Von Christof Gertsch

Aktualisiert am 16. August 2017, 13:33 Uhr

I. — Zwei Männer, ein Auto, ihre Stadt

Junkerngasse – Schlafstörungen – Die Sache mit dem Vater – Eislaufen – Bürgersprechstunde

Tue doch ds blaue Liecht ufs Dach, Hans-peter. De si mir chli schneuer.»

«Ig ha kes blaus Liecht, Alex, das weisch du genau. Usserdäm bini pensioniert. Ig has nid pressant.»

Hanspeter ist Hanspeter Bieri, ein Hündeler und ehemaliger Feuerwehrmann. Und Alex ist Alexander Tschäppät, der Stadtpräsident. Bieri sitzt am Steuer und raucht Pfeife, und Tschäppät sitzt daneben und raucht Zigarre. Die Fenster sind einen Spaltbreit geöffnet, das Radio läuft. In den Nachrichten ist von YB die Rede, dem Fussballverein, der sich wieder einmal von innen her auffrisst. Entlassung des Sportchefs, Rücktritt eines Verwaltungsrats, ein Kommunikations-desaster. Tschäppät seufzt. Bieri schweigt.

Bieri ist Tschäppäts Chauffeur, wann immer Tschäppät einen solchen benötigt, ein- oder zweimal im Monat. Meistens nimmt Tschäppät ja das Velo oder den Roller, so kennt man ihn in Bern, das Velo, der Roller, die rote Krawatte. Leicht übergewichtig, neue Kniegelenke, sonst ganz gut beieinander. Aber ein- oder zweimal im Monat liegen entweder die Termine ungünstig oder hat er nicht beide Hände frei oder muss er sich ein bisschen diplomatisch präsentieren, und dann kommt eben Bieri zum Einsatz, der Pensionär. «Ich kann ja schlecht mit dem Velo zum Staatsempfang, oder?», sagt Tschäppät. Dann fährt Bieri zum Erlacherhof an der Junkerngasse, dem Sitz der Präsidialdirektion in der unteren Altstadt, und wartet in seinem Mercedes, im Kofferraum ein Hundekäfig, auf der Rückbank Wolldecken voller Hundehaare. Und so fahren sie dann durch Bern, Bieri und Tschäppät.

«Und, wie gehts?», fragt Tschäppät, als er ins Auto steigt.

«Es geht», sagt Bieri. «Und du – lässt dus ausklingen?»

Tschäppät: «Nicht wirklich.»

Es ist ein Montag im September, einer von vielen Tagen, an denen ich Tschäppät begleite, von früh bis spät, von Interview zu Sitzung zu Audienz. Er sagt, 95 von 100 Einladungen schlage er aus, «aber das glaubt mir keiner». An manchen Tagen bin ich schon am Morgen erschöpft, weil mich die Aussicht auf unser Programm schlaucht. Tschäppät ist nie erschöpft. Oder er ist es erst am Abend, wenn er nach Hause kommt und sich früher ins Bett legt, als ihm lieb wäre. «Aber auch das glaubt mir keiner. Die meinen alle, ich sei noch immer der Festbruder von früher, der kein Apéro auslässt.»

Manchmal verlasse ich Tschäppät mitten im letzten Termin, und dann frage ich mich: Wie hält er das bloss durch? Manchmal schenke ich mir den ersten Termin, und wenn ich dann zu ihm stosse, weiss ich: Er ist schon seit Stunden wach. Wie jeden Tag ist er um sechs Uhr mit den Hunden spazieren gegangen, den Hunden seiner zweiten Frau, einem Longhaired Whippet und einem Magyar Vizsla, und die Zeitungen hat er auch schon gelesen. Er schläft schlecht, seit Jahren, um drei oder vier Uhr liegt er hellwach im Bett, dann geht er halt raus. Unter der Woche in den Schosshalden-, am Wochenende in den Ostermundigenwald, in der einen Hand die Hundeleinen, in der anderen den Thermobecher mit dem Milchkaffee, dem «Miuchgaffee», wie er es nennt und in SMS auch so schreibt.

Ein halbes Jahr mit Tschäppät, sein letztes im Amt, Ende Dezember ist Schluss. Am 31. Dezember um Mitternacht gibt er den Schlüssel zum Erlacherhof ab, wie er es selbst oft ausdrückt – «keine Minute früher». Mit ihm geht einer, über den alle in Bern etwas zu sagen wissen. Sie sind ihm im Tabakladen begegnet, vor dem Migros-Regal, im 10er-Bus Richtung Ostermundigen – an der Strecke hat er in der Überbauung Schönberg-Ost vor vier Jahren die höchstgelegene Wohnung bezogen. Sie haben ihm von ihren Sorgen berichtet, vom Müll bei der Tramhaltestelle, von der schlecht gestutzten Nachbarshecke, vom Baustellenlärm, haben ihm ihren Ärger mitten ins Gesicht gesagt, und er hat zugehört, hier ein gutes Wort, dort ein Spässchen. Und dann haben sie ihn gewählt, immer wieder. 1979 in den Stadtrat, Berns Parlament, und 2001 in den Gemeinderat, Berns Regierung. Seither hat er dreimal die Wahl zum Stadtpräsidenten gewonnen, zum Stapi, wie sie ihn in Bern nennen, beim ersten Mal mit 61,3 Prozent der Stimmen, beim zweiten Mal mit 58,7 Prozent, beim dritten Mal mit 69,9 Prozent. Auch wenn manche etwas anderes behaupten: Bern ist seiner nie überdrüssig geworden, im Gegenteil, da ist es mit ihm ein bisschen wie mit der Reitschule. Angeblich gibt es viele, die sich über die Reitschule den Mund zerreissen, in Wahrheit sind die Kritiker vor allem laut, sie nennen sie den «Schandfleck von Bern» und einen «Hort von Chaoten». Aber die Reitschule ist demokratisch legitimiert. Fünfmal wurde über sie abgestimmt, fünfmal hielt die Mehrheit zu ihr.

Der Unterstützung dieser rot-grünen Mehrheit konnte sich auch Tschäppät gewiss sein, aber bei ihm war es manchmal so, dass er selbst bürgerliche Wählerinnen und Wähler zu überzeugen oder wenigstens vorübergehend zu umgarnen wusste. Zum Beispiel im Herbst 2012, als er bei einer Wahlveranstaltung auf Alexandre Schmidt traf, den Mann von der FDP, der Zehn-Prozent-Partei, der ihm allen Ernstes das Stadtpräsidium streitig machen wollte. Schmidt, damals Direktor der Eidgenössischen Alkoholverwaltung, war ein strebsamer Schaffer, und er hatte einen Plan: Er wollte Tschäppät, den früheren Untersuchungsrichter und Gerichtspräsidenten, mit seiner Dossier-Kenntnis bezwingen. Bestimmt lag er in vielen Punkten, die er ansprach, richtig, aber es klang halt eher spröde und technisch. Als das legendäre Ka-We-De zur Sprache kam, die reno-vationsbedürftige Kunsteisbahn- und Freibad-anlage im noblen Kirchenfeldquartier, sagte er, dass eine neue Eisbahn nun mal ihren Preis habe. Er nannte den Preis und sagte: «Günstiger gehts nicht. Für weniger kann das Eis gar nicht homologisiert werden.» Tschäppät sagte: «Mir doch egal, ob man das homologisieren kann. Man muss eislaufen können.»

