Ein Gespräch von Daniel Binswanger und Hannes Grassegger

Das Magazin N°43 – 29. Oktober 2016

Unter welchen Umständen darf man einen Menschen töten? Wann ist Krieg gerechtfertigt? Über derart Grundsätz-liches debattieren Philosophen und Ethiker oft fern jeglicher Wirkung. Die Worte David Rodins aber können töten – oder Leben retten, und zwar tausendfach. Rodin, Neuseeländer, 46 Jahre alt, ist Co-Direktor des Oxford Institute for Ethics, Law and Armed Conflict und Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Der Kriegsethiker berät die mächtigsten Armeen und Geheimdienste der Welt. Ob Drohnenkrieg, IS, Ukraine oder Guantánamo: Rodin ist eine Art Gewissen des Westens für den Ernstfall. Gerade ist er dabei, eine Ethik für den Krieg der Zukunft zu entwickeln. Für Kriege, die nicht mehr zwischen Staaten stattfinden, sondern überall, unvermittelt, in der Grauzone zwischen dem, was man früher Krieg und Frieden nannte.

Obwohl es für ihn keine Frage ist, dass es gerechte Kriege gibt, ist Rodins Arbeit unter Militärs umstritten. In einer führenden Fachzeitschrift nannte ihn ein Dozent der West-Point-Akademie einen Kriegsfeind. Soldaten seien quasi dazu verpflichtet, auf Rodin zu schiessen, weil dieser mit seinen Einlassungen die Arbeit der US-Armee behindere und so den Feinden Amerikas in die Hände spiele. Ein Riesenskandal brach aus, der berserkernde Dozent musste West Point verlassen.

Gleichzeitig beeinflussen Rodins Worte auch an ganz anderer Stelle den Lauf der Welt: Mit seiner in Genf domizilierten Agentur «Principia» berät er globale Player der Finanzindustrie. Derzeit arbeitet die Agentur daran, zwei der grössten US-Banken nach all den Jahren der Finanzskandale umzustrukturieren und auf ein ethisch vertretbareres Fundament zu stellen.

Seinen Wohnsitz hat der Kriegsphilosoph an einem der friedlichsten Orte der Welt: in einer idyllischen Waadt-länder Gemeinde oberhalb des Genfersees, wo er die Journalisten in einem alten Her-rschaftshaus mit grossem Garten empfängt.

Das Magazin – Herr Rodin, waren Sie schon mal im Krieg?

David Rodin – Nein, ich habe nie an realen Einsätzen teilgenommen. Ich bin Philosoph und nicht Soldat. Man hat mir mehrfach angeboten, Frontbesuche zu machen, in Afghanistan oder im Irak. Aber ich habe abgelehnt. Ich wäre mir vorgekommen wie ein Tourist.

Wie kommt es, dass Sie Ethikberater für die britische und die amerikanische Armee geworden sind?

Als junger Mann war ich überzeugter Pazifist – kein fundamentalistischer, aber nicht weit davon entfernt. Das hat wohl mit meiner Familiengeschichte zu tun. Meine Mutter stammte aus dem Osten Deutschlands und verlor den Grossteil ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg. Ihr Vater war SA-Mitglied. Mein Vater ist ein englischer Jude und wuchs im Londoner East End auf. Er wurde während der Bombenangriffe geboren und aufs Land evakuiert. Ich wuchs zwar am anderen Ende der Welt auf, in Neuseeland, aber der Krieg war in unserer Familie immer präsent, besonders weil er meine Mutter ein Leben lang verfolgte. Sie hatte schwere psychische Probleme, die von der Kriegserfahrung herrührten. Das ist wohl der Grund, wieso ich eine Leidenschaft entwickelte für Theorien des Friedens und der Konfliktlösung und schliesslich Kriegsethiker wurde.

Heute gelten Sie als führender Theoretiker des «gerechten Krieges».

