Die Bitch des Gehirns

Eine Kolumne von Hazel Brugger

Das Magazin N°1 – 7. Januar 2017

Wenn ich in Hotels übernachte, schaue ich nachts Dokumentationen. Manchmal plündere ich dabei die Nuss-Sektion der Minibar, wenn mich gerade nach ein paar Safari-Curry-Cashews gelüstet. Ich habe schon halb tot in Hotelbetten gelegen und zugeschaut, wie sie auf N24 eine Giraffe seziert und auf Vox jemandem eine brennende Kerze in den Hintern gesteckt haben. Spannend, dieses Afrika.
Vor ein paar Wochen lief irgendwann nach zwei Uhr in der Früh irgendein halbherziger Film über das menschliche Gehirn, und wir – mein eigenes Gehirn und ich – schauten mit. Mein Körper lag da, in die Baumwolle schwitzend, und wollte eigentlich schlafen.
Ich glaube, der Mensch ist die Krone der Schöpfung, weil sein Körper die Gentrifizierung auf einer zellulären Ebene ist. Jeder Bereich hat seinen eigenen Charme, jedes Quartier wird von der passenden Klientel frequentiert. Und je weiter vorn in der Evolution, desto klarer sind die Nachbarschaften abgegrenzt. Die Leber ist St. Pauli, der Blinddarm Schlieren, und das Hirni ist Brooklyn. Nervig, aber auch sehr cool.
In der Dokumentation hiess es dann, das zentrale Nervensystem habe deshalb so viel Erfolg, weil das Gehirn es schaffe, dem Rest des Körpers zu zeigen, was er alles aus sich rausholen kann. Dass der Körper also besser kontrollierbar ist, wenn man eine Zentrale hat. Kurzum: Der Körper ist die Bitch des Gehirns, das Gehirn der kaltblütige Zuhälter, der dafür sorgt, dass alles funktioniert.
Klingt einleuchtend, dachte ich, oder hatte ich etwa schon einmal einen Regenwurm gesehen, der sexy seine Hüften schwingt zu einem Remix von Shakiras WM-Song? Ich musste mich erst einmal wenden. Das heisst, mein Hirn musste meinen Körper erst einmal sich selbst wenden lassen, von der einen auf die andere Seite. Currykrümel in der Doppelbettritze, irgendwo erlischt eine Kerze.
Vielleicht finden wir durchtrainierte Leute darum so attraktiv, weil unser Gehirn dann denkt: «Wow, das Gehirn von dem hat ja voll das krasse Durchsetzungsvermögen, wenn es diese Bitch noch dazu zwingen kann, sich zu bewegen, obwohl Bewegung ja gar nicht mehr nötig ist, heutzutage.» Vielleicht sind wir also eigentlich gar nicht oberflächlich, sondern kriegen einfach schwache Knie, wenn wir erahnen, was für ein machiavellistisches Brain im Schädel des Gegenübers sein Unwesen treibt.
An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, ich muss wohl eingeschlafen sein. Also mein Gehirn, denn der Körper ass laut Minibar-Rechnung die ganze Nacht weiterhin fleissig Nüsse.

Illustrationen  Alexandra Compain-Tissier