Foodamentalismus

Seit Essen nicht mehr einfach schmecken muss, kann es im Supermarkt eng werden.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°41 – 15. Oktober 2016

Wenn mich jemand fragt, zum Beispiel ein Kellner im Restaurant, ob ich irgendetwas nicht esse, dann schüttle ich in der Regel den Kopf. Ich weiss ja, wie der Kellner es meint: Ob ich etwa Innereien nicht mag (nein, ich mag sie gern, wenn sie gut zubereitet sind), ob ich vielleicht Krustentiere nicht vertrage (nein, ich vertrage sie gut) oder ob mir aus anderen Gründen etwa der Genuss von Schweinefleisch (nein, mich hindern keine religiösen Motive) oder Gänseleber nicht gestattet ist (bei Gänsestopfleber kommt man ja tatsächlich ins Überlegen, sagen wir so: Ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, schicke aber einen Teller mit Gänseleber nicht zurück, wenn der Koch sich einbildet, mir einen servieren lassen zu müssen).

Allergikern gehört mein volles Mitleid, wenn sie, nur ein Beispiel, nach dem Verzehr einer Haselnuss über kribbelnde Lippen klagen oder dringend aufs Klo müssen. Noch schlimmer sind Zeitgenossen dran, die unter Histamin-Intoleranz leiden und auf das beste Glas Champagner oder den reifsten Weichkäse verzichten müssen, zwei der grössten Genüsse, die uns Sybariten zugedacht sind.

Von den Verzichtserklärungen, die individuell-medizinisch motiviert sind, ist es freilich nicht weit zu denen, die pauschal und moralisch begründet werden, der Weltrettungs-Veganismus ist dabei nur die krasseste Ausprägung. Nicht nur die unschuldige Frage des Kellners, ob er beim Aufnehmen der Bestellung eh alles richtig macht, stellt uns vor Herausforderungen, sondern schon der kritische Gang durch die Regale des Supermarkts. Was sollen wir einkaufen? Oder besser: Was dürfen wir auf gar keinen Fall einkaufen? Welche Lebensmittel erzählen welche Geschichte (wenigstens wenn wir aufmerksam zuhören)?

Zum Beispiel diese:

Käse beschleunigt den Klimawandel (weil es extrem viel Milch braucht, um Käse zu machen und Kuhfürze eine enorme Menge an Methan freisetzen, das den Treibhauseffekt befördert). Eier stammen aus Hühner-KZs (auch wenn deren Anteil sukzessive zurückgeht). Shrimps werden von thailändischen Arbeitern geschält, die praktisch nichts für ihre Sklavenarbeit bekommen. Kaviar wird Fischen in Aquakulturen auf hygienisch desaströse Weise entnommen. Hühner werden mit Drogen vollgestopft, um die Massenhaltung zu überstehen. Lamm hat den grössten ökologischen Fussabdruck aller Fleischsorten. Die Produktion von Rindfleisch ist schäd-licher für das Klima als alle Autos zusammen. Spargel (aus Peru, dem grössten Spargelexporteur der Welt) braucht Trinkwasser, das Menschen fehlt. Avocados (aus Mexiko) finanzieren die Drogenkartelle. Salat produziert mehr CO2 als Speck.

Diese Schlagzeilen (und eine ganze Menge mehr) hat das «New York Magazine» unter dem Titel «The Neurotic Eater’s Grocery List» («Einkaufsliste des neurotischen Essers») zusammengetragen. Alle Behauptungen enthalten mindestens einen wahren Kern. Gemeinsam zahlen sie auf ein Phänomen ein, das der Innsbrucker Psychosomatiker Johann Kinzl «Foodamentalismus» nennt: die multidisziplinäre Beschäftigung mit Essen.

Essen wird geradezu hysterisch (oder wie das «New York Magazine» meint: neurotisch) kontextualisiert: Ist, was ich zu mir nehme, gesund? Unter Verdacht, Krankmacher zu sein, stehen unter anderem Laktose, Gluten, Zucker, Alkohol, Koffein, Fett, Cholesterin in ständig wechselnden (und einander oft genug widersprechenden) Priorisierungen. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir mit der Lupe vorm Supermarktregal stehen und die Nahrungsmittelbestandteile bis in die Mikrogrammatur kontrollieren.

Jetzt soll Essen aber nicht nur gesund, sondern auch gut für den Boden, das Klima, die Gesellschaft sein, den Erzeugern ein gutes Auskommen bescheren, den Vorschriften von Biobehörden und Nachhaltigkeitspolizei genügen und dem Tier- und Pflanzenschutz nicht zuwiderlaufen.

Je mehr dieser Ansprüche – habe ich die religiösen, saisonalen, regionalen Dogmen schon angeführt? Jene der aktuellen Diäten, der Mobilisierung, der Emanzipation vom Herd? – eine Mahlzeit jedoch erfüllen muss, desto direkter steuert sie auf ein Krankheitsbild zu, das gerade im Entstehen begriffen ist: die Orthorexie. Das ist die Angst, beim Essen etwas Entscheidendes falsch zu machen.

Apropos: Hat schon jemand gefragt, ob es eigentlich schmeckt? Ich finde, das sollten wir Verantwortungsbewussten nicht ganz aus dem Blick verlieren.