Im Publikum hielten sich die Leute die Bäuche vor Lachen, selbst jene, die Schmidt zugewandt waren.

So war es schon 1969 gewesen, im Eisstadion Allmend. Während eines Spiels des SCB, des Schlittschuh-Clubs Bern, ertönte aus den Lautsprechern plötzlich die Stimme von Alexander Tschäppäts Vater Reynold, damals im dritten Jahr Stadtpräsident. Der SCB, zuvor jahrzehntelang im Ka-We-De beheimatet, hatte das neue Stadion gerade erst bezogen, und jetzt fragte Reynold Tschäppät: «Weit dir es Dach?» Die Menge, wegen Wind und Kälte in dicke Mäntel gehüllt, johlte: «Jaaa!» Und Reynold Tschäppät, je nach Quelle angesäuselt bis sturzbetrunken, brüllte zurück: «Dir bechömed es Dach!» Kurz danach beschloss der Gemeinderat in einer Sitzung, was der Stadtpräsident vor aller Leute Ohren vorweggenommen hatte. Und ein Jahr später war die Allmend gedeckt.

Andere Generation, gleicher Ton? Der Vergleich mit seinem Vater, einem Sozialdemokraten wie er, ist ein wesentlicher Teil von Alexander Tschäppäts Geschichte, selbst jetzt, so kurz vor dem Rücktritt. Man könnte auch sagen: Dieser Vergleich ist sein Erbe, seine Last. Vielleicht fängt man die Geschichte von Alex, geboren 1952, also am besten mit der Geschichte von Reynold an, geboren 1917 und gestorben 1979.

Alex ist so etwas wie der letzte Vertreter der politischen Welt Reynolds, einer Welt, in der die Nachmittagssitzung im Salon bleu bei Zigarren und Cognac vorbereitet wurde, oder später, als der Raum von den Linken in Salon rouge umbenannt worden war, bei Zigaretten und Wein. Der Kühlschrank, den sie damals benutzten, steht noch immer dort, und manche sagen, man könne bis heute den Qualm von früher riechen. Es ist die Welt der «Dynastien-Politiker», wie Luzius Theiler sie nennt, Berns bekanntester Oppositionspolitiker. 1967 nahm Theiler für den Landesring der Unabhängigen erstmals Einsitz im Stadtrat, 1976 war er Mitgründer der Demokra-tischen Alternative, der Vorgängerin der Grünen Partei Bern. Die Leute nennen ihn einen Querulanten, der «Berner Zeitung» sagte er einmal: «Ich kann gut damit umgehen, wenn jemand findet, meine Vorstösse seien ideologischer Blödsinn.»

Theiler hat beide Tschäppäts erlebt, er war der Einzelkämpfer in der Legislative, sie waren die Mehrheitspolitiker in der Exekutive. Ihn stört, wenn es in Bern heisst, der Junge sei nur die Weichei-Version des Alten, er findet, das werde dem Jungen nicht gerecht. «Reynold war sehr kontrolliert, jedenfalls wenn er nüchtern war. Er hat die Techniken der Macht perfekt beherrscht, hatte ein klug aufgebautes Beziehungsnetz und überall Zuträger. Er hat belohnt und bestraft, hat gegeben und genommen. Alles war durchorganisiert, jede Wahl war bis ins Detail geplant. Wenn ihm ein Entscheid wichtig war, verzögerte er die Sitzung über das Mittagessen und den Kafi Schnaps hinaus, bis alle schläfrig wurden und es hinter sich haben wollten. So etwas habe ich bei Alex nie erlebt. Er ist viel offener und spontaner. Gleichzeitig war er oft unsicher, hin- und hergerissen, wie er seine Rolle interpretieren und welcher Meinung er sein sollte. Und am Ende war er oft von etwas anderem überzeugt als am Anfang. Aber an das, was er gesagt hat, hat er immer geglaubt.» Theiler hat sich an beiden gerieben, an Reynold ebenso wie an Alex, und manches, wofür Alex eingetreten ist, zum Beispiel die aus Theilers Sicht zu grossen Bauvorhaben, hat ihn gestört. Und doch sagt er: «Bern wird ihn sehnlichst vermissen.»

Alexander Tschäppät ist eine Mischung aus dem, was Klaus Wowereit für Berlin war und Gérard Depardieu in der Netflix-Serie «Marseille» verkörpert: ein Stadtvater. Ein Patriarch mit Herz – mit allem Guten, was das mit sich bringt, und mit allem Schlechten. Er hat nicht einfach Bern gern, sondern jede einzelne Bernerin, jeden einzelnen Berner. Wenn er in der Stadt unterwegs ist, und das ist er oft, wird er auf hundert Metern von fünf Leuten gegrüsst. Er grüsst immer zurück, «hallo zäme!», und den Angestellten des Tiefbauamts wünscht er einen schönen Tag. Sein Vorgänger Klaus Baumgartner hat einmal pro Woche eine sogenannte Bürgersprechstunde abgehalten, während der die verehrten Bürgerinnen und Bürger in seinem Büro vorstellig werden und ihre Anliegen kundtun durften. Tschäppät hat immer Bürgersprechstunde. Er ist einer, der sich niemandem oder nur wenigen versagt, ihn kann man immer an-rufen. Auch der Sportredaktor des Lokalradios kommt direkt zu ihm durch, wenn er ein Zitat zu YB oder zum SCB braucht. Tschäppät ist einer, der die Menschen duzt und in die Arme nimmt. «So bin ich einfach», sagt er, «wir sind zusammen hier.» Er meint: hier auf der Welt.

Sein Abschied ist mehr als ein Generationenwechsel, es ist ein Bruch.

II. — Vom Reiseleiter zum Gute-Laune-Politiker

Die Tradition der Hundertjährigenbesuche  – Die Frau aus New York  – Die Italiener-Witze – Büne Hubers Grossmutter 

Ein Altersheim im Wylerquartier, nahe den Bahngeleisen. Bieri, der Hündeler und Teilzeit-Chauffeur, fährt an den Strassenrand und bleibt sitzen. «Pass uf, dass du ke Parkbuess überchunnsch», sagt Tschäppät, dann drückt er die Zigarre aus und schnappt sich von der Rückbank den Blumenstrauss, den seine Assistentin organisiert hat. Es ist Mittag an diesem Montag im September. Bieri (zu mir): «Schreiben Sie das auf! Den Tschäppät sieht man sonst nie mit einem Blumenstrauss!» – Tschäppät (zu Bieri): «So ein Blödsinn. Immer wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, bringe ich Blumen nach Hause.» – Bieri (zu mir): «Wenn das stimmen würde, hätte er eine Gärtnerei daheim.» Tschäppät lacht. Bieri stopft sich die Pfeife.

