Von Caspar Shaller

Das Magazin N°47 – 26. November 2016

«Manchmal denke ich, es wäre leichter, mich einfach mit HIV anzustecken – dann wüsste ich wenigstens, woran ich bin», sagt Jakob *, als er in seinem BMW über eine Ostschweizer Autobahn rast. Draussen fliegen grüne Wiesen vorbei, auf denen Kühe grasen, dazwischen liegen aufgeräumte Dörfer. Die Idylle wirkt weit weg von Krankheit, Angst und Tod. Doch das ist das Perfide an HIV: Es lauert überall, auch hier, unter der Oberfläche des Pastoralen. «Ich möchte endlich Sex haben können, ohne diese Angst», sagt der Vierzigjährige mit dem getrimmten Bart und packt das Lenkrad fester. Er treibt Sport, geht ins Fitnessstudio, trinkt Protein-smoothies, ernährt sich vegan. Er kümmert sich um seinen Körper, als wolle er ihn gegen die Seuche rüsten.

Jakob gehört zur ersten Generation schwuler Männer, die mit HIV aufgewachsen sind – und mit dem Gedanken: Wenn du Sex hast, wirst du sterben. Du wirst langsam, ohne es zu merken, von einem Virus ausgehöhlt, bis sich blutige Male auf deiner Haut bilden. Deine Zunge wird von Pilzen zerfressen werden, und du wirst als ausgemergeltes Skelett enden. In Zeitungen wird stehen, dass du eine Gefahr bist und es verdient hast zu verrecken, als Strafe für deinen ekelhaften Lebenswandel.

Mit dieser Bedrohung könnte es nun vorbei sein, seit die EU-Kommission am 1. September eine Revolution verkündet hat: Die Kommission entschied, das Medikament Truvada zuzulassen, gemeinhin «Prep» genannt, für Präexpositionsprophylaxe. Wer Prep regelmässig nimmt, steckt sich nicht mit HIV an. Das Präparat wird als Durchbruch gefeiert, als das Ende von Aids. Es verspricht, uns die Angst vor ungeschütztem Sex zu nehmen, die uns seit den 1980er-Jahren begleitet. Seit dem Aufkommen von Aids ist Sex gedanklich mit Tod verbunden, unter schwulen Männern sollen mehr als die Hälfte beim Akt ans Sterben denken. Nimmt diese psychologische Tragödie nun ein Ende? Bricht eine neue Ära der sexuellen Freiheit an, ohne Kondome und Krankheiten?

Jakob will Prep nehmen. Er hat gerade eine langjährige Beziehung beendet, möchte «sich ausleben», wie er sagt. In der Schweiz ist Prep zwar noch nicht offiziell zugelassen, doch sein Arzt hat Jakob weitergeholfen. «Der wollte es mir nicht verschreiben, aber durch die Blume hat er mir gesagt, wo man es in Zürich bekommen kann. Und dort haben sie mir dann erklärt, dass sie es mir nicht besorgen können, aber wo ich es im Internet bestellen kann. Mein Arzt wird mich dann medizinisch begleiten, wenn ich es nehme.» Doch das Markenprodukt Truvada ist teuer. «Heilandsack, das kostet 900 Franken im Monat», ruft Jakob. Er bestellt sich stattdessen ein Generikum im Internet – für 150 Franken im Monat.

Prep ist eine Kombination verschiedener Stoffe, die beiden Hauptwirkstoffe sind Tenofovir und Emtricitabin, die bisher vor allem zur antiretroviralen Therapie gebraucht wurden – als Teil des Medikamentencocktails also, den HIV-Positive nehmen, um den Ausbruch von Aids zu verhindern. Das Virus inkubiert erst eine Weile, oft über mehrere Jahre, bis es die tödliche Krankheit auslöst. Oder, durch die richtige – antiretrovirale – Behandlung, eben auch nicht. Prep wird von der amerikanischen Pharmafirma Gilead Sciences produziert, die die Stoffe seit über zehn Jahren vertreibt. Bald aber merkte man, dass sich damit nicht nur bereits Infizierte behandeln lassen, sondern auch die Ansteckung verhindert werden kann. Seit 2012 ist das Medikament in den USA zugelassen und seit vergangenem Jahr auch in Frankreich und Grossbritannien. Es wird sogar von der Krankenkasse bezahlt.