Meine Doktorarbeit behandelt dieses Thema. Ich setze mich darin vor allem mit dem Begriff der Selbstverteidigung auseinander, weil traditionell  das Recht eines Staates, Krieg zu führen, damit begründet wird, dass er sich verteidigen darf – genauso wie ein Individuum sich selber verteidigen darf. Wenn man sich dieses Argument genau ansieht, merkt man, dass es nicht aufgeht. Daher sagte ich zu meinem Doktorvater: Ich würde gern die Idee der Selbstverteidigung auseinandernehmen.

In der Arbeit verwerfen Sie die bisher geltende Kriegsethik und erweitern den Kriegsbegriff. Ihre Ideen veröffentlichten Sie kurz vor dem 11. September. Wenig später standen die USA mit dem «Krieg gegen den Terror» vor völlig neuen Fragen.

Die Anschläge vom 11. September und die darauffolgenden Militärinterventionen in Afghanistan und im Irak rückten die Thematik des gerechten Krieges plötzlich ins Zentrum des Interesses. Es waren Interventionen mit einem völlig neuen Charakter. Die britische Armeeführung begriff, dass Fragen des Kriegsrechts und der Ethik nicht mehr den Feldpredigern überlassen werden konnten. Sie sind entscheidend, wenn man ein Land befrieden, Aufstände effektiv bekämpfen und die Sympathien der Bevölkerung gewinnen will. Dazu braucht man Offiziere, die einen Sinn haben für ethische Normen. Deshalb wurde ich vom Joint Services Command and Staff College, der Kaderschmiede der britischen Armee, für Ethikkurse angefragt.

«Ein Soldat hat nur dann das Recht zu töten, wenn er begründen kann, weshalb dieser Krieg geführt werden muss»: David Rodin, 46, Kriegsethiker.

«Ein Soldat hat nur dann das Recht zu töten, wenn er begründen kann, weshalb dieser Krieg geführt werden muss»: David Rodin, 46, Kriegsethiker.

Wie muss man sich einen Ethikkurs für Feldkommandanten vorstellen?

Es geht darum, dass sie lernen, sich im entscheidenden Moment zu fragen, was ethisch richtig und was falsch ist.

Aber im Kampf bleibt keine Zeit für Fragen. Wer lange fragt, ist tot.

Falsch. Das Fragen ist essenziell. Ein Kombattant muss Unterschiede erkennen. Unbeteiligter oder Gegner? In jedem Moment. Tut er das nicht, ist er ein Verbrecher. Wenn es zum Beruf gehört, andere Menschen zu töten, sollte man dafür sorgen, dass man einen klaren Begriff hat von den Werten und Grundsätzen, in deren Namen man das tut.

Und wie kommt man zu diesen Begriffen? Machen Sie Fallstudien?

Ich bin kein grosser Freund von Fallstudien. In einem Seminar können sie lehrreich sein, aber auf ihnen klebt ein Sticker: «Ethisches Problem». Im richtigen Leben besteht die Schwierigkeit oft darin, dass man gar nicht merkt, wenn ein Problem vorliegt. In der Regel sind die Offiziere, mit denen ich arbeite, bereits in Kriegseinsätzen gewesen. Sie bringen Erfahrungen mit, die in den Seminardiskussionen eine wichtige Rolle spielen.

Sie beraten auch die US-Armee.

Ja, die Obama-Administration hat grosse Anstrengungen unternommen, Standards für eine professionelle militärische Ethik zu definieren. Man wollte aus den Fehlern der Irak-Besetzung, aus Abu Ghraib und dem Folterskandal die richtigen Lehren ziehen. Das führte 2011 zu einem grossen Bericht, dem «White Paper», in dem erstmals die Menschenrechte im Zentrum der US-Militärdoktrin verankert wurden.

Haben Sie auch für Geheimdienste gearbeitet?

Ja, allerdings muss man sagen, dass Geheimdienste sich eher weniger für ethische Fragen interessieren als die Militärs, jedenfalls in Grossbritannien.

Sie beraten auch Grossbanken. Offenbar kommt zu Ihnen, wer ein Reputationsproblem hat. Sind Sie ein Feigenblatt für Bösewichte?