Man könnte meinen, sie sei von Tschäppät erfunden worden, so gut passt sie zu ihm – aber die Wahrheit ist, dass es sie schon viel länger gibt, als er im Amt ist: die Tradition, dass Besuch vom Stadtpräsidenten bekommt, wer in Bern hundertjährig wird. Beim Frühstück hat Tschäppät den Lebenslauf der Frau studiert, der er heute die Aufwartung macht. Als er auf den Lift wartet und den Blumenstrauss büschelt, schüttelt er den Kopf und murmelt: «Sieben Kinder, einunddreissig Grosskinder, einundneunzig Urgrosskinder.» Der Lebenslauf steckt in der Jacken-tasche, aber er wird ihn nicht hervornehmen. Als sich im fünften Stock die Lifttür öffnet und Tschäppät ins Foyer tritt, in dem die Hundertjährige, ihre Familie und das Pflegepersonal auf ihn warten, ist es, als würde nicht der Geburtstag der Hundertjährigen gefeiert, sondern die Anwesenheit Tschäppäts.

Einen Augenblick lang ist es still wie in der Kirche, dann plappert Pfarrer Tschäppät drauflos, und alle lachen, auch die Hundertjährige, so geht das eine halbe Stunde lang. «Ich habe Ihnen einen Blumenstrauss mitgebracht, aber Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben. Der kommt von den Steuerzahlern. Prosecco? Das gefällt mir. Bei den anderen Hundertjährigen gibts Verveine-Tee. Ich habe gehört, Sie spielen gerne Halma? Ich habe mir einmal einen Würfel gebastelt mit lauter Sechsern, und dann habe ich beim Halma immer gewonnen. Für Sie habe ich das Mittagessen ausgelassen. Jetzt muss ich halt diese Kalorienbomben von Ihrem Geburtstagsbuffet verdrücken. Einen guten Koch haben Sie hier. Nur sagt mir meine Frau dann wieder, ich hätte bei der Arbeit Gewicht zugelegt. Ich kann Ihnen versichern, dass ich von Herzen gekommen bin, nicht aus Berechnung. Man kann mich ja nicht mehr wählen.»

So ist das mit Tschäppät: Ihm fällt immer etwas ein, zu allem, zu jedem. Wie wenn er als Kind in einen Topf voller Sozialkompetenz gefallen wäre. Oder wie eine Aufziehpuppe, und am Ende sind alle erleichtert, dass er das Reden übernommen hat. Es gibt in Bern Gemeinderatsmitglieder, von denen es heisst, sie seien heilfroh, wenn sie nicht allein zu einem Empfang -gehen müssen, sondern von Tschäppät begleitet werden. Er rettet alles, redet immer. Und er braucht keine Fragen. Nur ein Publikum. Das Publikum ist sein Echoraum, er betrachtet sich durch dessen Augen. Das war schon so, als er noch kein Politiker war.

1971 machte er am Kirchenfeld-Gymnasium die Matura, und weil er Jahrgangsbester war, bekam er eine Tausend-Franken-Prämie. Im Winter zuvor hatte er am Skilift in Wengen eine Amerikanerin kennengelernt, die ihm zugeraunt hatte: «Komm mich mal besuchen.» Er wusste nicht, ob sie es ernst meinte, aber jetzt, am Tag nach dem Abschluss, buchte er im Reisebüro einen Flug und schrieb ihr einen Brief, um seine Ankunft anzukündigen. Als er in New York landete, empfing sie ihn. Zuerst kam er bei ihr unter, dann bei Freunden von ihr.

Ein Dreivierteljahr lang trampte er durch das Land, von Osten nach Westen, er jobbte ein bisschen und schlug sich die Nächte in verrauchten Musikkellern um die Ohren. Er zweifelte nie daran, dass er nach Bern zurückkehren und das Jurastudium in Angriff nehmen würde, aber ihm gefiel das Freisein und Wegsein so sehr, dass er auch später immer wieder fortging. Bis zum Staatsexamen arbeitete er als Reiseleiter für einen Veranstalter, der den Bernerinnen und Bernern damals gerade den Massentourismus brachte. Für die Leute war es eine kleine Revolution, für den Veranstalter ein grosses Geschäft.

Wochenenden in Wien, Berlin, Budapest, Wochen in Indonesien, Vietnam, auf Bali. Die aufwendigsten Reisen waren die in die USA: ein Charterflug, zwölf Tage, dreihundert Bernerinnen und Berner. Tschäppät war der Chef, unterstützt von zwei Handvoll Reiseleiterinnen und Reiseleitern. Wenn die Gruppe eine Delfin-Show für drei Dollar pro Person besuchen wollte, handelte Tschäppät den Preis an der Kasse auf zweifünfzig runter und verschaffte sich und den Kolleginnen und Kollegen etwas Sackgeld. Und wenn die Gruppe in Greyhound-Bussen unterwegs war, zum Beispiel von New York nach Buffalo in zehn beschwerlichen Stunden, fuhr er vorneweg, im Mietauto, im Zug, und machte sich mit den Bewohnern des Städtchens bekannt, in dem die Gruppe übernachten würde. Und wenn die Gruppe eintraf, prangten zur Begrüssung berndeutsche Sätze auf den Leuchttafeln an den Einfallstrassen. Ihn habe das nicht viel Aufwand gekostet, sagt Tschäppät, aber die Leute hätten «ä Schissfröid» gehabt.

Bis heute sprechen ihn auf der Strasse Menschen an, die mit ihm zum ersten Mal über die Landesgrenzen gereist sind, und dann erinnern sie ihn vergnügt daran, wie er ihnen am Flughafen Kloten habe erklären müssen, dass sie den Nescafé und die Landjäger nicht in die USA einführen dürfen. Oder wie er sie am ersten Tag im Hotel stehen gelassen habe, weil sie fünf Minuten zu spät in der Lobby erschienen waren.

Tschäppät sagt: «Reiseleiter ist ein knüppelharter Job. Du musst die Gruppe bei Laune halten, aber du musst auch relativ autoritär den Tarif durchgeben. Wenn du am ersten Tag auch nur fünf Minuten länger als abgemacht mit der Abfahrt wartest, hast du die Gruppe schon verloren. Dann kommen am nächsten Tag ein paar Leute sieben Minuten zu spät, am übernächsten Tag zehn Minuten, und am letzten Tag verpasst du den Flug.»

Tschäppät, der Reiseleiter, und Tschäppät, der Politiker: So weit liegt das gar nicht auseinander. Und vielleicht hat das eine dem anderen sogar den Weg bereitet. Erkennen, wann ein Publikum wegdöst, und spüren, ob ein Spruch gelungen ist oder nicht – das kann kaum ein Politiker so gut wie er. Was nicht heisst, dass er immer rechtzeitig erkennt, wenn etwas danebengeht, oder spürt, wenn er Grenzen überschreitet.

