Darauf gleich noch einen!

Wie die Weihnachtsfeier mit den Bürokollegen war, hat man nach dem rituellen Gelage tags darauf meist schon vergessen.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°48 – 3. Dezember 2016

Das sind die gefährlichsten Tage des Jahres. Erstens ist es dunkel und kalt, wir brauchen Trost. Zweitens ist die Weltlage erklärungsbedürftig, wir brauchen einen Schuss Optimismus, am besten flüssig. Drittens ist überraschenderweise in knapp drei Wochen Weihnachten, wir haben noch viel zu erledigen, zum Beispiel das Weihnachtsessen mit der Firma, das Weihnachtsessen mit der auswärtigen Verwandtschaft und den Adventcocktail, den die lieben Freunde wie jedes Jahr spontan einberufen haben.

Eigentlich stammt das Wort Feier, mittelhochdeutsch vire, althochdeutsch fi(r)a, spätlateinisch feria vom lateinischen Wort feriae ab, das Tage bezeichnet, «an denen keine Geschäfte vorgenommen werden». Für Weihnachtsfeiern aller Art gilt das Gegenteil: Sie sind, um es amerikanisch zu sagen, part of the deal. Man sucht sich nicht aus, ob man an ihnen teilnimmt. Die Teilnahme ist obligatorisch, man könnte auch sagen: ein echtes Stück Arbeit.

Die Arbeit besteht darin, die paradoxe Situation ohne allzu grosse Schrammen zu bewältigen. Denn keine Feier lädt hinterhältiger zum Alkoholmissbrauch ein als die Weihnachtsfeier, und nie passt das Bonmot des englischen Schriftstellers und Alkoholmissbrauchsexperten Martin Amis besser: Wenn man trinkt, hat man in der Früh ein Problem. Und wenn man nicht trinkt, dann am Abend.

Denn Weihnachtsfeiern haben mit dem Silvesterabend einiges gemeinsam: Sie wecken unrealistische Erwartungen in Sachen Spass, Unterhaltung und gemeinschaftlicher Freude, und weil sie die nicht befriedigen können, landet die Veranstaltung ersatzweise im Exzess. Ich erinnere mich nur mit zusammengekniffenen Lippen an Momente an der grossen Tafel, als die Unterhaltung plötzlich ausdünnte und dann ganz verstummte, worauf die schweigenden Festgäste beherzt zum Glas griffen und es vor lauter Angst, etwas sagen zu müssen, erst wieder absetzten, als es geleert war. Die Kellnerin kam gar nicht mit Nachschenken nach, und nach drei simultanen Wiederholungen waren die meisten so betrunken, dass die Feier doch noch lustig wurde.

Und bevor jetzt der Zwischenruf erschallt, dass man auch ohne Alkohol lustig sein kann: eher nicht.

Der Rausch, schreibt Daniel Schreiber in seinem Buch «Nüchtern. Über das Trinken und das Glück», sei die gesellschaftliche Norm, die Intoxikation eine anthropologische Konstante, die man durch die gesamte Menschheitsgeschichte verfolgen könne. Selbst die alten Ägypter brauten bereits Bier und notierten auf langen Bahnen Papyrus nicht weniger als 700 angemessene Einsatzmöglichkeiten von Opium. «Alkohol und Drogen», so Schreiber, «waren schon immer ein Ausweg für Menschen, die traurig, gelangweilt oder wütend waren.» Damit umschreibt er ziemlich exakt die psychologische Gemengelage, auf der die meisten Weihnachtsfeiern aufgebaut sind, deren Teilnehmer uns am nächsten Vormittag mit tiefen Schatten unter den Augen begegnen, die aber auf die Nachfrage, ob das Fest ein Spass gewesen sei, mit hochgezogenen Schultern reagieren. Keine Ahnung. Alles vergessen.

Nie wird so viel getrunken wie im Advent. Das beginnt bei würdelosen Heissgetränken wie Punsch und Glühwein, führt zu den O-Tannenbaum-Cüplis und Lass-uns-schnell-noch-ein-Bier-trinken-bevor-wir-da-reingehen-Gläsern, bevor die unvermeidlichen Kopfwehweine ausgeschenkt werden, die der Finanzchef persönlich ausgewählt hat (was wiederum die Flucht der Auskenner an die Bier- und Champagnertheken plausibel erklärt).

Einziger Trost: Lang dauert dieser Advent nicht mehr.

Darauf kann man getrost einen trinken.