1990 starb David Kirby im Kreise seiner Familie. Die zärtliche, würdevolle Aufnahme wurde zum ikonografischen Bild der Krankheit Aids und veränderte den Umgang mit HIV-Infizierten. (Bild Therese Frare;  David Kirby on his deathbed, Ohio, 1990 David’s father and David›s sister, Susan)

1990 starb David Kirby im Kreise seiner Familie. Die zärtliche, würdevolle Aufnahme wurde zum ikonografischen Bild der Krankheit Aids und veränderte den Umgang mit HIV-Infizierten. (Bild Therese Frare;  David Kirby on his deathbed, Ohio, 1990 David’s father and David›s sister, Susan)

Was ist Prep? – Eine Anleitung für Laien

Am Ende der Autobahn, über die Jakob mit seinem BMW donnert, liegt St. Gallen. Im dortigen Kantonsspital öffnet Pietro Vernazza ein Fenster, um eine Fliege aus seinem Büro zu lassen. Er vertreibt den Störenfried – einen potenziellen Keimüberträger – mit einer energischen Handbewegung und faltet sich auf einem Sessel zusammen, die Beine übereinandergeschlagen. Vernazza, einer der weltweit führenden Infektiologen, war bis 2015 Präsident der Eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit (EKSG). Die Kommission veröffentlichte 2008 eine bahnbrechende Arbeit – das «Swiss Statement» –, in der nachgewiesen werden konnte, dass HIV-Positive, die sich in antiretroviraler Therapie befinden, nicht ansteckend sind.

Vernazza erklärt langsam, für Laien, wie Prep wirkt: «HIV nistet sich nach der Übertragung in den weissen Blutkörperchen ein – genauer: in deren Erbsubstanz. Dieser Prozess kann durch HIV-Medikamente blockiert werden. Wenn das Medikament allerdings schon vor der Übertragung in genügender Konzentration in den Zellen ist, funktioniert das Umschreiben der Erbsubstanz gar nicht erst. Das verhindert die weitere Ausbreitung im Körper.» Anders gesagt: Prep hindert das HI-Virus  daran, sich fortzupflanzen, sich in neuen Zellen einzunisten. Man muss den Körper also mit dem Wirkstoff fluten, dann kann das Virus nicht in die Zellen eindringen.

Die Vorteile von Prep liegen auf der Hand: Wer das Medikament nimmt, kann gemäss mehreren Studien zu 99 Prozent sicher sein, sich nicht mit HIV anzustecken – wenn er die Pille wirklich jeden Tag nimmt. Würden alle Prep nehmen, könnte HIV so gut wie ausgerottet werden.

Allerdings gibt es eine scharfe Debatte um Prep: Die Nebenwirkungen können massiv sein, das Medikament ist teuer. Kritiker befürchten zudem, dass sich Prep-Nutzer in falscher Sicherheit wiegen und nur noch ohne Kondom Sex haben, was zu der Verbreitung anderer Geschlechtskrankheiten führen könnte. Diese sind zwar in der Regel mit Antibiotika therapierbar, doch tauchen immer mehr resistente Erreger auf.

Pietro Vernazza findet Prep in der Schweiz für die allermeisten Personen unnötig. «In der Prävention will man mit geringem Aufwand viel erreichen. Breit angewandt, wäre Prep für die Schweiz höchst ineffizient», findet der Infektiologe. Der Grund dafür liegt darin, dass in der Schweiz – im Gegensatz zu den USA und anderen Ländern – die meisten Personen mit einer HIV-Infektion gar nicht ansteckend sind, weil sie antiretroviral behandelt werden. Das Risiko, auf eine unbehandelte, HIV-infektiöse Person zu treffen, ist enorm klein, das Kosten/Nutzen-Verhältnis einer Prep-Behandlung dementsprechend ungünstig.