Engeln muss ich nicht helfen, noch besser zu werden. In einer idealen Welt würden solche Organisationen mir sagen: Wir halten hohe ethische Standards ein, aber möchten noch besser werden. In der realen Welt aber sucht eine Organisation erst dann den Rat eines Ethikers, wenn sie Probleme hat.

Sich beraten zu lassen ist das eine, sich zu ändern das andere. Wie sieht es denn mit der Umsetzung Ihrer Ratschläge aus?

Natürlich ist das oft ein Problem. Allerdings habe ich schon für eine Grossbank gearbeitet, die enorme Kosten auf sich genommen hat, um ein Programm für ethische Standards auch umzusetzen.

Aber geht es dem Verwaltungsrat nicht primär darum, sich ein besseres Image zu verschaffen?

Bei dieser Arbeit besteht immer ein Risiko, dass man in das tappt, was ich die Saif-Gaddafi-Falle nenne.

Saif-Gaddafi-Falle?

Die London School of Economics nahm von Saif al-Islam Gaddafi, einem Sohn des Diktators, ein Beratungsmandat zum Thema «Demokratisierung» an. Das war kurz vor dem Untergang des Regimes und eine reine Propaganda-Aktion. Die angesehene Hochschule hat sich damit schwer kompromittiert. Man muss genau darauf achten, wie viel und welche Publizität ein Beratungsmandat erhält. Die Banken, für die ich arbeite, unternehmen alle erdenklichen Anstrengungen, damit meine Beratung nicht öffentlich wird. Ich und meine Mitarbeiter sind zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet. Das beweist, dass die Banken uns eben nicht aus PR-Gründen anheuern, weil es ja gar keine Öffentlichkeit gibt.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Armeen und Grossbanken?

Was die Wertekultur anbelangt, sind die Finanzindustrie und das Militär entgegengesetzte Welten. Armeeangehörige sind in der Regel extrem konservativ und verfügen über tief verankerte Wertvorstellungen. Offiziere zeichnen sich durch moralische Weltsicht aus: Begriffe wie Ehre, Opfer, Pflicht haben einen hohen Stellenwert. Das hat auch problematische Seiten: In Grossbritannien zum Beispiel ist das Offizierskorps fast ausschliesslich männlich, weiss und kommt aus der Oberschicht oder oberen Mittelschicht. Aber Militärs stehen ethischen Fragen nicht indifferent gegenüber. Man kommt mit ihnen ins Gespräch, wenn man sagt: Lasst uns die Werte genauer ansehen, die wir verteidigen wollen.

Und Banker?

Die Kultur in den Banken ist völlig anders. Die Hauptmotivation ist nicht ein Ehrenkodex, sondern das Geld. Kader sind meist kluge Leute, die eine zweckrationale Weltsicht haben. Häufig stelle ich fest, dass es ihnen fast peinlich ist, über Werte und Ethik zu reden. Als Individuen mögen sie sich zwar ethischen Werten verpflichtet fühlen, sich für gute Zwecke engagieren und moralisch handeln, aber in ihrem beruflichen Umfeld erscheint es deplatziert, über solche Dinge zu reden. Das beginnt sich nun langsam zu ändern, insbesondere auf den oberen Managementebenen. Es dürfte aber noch sehr lange dauern, bis sich ein echter Kulturwandel durchsetzt.

Sie sind ein Vertreter der sogenannten revisionistischen Theorie des gerechten Krieges. Diese geht davon aus, dass die individuellen Menschenrechte im Zentrum stehen müssen – auch im Krieg.