Wie er vor sechs Jahren in einer Berner Bar eine Bühne betrat und sich von einer Mundartband zu einem Lied hinreissen liess, in dessen Refrain Samuel Schmid und Christoph Blocher als Motherfuckers bezeichnet wurden, oder wie er vor drei Jahren einen Gastauftritt im «Comedy Club» hatte und nichts Gescheiteres zu erzählen wusste als Italiener-Witze – das sind beinahe legendäre Beispiele dafür. Es sind lediglich Momente in Tschäppäts öffentlichem Dasein. Aber es sind die Momente, die das Bild, das er von sich zeichnet, glaubwürdiger machen.

Gäbe es die Entgleisungen nicht, müsste man für leeres Geschwätz halten, wenn er sagt: «Ich bin, wie ich bin.» Oder: «Glaubwürdigkeit ist das einzige Kapital eines Politikers.» Oder: «Kritiker würden sagen, ich sei zu wenig reflektiert. Ich sage, ich bin spontan.»

Eine der Fragen, die ich mir zu Beginn des halben Jahres mit ihm gestellt habe: Ist der Tschäppät, den wir sehen, eine Verstellung? Als ich Barbara Geiser darauf anspreche, sagt sie: «Keine Ahnung, wie Sie auf diese Frage kommen.» Geiser kennt Tschäppät seit über dreissig Jahren, sie stammt aus derselben SP-Sektion. Tschäppät und sie sassen im Stadtrat nebeneinander und waren in den Neunzigern gemeinsam im Nationalrat. Ihre Beziehung zu ihm ist nicht konfliktfrei, zum Beispiel ist sie grundsätzlich gegen Ämterkumulation und stört sich daran, dass er neben dem Stadtpräsidentenamt seit 2011 wieder Mitglied des Nationalrats ist. Aber sie mag ihn, und sie sagt: «Dieses Echte, das er ausstrahlt, und diese Nähe, die er verströmt – das ist durch und durch er. Er ist im privaten Umgang nicht anders als im öffentlichen.»

Müsste mit dieser Aufrichtigkeit und Offenheit, die Geiser ihm zuspricht, nicht auch eine Verletzlichkeit einhergehen?

Ich hörte zwar oft, dass Tschäppät verletzlich und durchaus dünnhäutig sei, hörte es von ihm und von den Menschen um ihn herum – aber lange Zeit erlebte ich es nicht. Ich sollte es erst am letzten unserer gemeinsamen Tage erleben.

All die Tage zuvor sind hauptsächlich eine schier endlose Demonstration von Tschäppäts Stadtpräsidentenlaune. Und das ganz ohne Verhaltensunterschied. Den Neuzuzügern, die von der Stadt zweimal pro Jahr offiziell begrüsst und zu einem Apéro eingeladen werden, erzählt er im Rathaus von den 2803 Hunden, die in Bern registriert seien, «zwei davon gehören mir». Von der Hundesteuer, die ab dem dritten Monat zu entrichten sei. Und von den 275 Robidogs, 3700 Hydranten und 21  713 Bäumen, die den Hunden im Gegenzug zur Verfügung gestellt würden.

Den Neupensionierten, denen die Stadt einmal pro Jahr ein Stehdinner offeriert, ruft er in der Dampfzentrale zu: «Wir sitzen im selben Boot!» Und dann versichert er ihnen mit seiner warmen Stimme, die gerade noch Sprüche geklopft hat und jetzt so anders klingt, dass die Ungewissheit der Zukunft als Rentner auch ihm zu schaffen mache. Er steht vorne im Dunkeln und sagt: «Macht das, wofür ihr bisher nie Zeit hattet, besucht einen alten Freund, setzt euch in den Rosengarten. Ich werde es auch tun.»

Und als er in seinem Büro ein Team von «10vor10» zum Interview empfängt und alle ausser ihm noch etwas schläfrig sind, weil der Tag kaum angebrochen ist, setzt er sich an den Konferenztisch und überbrückt die Zeit, bis sich der Kameramann und der Tontechniker eingerichtet haben, indem er vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Er redet über Federer und YB, über Köppel und «Die Weltwoche», über das Strassenmusikfestival Buskers und Berns Flugverkehr. Keine Ahnung, wie er das anstellt, wie er von der Reitschule zur Gewerkschaft Unia zum «SonnTalk» von Markus Gilli gelangt. Aber irgendwie schafft er es.

So geht das Tag für Tag. Alles erledigt er in einem Wisch, und manchmal fragt er: «Reicht das? Oder braucht ihr noch mehr?» Meistens reicht es. Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich mich wundere, dass dieser Mann ja auch noch irgendwas mit Politik macht. Ist er nicht vielmehr das Maskottchen dieser Stadt? Das scheinbar ewig muntere Maskottchen, das sich längst allen politischen Sphären entzogen hat und das man in Bern gar nicht mehr als politischen Faktor begreift? Und wenn ja: Ist das nicht vielleicht die höchste Form von Macht? Es gibt Leute, die Tschäppät vorwerfen, ein Dauerplapperer zu sein. Aber auch diese Leute müssten einsehen, dass das, was er macht, funktioniert.

Zu diesen Leuten gehört Büne Huber, der Sänger von Patent Ochsner, jedenfalls hat er an einem Konzert einmal detailreich ausgeführt, warum er die Nase voll habe von allem Politischen, von allen Politikern – und zuallererst von Tschäppät. Er wirkte enttäuscht, aber in Wahrheit lieferte er nur einen weiteren Beweis dafür, dass Tschäppät sicher nicht gemeint sein kann, wenn wieder jemand sagt, die Politiker, das seien «die da oben». Büne Huber also erzählte, wie sich seine Grossmutter am Tag ihres hundertsten Geburtstags auf Tschäppät gefreut und wie er selbst mit ihr im Altersheim auf den Besuch gewartet habe. Doch dann sei nicht der Tschäppät zur Tür hereingetreten, sondern Regula Rytz, damals Gemeinderätin der Grünen. Die Grossmutter sei darob derart erbost gewesen, dass sie Rytz zum Teufel gejagt habe, ohne sich von ihr gratulieren zu lassen. Ein paar Tage später sei sie gestorben.

Tschäppät kennt die Geschichte, sie ist ihm dutzendfach berichtet worden, seit Huber sie auf der Bühne losgeworden ist. Er sagt: «Wir hätten etwas machen können. Ich hätte es nur vorher wissen müssen.» Er möchte, würde – immerzu. Aber er kann nicht. Seit ein paar Jahren gibt es in Bern derart viele Hundertjährige, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als die Besuche auf den Gesamtgemeinderat aufzuteilen. Denn Tschäppät, dieser Gute-Laune-Bär, ist ja auch noch Stadtpräsident, er macht, genau, auch noch irgendwas mit Politik. Nur ist diese Information, also die Information, dass die Tradition der Hundertjährigenbesuche leider etwas hat justiert werden müssen, offensichtlich noch nicht bis zur Bevölkerung durchgedrungen.