Prep ist dort wichtig, wo Menschen einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, etwa im subsaharischen Afrika. Das Risiko einer jungen Frau in Afrika, sich mit HIV anzustecken, liegt bei 20 Prozent. «Warum sollte eine Sexarbeiterin in Kenia nicht Prep bekommen? Dann könnte sie sich nie anstecken. Das wäre hocheffizient.» Auch in den USA, wo Prep zuerst zugelassen wurde und von einigen Krankenversicherern bezahlt wird, liegt die HIV–Behandlungsquote in gewissen Regionen unter derjenigen mancher afrikanischer Länder. Vernazza hat selbst lange in den USA gearbeitet, in Chapel Hill, North Carolina, wo, wie er sagt, viele Leute keinen Zugang zur Therapie haben und schlecht versichert sind. Nur in besonderen Fällen gibt es auch in der Schweiz Personen, für die sich Prep lohnen könnte: «Wenn ein Mann für ein Wochenende an eine Sex-party mit anderen Männern geht, dann hat er dort ein hohes Infektionsrisiko. Deshalb hat die Eidgenössische Kommission für Situationen mit hohem Risiko Prep explizit empfohlen. Aber nur für hohe Risiken.»

Diese Risikoabwägung teilt Ben * nicht. «Woher haben denn all die Leute HIV, wenn niemand mehr ansteckend ist?», ruft er und wirft theatralisch die Hände in die Luft. Der 29-jährige Zürcher nimmt seit einigen Wochen Prep. «Ich hab mir dafür ein Rezept von meinem Arzt geben lassen», erzählt er, «der ist auch schwul, da ist so was einfacher.» Auch Ben bestellt sich Generika im Internet. «Ich hab mich aber für einen Anbieter entschieden, der ein Rezept verlangt. Der wirkte einen Tick seriöser.» Binnen einer Woche lag ein Paket mit den Pillen in seinem Postfach. «Mein Arzt hat gesagt, es sei wichtig, dass ich alle drei Monate komme, um mich testen zu lassen, nur schon wegen der Leberwerte.» Denn die Nebenwirkungen von Prep haben es in sich. Dazu gehört – neben Übelkeit, Nieren- und Leberschäden – auch eine Verringerung der Knochendichte. «Ach», Ben winkt ab, «ich kenne viele Leute, die seit mehreren Monaten oder sogar Jahren Prep nehmen – bei denen ist alles okay.» Was ist mit den anderen Geschlechtskrankheiten, vor denen Prep nicht schützt? Auch diesen Einwand lässt Ben nicht gelten. «Man kann sich Tripper und Chlamydien auch bei einem normalen Blowjob holen», sagt er und verdreht die Augen. «Ein gewisses Risiko gehört zum Leben, du kannst dir auch in der S-Bahn eine Grippe holen.» Die meisten Geschlechtskrankheiten seien ohnehin einfach zu behandeln: «Wichtig ist, dass man sich regelmässig testen lässt. Wenn man eine Woche in Barcelona war und findet: Okay, die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir hier was geholt habe, weil ich eine Riesenhure war, ist sehr gross – dann muss ich mich testen lassen», sagt er. In den USA, wo er viele Freunde habe, «da sagen sie nur: Wir haben alle nur noch ohne Kondom Sex. Jeder ist auf Prep.»

Tatsächlich ist in den USA Prep viel stärker verbreitet als in der Schweiz oder im Rest Europas. Zwar sind dort laut offiziellen Zahlen erst 50 000 Rezepte ausgestellt worden, doch es ist anzunehmen, dass sich eine um ein Vielfaches höhere Zahl Menschen illegale Prep-Generika einfach im Internet bestellt. Seit das Präparat 2012 in den USA zugelassen wurde, gibt es eine fast popkulturelle Verehrung von Prep, mit Facebook-Gruppen, Fansites, T-Shirts und Tupperwarepartys.

