Von Das Magazin

Das Magazin N°51/52 – 17. Dezember 2016

60 —Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei?

Genetisch gesehen, war das Huhn zuerst da. Seine DNA enthält das Gen Ovocleidin-17, das für die Bildung der Eierschale verantwortlich ist. Aus Sicht der Evolution kam jedoch das Ei zuerst, denn das Huhn dient dem Ei nur zur Produktion eines neuen Eis. Eine von beiden Antworten ist also immer richtig oder falsch.

Ben Moore, Professor für Astrophysik an der Universität Zürich

61 — «Sind deine Eltern Architekten? Du bist so gut gebaut.» ein guter Anmachspruch ist das nicht. Kennen Sie einen besseren?

Über die Jahre war dieser Spruch mein erfolgreichster: «Wollen Sie mich heiraten?» Aber Vorsicht, verwenden Sie ihn nicht zu oft.

Roger Moore, legendärer James-Bond-Darsteller, viermal verheiratet

62 —Was mache ich, wenn mir der Zug vor der Nase weggefahren ist?

In Selbstmitleid zu verfallen oder dem Ärger über die Unpünktlichkeit der SBB freien Lauf zu lassen – das ist keine gute Lösung. Stattdessen könnten Sie sich die Geräusche, die Sie gerade hören, als Glocke vorstellen, deren Erklingen Sie aus dem Frust reisst, hinein in eine wertfreie Gegenwart. Also tief durchatmen und die Situation aus einer anderen Perspektive betrachten: Die nächsten Minuten vertun Sie nicht in ungeduldigem Warten, sondern erkennen, dass sie Ihnen geschenkt wurden. Diese gewonnene Zeit kann eine Gelegenheit sein, um wieder einmal in Ruhe nachzudenken und sich zu fragen: Wo stehe ich in meinem Leben?  Wohin will ich eigentlich? Damit spart man sich gleich die nächste Therapiesitzung! Oder Sie geniessen diesen Moment und praktizieren Gehmeditation: Langsam und bewusst den Bahnsteig auf und ab spazieren und dabei jeden Schritt mit einem Atemzug koordinieren. Vielleicht sehen Sie plötzlich Dinge, die Sie sonst nie beachtet hätten: Da steht freundlich lächelnd ein Mensch auf dem Perron und schaut einem Kind zu. Da sitzt ein kleiner Hund und wartet geduldig neben seinem Frauchen. In jedem Moment des Lebens gibt es etwas Schönes, worauf man seine Aufmerksamkeit richten kann. Jeder entscheidet selbst, ob er es auch sieht. Denn jeder ist der Schöpfer seines eigenen Lebens.

Marcel Geisser, Haus Tao

63 —Bei welchem Neuwagen bekomme ich die meisten PS pro Franken?

Nehmen Sie den Ford Mustang. In den USA kostet er neu eigentlich gar nichts und hat im Zweifelsfall so viele PS, dass die meisten US-Petrolheads ihren Mustang direkt bei der Ausfahrt nach einem Cars & Coffee-Treffen in die Böschung oder den Gegenverkehr schleudern. Das Internet ist voller Videos, die das schenkelklopfend verbreiten. Bei uns bekommt man den 317-PS-Mustang für rund 40 000 Franken. Da kann man ja nicht meckern. Er sieht breitbackig aus, und für alle Steve-McQueen-Fans gibt es einen Schuss Nostalgie in der Silhouette. Leute wie ich, die neue Autos schlecht ertragen, würden einen Maserati 4200 GT empfehlen. Ein Geheimtipp. Gute Fahrt – und: Never lift!

Ulf Poschardt, Chefredaktor der deutschen Zeitung «Die Welt», fährt einen alten Elfer, Baujahr 89 (G-Modell)

64 — Wie werde ich ein besserer Mensch?

Live beneath your means. Return every-thing you borrow. Stop blaming other people. Admit it when you make a mistake. Give clothes not worn to charity. Do something nice and try not to get caught. Listen more; talk less. Every day take a 30-minute walk. Strive for excellence, not perfection. Be on time. Don’t make excuses. Don’t argue. Get organized. Be kind to people. Be kind to unkind people. Let someone cut ahead of you in line. Take time to be alone. Cultivate good manners. Be humble. Realize and accept that life isn’t fair. Know when to keep your mouth shut. Go an entire day without criticizing anyone. Learn from the present. Don’t sweat the small stuff. It’s all small stuff.