III. — Seine Freunde, seine Feinde

Kaffee im Adriano’s – Vom Umgang mit Neidern und Nörglern – Bern, der «Anti-Wirtschaftsstandort» – Tour de France – Strategie am Rednerpult – Alkoholausschank

«Die klugen Sachen, also die fachlich komplizierten, lasse ich mir manchmal von jemandem schreiben», sagt Tschäppät. «Aber das, was ich über Bern sage, schreibe ich immer selbst.»

Doch bis dahin, bis zur nächsten Rede, ist noch eine Stunde Zeit, und die verbringt Tschäppät an diesem Freitag im Juli mit einem «Angstbisi» und einer Zigarre. Zusammen mit Peter Tschanz, dem Generalsekretär der Präsidial-direktion, sitzt er im Garten des Erlacherhofs, der Blick reicht über das Mattequartier, das unterhalb der alten Stadtmauern an der Aare liegt, bis zum Gurten, dem Hausberg von Bern. Es sind die grossen Ferien, und es ist ein Prachts-tag, einer dieser Tage, an denen Bern sich selbst genügt. Ein Kaffee im Adriano’s, Schlangestehen in der Gelateria di Berna und ein Schwumm in der Aare, dem liebsten Sommerthema der Bernerinnen und Berner, den Kopf unter Wasser und das Rascheln und Klackern der Kieselsteine im Ohr. Ein Lebensgefühl, das Tschäppät in seinen Reden über die Stadt so beschreibt: «Geschter isch sie no achtzäkommazwöi gsi, itz nume no achtzä – ä chli chüeu, oder?»

Dies hier mag die Bundesstadt sein, wie sie laut Verfassung heisst, oder die Hauptstadt, wie Tschäppät sie beharrlich nennt, aber nur in Zürich meinen sie, es mache denen in Bern etwas aus, dass sie im Ausland andauernd mit Zürich verwechselt werden. Dieses Glück, in dem sich Bern suhlt, und diese Überzeugung, im Paradies daheim zu sein: In anderen Momenten ist auch Tschäppät ein Teil davon. Dass er Bern für die schönste Stadt der Welt hält, lässt er jeden wissen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Er ist uneingeschränkt bernbegeistert. Aber die Liebe zu Bern steht auch am Ursprung dessen, was ihm seine Kritiker als Schwäche auslegen. Sie sagen, er lasse sich von seiner Liebe blenden.

Egal, mit wem man spricht, ob mit Politikern von links und rechts oder mit Journalisten: Viele Kritiken ähneln sich. Die SP-Gemeinde-rätin Ursula Wyss, die sich bei den Wahlen am 27. November um Tschäppäts Nachfolge bewirbt, sagt, sie hätte sich manchmal gewünscht, Tschäppät hätte sich stärker für bezahlbaren Wohnraum eingesetzt. Der Unternehmer Peter Bernasconi, der bis 2013 die SVP der Stadt Bern präsidierte, sagt, Tschäppät hätte sich grundsätzlich für mehr Wohnraum einsetzen müssen, zudem habe er die Ausbauten, die er durchsetzte, zu positiv dargestellt. Der frühere «Weltwoche»-Autor Urs Paul Engeler, eine Art journalistischer Erzfeind von Tschäppät, sagt, Tschäppät habe zu wenig für die Förderung Berns als Wirtschaftsstandort getan, «er hat Bern genau genommen als Anti-Wirtschaftsstandort positioniert». Und der Journalist Christoph Lenz, der seit Jahren über Tschäppät schreibt, sagt, Tschäppät habe Glück gehabt. Seine Amtszeit sei in eine Phase gefallen, in der die Schweizer Städte generell florierten: «Die Flut hebt alle Boote.»

Worauf sich all diese Kritiken beziehen:  Bern ist im Vergleich zu anderen Zentren zu wenig gewachsen. Man könnte sagen, dieser Vorwurf sei der Soundtrack von Tschäppäts Amtszeit, aber mindestens ebenso richtig ist es, wenn man sagt, er sei der Soundtrack dieser Stadt. Dieses Glück, in dem sich Bern wähnt, ist eben auch eines, aus dem leicht Selbstzufriedenheit wird, eine Genügsamkeit, die Tschäppät sagen lässt: «Wenn es den Leuten gut geht, ist es schwer, sie von der Notwendigkeit eines Ausbaus zu überzeugen. Zwar findet es niemand schlecht, wenn auf dem Gelände der alten Kehrichtverbrennung oder des alten Gaswerks neue Wohnungen entstehen. Aber solche Orte gibt es wenige in Bern. Bei den meisten Orten, die Wachstumspotenzial hätten, muss zuerst lange über den Konflikt zwischen Natur und Urbanität debattiert werden.»

Einer dieser Orte ist das Vierer- und Mittelfeld, die grosse Stadterweiterung für rund 3000 Einwohnerinnen und Einwohner. Er steht symbolisch für Berns Zögern in Wachstumsfragen und spannt einen Bogen über Tschäppäts Amtszeit. Eine erste Abstimmung ging 2004 knapp verloren. Es war das Jahr, bevor Tschäppät Stadtpräsident wurde, als Direktor für Planung, Verkehr und Tiefbau war er damals verantwortlich für das Projekt. Er sagt, die Niederlage sei die vielleicht schmerzhafteste seiner Karriere. Umso bedeutender der zweite Anlauf zwölf Jahre später. Im Juni 2016 kam die Einzonung von Vierer- und Mittelfeld erneut zur Abstimmung, die lokalen Medien und auch Tschäppät selbst hatten sie zum Prüfstein seiner letzten Legislaturperiode erkoren. Er gewann.

Dass Bern heute eine der finanziell gesünderen Gemeinden der Schweiz ist, nach zig Sparprogrammen unter ihm (allerdings, Pardon, Herr Tschäppät, auch mit unfassbar hohen Steuern), und dass die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner auf 140 000 gestiegen ist, bei immerhin 185 000 Arbeitsplätzen – das zählt Tschäppät zu den anderen grossen Erfolgen seiner Amtszeit. «Da kann man mir lange sagen, den Schweizer Städten gehe es ohnehin gut.» Was er sich nicht zu sagen traut, ich aber immer wieder von anderen höre: dass sein grösstes Vermächtnis in Wahrheit die Reitschule ist. Dass es ihm trotz massiven Widerstands gelungen ist, den letzten Freiraum dieser Art in der Schweiz zu bewahren.