Das Grundproblem jeder «Kriegsethik» ist einfach: Wie kann es moralisch gerechtfertigt sein, andere Menschen umzubringen? Jeder Mensch hat nicht-verhandelbare Menschenrechte, und das fundamentalste Menschenrecht ist das Recht auf Leben. Klassische Theorien des gerechten Krieges sind davon ausgegangen, dass Staaten unter gewissen Bedingungen das Recht haben, Krieg zu führen, und dass dann besondere Regeln gelten – das Kriegsrecht eben. Der Ausgangspunkt der sogenannten Revisionisten ist ein anderer: Erstens haben Menschen ein Recht auf Leben, und zweitens kann dieses Recht nicht plötzlich durch eine Kriegserklärung ausser Kraft gesetzt werden. Es gilt auch auf dem Schlachtfeld.

Was sind die Konsequenzen?

Wenn man diesen Ausgangspunkt wählt, dann stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen ein Bürger das Recht hat, sich als Soldat an einem Krieg zu beteiligen. Dass der Staat, dem er angehört, den Krieg erklärt hat, ist noch keine ausreichende Begründung. Es bedarf auch einer individuellen Entscheidung.

Die klassische Antwort wäre wohl: Der Bürger beteiligt sich am Krieg, weil er eingezogen wird und gar keine Wahl hat.

Das macht seine Handlung entschuldbar, aber noch nicht legitim. Auch die Mafia zieht gelegentlich «Soldaten» ein, das heisst, sie droht jemandem: Du musst jetzt diese oder jene Person umbringen, sonst töten wir deine Familie. Wenn der Betreffende den Mord tatsächlich begeht, kann man die Tat vielleicht entschuldbar finden, weil der Täter in einer Zwangssituation war. Legitim wird sie dadurch aber nicht. Wenn Sie als Individuum in einem Krieg eine Waffe in die Hand nehmen, um andere Menschen zu töten, müssen Sie eine verdammt gute Story haben, um das zu begründen. Zu sagen: «Ich wurde eingezogen», reicht nicht.

Das heisst, ein Soldat hat nur dann das Recht zu töten, wenn er selber begründen kann, weshalb dieser Krieg geführt werden muss?

Richtig.

Sie haben den Irakkrieg kritisiert. Hätten amerikanische Soldaten da die Pflicht gehabt zu desertieren?

Die Frage stellt sich. Aus meiner Sicht war die Besetzung ein Fehler. Heute zweifelt das kaum noch jemand an. Und schon 2003 musste eine gut informierte Person zu dem Schluss kommen, dass eine Invasion nicht begründet war. Zu einem späteren Zeitpunkt stellte sich die Frage jedoch anders. Nachdem der Westen im Irak einmarschiert war, hatte er auch die Verpflichtung, das Land so gut wie möglich zu stabilisieren. Aber die initiale Entscheidung war falsch.

Und Sie hätten erwartet, dass ein Soldat sagt: Ich gehe nicht? Das ist doch weltfremd.

Zur Zeit der Invasion unterrichtete ich am Joint Services College. Es kamen immer wieder Offiziere zu mir, die sagten: «Herr Rodin, was halten Sie von der Invasion? Ich persönlich habe grosse Zweifel.» Meine Gegenfrage war: «Werden Sie mitmachen?» Die Antwort lautete immer: «Ja, das ist mein Job. Ich bin Soldat und folge den Befehlen.» Ich sagte jeweils: «Sie werden also an einem Krieg teilnehmen, in dem selbst dann, wenn alles perfekt läuft, wenn die Invasion erfolgreich ist und es nicht zu Kollateralschäden und zivilen Opfern kommt, Zehntausende irakische Soldaten getötet werden? Wenn die Invasion nicht gerechtfertigt ist, wovon Sie selber aus-gehen, hat die Armee des Irak jedes Recht, das eigene Land zu verteidigen. Das wiederum bedeutet, dass Sie als britischer Offizier Leute töten, die sich legitim verhalten. Sie töten somit Leute, die zu töten Sie kein Recht haben. Das kommt einem Mord sehr nahe.»

Das haben Sie Ihren Kursteilnehmern gesagt?