Aus dem Brief eines unbekannten Quäkers

65 — Wie lange muss ich meine Hände waschen, bis sie wirklich sauber sind?

45 bis 60 Sekunden Händewaschen mit normaler Seife und Reibung, mit lauwarmem Wasser, kann die Bakterienzahl um einen Logarithmus von zwei verringern. Das heisst, von 1000 Bakterien bleiben nach dem Händewaschen noch 10 übrig. Im normalen Alltag reicht das, aber in medizinischen Institutionen braucht es eine effizientere Methode. Ein alkoholisches Desinfektionsmittel, 20 bis 30 Sekunden in die Hände eingerieben, ersetzt das herkömmliche Händewaschen und reduziert die Anzahl der Bakterien bis zu einem Logarithmus von 6. Trotzdem macht es im Alltag keinen Sinn, für die Händehygiene Alkohol oder sonst ein Desinfektionsmittel zu benützen. Es genügt, sich die Hände regelmässig gründlich zu waschen. Dabei kann man eigentlich nichts falsch machen, ausser eben, es nicht zu tun.

Dr. med. Didier Pittet, Professor an der Universität Genf

66 — Warum ist es auf Werbeanzeigen für Uhren immer zehn nach zehn?

In der 10-nach-10-Position verdecken die Zeiger weder den Herstellernamen noch den Kalender (bei drei Uhr) oder andere dekorative Elemente auf dem Zifferblatt. Zudem erinnert die Uhr an ein ausgeglichenes, lächelndes Gesicht.

Philippe Peverelli, Rolex Group, ehemals CEO Tudor Watches, jetzt zuständig für Roledeco

67  — Wie kaufe ich Kunst?

Sie stehen da vor mehreren unlösbaren Aufgaben gleichzeitig, die unlösbarste aber ist diese: Sie müssen Ihrem Geschmack vertrauen, obwohl Sie vermutlich keinen haben. Ich spreche da aus Erfahrung. Mein erstes Kunstwerk, eine signierte und nummerierte Lithografie, habe ich vor dreissig Jahren gekauft. Die Arbeit hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Werk meines norwegischen Landsmanns Edvard Munch und zeigte eine melancholische, dunkelhaarige Schönheit, vor der drei eifersüchtige Männer durch einen roten Himmel flogen. Mich erinnerte die Frau an meine Ex-Freundin, und ich wollte den Druck unbedingt haben. Viel Geld hatte ich nicht, aber der Künstler liess sich dazu überreden, mir seine Arbeit für zwei Flaschen mittelguten Bordeaux zu überlassen. Das Bild habe ich immer noch. Den Wein haben wir natürlich am gleichen Abend noch vernichtet. Es ist ein mässiges Bild von einem mässigen Künstler, das ich an jenem Tag nur wegen meiner Gefühlslage kaufte, denn ich hatte Liebeskummer.

Ein Bild, das man sofort mag, das einen aber auch sehr bald zu nerven beginnt. Ich lernte damals zwei Dinge. Erstens: Man muss eine Entscheidung treffen, wenn man Kunst kaufen will. Die meisten zögern so lange, bis ihnen jemand anderes das Bild wegschnappt. Zweitens: Spring über den Zaun, wo er am höchsten ist, sagen wir in Norwegen. Schau dir mehr Kunst an, lies und sprich über Kunst, suche Galeristen, die deine Interessen teilen – und bringe sie dazu, dir ihre besten Arbeiten zu verkaufen.

Eigentlich ist es gar nicht so schwer: Grosse Kunst ist grosse Kunst und alles andere eben nicht, aber um das eine vom anderen unterscheiden zu können, dauert es eben eine Weile. Es ging mir mit der Kunst wie bei meiner ersten Besteigung des Mount Everest: Denke voraus, reise mit leichtem Gepäck, und lass deine Angst zu Hause.

Erling Kagge ist ein norwegischer Kunstsammler («A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art»)

68 — Wie mache ich beim Sprung vom Drei-Meter-Brett eine gute Figur?