Wer Prep nimmt, so sagen seine Verteidiger, übernehme Kontrolle über sein Leben, er schütze sich selbst und könne so viel Sex haben, wie er will, frei von jedem Risiko. In diese Mentalität passt auch die neue Modedroge Crystal Meth. Diese Droge wird vor allem von Armen konsumiert, weil sie so billig ist, aber auch immer häufiger von schwulen Männern, um länger Sex haben zu können. In London, Berlin und auch in Zürich häufen sich sogenannte Chemsex-Partys, an denen Menschen stunden- bis tagelang Sex haben. Die Droge hält wach und steigert das Verlangen. Allerdings verhindert sie auch die Befriedigung. Es ist die Droge unserer Zeit: Immer mehr, immer härter – genug gibt es nicht. Du kannst so viel Sex haben, wie du willst, solange du deine kleine blaue Pille schluckst.

Das pharmapornografische Regime

Der spanische Queertheoretiker Paul Preciado sieht diese Pharmakologisierung der Lust in einem weiteren Kontext. Mit der Antibabypille habe eine Entwicklung begonnen, die einen Menschen fast lebenslang an eine Droge binde. Nun sei dies auch bei Männern zu beobachten, indem Medikamente rund um Aids erfunden werden. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch «Testo Junkie» postuliert Preciado, unsere Gesellschaft befinde sich in einem «pharmapornografischen Regime»: «Der zeitgenössische Kapitalismus macht die reine Genusskraft produktiv, ob in pharmakologischer Form (als Tablette), in pornografischen Repräsentationen oder in Sexdiensten.»

Der Traum der 68er und der Schwulenbefreiungsbewegung sei vom Konsum gekapert worden. Früher sei es verboten gewesen, Sex ausser zu Reproduktionszwecken zu haben. Doch heute heisst es: «Nein, nein, du kannst so viel  und so oft, wie du willst, aber deine Pille musst du nehmen.»

Prep und der Widerstand dagegen repräsentieren zwei Seiten in einem weltanschaulichen Konflikt, der weit über das Thema Aids hinausgeht: kontrollierte Sexualität gegen hedonistisch entfesselte Sexualität. Und wir erleben gerade den Übergang vom Disziplinarregime zum pharmapornografischen Regime, symbolisiert von einer kleinen blauen Pille. «Zum ersten Mal sind pharmakologische Technologien an männliche Körper gerichtet. Begonnen hat es mit Viagra. Die Pille erfand die technologische Menstruation, nun erfand Viagra die technologische Virilität», sagt Preciado.

«Das Ziel der pharmapornografischen Technologien ist die Produktion eines folgsamen Körpers, der sein totales Vergnügungsvermögen selbst herstellen und erzeugen kann und es in den Dienst der Produktion des Kapitals stellt», schreibt er in «Testo Junkie». Es besteht nicht nur die Möglichkeit, Spass zu haben, sich sexuell auszuleben, es besteht ein Zwang dazu: Wir alle müssen immer mehr Spass haben. Unser Genuss muss immer grösser werden, Essen immer besser, Sex immer erfüllender – und vor allem öfter.

In den USA wird Prep von Kritikern wie Michael Weinstein, dem Präsidenten der AIDS Healthcare Foundation, der grössten Aids-Organisation, deshalb als «Partydrug» bezeichnet. «Drug» bedeutet auf Englisch sowohl Droge als auch Medikament. Prep fördere bloss promiskes Verhalten, so Weinstein. Menschen, vor allem schwule Männer, würden mit dem Medikament dazu animiert, ungeschützt mit wechselnden Partnern Sex zu haben. Der Chefredaktor eines Magazins für HIV-Positive bezeichnete Prep als «ein profitgetriebenes Sexspielzeug für reiche Westler». Gilead, der Hersteller, hingegen betont, man rette Leben, und stellt sich als Held der Innovation dar: «Die Möglichkeit, unbefriedigte medizinische Bedürfnisse zu stillen, inspiriert uns», schreibt der Konzern auf seiner Website. Auch die Marketingsprache rund um Prep ist vom Geist der Wohltätigkeit beseelt: Marginalisierten Gruppen werde ein Werkzeug in die Hand gegeben, um sich zu schützen. Die Debatte wird hitzig geführt. Prep-Gegner bezeichnen Prep-Nutzer als «unverantwortliche Schlampen». Pro-Prep-Aktivisten wiederum versuchten den Begriff für sich umzudeuten und druckten T-Shirts mit dem Aufdruck: «Truvada Whore» (Truvada-Schlampe).