Manchmal hiess es, er habe den Leuten nach dem Mund geredet, Wachstum hier propagiert und dort verteufelt, aber das lässt er nicht gelten. «Natürlich könnte man in Bern auch Platz für 300 000 Einwohnerinnen und Einwohner schaffen. Aber dann würden wir an Lebensqualität einbüssen. Ich habe immer gesagt, Wachstum ist möglich, aber in Grenzen.» Das ist Tschäppät: Treiber und Bewahrer in einem. Vielleicht hat er Bern, seine Liebe, nicht oft genug herausgefordert, vielleicht hat er sich von ihrer Schönheit einlullen lassen. Aber wenn das der Vorwurf ist, der am Ende bleibt, kann er damit leben.

Womit er nicht leben kann, «nicht leben will!», sind «diese Neider, diese Nörgler». Von ihnen ist die Rede, als er mit Peter Tschanz, seinem Generalsekretär, im Garten des Erlacherhofs sitzt. Es ist einer der raren Momente, in denen sogar Tschäppät mit Berns Selbstzufriedenheit hadert. In etwas mehr als einer Woche, Mitte Juli, kommt die Tour de France in die Stadt – «das grösste Radrennen der Welt!», wie Tschäppät nie zu betonen versäumt –, und alle wissen, wem sie das zu verdanken haben. Oder wer ihnen das eingebrockt hat, je nach Sichtweise. Die Tour in Bern ist auch eine Tour de Tschäppät, sein Husarenstück als «Festminister», wie die «Basler Zeitung» ihn genannt hat. Er möchte sich unein-geschränkt freuen können, aber Tschanz schiebt ihm über den Tisch immer weitere Beschwerdeschreiben zu, die zu beantworten sind, und Schadenersatzforderungen, über die zu befinden ist. Jemand will von der Stadt 200 Franken, weil er sich durch die Strassensperren in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlt, und der Anzeiger einer Berner Oberländer Gemeinde fordert 500 Franken, weil er verpflichtet ist, über die Verkehrsumleitungen zu informieren, die die Fahrt des Tour-Trosses von Bern zurück nach Frankreich verursacht.

«Aber wehe, Bern erwidert seine Liebe nicht», hat «Der Bund» einmal geschrieben, und genau darum geht es jetzt: um die in Tschäppäts Augen fehlende Begeisterung für das, was er anreisst. Er sieht in der Tour ein Geschenk für Bern, zumal sie drei Tage bleibt, eine Etappenankunft, ein Ruhetag, ein Etappenstart. Um dieses Geschenk hat er jahrelang gebuhlt, und am Ende hat er sich per Handschlag geeinigt. Über einen von den Veranstaltern unterschriebenen Vertrag verfügt er erst seit ein paar Tagen, seit er mit dem TGV nach Paris gefahren ist und an der Gare de Lyon mit dem Tourdirektor zu Mittag gegessen hat. «Gute Sachen entstehen nicht, wenn man das Pflichtenheft befolgt, sondern wenn man mit den Leuten zusammensitzt und ihnen zeigt, dass man mit dem Herzen dabei ist», sagt er, und er erzählt, wie er sich die Gunst der Organisatoren gesichert hat. Ein Essen im Von-Wattenwyl-Haus, ein Treffen mit Bundesrat Maurer, das volle Programm.

Er erzählt gerne davon, denn das ist die Politik, die ihm entspricht. Und er freut sich, dass er noch einmal recht bekommen, dass diese Politik noch einmal funktioniert hat. Gleichzeitig frustriert ihn, dass sich Bern nicht mit ihm freut und sich stattdessen über ein paar Tramschienen beschwert, die aus Sicherheitsgründen vorüber-gehend zugeklebt werden müssen. «Wie kleinkrämerisch, wie schweizerisch.»

So also ist der Gemütszustand, als er sich auf den kurzen Spaziergang vom Erlacherhof hinüber zum Rathaus macht, wo die Teilnehmer des ETH-Studiengangs Raumplanung seit dem Morgen Projekte präsentieren, die sie zum Thema «Wohnstadt Bern» erarbeitet haben. Tschäppät soll ein Begrüssungswort an sie richten, aber als er eintrifft, sind die Vorträge noch immer nicht beendet, und dann tritt auch noch eine der Veranstalterinnen ans Rednerpult und holt zu ein paar Sätzen aus. Und als endlich Tschäppät an der Reihe ist, ist die Zeit derart fortgeschritten, dass er bald zum nächsten Termin muss, eine Medienkonferenz, die ihm Sorgen macht. Ihm bleiben zehn Minuten. Soll er das Kluge weglassen oder das Persönliche? Er weiss, dass er keine einfache Zuhörerschaft vor sich hat, in Gedanken sind viele bereits beim anschliessenden Apéro, und unter Architektinnen und Architekten geniesst er ohnehin nicht den besten Ruf.

Tschäppät lässt die Notizen liegen, die er sich hat aufschreiben lassen, und holt aus der Jacketttasche zwanzig Zettel hervor, durchnummeriert und mit Stichworten versehen, «Verkehr», «Zibelemärit», «Langsamkeit». Zwanzig Zettel, die zu einer Huldigung an Bern verschmelzen, in zwölf Stadtpräsidentenjahren hundertfach vorgetragen, mal in dieser Reihenfolge, mal in jener. Mal hat er mehr weggelassen, mal weniger, mal hat er dazugedichtet, weil etwas aktuell war, mal hat er sich streng an die Notizen gehalten.

Meistens hat ein Zettel gereicht, und das Publikum lachte, und diesmal braucht er sieben Zettel und zehn Minuten, und alles ist gut. Einige Pointen sind besser, andere schlechter, in der Summe funktionieren sie: «Wussten Sie, dass Einstein vier seiner fünf Relativitätstheorien in Bern verfasst hat? Ich sage Ihnen, was Relativität ist. Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es sei eine Minute. Sitzt man eine Minute auf einem Ofen, meint man, es seien zwei Stunden.» – «Wussten Sie, dass es in Bern noch immer 51 Bauernbetriebe gibt? Sie verfügen zusammen über 579 Schafe, 1949 Schweine und 1147 Stück Rindvieh. Die menschlichen nicht mitgezählt.» – «Wussten Sie, woran man erkennt, dass Bern eine fröhliche Stadt ist? Daran, dass wir nur 43 Restaurants ohne, aber 630 Restaurants mit Alkoholausschank haben.»

IV. — Das Ende schlecht, alles schlecht?

Urs Paul Engeler  – Aline Tredes Knie und #SchweizerAufschrei – Übers Altwerden – Büro «Für Angelegenheiten»

«Ig hätt ä Wett abgschlosse, dass du nid chunsch!», ruft Thömu, Thomas Binggeli, und drückt Tschäppät kumpelhaft an sich. «He!», sagt Tschäppät, «kennsch mi doch.»