Der beste Sprung ist der Kopfsprung. Sie sollten nicht aus dem Stand springen, sondern mit Anlauf. Die Idee ist, in einem Bogen zu springen. Wichtig: Nicht sofort die Arme über dem Kopf zusammenführen, sondern sie lieber ausbreiten wie Flügel – die Schultern dabei entspannen, sonst sieht es ängstlich aus, und man verliert die Kontrolle. Erst wenn man das Wasser unter sich sieht, führt man die Arme über dem Kopf zusammen. Eine Hand greift dabei die andere, die Handinnenflächen sind nach aussen gedreht, sie treffen zuerst aufs Wasser und öffnen einen Tunnel in der Oberfläche, durch den der Körper ohne grosses Platschen ins Wasser sticht.

Orlando Duque, erfolgreichster Klippenspringer der Welt

69 — Welches Land hat das schnellste Internet?

Südkorea. Die Schweiz liegt auf dem achten Platz.

Akamai Technologies

70 — Woran erkenne ich, dass ich jemanden nicht mehr liebe?

Wie alt sind Sie? Falls Sie noch jung sind und noch nicht lange in einer Beziehung, dann sollten Sie die Sache beenden, sobald Sie sich diese Frage stellen. Laufen Sie! Seien Sie frei! Es gibt so viele wunderbare und sexy Menschen. Falls Sie jedoch schon älter sind und in einer längeren Beziehung, sollten Sie sich nicht von Tälern in einer Liebe täuschen lassen. Es wird Zeiten geben, in denen Sie nicht viel empfinden für Ihr Gegenüber. In denen Sie es vielleicht sogar hassen.

Der Punkt ist, Sie dürfen nichts Verrücktes oder Entscheidendes tun, solange Sie im Tal sind – warten Sie, bis Sie den Berg der Selbsterkenntnis erklimmen. Denn dann plötzlich kommt die Liebe zurück. Und dann – woah! – ein neues Tal. Mit der Zeit lernen Sie: Das ist nicht bedrohlich, das ist interessant. Oder aber Sie merken: Das ist langweilig, weil ich diesen Weg mit einem langweiligen Menschen gehe. (In letzterem Fall beenden Sie die Beziehung, auch wenn Sie diese langweilige Person irgendwie lieben.)

Miranda July, Schriftstellerin («Zehn Wahrheiten»)

71 — Wie finde ich zu Gott?

Die einfachsten Fragen sind die schwierigsten. Wie finde ich zu Gott?  ist nicht identisch mit der nur geringfügig anders lautenden Frage: Wie finde ich Gott? Bei der zweiten sitzt einer hinter einem Okular und sucht ein seltsames Objekt, während es bei der ersten um einen Weg und um eine Begegnung geht, die mich und mein Selbstverständnis grundlegend verändert. Also nie Fundsache, nie gesicherter Besitz und reproduzierbare Erkenntnis, sondern existenzielle Erfahrung und Erneuerung. Die Aussage, dass Glaube ein Geschenk sei, ist keine Ausflucht – genauso wenig wie der Rat, die Frage umzukehren: Wie findet Gott zu mir? Denn die Geschichte der philosophischen Gottesbeweise hat zu logischen Verhedderungen, zu Verstiegenheiten und verengten Dogmatismen geführt, mit denen Kant und andere zu Recht aufgeräumt haben.

Die Frage, wie Gott zu mir finden kann, kehrt die Blickrichtung um, schärft die Wahrnehmung dafür, wo ich selber durch mein Denken, durch religiöse oder positivistische Weltanschauungen, genauso wie durch mein Leben und Tun das verhindere, wonach ich mich sehne: eine Begegnung mit jenem Geheimnis, welches mit dem beschmutzten, missbrauchten Wort «Gott» nur dürftig benannt ist.

Der Rat, die Frage umzukehren, ermuntert dazu, mit all jenen Hindernissen, jenen nicht aufgearbeiteten Trümmern des Kinderglaubens, aber auch mit seltsam rationalistischen Verengungen aufzuräumen. Deshalb gehört Religionskritik – als Sichtung des eigenen Götzenglaubens – zu jeder mündig gewordenen Religiosität. «Bei den meisten Menschen gründet sich der Unglaube in einer Sache auf blinden Glauben in einer anderen», sagte der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg.

