Von Michael Stührenberg

Das Magazin N°1 – 7. Januar 2017

Am 19. Juni 1919 beginnt die 83-jährige Französin Violette Ailhaud die Niederschrift ihrer Geschichte «L’homme semence» («Der Samenmann») mit den folgenden Worten:

«Es kommt aus der Tiefe des Tals. Lange bevor es das seichte Wasser erreicht, bevor der Schatten sich zwischen den Sandflächen im Zeitraum eines langsamen Wimpernschlags vom Glanz des Wassers abhebt, wissen wir es: Es ist ein Mann. Unsere männerlosen leeren Frauenkörper fangen auf eine Weise an widerzuhallen, die nicht lügt. Gleichzeitig unterbrechen unsere müden Arme das Häufen. Wir schauen uns an, und jeder von uns wird der Schwur gegenwärtig. Unsere Hände fassen sich, zerren so sehr, dass die Finger knacken. Was wir uns erträumten, ist auf dem Weg, furchterregend und heiss begehrt.»

Fast ein Jahrhundert später bin ich in Le Poil, einem Dorf in den Provenzalischen Alpen. Hier, glauben viele Leser Violette Ailhauds, müsse sie gespielt haben: die Geschichte vom Schwur jener Frauen, die sich den Samen des ersten Mannes, der es bis hierher schaffen würde, zu teilen. Auf dass ihr männerloses Dorf nicht aussterbe!

Sollte dem tatsächlich so gewesen sein, ist der Plan nicht aufgegangen, nicht langfristig jedenfalls. Heute ist Le Poil ein Geisterdorf. Die meisten seiner Häuser sind Ruinen, darunter die Kirche. Wie Überreste eines mittelalterlichen Krieges ragen ihre grauen Bruchsteinmauern aus dichtem Dornengestrüpp. Der Friedhof in Dorfmitte ist so gross wie ein Wohnzimmer. 1850 zählte der Ort mehr als 300 Einwohner, 1950 waren es weniger als 50, 1973 ging der Letzte fort.

Aber hören kann ich Le Poil noch. Unter dem strahlend blauen Novemberhimmel dieses Tages vermischt sich das Rauschen des Mistrals mit dem Plätschern eines Springbrunnens, der das Lavoir speist, ein rechteckiges Steinbecken, in dem die Frauen ihre Wäsche wuschen. Von hier fliegt der Blick über sanft gewellte Wiesen, folgt einem von Weiden gesäumten Bach, der sich tief unten in einem Eichenwald verliert. Ist er dort aufgetaucht? Jener «Samenmann», dessen Ankunft Violette so atemlos beschreibt?

«Der Mann kommt näher. Er geht zügig. Doch wirken seine Schritte langsam, schmerzlich langsam für unsere wunden Nerven. Um diese quälende Zeit zu überstehen, arbeiten wir mit doppeltem Eifer. Das lässt die Heuhaufen rasch anwachsen, und eine Gigue (wilder Tanz, Anm.) der Harken und Heugabeln erklingt. Ganz ohne unseren Willen schwingen unsere Arme fortwährend hin und her. All unsere Sinne sind ihm mit Spannung zugewandt. Jedes Mal, wenn die Falten des Bodens den Mann verschlucken, zweifle ich an meiner Wahrnehmung oder frage mich, ob er sich ganz einfach zur Umkehr entschieden hat. Drehe ich mich den anderen Frauen zu, erkenne ich dieselbe Furcht in ihren Gesichtern.»

Es ist eine ungeheure Geschichte, ausgelöst durch ungeheure Historie: Am 2. Dezember 1851 schafft Louis Napoléon Bonaparte, der Neffe Napoleons, die Zweite Republik ab, deren letzter Präsident er selbst gewesen war. Als Napoleon III. beschert er seinem Land ein neues Kaiserreich. In Paris stösst der Staatsstreich kaum auf Widerstand. In der Provence hingegen findet die Republik im Volk der einfachen Bauern ihre letzten Verteidiger. Sie haben keine Chance. Im Dezember 1852 zerschlagen Napoleons Truppen den letzten Widerstand.

Es folgt «eine Menschenjagd auf die Überlebenden», so der Historiker Jean-Marie Guillon. Dutzende von Aufständischen werden getötet. Allein im dünn besiedelten Département Basses-Alpes, in dem Le Poil liegt, nehmen die Gendarmen 1700 Männer fest. Viele werden zur Zwangsarbeit nach Algerien – damals zu Frankreich gehörig – verfrachtet. Die Anführer des Aufstands landen in Cayenne, der berüchtigten Strafkolonie in Französisch-Guayana. Von da kehrt kaum einer zurück.