Ich weiss schon, dass die Frage etwas komplizierter ist. Ein Offizier hat eine juristische und moralische Verpflichtung seiner Truppe gegenüber. Er will sie nicht im Stich lassen. Auch der Grundsatz, dass in einer Demokratie die politische Gewalt und nicht das Militär über Krieg und Frieden entscheidet, hat grosses Gewicht. Auf der anderen Seite steht jedoch der fundamentale Grundsatz, dass man Menschen nie töten darf, ausser es gibt unzweifelhafte, zwingende Gründe, das zu tun. Ich hätte den Offizieren niemals geraten zu desertieren, aber ich wollte ihnen klarmachen, dass sie eine echte Wahl zu treffen haben und dass sie sich ihrer Verantwortung nicht entziehen können, indem sie sagen: Ich folge den Befehlen. Sie müssen als Individuen den Entscheid treffen, ob sie den Befehlen folgen.

Wie wichtig sind individuelle Entscheidungen auf dem Schlachtfeld?

Das klassische Kriegsrecht wurde konzipiert für zwischenstaatliche Kriege, in denen Armeen gegeneinander kämpfen. In diesen Konflikten war das Wichtigste, zwischen Soldaten und Zivilisten zu unterscheiden: Die Soldaten des Gegners sind legitime Ziele, Zivilisten nicht. Die Herausforderung im Irak und in Afghanistan war jedoch eine ganz andere: Es ging darum, die westliche Besatzung als möglichst legitim erscheinen zu lassen und sich militärisch gegen Aufständische zu wehren. Es reichte also nicht mehr, zwischen Zivilisten und Soldaten zu unterscheiden. Es musste vielmehr in jeder Situation bewertet werden, ob man es mit einem Feind oder einer Zivilperson zu tun hat. Ist der Mann mit der Schaufel ein Bauer, der vom Feld heimkehrt, oder ist es ein Aufständischer, der einen Sprengsatz vergraben hat? Unter diesen Bedingungen ist es sehr viel schwieriger, auf gerechte Weise einen Krieg zu führen.

Die Kriege der Gegenwart sind meist asymmetrisch. Hat die technologische Überlegenheit des Westens dazu geführt, dass die Konflikte barbarischer werden?

Das würde ich nicht sagen. Aufgrund von technischen Errungenschaften auf dem Schlachtfeld – Nachtsichtgeräten, Schutzwesten, Notfallchirurgie – sind die Verluste auf westlicher Seite sehr stark gesunken. Die Verlustzahlen liegen im Vergleich mit einem Konflikt wie dem Vietnamkrieg viel tiefer. Das ist natürlich nur die eine Seite der Geschichte, aber es hat für alle beteiligten Parteien einen Vorteil: Die Exponiertheit der westlichen Soldaten ist heute vergleichsweise niedrig. Das heisst, sie haben mehr Möglichkeiten abzuwägen, Zivilisten von Aufständischen zu unterscheiden, nicht sofort mit maximaler Gewalt zurückzuschlagen. Napalm-Flächenbombardements wie in Vietnam werden heute nicht mehr praktiziert. Die Laserbombe hat unbestreitbar zur «Humanisierung» beigetragen. Natürlich gibt es immer noch schreckliche Kollateralschäden. Aber im historischen Vergleich sind sie stark zurückgegangen.

Sie betonen, dass in einem asymmetrischen Konflikt gerade die stärkere Seite sich an rechtliche und ethische Prinzipien zu halten hat.

Unbedingt. Der Stärkere hat das grössere Missbrauchspotenzial. Das Vorurteil, dass internationales Recht letztlich überflüssig und im Kriegsfall fast alles erlaubt sei, brodelt unter der Oberfläche. Sie müssen sich nur anhören, wie Trump im amerikanischen Wahlkampf für die Wiedereinführung der Folter plädiert.

Machen asymmetrische Konflikte das bisherige Kriegsrecht obsolet?