Das muss man für sich selbst in Angriff nehmen und Wege frei machen. Aber man wird es nie ganz allein tun können. Übungsorte und Erfahrungsoasen gibt es dafür zuhauf, wie religiöse Feiern, Konzerte, Naturerlebnisse, Kunsträume, Literatur und Gespräche – man könnte hier ja mal versuchsweise den Tunnelblick durch Weitwinkelaufmerksamkeit ersetzen.

Niklaus Peter, Pfarrer am Fraumünster in Zürich und Kolumnist bei «Das Magazin»

72 — Wie mache ich das Rührei so gelb wie im Hotel?

Zum Glück gar nicht. In vielen grossen Hotels – überall dort, wo das Rührei fertig in dafür vorbereiteten Rechauds auf die Frühstücksschlemmer wartet, die so etwas essen – wird Rührei mit Eipulver und Farbe hergestellt. Ich nehme an, dass Sie Ihres lieber mit echten Eiern machen. Faustregel: Auf je kleinerer Flamme Sie Ihr Rührei zubereiten, desto cremiger und köstlicher kommt es heraus. Wenn es dabei ein wenig blass aussieht: Noblesse oblige.

Christian Seiler, Foodkolumnist bei «Das Magazin»

73 — Wieso wartet man oft eine Ewigkeit auf Bus oder Tram, und dann kommen gleich mehrere dicht hintereinander?

Die sogenannte Pulkbildung ist die grosse Herausforderung des öffentlichen Verkehrs. Was passiert da? Der Fahrplan macht Annahmen über die Anzahl Passagiere, die an jeder Haltestelle in Bus oder Tram ein- und aussteigen. Wenn nun an einer oder mehreren Haltestellen hintereinander dieser Prozess länger dauert als erwartet, also mehr Fahrgäste ein- und aussteigen als geplant, dann wächst die Zahl der Fahrgäste systematisch auch an den folgenden Haltestellen an, da dort aufgrund der Verspätung ebenfalls mehr Personen warten. Bei den nachfolgenden Bussen und Trams verhält es sich genau umgekehrt: Sie finden weniger Fahrgäste vor als erwartet und holen auf. Nach einer Weile bildet sich so der berüchtigte Pulk. Was kann man tun? Es gibt diverse Möglichkeiten, um gegenzusteuern, die meisten aber sind bei den Fahrgästen nicht sehr beliebt:

— an Haltestellen vorbeifahren, um Zeit gutzumachen,

— an Haltestellen nur aussteigen lassen,

die folgenden Busse warten lassen,

— den vollen Bus vorzeitig wenden und alle seine Fahrgäste aussteigen lassen, die dann in die «leeren» Busse einsteigen können.

Kay W. Axhausen, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme, ETH Zürich

74 — Woran erkenne ich einen Lügner?

Achten Sie auf die Körpersprache des Gegenübers, besonders auch auf seine Augenbewegungen. Wenn Sie fragen: «Was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Küchenfenster blicken?» oder: «Ist der Einschaltknopf Ihres Staubsaugers grösser als der Klingelknopf an Ihrer Haustür?», dann versucht sich die Person an etwas zu erinnern, was sie wirklich gesehen hat. Sie wird also die Wahrheit sagen. Bei solch «bildlichen» Erinnerungen wandern unsere Augen nach links oben. Wenn sich die Person aber eine Geschichte ausdenkt, also lügt, arbeitet die rechte Gehirnhälfte, und die Augen bewegen sich nach rechts oben, weil das Gehirn ein Bild konstruiert. Wenn wir etwa sagen: «Stellen Sie sich ein grünes Dreieck in einem roten Kreis vor», malt sich die Person dies aus, weil sie es noch nicht gesehen hat, und die Augen werden eher nach rechts wandern. Ein weiteres Merkmal ist der «Pinocchio-Effekt»: Das Lügen erhöht unseren Blutdruck und bringt die Nervenenden an der Nase zum Kribbeln. Unwillkürlich reibt man mit der Hand die Nase, weil diese «juckt».