Warum entbrennt ein solcher Kampf um ein Medikament? Wahrscheinlich, weil HIV und Aids zu den am meisten überhöhten Krankheiten unserer Kultur gehören. An ihnen kristallisiert sich nicht nur die Einstellung zu Sexualität und Tod, sondern auch politische Kämpfe. Aids besiegelte das Ende der sexuellen Revolution, die Krankheit begründete den reaktionären Backlash, in dem wir noch immer gefangen sind. Susan Sontag schrieb in den 1980er-Jahren in ihrem Buch «Aids und seine Metaphern», die Krankheit nähre die Zweifel an vielen Idealen der aufgeklärten Moderne: Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung, das Ende der Ehe und der Familie, wahren Individualismus und endlosen Hedonismus. «Hört auf rumzuvögeln, lebt monogam, sonst werdet ihr sterben!» Das war die Botschaft, die angesichts einer unheilbaren Krankheit hängen blieb, das war die Bresche, in die eine konservative Gegenbewegung eindringen konnte. «Das Verhalten, das Aids stimuliert, ist Teil einer grösseren, dankbar angenommenen Rückkehr zu dem, was als Konvention gesehen wird», schreibt Sontag.

Das Ende der Schwulenbefreiung

Auch in der Schweiz läutete die Aidskrise das Ende der sexuellen Revolution ein, sagt Peter-Paul Bänziger, während er in einem Zürcher Café in seinem Tee rührt. «Anfang der 1980er gab es die Meinung, dass HIV eine Strafe für die ungezügelte Sexualität der Homosexuellen oder gar eine Folge der sexuellen Revolution insgesamt war», sagt der Historiker, der an der Universität Basel zu Sexualität forscht. «Der Studentenbewegung war der Befreiungsaspekt wichtig. Sie vertrat die Ansicht, dass es im Kapitalismus nicht zur Revolution kommt, weil die Leute in ihrer Sexualität eingeengt werden und ihre Energien zum Arbeiten gebraucht werden. Man unterdrückt die Sexualität der Menschen, um sie besser ausbeuten zu können, ihre libidinösen Energien werden umgelenkt.»

Man hoffte, durch die Befreiung der Sexualität sichtbar zu machen, dass es mehr gebe als das kapitalistische Leistungsstreben. Aus diesem Denken entstand in den 1970er-Jahren auch die Schwulenbefreiungsbewegung, sagt Bänziger: «Sie wollte die Befreiung von der Unterdrückung, sah das aber im Zusammenhang mit grösseren emanzipativen Forderungen, wie den allgemeinen Menschenrechten oder dem Umsturz des kapitalistischen Systems.» Befreiter Sex als Befreiung des Menschen aus seiner kapitalistischen Unterjochung.

Mit dem Aufkommen von Aids, das Sex generell diskreditierte, haben sich dann auch die politischen Ideale der sexuellen Befreiung erledigt. Die Schwulenbewegung wurde leiser und bürgerlicher. Man wollte nicht radikal andere, sondern exakt die gleichen Ideale der bürgerlichen Gesellschaft. «Dazu gehört auch die Homo-Ehe. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.» Aber wird dadurch nicht gesagt: Das ist die einzig akzeptable Lebensform? Sexuell abweichend darf nur sein, wer trotzdem in die Agglo zieht und sich einen Hund zulegt?

«Was soll dagegen sprechen?», fragt Daniel Seiler von «Aids-Hilfe Schweiz» zurück. «Ich bezeichne mich als Allgemeinbevölkerung, auch wenn ich Sex mit einem Mann habe. Sie können mich ruhig einen Bünzli nennen, damit kann ich gut leben.»

