wisse, dass hinter ihrem Rücken getuschelt werde. Man grüsse sich, wechsle ein paar Worte, lächle, manchmal herzlich, oft verkrampft. Eine Zeit lang läutete das Telefon, ohne dass sich jemand meldete. Auch ein anonymer Brief traf ein. Darin stand: «Jetzt hast du den Kopf nicht mehr so hoch.» Als müsste sie sich Mut machen, sagt sie wiederholt, wie ein Mantra, dass es ihr egal sei, was die Leute im Dorf denken. Später sagt sie: In Mümliswil kenne einfach jeder jeden, hier sei sie aufgewachsen, hier zog sie ihre drei Kinder gross, sie engagierte sich im Turnverein und in der Kulturkommission. Und dann, Mantra hin oder her: «Auch wenn ich will, dass es mir egal ist, was die anderen denken, es gelingt mir nicht.»

Auf dem Rückweg, kurz vor ihrem Haus, bleibt Wills Mutter stehen, die Hände in den warmen Manteltaschen vergraben. Sie müsse jetzt etwas fragen. Der Will, habe er auch Sex mit Männern? Sie habe keine Probleme mit Schwulen, trotzdem würde sie das interessieren. Das Nein nimmt sie ausdruckslos zur Kenntnis.

Die ultimative Frage: Wie das für sie sei? Abgesehen von den Reaktionen im Dorf? Der Sohn und die Frauen, vor laufender Kamera? Sie ringt um Worte. Nimmt die Hände aus den Taschen und zeigt Richtung Schritt. «Ist doch komisch, dass Gott uns erschaffen hat mit den Geschlechtsteilen und wir diese so als ein Tabu anschauen.» Pornografie habe es schon immer gegeben, die halbe Schweiz sitze vor den Bildschirmen und glotze diese Filme. Auch in Mümliswil. «Jetzt geht mein Sohn und verdient damit Geld. Ich glaube nicht, dass die Leute das Recht haben, das zu verurteilen.» Wieder sucht sie nach Worten. Verschiedene diffuse Gefühle scheinen in ihr ein heftiges Gefecht zu führen. Angst habe sie um Will, dass er sich Krankheiten hole. Dieser beteuerte ihr, dass alle Darsteller regelmässig ärztliche Atteste vorweisen müssten. Und dann sei da halt auch die Kirche, ihr katholischer Glaube. «Ich bin weder fromm noch besuche ich regelmässig Gottesdienste.» Trotzdem würde sich Porno mit ihrem Glauben schlecht vereinbaren lassen, irgendwie. Im Verdrängen sei sie gut. Sie wisse noch nicht, wie sie die Tätigkeit ihres Sohnes akzeptieren solle. Dass sie es tun werde, stehe ausser Frage. Schweigen, plötzlich sagt sie entschieden: «Dieses harte Reinstossen mag ich nicht. Dieses Brutale.» Hat sie denn einen Porno von ihrem Sohn gesehen? «Nein. Ich habe noch nie einen Porno geschaut. Aber ich hätte keine Mühe, einen zu schauen. Das sind ja junge, schöne Körper.» Es sei vielmehr ein inneres Bild, das sie von Pornos in sich trage. Und in diesem Bild habe die Frau eine Rolle, die ihr wenig behage.

Nächste Woche fliegt Will schon zum nächsten Dreh, nach Berlin. Zum Abschied reicht mir Will Visitenkarten. Für den Fall, dass ich Frauen kennen würde, die Lust auf Sex hätten. Und falls er nicht ihr Typ sei: «Wirklich kein Problem! Dann bleibt es beim Getränk.» Sein Gesicht strahlt wie das eines Buben. Der Effekt, den Preissle, Wills Mutter und seine Tante beschworen haben, setzt ein: Man möchte ihn umarmen, festhalten, beschützen.

Die Fotografin Lena Amuat lebt in Zürich.

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