Weitere Indizien: Lügner verzichten häufig auf Wörter wie «ich» oder «mich». Einfaches Beispiel: Angenommen, jemand kommt zu spät zu einer Verabredung. Wenn er dann sagt: «Der Akku des Handys war leer», sollten Sie instinktiv misstrauischer sein, als wenn er sagt: «Ich konnte dich nicht anrufen, weil der Akku meines Handys leer war.» Ich muss aber einschränkend sagen, dass besonders die nonverbalen Körpersignale mehrdeutig sind. Ich habe mich bei den weit über 1000 Personen, die ich im Laufe meines Arbeitslebens vernommen habe, deshalb nur äusserst selten auf die körperlichen Reaktionen verlassen und rate angehenden Polizisten, eher ihrem Bauchgefühl zu folgen.

Aus Sicht des Verhörleiters geht es darum, das Gegenüber im Zweifel darüber zu lassen, wie viel wir über seine Geschichte wissen. Wir dürfen natürlich nicht selber lügen, dürfen nicht sagen: «Wir haben deine Fingerabdrücke am Tatort gefunden» – obschon wir sie nicht gefunden haben. Wir dürfen aber fragen: «Bist du sicher, dass wir deine Fingerabdrücke nicht am Tatort gefunden haben?» Nun beginnt der Verdächtige zu zweifeln, und an seinen nächsten Antworten können wir erkennen, ob er die Wahrheit sagt oder nicht.

Bernhard Hiltbrand, ehe-maliger Dienstchef Regionalfahndung Biel-Seeland und Ausbildner Einvernahmetechnik bei Polizei und Armee

75 — Warum haben sich Menschen vor Jahrtausenden entschieden, an Orten wie Sibirien, der Sahara oder auf Grönland zu bleiben, wenn doch das Klima dort ein Überleben sehr schwierig macht?

Haben sie das? Vielleicht erscheint uns das Leben in Polar- oder Wüstengebieten wesentlich schwieriger und unattraktiver, als es für die Menschen, die sich in solchen Umweltverhältnissen eingerichtet haben, tatsächlich ist. Möglicherweise gab es ja gar keinen Grund wegzugehen. Man kann die Perspektive aber auch umdrehen und fragen, weshalb die Menschen die Savanne überhaupt verlassen und fast die ganze Erde – inklusive Polar- oder Wüstengebieten – besiedelt und dabei ein enormes Anpassungspotenzial unter Beweis gestellt haben. Angesichts der geringen Bevölkerungsdichten in der Frühzeit der Menschheit ist Bevölkerungsdruck als Impuls eher unwahrscheinlich. Doch was war es dann?

Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel

76 — Wie bekomme ich in der Schweiz Asyl?

Die genauen juristischen Wege sind verschlungen, aber vereinfacht gesagt ist es so:

Wenn Sie als Flüchtling in dieses Land kommen und bleiben wollen, müssen Sie beweisen, dass Sie daheim in Lebensgefahr sind. Sie bekommen verschiedene Möglichkeiten, dies zu beweisen. Am wichtigsten sind zwei Interviews. Das erste dauert weniger als eine Stunde, das zweite manchmal einen ganzen Tag. Zwischen den Interviews können mehrere Jahre liegen.

Bei diesen Interviews erzählen Sie den Beamten, warum Sie hierherkamen und warum Sie Ihre Heimat verlassen haben. Sie müssen bei allen Interviews Ihre Geschichte erzählen, und zwar immer mit den gleichen Details. Schreiben Sie sich Ihre Geschichte noch vor der Ankunft in der Schweiz auf, damit Sie Ihre Gedanken ordnen und nichts vergessen oder verwechseln. Denn falls Sie bei einem Interview beispielsweise erzählen, Sie seien im März von der Polizei verhaftet worden, und einige Jahre später erzählen Sie beim zweiten Interview, die Verhaftung habe im April stattgefunden, dann zweifeln die Behörden an der Glaubhaftigkeit der Geschichte.