Nur Spass. Nie im Leben würde Binggeli darauf wetten, dass Tschäppät nicht kommt. Er weiss, dass Tschäppät kommt, wenn er es versprochen hat. Was er nicht weiss: dass Tschäppät am liebsten nicht gekommen wäre. Nicht heute, da ihm so viel auf dem Herzen liegt. Aber Tschäppät versucht, sich nichts anmerken zu lassen, und wenn ich nicht schon seit dem Morgen mit ihm zusammen wäre, würde vielleicht auch mir nichts auffallen. «Gisch em Alex ä Bändu», sagt Binggeli zu seiner Tochter, die im Backoffice aushilft, «de cha är sich ä Bratwurscht und Pommes ga hole.» Tschäppät holt sich Bratwurst und Pommes, und ich verliere ihn kurz aus den Augen. Als ich ihn wiederfinde, sitzt er beim Eingang des grossen Zeltes auf einer langen Holzbank, die ein bisschen durchhängt, nur er und der Teller, und sagt: «Dert hinge gits Waffle, die muesch unbedingt probiere. Sie si super.»

Wir befinden uns in Oberried in der Gemeinde Köniz. Ein Samstagabend im Oktober, Tschäppäts letzter Termin an unserem letzten gemeinsamen Tag. Hier ist Thömus Veloshop daheim, auf dem Bauernhof seiner Eltern, es ist eine Erfolgsgeschichte. Und einmal pro Jahr ruft dieser Thömu, Thomas Binggeli, zum «Rampenverkauf», wie er das Happening nennt. Eine Woche lang Ausverkauf mit Essen, Trinken und Musik, aus den Boxen ertönt Gölä, die alten Lieder, nicht die neuen, und jeden Abend gibts ein Referat. Tschäppät soll den vielleicht dreihundert Gümmelern, die sich im Zelt eingefunden haben, noch einmal erzählen, wie er die Tour nach Bern geholt hat. Eigentlich hat er sich auf den Auftritt gefreut. Denn das mit der Tour – das ist am Ende ja doch noch gut gekommen, drei Tage Sonnenschein, hunderttausend am Streckenrand, und als alles vorbei war, berichteten sogar jene Medien versöhnlich, die zuvor skeptisch gewesen waren. 

Er und die Tour: Das hätte das Bild sein können, das nach seinem Abschied bleibt. Er und der Tourdirektor, er und der Tourleader, weltweites Fernsehen – und all das für Bern. Was er für sich macht, macht er auch für Bern und umgekehrt, daran hat er immer geglaubt. Aber jetzt, im Oktober, drängt ein anderes Bild in den Vordergrund, eines, über das in der Stadt viele Erzählungen kursieren. Sie stellen Tschäppät in kein gutes Licht, trotzdem sind immer nur Schnipsel an die Öffentlichkeit gelangt. Tschäppät, der Filou, sagen die Leute – aber eben nur hinter vor-gehaltener Hand. Vielleicht ist das so ein Bern-Ding: Man schaut nicht so genau hin, weil ja alles gut ist, wie es ist. Das ist ein Makel, aber auch ein Erfolgsprinzip, und es ist nicht auszuschliessen, dass einer wie Tschäppät nur in einem solchen Klima hat gedeihen können. Es ist ein Klima, in der sich eine Gesellschaft nicht selbst zerfleischt.

Einer der wenigen, die darüber geschrieben haben, ist Urs Paul Engeler, der frühere «Weltwoche»-Autor, ein Zugezogener, der den Berner Journalistinnen und Journalisten vorhält, zu pfleglich mit Tschäppät umgegangen zu sein. Er hat den Vorwurf, Tschäppät neige im alkoholisierten Zustand zu Anzüglichkeiten gegenüber Frauen, recht eindeutig formuliert. Engeler ist einer, der mit dem Zweihänder austeilt, einmal schrieb er, Bern sei unter den Rot-Grünen (und damit unter Tschäppät) «zu einem Magnet für Autonome, Arme, Auszubildende und Alkoholiker» geworden. Das ist Unsinn, und das kann man ihm auch sagen. Aber wenn man mit ihm über Tschäppät spricht und am Ende sagt, man werde die Zitate zum Gegenlesen schicken, sagt er: «Keine Sorge, ich nehme nichts zurück. Ich würde eher noch verschärfen.»

Als Tschäppät und ich uns an diesem Samstagmorgen im Oktober zum «Miuchgaffee» in der Universitätsbibliothek treffen, sieht er älter aus, als er ist, angeschlagen und abgekämpft. Zum ersten Mal in diesem halben Jahr habe ich den Eindruck, dass er unsicher ist, ob es eine gute Idee war, sich auf mich einzulassen. Er wirkt angreifbar, als frage er sich, ob er mir zu viel von sich gezeigt hat. Als ich das Aufnahmegerät einschalte, sagt er: «Muss das sein, so früh am Morgen?» Und als er zu reden beginnt, sagt er mehr als einmal: «Das ist dann aber nicht zum Schreiben.» So etwas hat er vorher nie gesagt. Dieser Tschäppät, der die Menschen duzt und in die Arme nimmt, zieht sich gerade zurück. Ich habe mich bis hierhin ein paarmal gefragt, ob die Nähe, die er zulässt, auch ein Selbstschutz ist. Ob er die Menschen auch darum an sich heranlässt, damit sie ihm nicht wehtun. Wer sich selbst auf die Schippe nimmt, bewahrt sich davor, von anderen verletzt zu werden.

Es ist eine kluge Taktik für einen wie ihn. Die SP-Gemeinderätin Ursula Wyss, die auf seine Nachfolge schielt, hat ihn als einen beschrieben, dem «vieles nahegeht». Und sie hat gesagt: «Mich hat immer beeindruckt, wie sehr er die Stadt und die Leute liebt. Am liebsten wäre er für jeden Einzelnen da gewesen. Und im Zweifel hat er das Persönliche über das Politische gestellt.» Es ist aber auch darum eine kluge Taktik, weil Tschäppäts Politik geradezu darauf ausgelegt ist, dass ihm Fehler unterlaufen.

Er nennt es die 80-Prozent-Politik: lieber loslegen und am Ende nur 80 Prozent richtig machen, als gar nicht loslegen aus Angst, nicht 100 Prozent richtig machen zu können. Er ist nicht der kleinteilige Schaffer. Barbara Geiser, seine frühere Sitznachbarin im Stadtrat, hat in diesem Zusammenhang gesagt: «Er verbeisst sich nicht in Details, das ist Aufgabe seiner Stabsmitarbeitenden. Seine Stärke liegt in der Konzeption, im Netzwerken und in seiner politischen Intuition.» Das andere, diese 100-Prozent-Politik, die ihm zuwider ist, glaubt er in Teilen in der neuen Politikergeneration zu erkennen, in den «Teflon-Politikern», wie der grüne Stadtrat Luzius Theiler sie bezeichnet hat. Es ist die Politik des Abwägens und Zögerns, der Beraterstäbe und Kommuni-kationsbeauftragten. «Ich habe nie einen Presse-sprecher gehabt», sagt Tschäppät jetzt. «Aber vielleicht hätte ich einen haben sollen.»