Violette verliert ihren Verlobten Martin: Die Gendarmen kommen, er versucht zu fliehen, wird erschossen. Jetzt fürchtet die 16-Jährige ein Leben als «jungfräuliche Witwe». Auch die übrigen Frauen in dem seiner Männer entleerten Ort sind zerfressen von Sehnsüchten, besessen von der Angst, sie könnten zu den «Letzten» werden. Dies erklärt den gemeinsamen Schwur: Kommt ein Mann des Weges, soll sein Samen allen fruchtbaren Leibern im Dorf gehören!

Ein demokratischer Pakt, der freilich das moralische Empfinden jener Zeit schockieren muss. Wenn sie die Geschichte dennoch zu Papier bringe, betont Violette Ailhaud 1919 in ihrem Vorwort, so gebe es dafür einen guten Grund: «Ich habe beschlossen, das zu erzählen, was nach dem Winter 1852 geschah, weil unser Dorf in weniger als siebzig Jahren soeben zum zweiten Mal alle seine Männer verloren hat, ohne Ausnahme.» Am 11. November 1918, Waffenstillstandstag, sei der Letzte gefallen.

«Glaubst du, dass diese Geschichte stimmen kann?», fragt Yves Bridonneau, der mich nach Le Poil begleitet. Früher waren wir Nachbarn im 19. Arrondissement von Paris. Dort hatte Yves einen Buchladen, den er verkaufte, um in der Provence Tomaten zu züchten. Auch hält er Lesungen in «Les Deux Garçons», einer Brasserie von Aix-en-Provence, wo einst Emile Zola und Paul Cézanne verkehrten. Und wo Monsieur Bridonneau selbst ausgewählte Texte vorliest − derzeit am liebsten «L’homme semence» von Violette Ailhaud. «Steht der ‹Samenmann› auf dem Programm, ist der Saal voll», sagte Yves, als er mir zum ersten Mal von der Geschichte erzählte. «Und die allermeisten im Publikum sind Frauen.»

Das war vor drei Monaten. Seither habe ich das Büchlein – es hat die Grösse eines Notizblocks – mehrmals gelesen. Und noch immer suche ich auf den vierzig Seiten nach Anhaltspunkten, die belegen könnten, dass Violette Ailhaud hier eine tatsächliche Begebenheit erzählt. Einige historisch versierte Provence-Kenner, unter ihnen mein Freund Bridonneau, zweifeln an der Authentizität von «L’homme semence».

Aber ich will mich gern als Anwalt der Verteidigung versuchen. Was unüberhörbar für Ailhaud spricht, ist ihre aus Leid gewachsene Überzeugung. «Für uns Frauen gibt es keinen Sieg, nur Leere», schreibt sie in der Einleitung. «Und ich verbinde meine Tränen mit denen aller Frauen, Deutsche wie Französinnen, die in ihren Häusern ohne Mann umherirren. Ich weine über die vielen verlorenen Arme, geschaffen, um uns zu halten und das Schaf zur Schurzeit auf den Boden zu zerren. Ich weine über die vielen abgetrennten Hände, geschaffen, um unsere Körper zu liebkosen und die Sense zu führen, stundenlang.»

Wer wollte sich der Macht eines solchen Plädoyers entziehen? In ihm liegt ein Universalanspruch von «L’homme semence». Eine «Wahrheit», die sich über die Frage nach ihrer «Authentizität» erhebt. Sie gilt für jene provenzalischen Bäuerinnen im Winter 1852 ebenso wie für die deutschen «Trümmerfrauen» im Sommer 1945. Und bleibt zeitlos relevant für schutzlose Dörfer weltweit, in Guatemala, Bosnien, Syrien, der Demokratischen Republik Kongo und etlichen anderen Ländern. Es scheint, als wäre die Menschheit zur Landflucht verdammt – und Frauen dazu, alle dabei entstehenden Kollateralschäden zu beheben.

Als Zeugin kann die Verteidigung an dieser Stelle Ruth Dreifuss aufführen, Frauenrechtlerin und Alt-Bundesrätin: «Heute wie gestern sind es die Frauen, verletzbar und stark in einem, die es dem Leben ermöglichen, dennoch die Oberhand zu gewinnen – in den Flüchtlingslagern, auf den Wegen ins Exil, in den ihrer dynamischsten Kräfte entleerten Dörfern», schreibt Dreifuss in einem Kommentar zum «Samenmann». Der Text von Violette Ailhaud berühre sie zutiefst, fügt sie hinzu: «Über ihren Tod hinaus, und weit hinaus über die Jahre ihrer Fruchtbarkeit und der Repression von 1852, wollte diese Frau ihre Solidarität mit den Generationen ihrer Ur- und Ururenkelinnen zum Ausdruck bringen. Die Geschichte ihres Lebens mag einzigartig sein und aus heutiger Sicht archaische Züge aufweisen. Aber sie vermittelt uns auch den Stolz, Frau zu sein und selbst über das eigene Schicksal zu bestimmen.»