Schweiz: führend in der HIV-Forschung

Die Schweiz war das erste Land der Welt, das offiziell anerkannte, dass HIV-positive Menschen, die behandelt werden, nicht ansteckend sind. Die USA dagegen weigern sich bis heute zuzugeben, dass HIV-Positive dank Therapie ein Leben wie alle anderen führen können – namentlich ein Sexualleben ohne Kondom. «Die Diskussion in den USA mutet fast religiös an», sagt der Infektiologe Pietro Vernazza in St. Gallen. «Es darf nicht sein, dass eine HIV-positive Person Sex ohne Kondom hat. Du bist selbst schuld! Lebenslang nur noch mit Kondom, das ist deine gerechte Strafe.» Doch wie passt Prep in dieses Denkmuster, weshalb haben gerade die USA das Medikament als erstes Land der Welt zugelassen? «Wenn man denkt, jemand mit HIV sei schuldig, macht man sich doch mit normalem Verhalten, also beim Sex, schuldig», sagt Vernazza, «mit Prep habe ich eine Methode, um die Schuld von mir zu weisen. Ich kann sagen: Schaut, ich schütze mich vor der Schuld.»

Und weiter: «Dass Prep – korrekt eingenommen – funktioniert, ist ja keine Überraschung. Neu daran ist nur, dass Prep jetzt so breit propagiert wird. Und ich frage mich, wie viel von der Prep-Euphorie durch reines Marketing entstanden ist.» Die ersten beiden Studien, welche entgegen früheren Resultaten dem Medikament eine recht gute Wirksamkeit attestierten, seien vorzeitig abgebrochen worden, nachdem erst ein Viertel der geplanten Patienten behandelt waren. «Wer weiss, hätte man gemäss Plan weiterbehandelt, wären die Resultate auch wieder schlechter ausgefallen?»

Gilead Sciences, das das Prep-Medikament Truvada herstellt, produziert auch Sovaldi, ein Medikament zur Behandlung von Hepatitis C. Keines dieser Medikamente wurde vollständig von Gilead entwickelt, doch die Firma verlangt horrende Preise dafür. Truvada kostet 11 000 Franken im Jahr, Sovaldi sogar 40 000 Franken. Die Médecins Sans Frontières haben Gilead 2015 für seine Preispolitik scharf angegriffen, die Organisation habe noch nie erlebt, dass eine Pharmafirma ihre Profitinteressen derartig über die Interessen der Patienten stelle. Jeffrey Sachs, Direktor des Sustainable Development Solutions Network der UNO, nannte Gilead vergangenes Jahr eine «Firma, getrieben von unstillbarer Gier».

Der amerikanische Senat startete wegen der hohen Medikamentenpreise eine Untersuchung der Geschäftspraktiken von Gilead. In internen Memos und Präsentationen hat die Firma festgehalten, dass sich bei höheren Preisen zwar weniger Menschen eine Behandlung leisten können, dies für Gilead jedoch trotzdem profitabler sei, als die Medikamente günstiger abzugeben. «Ich möchte mich nicht zu den ethischen Praktiken von Gilead äussern», sagt Vernazza dazu, «aber man sieht, wie stark auf Betroffenengruppen eingewirkt wird, auch mit Geld. Diese Beeinflussung finde ich einzigartig.»

Es ist schwierig, Ärzte oder Wissenschaftler zu finden, die über Prep sprechen wollen. Interviews mit Ärzten werden abgesagt, bereits geführte in letzter Sekunde zurückgezogen. Eine Ärztin versuchte gar, bei Präventionsorganisationen Einfluss darauf zu nehmen, wer mit «Das Magazin» sprechen sollte, um die ihrer Ansicht nach richtige Meinung zum Thema herauszustellen.