Als sich im 19. Jahrhundert das Kriegsrecht zu entwickeln begann, stand die Kriegsführung der europäischen Staaten im Fokus. Man ging von symmetrischen Konflikten aus: Wenn ich darauf verzichte, bestimmte Kampfmittel einzusetzen, und mein Gegner das auch tut, kommt das beiden Seiten zugute. Kriegsrecht war sowohl moralisch als auch nützlich für alle Parteien. Heute gilt das nicht mehr: Ganz egal, ob sich die USA an ethische Standards halten oder nicht, der IS und al-Qaida werden vor keiner Barbarei zurückschrecken. Der Westen wird in diesem Sinn keinen Nutzen aus der Einhaltung ethischer Standards ziehen. Deshalb sind asymmetrische Konflikte der eigentliche Test für unsere Prinzipienfestigkeit. Was man aus moralischen Gründen tut, muss man auch dann tun, wenn es einem keine Vorteile oder sogar Nachteile bringt.

Führt die Asymmetrie nicht dazu, dass der Schwächere keine andere Wahl hat, als dreckig zu kämpfen?

Das ist richtig. Aber wo liegt das Problem?

Darin, dass die schwächere Partei per Definition illegitim wird. Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie den USA einen Blankocheck ausstellen, weil jede Macht, die sich ihr in den Weg stellt, als «unethisch» erscheinen muss. Das würde bedeuten: Der Westen hat immer recht, solange er sich an minimale ethische Standards hält.

Der Westen hat nicht immer recht, aber es könnte sein, dass es keine Mittel gibt, die sowohl militärisch wirksam als auch moralisch vertretbar sind, um sich ihm in den Weg zu stellen. Letztlich gründet dieses Problem darauf, dass die internationale Rechtsordnung immer auf der Selbstverteidigung souveräner Staaten beruht hat – und Selbstverteidigung war für schwache, kleine Staaten schon immer schwierig oder gar unmöglich. Deshalb wurden ja auch die Vereinten Nationen in der Hoffnung gegründet, dass die Rechtsordnung nicht mehr von den Staaten selbst, sondern vom Sicherheitsrat garantiert und notfalls auch durchgesetzt wird.

Ein frommer Wunsch.

Ja, heute wissen wir, dass das nicht besonders gut funktioniert. Das Prinzip aber bleibt richtig. Die Schwachen können nur dann zu ihrem Recht kommen, wenn es eine legitime supranationale Instanz gibt, die dieses Recht schützt.

Gibt es in asymmetrischen Konflikten nicht auch ein Fairnessproblem? Fairness ist ja nicht dasselbe wie Gerechtigkeit. Es gibt die tief verwurzelte Vorstellung, dass in einem fairen Kampf beide Seiten etwa gleich stark sein oder jedenfalls eine Chance haben müssen zu gewinnen. In diesem Sinn sind heute viele Konflikte zutiefst unfair.

Das ist tatsächlich ein Problem. Die einzige Lösung ist die Etablierung internationaler Institutionen, die als legitim betrachtet werden und die Konfliktparteien in die Schranken weisen können.

Wie stellen Sie sich das vor?

Es gibt da eine hilfreiche Analogie: Wenn die Polizei einen Schwerverbrecher festnimmt, rückt sie vielleicht mit Scharfschützen und riesigem Aufgebot an. Dem Festzunehmenden lässt man möglichst keine Chance. Auch dieser Vorgang ist nicht «fair», aber er wird akzeptiert, weil wir in der Polizeiaktion nicht einen Kampf zwischen zwei Parteien sehen, sondern die Durchsetzung einer anerkannten Rechtsordnung. Letztlich war es das Fernziel der UN-Charta, genau dies im Weltmassstab zu schaffen: international anerkannte Normen und eine «Weltpolizei» zu ihrer Durchsetzung. Bei allen Rückschlägen: Wir sollten weiter darauf hinarbeiten. Eine andere Lösung des Fairnessproblems gibt es nicht.

Sie sagen, technologische Überlegenheit gibt der überlegenen Seite mehr Möglichkeiten, sich moralisch zu verhalten.