Was die Identität der Autorin betrifft, scheinen Zweifel nicht unbegründet. Der Schriftsteller Henri Joannet, dessen Ururgrossvater aus Le Poil stammte, sagt, der Name Violette Ailhaud sei in keinem amtlichen Register zu finden. Daraus lasse sich nur eines schliessen: «Es hat diese Person nie gegeben!»

Joannet hat über so ziemlich alles geschrieben, was mit der Provence zu tun hat. Über Brunnen, Feigen, Platanen, Wölfe, Zypressen, Ziegen, den Fluss Durance und das ehemalige Département Basses-Alpes, das inzwischen Alpes-de-Haute-Provence heisst. Daher räumt er ein, dass sich hinter dem Namen Violette Ailhaud ein für Einheimische leicht verständliches Pseudonym verbergen kann: «Violette lässt uns an blühenden Thymian denken, an das Symbol der provenzalischen Revolte gegen Napoleon III. Und Ailhaud, mit Vornamen André, hiess der Anführer der Aufständischen, der 1854 in Cayenne an Skorbut starb.»

Doch der Zweifel ist wie der Mistral – er fegt immer weiter. «Die Frage ist weniger, wer hinter dem Pseudonym stecken könnte, als vielmehr, was dahinter steckt, meint der Lyoner Unternehmer Alain Bertrand und gibt auch selbst die Antwort: «Kommerzielle Motive.» Bertrand ist Präsident des Vereins Les Amis du Poil. Ziel der «Freunde von Le Poil» ist es, das Dorf in seiner ursprünglichen Form wieder aufzubauen. Jedes Jahr im Frühling und im Herbst krempeln sie ihre Ärmel hoch und packen unentgeltlich an. Ein paar Häuser stehen schon wieder, nun kommt die Kirche dran. «Was wir an Le Poil schätzen», betont Monsieur Bertrand, «ist seine natürliche Schönheit. Und die Stille!»

Und jetzt droht eine Medienkampagne Scharen von Touristen ins Dorf zu locken. Die Marseiller Tageszeitung «La Provence» hat schon zweimal in grossem Stil über «L’homme semence» berichtet, die Pariser Presse zieht allmählich nach. Dabei sind sich die «Freunde von Le Poil» ganz sicher, dass alles frei erfunden sei: die Geschichte, ihre Autorin und somit auch der vermeintliche Ort des Geschehens. «Dieser Text ist noch keine zwanzig Jahre alt», glaubt Alain Bertrand. «Dahinter steckt der Verleger!»

Jean Darot, 66 Jahre alt, lebt in Artignosc-sur-Verdon. Das 300-Seelen-Dorf liegt im nördlichsten Waldzipfel des Départements Var, fast ebenso tief im Abseits wie Le Poil. Auf dem Weg zu den Éditions Parole muss ich mich auf den letzten Kilometern von Darot per Handy leiten lassen. Bis zu einer scharfen Kurve an der Dorfausfahrt, wo ein kahlköpfiger Mann vom Rand der schmalen Landstrasse winkt – der Verleger.

«Mein Verlag», sagt Jean Darot, «besteht eigentlich nur aus diesem Zimmer.» Er öffnet eine Tür und tritt ein. Ich folge mit den Augen, für mehr ist drinnen kein Platz. Schreibtisch, Bücherregal, Stuhl – zusammengedrängt auf 3,75 Quadratmetern. Als éditeur-paysan bezeichnet sich Darot: Verleger und Bauer in einem. Er führt mich aus seinem schmucklosen Haus hinaus in den Gemüsegarten, zeigt mir Hühner und zwei Esel, stellt die Stute vor: «Elle s’appelle Mélie.»

Und «L’homme semence»? Genauer gefragt: «Wie sind Sie an dieses Manuskript gekommen?» Darot erzählt. Zunächst, wie die Éditions Parole im Jahre 2004 entstanden seien: «Durch unseren Beschluss, provenzalische Autoren zu verlegen – zweisprachig, in Französisch und dem bei uns im Süden gesprochenen Okzitanisch.» So erschien eine Reihe von Büchern, ein jedes in bescheidener Auflage.

Dann, eines Tages im Sommer 2006, habe eine alte Frau an seine Tür geklopft: «Sie gab mir diesen nur auf Französisch verfassten Text. Sagte, ich dürfe ihn veröffentlichen, sie selbst wolle nichts damit zu tun haben. Und bis heute will sie auch nicht namentlich genannt werden!» Ich verstehe: «Der Samenmann» ist Eigentum der Éditions Parole.