HIV ist vermintes Gelände. In vertraulichen Gesprächen wird auf die Sorge verwiesen, konservative politische Kräfte könnten das Aufkommen von Prep als Ausrede benutzen, um Skandale über sexuelle Minderheiten zu provozieren oder gar um der Präventionsarbeit Fördergelder zu streichen. Man will also nicht zu offen für Prep werben. Andererseits ist die Pharmafirma als Sponsor an vielen Organisationen beteiligt. Man möchte es sich daher auch nicht mit Gilead verscherzen und öffentlich gegen Prep Stellung beziehen.

Die Situation in der Schweiz

Gilead hat das Medikament in der Schweiz noch nicht zur Zulassung angemeldet. Doch auch nach einer Zulassung würden die Kosten nicht durch die Krankenkasse gedeckt werden, sagt Daniel Seiler von «Aids-Hilfe Schweiz». Seine Skepsis gegenüber Prep ist in der Anwendungsempfehlung begründet, die Gilead seinen Kunden mitgibt, nämlich Prep und Kondome zu benutzen. «Wenn ich beides nehmen muss, warum soll ich die Chemie nehmen? Warum soll ich etwas in meinen Körper reinschmeissen, das nachweislich auch Nebenwirkungen auslöst, wenn ich das Kondom hab, das denselben Schutz bietet?»

Genau das haben Aids-Organisationen seit über dreissig Jahren gepredigt. Kondome wurden verteilt an Partys, auf der Strasse und in Schulen, das ganze Land war jahrzehntelang zugepflastert mit Werbung. Jedes Kind kennt die Präventionskampagnen, die ermahnen, Kondome zu gebrauchen, auch im Urlaub, im Dschungel, auf dem Mars, egal, wo man ist. «Die ganzen Aids-Organisationen waren früher Kondomfundamentalisten», sagt Pietro Vernazza. Doch 2008 stellte die von ihm präsidierte Kommission klar, dass es gar keine Anhaltspunkte gab, wonach HIV-Positive, die in Behandlung sind, für ihre Partner noch ansteckend sind. «Wir mussten die Diskussion auflockern. Die Schweiz war das Land mit den meisten gerichtlichen Verurteilungen, von Leuten, die angeblich andere beim Sex gefährdet haben. Auch wenn sie das Virus – weil gut behandelt – gar nicht übertragen konnten!»

Diese Ungerechtigkeit nahm mit dem «Swiss Statement» ein Ende, das bewies, dass die Virenlast durch die antiretrovirale Therapie so weit gesenkt wird, dass das Virus im Blut nicht mehr feststellbar ist. Dadurch hat das «Swiss Statement» vieles erleichtert: «Ich war selbst erstaunt zu hören, wie gross die Erleichterung bei Betroffenen war, nicht mehr ansteckend zu sein», erzählt Vernazza. «Diejenigen, die am meisten gelitten haben, waren die, die Angst hatten, ihre Partner anzustecken. Sie standen immer unter einem inneren Druck. Dann sagt jemand: Hey, easy, du musst keine Angst mehr haben.» Er lächelt. «Natürlich hat das dazu geführt, dass der, ich sag mal, unnötige Gebrauch von Kondomen zurückgegangen ist. Möglicherweise wird heute auch weniger über Kondome geredet.»

Lieber Prep statt Kondome?

Ben glaubt nicht an Kondome. Er bemerkt auch, dass immer weniger Leute Kondome verwenden. «Die Angst vor der ganzen HIV-Sache wird immer kleiner. Meiner Meinung nach ist diese Kondompflicht eine gesellschaftliche Heuchelei.» Er verschränkt die Arme vor der Brust. «Manchmal hab ich Kondome benutzt, manchmal nicht. Und dann hab ich Panik geschoben: Ui nei, hab ich mich angesteckt? Ich bin sehr hypochondrisch veranlagt. Was ich mir alles schon an Symptomen eingebildet habe, das war wirklich krankhaft, von Lymphknoten, die angefangen haben zu schmerzen, bis zu Ausschlägen, von denen mein Arzt nicht sagen konnte, was es war», erzählt er. «Dann lieber Prep.»