Am besten ist es, wenn Sie Ihre Situation belegen können. Falls Sie etwa einen Haftbefehl besitzen, der gegen Sie ausgestellt wurde, können Sie damit Ihre Glaubwürdigkeit steigern. Allerdings sollten Sie nicht allzu viele Belege vorlegen, denn dann können die Behörden misstrauisch werden und vermuten, dass Sie ein Scheinflüchtling sind – dass Ihre Papiere leicht erhältlich sind und daher keine Beweiskraft haben oder dass Sie sie gekauft haben könnten. Wenn Sie aus einem Kriegsgebiet stammen, ist das noch kein Grund, weshalb die Schweiz Sie als Flüchtling aufnehmen muss. Auch wenn Ihre Volksgruppe verfolgt wird, ist das noch kein Grund. Sie müssen glaubhaft machen, dass Sie einer grösseren individuellen Gefahr ausgesetzt sind als Ihre Nachbarn oder Bekannten, indem Sie beispielsweise von einer Geheimpolizei gezielt gesucht werden.

Die Schweizer leben in einer Kultur, in der sie über Gefühle reflektieren und diese Gefühle auch benennen. Wenn ein Schweizer etwas Schlimmes erlebt und darauf oft Angst oder Schmerz empfindet oder wenn er viel weint, dann kann er das zum Ausdruck bringen. Je besser Sie Ihre Gefühle in Worte fassen können, desto glaubhafter werden Sie in den Augen der Behörden. Und dann haben Sie reale Chancen auf einen B-Ausweis, mit dem Sie in der Schweiz bleiben und arbeiten dürfen.

Freiplatzaktion Zürich, aufgezeichnet von Michael Hugentobler

77 — Wann ist jemand ein Freund?

Ein Freund in der Not, wie erwünscht ist er nicht! Aber es ist doch auch eine grosse Last, sich an anderer Schicksal angekettet und mit fremdem Bedürfnis beladen zu fühlen. Die Freundschaft kann also nicht eine auf wechselseitigen Vorteil abgezweckte Verbindung, sondern muss rein moralisch sein, und der Beistand, auf den jeder der beiden von dem anderen im Falle der Not rechnen darf, muss nicht als Zweck und Bestimmungsgrund zu derselben, sondern kann nur als äussere Bezeichnung des inneren, herzlich gemeinten Wohlwollens gemeint sein. Wenn aber einer von dem anderen eine Wohltat annimmt, so kann er wohl vielleicht auf Gleichheit in der Liebe, aber nicht in der Achtung rechnen, denn er sieht sich offenbar eine Stufe niedriger, verbindlich zu sein und nicht gegenseitig verbinden zu können.

Immanuel Kant, deutscher Philosoph (in: «Die Metaphysik der Sitten»)

78 — Wovor muss ich mich wirklich fürchten?

Es ist eine Weile her, dass ich mich vor einem Monster unter dem Bett gefürchtet habe. Wobei ich immer noch darauf achte, dass meine Füsse nicht unter dem Duvet hervorschauen, denn das Duvet schützt dich vor Unheil. Aber das Übernatürliche macht mir keine Angst mehr. Das, wovor ich mich fürchte, wurde vor einigen Jahren in einem Film perfekt dargestellt: Der Film beginnt mit einer Frau, ungefähr Ende sechzig. Sie sitzt an einem Tisch und schreibt an einer Geschichte: «Dann knackten die Äste in den …» Sie unterbricht sich mitten im Schreiben und wendet sich an ihren Ehemann: «Wie heissen diese Dinger noch mal? Mir ist es grad entfallen. Sie sind in unserem Garten, sie sind sehr hoch, und Vögel sitzen auf den Asten.» Und er sagt: «Aber, Iris, das sind Bäume», und sie sagt: «Ja, genau, wie dumm von mir», und sie schreibt das Wort auf.

Das ist also Iris Murdoch, und sie hat erste Anzeichen von Alzheimer. Das ist mein Monster unter dem Bett. Ich fürchte mich davor, dass ich meinen Verstand verlieren werde.

Stephen King, Schriftsteller (in einem Interview mit NPR)

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Fragen 1–20: Von «Was ist der Sinn des Lebens?» bis «Wie sabotiere ich ein System?»

Fragen 21–40: Von «Wie bestehe ich die Gymi-Prüfung?» bis «Was hilft gegen Fruchtfliegen?»

Fragen 41–59: Von «Wie beende ich eine Freundschaft?» bis «Welcher Platz im Flugzeug ist der sicherste?»