Alles Übrige stehe auf seiner Website, versichert Darot: Dass Violette Ailhaud, geboren 1835, den Text 1919 in Saule-Mort, einem zu Le Poil gehörenden Weiler, geschrieben habe. Dort sei sie 1925 auch verstorben. In ihrem Nachlass habe sich ein versiegelter Umschlag befunden – mit der Anweisung, ihn nicht vor Sommer 1952 zu öffnen. Ein Notar solle dann das im Umschlag befindliche Manuskript einem Nachfahren Violette Ailhauds übergeben. Voraussetzung: Es müsse sich um eine Frau im Alter von fünfzehn bis dreissig Jahren handeln. So sei «L’homme semence» in die Hände der damals 24-jährigen Yveline gelangt.

«Und Yveline ..? frage ich. «… war jene Greisin, die vor zehn Jahren an meine Tür klopfte», komplettiert Jean Darot. «Wir haben den Text gedruckt und im ersten Jahr 50 Exemplare verkauft.» Dann setzte der Schneeballeffekt ein: Jeder oder vielmehr jede, die den Text las, schien anderen davon vorzuschwärmen. Leserinnen im Ausland baten um die Erlaubnis, die Geschichte übersetzen zu dürfen. So gibt es den «Samenmann» heute zwar noch immer nicht auf Okzitanisch, dafür aber auf Schwedisch, Italienisch, Deutsch, Spanisch. Die Schriftstellerin Nancy Huston – auch sie eine Bewunderin Violette Ailhauds  oder wie immer die Autorin heissen mag – übersetzt ihn gerade ins Englische. 20 000-mal hat sich «L’homme semence» bislang verkauft. Dutzende von Theatertruppen haben den Text auf die Bühne gebracht. 2017 wird der «Samenmann» in die Kinos kommen. Kein Wunder, dass auch der in Aix-en-Provence so geschätzte Vorleser Bridonneau den Text in sein Repertoire aufgenommen hat.

Aber vielleicht sollte man das Weitergeben dieser Geschichte doch eher den Frauen überlassen. Als ich einer Bekannten vom «Samenmann» erzählte, fand sie ihn nur dégueulasse. Aus männlichem Munde kommend, befürchte ich, haftet der Geschichte zwangsläufig der Geruch des einzigen Hahns im Hühnerstall an, des gängigsten Macho-Phantasmas seit Adams monogamen Tagen in Eden. Und wie sollte ein Mann beim Lesen von Violettes Worten sein scheinbar wissendes Lächeln unterdrücken?

«Am Anfang muss ich mich zurückhalten, um nicht kräftig in den Körper dieses Mannes zu beissen, auf den ich so lange warte, schon immer warte, glaube ich. Ich weiss von meinem Hunger, aber ich weiss nicht, was zu tun ist. Ich weiss nicht, wie eine Frau sich zu verhalten hat, wenn sie zum ersten Mal bis zur Haut eines Mannes vordringt.»

Mein Urteil über «L’homme semence»? Das fällt schwer. Lieber verstecke ich mich hinter der Einschätzung einer jungen Kollegin, der ich den Text als PDF zugeschickt habe. Schliesslich hatte ja auch Violette Ailhaud gewollt, dass ihr Manuskript in die Hände einer Frau zwischen fünfzehn und dreissig gerate.

Ihre Antwort kam ganz schnell und unkompliziert: «Es ist die Geschichte einer starken Frau, die ihr Leben selbstständig gestaltet und ihre Sexualität nicht verbirgt. Dass sie liest, dass sie offen über ihr sexuelles Verlangen und ihre Lust schreibt, dass sie sich erlaubt, das Liebesspiel auszudehnen, um gute Orgasmen zu haben, sind Dinge, die diese Geschichte angesichts der Zeit, in der sie spielt, fortschrittlich machen. Feministisch finde ich an der Geschichte, dass die Frau(en) sich das Recht nimmt (nehmen), ihre Sexualität jenseits des Kindermachens auszuleben und offenzulegen, zum Beispiel Masturbation. Auch die Passagen, in denen der Mann als Objekt beziehungsweise als Funktionsträger dargestellt wird, sind feministisch. Ebenso, dass sie quasi eine, wie man heute sagen würde, offene Beziehung führen.»

Besonders «befriedigend» findet meine Kollegin den Ausgang der Geschichte. Den solle ich jetzt bloss nicht verraten, solle nicht zum «Spoiler» werden, mahnt die junge Frau. Dennoch: Wer unbedingt wissen will, wie die Geschichte ausgeht, das Büchlein aber nirgends finden kann, der darf sich getrost an mich wenden.

Die Illustratorin Elisabeth Moch lebt in Berlin