Aber wo genau liegt denn das Problem, ein Kondom zu benutzen? «Ich hatte drei Jahre eine monogame Beziehung, da habe ich mich dran gewöhnt, ohne Kondom Sex zu haben. Wenn ich ein Kondom anziehe, passiert es 75 Prozent der Zeit, dass mein lieber Kollege nicht mitmacht.» Doch was, wenn Leute ihre Tablette nicht regelmässig nehmen? «Ach, das ist reine Routine. Du stehst auf, putzt die Zähne, daneben liegen die Pillen. Das ist doch viel einfacher, als wenn du mit jemandem in der Kiste bist und dann ist man voll dabei und vielleicht noch betrunken und dann heissts: Moment, Moment, Moment, wir müssen jetzt noch die Kondome rausnehmen, ou, zu weit weg … Ich finde das ein grösseres Risiko, als einen Tag die Pille zu vergessen.»

Auch Jakob hat bemerkt, dass der Kondomgebrauch zu sinken scheint. «Ist schon schöner ohne Kondom, aber bis jetzt war das auch nie ein Problem. Mich stören Kondome nicht mal, aber es fragen immer mehr Leute, ob wir nicht ohne Kondom Sex haben können.» Kann man sagen, Jakob nehme Prep wegen der Ansprüche anderer? Er lächelt verlegen. «Ich stehe auf jüngere Männer, ich möchte mich noch ausleben können, bevor ich denen zu alt bin.» Und gerade Jüngere wollten auf das Kondom verzichten. «Ich merke ja selbst, wie sich auch bei mir etwas verändert. Schon in der Fantasie finde ich es geiler, es mir ohne Kondom vorzustellen», sagt Jakob. «Und ich schaue viel mehr Pornos, in denen die ohne Kondom … Das gabs ja früher nicht! Meine Generation kennt Pornos nur mit Kondom.» Er staunt über die neue kondomfreie Welt wie ein Kind im Süssigkeitenladen. «Vor ein paar Jahren war das noch nicht so, da war alles zugepflastert mit Postern, und an jeder Party hat man Kondome in die Hand gedrückt bekommen, wo draufstand ‹Stop Aids› und weiss der gugger was.»

Daniel Seiler von «Aids-Hilfe Schweiz» zupft sein eng geschnittenes Hemd zurecht. «Es gibt Leute, die sagen, es gebe einen Spermafetisch, weil über Jahre Sperma eine verbotene Flüssigkeit war, mit der man nicht in Kontakt kommen durfte», das könne einer der Gründe für das neue Interesse an kondomfreiem Sex sein.

Wie sehr sich die Einstellung zu HIV verändert hat, merkt man nicht nur an Prep und der erodierenden Pflicht zum Kondom. Die Veränderung spiegelt sich auch in Facetten unserer Kultur, wo man es nicht erwarten würde. Etwa im Trend zum Bart. Mit dem Aufkommen von Aids verschwanden Körperhaare bei Männern. Sie waren ein Markenzeichen der Lederkerle und Bären gewesen, die die promisken 1970er-Jahre verkörperten und von Aids dahingerafft wurden. Schwule Männer wollten sich in den 1990ern von den «Seuchenschleudern» abgrenzen und mit haarlosem Oberkörper und bartfreiem Gesicht Jugendlichkeit und Hygiene ausstrahlen. Ein Trend, der wie alle Trends bei Minderheitengruppen begann und sich irgendwann im heterosexuellen Mainstream als «Metrosexualität» manifestierte. Als dann in den Nullerjahren die antiretrovirealen Therapien genügend wirksam wurden und HIV keinem Todesurteil mehr gleichkam, kehrten die Haare langsam zurück, zuerst in die Gesichter schwuler Grossstadtmänner, dann bei ihren Nachbarn, den heterosexuellen Hipstern, bis  die Veränderungen in der Einstellung zu Sex, Tod und Körperlichkeit, als Haare manifestiert, auch im Gesicht von Roger Schawinski landeten und damit im Establishment. 

* Name von der Redaktion geändert.