Dieser Pressesprecher – er ist eine Metapher für etwas Grösseres. Wir spazieren über den Bundesplatz, wo er später eine kleine Rede auf der Ladefläche eines Lastwagens halten wird, und Tschäppät sagt, er frage sich, ob er sich weniger zugänglich hätte geben sollen, um weniger verletzt werden zu können. Die ewigen Vergleiche mit seinem Vater. Die Sprüche, er gebärde sich wie der König von Bern. Oder die ständigen Journalistenanrufe wegen der Reitschule, wenn es wieder einmal «getätscht» hat, wie er sagt, «und man mich dafür verantwortlich macht», verantwortlich für die Reitschule, die er immer verteidigt hat, weil er findet, dass die Stadt ohne sie ärmer wäre – all das habe ihn getroffen.

Und es hat nicht nur ihn getroffen. Vor ein paar Jahren hat er, der Vater zweier Kinder aus erster Ehe, der «Berner Zeitung» gesagt: «… wer auf Tschäppät schiesst, [muss] auch wissen, dass er nie nur ihn trifft. Sondern auch Leute, die gar nichts dafür können. Mein jüngster Sohn macht eine Lehre als Elektriker, arbeitet auf dem Bau. Er bekommt viel zu hören und ist nicht immer gerne mit dem Nachnamen angeschrieben.»

Und an diesem Samstagmorgen kommt eben alles zusammen. Sooft er ungerechtfertigt am Pranger gestanden haben mag, als Stapi, der irgendwie für alles zuständig ist, was in der Stadt geschieht, selbst wenn er nichts damit zu tun hat – diesmal ist es anders. Es geht um etwas, bei dem es selbst denen, die ihm gut gesinnt sind, schwerfällt, ihn zu verteidigen. Es ist die Woche des «Schweizer Aufschreis», Frauen und Männer haben unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei über Sexismus im Alltag getwittert und eine Debatte ausgelöst, deren unschönes Gesicht nun plötzlich Tschäppät ist. Im Regionalsender TeleBärn hat die ehemalige Grünen-Nationalrätin Aline Trede erzählt, wie Tschäppät ihr bei einem Kochwettbewerb die Hand aufs Knie gelegt habe. Tschäppät hat nur schriftlich Stellung genommen, liess ausrichten: «Ich bin mir keiner solchen Situation bewusst. Sollte eine solche Berührung je stattgefunden haben, so hatte sie höchstens einen kollegialen, aber sicher keinen sexuellen Hintergrund.»

Um auf die Frage zurückzukommen, die ich mir zu Beginn meines halben Jahres mit Alexander Tschäppät gestellt habe: Nein, er ist keiner, der schwer zu begreifen ist. Er hat nicht zwei Gesichter, eines vor und eines hinter der Bühne, er hat nur eines. Und dieses Gesicht sagt nun, dass es dazu stehe, nie ein Kind von Traurigkeit gewesen zu sein – «bitte zitieren!» –, und dass er viele Fehler gemacht habe, «auch solche, die ich bereue und ungeschehen machen möchte». Es klingt wie eine Entschuldigung. Und wie ein Versuch, nicht in die Falle jenes Mannes zu tappen, der sich in der Opferrolle inszeniert.

Und dann sagt Tschäppät, und auch das höre ich zum ersten Mal: «Es ist gut, wenn alles vorbei ist. Es ist jetzt dann gut, dass ich nicht mehr Stadtpräsident bin.» Das sagt einer, der immer gewusst hat, dass er in die Politik gehen will, der aber nicht in die Politik gehen wollte, solange sein Vater in der Politik war. «Wir hätten uns unweigerlich aneinander aufgerieben oder wären gegeneinander ausgespielt worden». Im Todesjahr seines Vaters trat Tschäppät der SP bei.

An einem anderen Tag würde er gewiss anders reden, würde ihm viel mehr in den Sinn kommen, das er vermissen wird, als nur die «vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten.» Aber jetzt, an diesem Tag, scheint er das Ende kaum erwarten zu können. Er hat ja noch das Nationalratsmandat, und vorsorglich hat er das Büro «Für Angelegenheiten» gegründet, eine Art Beratungs-agentur, die er mit ein paar Kolleginnen und Kollegen betreiben wird. «Ich will nicht im Selbstmitleid versinken und morgens keinen Grund mehr zum Aufstehen haben.» Aber er will auch nicht der Alte sein, der den Jungen dreinredet, «und ich hoffe, dass ich nicht ständig das Gefühl haben werde, zu allem etwas sagen zu müssen».

Wir drängen uns an den Marktständen vorbei durch die Münstergasse, Tschäppät kauft sich einen Salsiz und lässt sich von den Leuten grüssen, aber er grüsst zurückhaltender zurück als sonst, mehr Kopfnicken, weniger «hoi zäme!». Er sagt: «Weisst du», auch mich duzt er längst, «ein alter Mann hat nicht mehr immer recht. Das ist gut so.» Es ist, als würde er es auf alles beziehen, das ihm gerade durch den Kopf geht, die Sexismus-Vorwürfe, die elende Nahbarkeit – und auch auf das, was er jetzt wie aus dem Nichts zum Thema macht. Zu Beginn seiner letzten Legis-laturperiode hat er gesagt, er wolle einen Stadt-inspektor einführen, jemanden mit Autorität und einem Hut, auf dem «Stadtinspektor» steht, der sich um das Aussehen der Altstadt kümmert. Die Leuchtreklamen der Geschäfte, die doofen Werbeaushänge – sie machen ihn fertig. Er zeigt hierhin und dorthin, zeigt auf das grelle M der McDonald’s-Filiale, «gehts noch!», sagt er, «mitten in diesen wunderschönen Sandsteinbauten». Aber die Idee mit dem Stadtinspektor ist nicht gut angekommen. «Äbe, ig bi aut.»

Als wir am Abend von Thömus «Rampenverkauf» zurück in die Stadt fahren, er am Steuer, ich neben ihm, und er mich bis zur Haustür bringt, zeigt er wieder hierhin und dorthin, zeigt auf den neuen Europaplatz, den Bahnhofplatz, den Bundesplatz, Zeugen seiner Amtszeit. Der Himmel ist pechschwarz, die Lichter der Stadt ziehen an uns vorbei, es ist seine Stadt, immer noch. «Ich glaube», sagt er, nachdem er lange geschwiegen hat, «dass die schlechten Sachen, die man gemacht hat, irgendwann vergessen gehen und in Erinnerung bleiben die guten. Wenn die Leute in zehn Jahren zurückblicken auf die Zeit, in der ich Stadtpräsident war, werde ich mich geschmeichelt fühlen, und die, die auf mich gefolgt sind, werden sich ärgern. Als ob früher alles besser gewesen wäre! Ich kenne das. Ich habe mich auch immer geärgert, wenn die Leute im Nachhinein über meinen Vater geredet haben. Da war viel Verklärung dabei.» Und dann spricht er plötzlich gar nicht mehr. Er stellt mir eine Frage. Und hört einfach zu.

Der Fotograf Anoush Abrar lebt in Lausanne und London