Drohnen sind ein gutes Beispiel. Man kann mit Drohnen viel mehr Informationen sammeln, viel selektiver und zielgenauer vorgehen als bei einer Bombardierung mit Kampfflugzeugen oder einer Kommandoaktion. Eine Drohne kann ein Ziel stunden-, ja tagelang observieren, ehe sie zuschlägt. Zudem kann ein Drohnenpilot bessere Entscheidungen fällen: Er steht weniger unter Stress als ein Bomberpilot, ist selber nicht gefährdet und kann im Zweifelsfall einen Militärjuristen beiziehen.

Das heisst, Drohnenkrieg ist gut?

Das habe ich nicht gesagt. Drohnen haben das Potenzial, vieles besser zu machen. Sie können aber trotzdem falsch eingesetzt werden.

Also konkret gefragt: Ist der ausgeweitete Drohnenkrieg der Obama-Administration richtig oder falsch?

Es gibt zwei Aspekte: Der Drohnenkrieg stellt einen Fortschritt dar gegenüber der Strategie direkt nach dem 11. September, als man mit Bodentruppen grosse Invasionen machte. Der zweite Irakkrieg forderte zwischen 600 000 und 700 000 Menschenleben, verursachte gigantische Kosten und hat den Nahen Osten nicht stabilisiert, sondern destabilisiert. Im Vergleich dazu ist die stark auf dem Drohnenkrieg beruhende Strategie der Obama-Administration eine grandiose Verbesserung.

Eine andere Frage ist, ob man den Drohnenkrieg als zulässig beurteilt. Amerikanische Regierungsangestellte treffen die Entscheidung, Feinde im Ausland zu töten, ohne jede juristische Kontrolle, ohne Einspruchsmöglichkeiten für die Zielpersonen. Das ist sehr problematisch. Ich fürchte, eines Tages werden wir zurückblicken auf das Drohnenprogramm, so wie wir heute auf das Folterprogramm der Bush-Administration zurückblicken.

Drohnenkriege sind rechtlich nicht haltbar?

Ein amerikanischer Militäranwalt hat mir kürzlich gesagt, er warte auf die erste tödliche Drohnenattacke gegen einen amerikanischen Drohnenpiloten irgendwo auf US-Territorium. Ein solcher Angriff wäre legitim. Die USA können ihre Attacken völkerrechtlich nur damit rechtfertigen, dass sie sagen: Wir befinden uns in einem multiterritorialen Krieg gegen nicht-staatliche Akteure. Dadurch werden aber alle amerikanischen Soldaten auf amerikanischem Territorium für diese Feinde ebenfalls zu legitimen Zielen. Sollte sich eine solche Attacke ereignen, wird sich zeigen, wie die USA zum Recht auf Drohneneinsätze tatsächlich stehen. Dass Amerika im Moment so stark auf Drohnen setzt, liegt auch daran, dass wir uns in einem Zeitfenster befinden, in dem nur die USA über diese Technologie verfügen. Dieses Zeitfenster wird sich schliessen.

Wenn die menschlichen Kosten des Krieges durch neue Technologien sinken, reizt das nicht zu einer Ausweitung der Kampfzone?

Das befürchte ich auch.

Was sagen Sie zu dem Argument, mit dem der IS seine Gräuelvideos rechtfertigt: Mit dieser Propaganda erzeugen wir grössere Effekte als die USA mit ihren Luftangriffen und töten dabei weniger Menschen.

Das ist ein absurdes Argument. Es wird dem IS genauso ergehen wie al-Qaida im Irak Mitte der Nullerjahre. Damals begannen sich die sunnitischen Stämme von der Terrororganisation abzuwenden, ganz einfach weil sie so brutal und barbarisch vorging, dass die Stammesführer lieber mit den Amerikanern paktierten, als mit den blutrünstigen Fanatikern zusammenzuspannen. Hypergewalttätigkeit ist eine Strategie, die nur eine bestimmte Zeit lang funktioniert. Wer seine Macht sichern will, muss dafür sorgen, dass diese Macht als legitim betrachtet wird. Gräuelvideos erzielen den gegenteiligen Effekt. Daran wird der IS scheitern.