Vorwärts!

Eine Kolumne von Hans Ulrich Obrist

Das Magazin N°46 – 19. November 2016

46_huoSchon die Anreise lohnt sich. Eine gute halbe Stunde fährt man mit dem Auto von Toulouse durch eine idyllische Landschaft und biegt dann kurz vor dem Wallfahrtsort Lourdes nach Norden, bis man vor einem Tor steht, das – auf Russisch – mit zwei Worten beschriftet ist: «Bleib stehen!» in roten und «Geh!» in weissen Buchstaben.

Dahinter beginnt ein sehr eigenartiger Komplex, eine Industrieanlage und einstige Eisengiesserei, die umgewandelt wurde in eine Produktionsstätte politischer Kunst – die in Galerien und Biennalen heute eher selten zu sehen ist. Der russisch-britische Sammler Andrej Tretjakow hat auf Anregung des Künstlers Andrei Molodkin diesen Ort gekauft und seiner Stiftung a/political zugeeignet. Künstler, denen das Politische am Herzen liegt, haben hier auf Einladung Platz zum Wohnen und Arbeiten und bekommen die rare technische Möglichkeit, riesige Skulpturen herzustellen. Einer der eingeladenen Künstler war der Mann, der auch das Eingangstor beschriftet hat: Erik Bulatov.

In den Achtzigerjahren, zur Zeit von Glasnost und Perestroika, war er zu einiger Berühmtheit gelangt, nicht zuletzt dank der Kunsthalle Zürich, die Bulatov 1988 die erste Einzelausstellung ausserhalb Russlands widmete. Bulatov entwirft grossformatige Landschaften und Stadtansichten und übermalt diese dann mit Wörtern oder Sätzen, die oft ein Oxymoron bilden. So wie «Bleib stehen!» und «Geh!». Auch hier in der Foundry hat Bulatov Buchstaben und Worte gebaut. Diesmal allerdings verlassen sie erstmals die Leinwand, denn sie sind aus Stahl. Aus riesigen kyrillischen Lettern, 290 Zentimeter hoch und 90 tief, türmte er im Inneren der Industriehalle den Satz auf: «Es ist alles gar nicht so beängstigend.» Die bedrohlichen Buchstaben stehen zu diesem Satz in offenbarem Widerspruch – wie ja auch, sagte mir Bulatov bei meinem Besuch dort, die gegenwärtige politische Situation widersprüchlich ist: Einerseits toben zwischen Russland und dem Westen keine Kämpfe, und man spricht miteinander, andererseits herrscht unter-einander eine Rhetorik wie zu den schlimmsten Zeiten des Kalten Kriegs.

Noch ambivalenter ist das zweite in Stahl gegossene Wortpaar, das draussen vor der Halle steht. «Vorwärts» hat Bulatov zweimal hintereinander angeordnet und die Buchstaben in strahlendem Sowjetrot lackiert. Nur ist nicht klar, wohin es vorwärtsgeht. Denn die Buchstaben stehen im Kreis.

www.a-political.org; www.thefoundry.fr

Bild links: Jonathan Leibson/Getty Images for Variety; Bild rechts: Erik BulatoGO / STOP)  240 x 550cm Photo (c) Andrei Molodkin