Die Stunde der Verächter

Ein Kommentar von Daniel Binswanger

Das Magazin N°42 – 22. Oktober 2016

binswangerDonald Trump ist nun offiziell der Du-kannst-ihnen-zwischen-die-Beine-fassen-Kandidat. «Pussy-Grapscher» und US-Präsidentschaftskandidat sind zu austauschbaren Begriffen geworden. Das ist die amerikanische Realität des Jahres 2016. Auf Twitter hat der Hashtag #not-okay, unter dem die Schriftstellerin Kelly Oxford Frauen aufforderte, den ersten sexuellen Übergriff, den sie erlebt haben, zu beschreiben, in einer Nacht mehr als eine Million Antworten bekommen. Es ist nicht nur eine amerikanische Realität. Unter #SchweizerAufschrei ist auch in der Schweiz eine Social-Media-Bewegung mit gewaltiger Resonanz entstanden. Sexismus ist weiterhin das zentrale Problem der heutigen Gesellschaft.

Bei seinen pubertären Zoten war es wie bei allen Ausfälligkeiten von Trump: Fast noch niederträchtiger als die Vulgarität, mit der er seine mal kalkulierten, mal spontanen Grenzüberschreitungen begeht, ist die Schamlosigkeit, mit der er hinterher absurdeste Argumente bemüht, um sein Verhalten zu rechtfertigen. Plötzlich soll alles blosses «Umkleidekabinen-Geschwätz» gewesen sein. Nicht nur Trump selber hat versucht, die Umkleidekabine – angeblich ein Ort, an dem Männer damit prahlen, dass sie die Gewohnheit haben, jede beliebige Frau sexuell zu nötigen – zum Killer-Alibi zu machen. Auch Trumps Kampagnensprecher haben das lächerliche Sound-bite von der «Umkleidekabine» bis zum Abwinken wiederholt. Selbst in Europa findet sich ein flammender Trump-Apologet, der allen Ernstes behauptet, so würden Männer eben reden, wenn sie sich in «Umkleidekabinen unbeobachtet fühlen». Selbstverständlich handelt es sich um Roger Köppel. Unerfreuliche Details möchte man eigentlich lieber nicht wissen, aber es stellt sich schon die Frage, in was für Umkleidekabinen der Mann seine Adoleszenz zugebracht hat.

Natürlich gäbe es dringendere Themen als die narzisstische Störung und die sexuellen Allmachtsfantasien des republikanischen Kandidaten. Das liegt allerdings weniger daran, dass es schon vor Trump Kandidaten wie auch gewählte US-Präsidenten gegeben hat, deren ausschweifende Sexualität mit dem obersten Staatsamt nur bedingt kompatibel war (und, ja, auch Bill Clinton gehört in diese Kategorie). Im Falle Trumps geht es jedoch nicht um sexuelle Freizügigkeit, sondern um sexuelle Nötigung. Es geht nicht um Libertinage, sondern um Frauenverachtung. Die sexistischen Ausfälligkeiten, die nicht nur Trumps «Umkleidekabinen-Diskurs», sondern seine gesamte Kampagne geprägt haben, führen ins Herz seiner politischen Weltsicht.

Dort findet sich ein egomaner Grobianismus, der ausser der Selbstglorifizierung offenbar keine Werte kennt. Steuern zahlen? Ist für Trottel. Die Wahrheit sagen? Ist für Verlierer. Anständig bleiben? Ist für «Pussys». Es gehört zur klassischen Psychologie seines populistischen Autoritarismus, dass Trump Virilität zwanghaft mit Härte und Verächtlichkeit identifiziert – Verächtlichkeit gegenüber allen Gegnern, allen Schwächeren, allen Frauen.

Dass Trump eine so breite Anhängerschaft findet, in den USA, aber auch bei Teilen der europäischen neuen Rechten, beweist, wie brüchig die Wertebasis der westlichen Demokratien mittlerweile geworden ist. Deshalb muss die politische Auseinandersetzung genau dort geführt werden, wo die Sehnsucht nach dem starken Mann und der virilen Härte ihren Ursprung hat: an der Genderfront, bei der unbeirrten Neudefinierung der Geschlechterverhältnisse.

Noch jämmerlicher als Trump und seine Grapschgeschichten ist allerdings das republikanische Establishment. Nein, es hätte dieser Aufnahmen nicht bedurft, um zu wissen, dass der Kandidat untragbar ist. Nein, es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man über blanken Rassismus, permanente Lügen und zerstörerische Hassrhetorik aus politischem Opportunismus hinwegblickte – und erst jetzt angesichts einer Kloake sexistischer Obszönitäten die Nase rümpft.

Jede Gesellschaft bringt immer wieder charismatische Psychopathen mit Kapital und Geltungsdrang hervor. Ist eine Gemeinschaft funktionsfähig, verfügt sie über die Institutionen, die gesellschaftlichen Kräfte und die politischen Ressourcen, um solche Figuren zu neutralisieren. Trump wurde nicht neutralisiert. Welche Zukunft die grossen Verächter in Europa und der Schweiz haben werden, ist offen.