Von Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer

Das Magazin N°3 – 21. Januar 2017

Alexa — Als kleines Mädchen hätte ich nie gedacht, später einmal Mutter einer Patchwork-Familie zu sein. Als Kind erschien mir die Gemeinschaft meiner Eltern unzerstörbar. Mutter und Vater waren für mich eine Einheit. Sie gehörten zusammen, weil sie sich gefunden hatten, weil sie ihr Leben miteinander verbringen wollten, weil sie sich liebten, weil meine Geschwister und ich ihre Kinder waren. Und trotzdem brach in unsere Familie mit einem Mal der Unfriede ein. Missverständnisse, Verletzungen, das Gefühl der Ausweglosigkeit. Es ging um die gerechte Aufteilung von Arbeit. Kinderbetreuung. Freiheit. Meine Mutter sass unglücklich auf der Treppe, mein Vater kam spät aus dem Büro nach Hause oder sprach tagelang mit niemandem, bis die Stimmung am Sonntag schon vor dem Frühstück kippte. Und doch verloren wir Kinder nie die Hoffnung, dass unsere Eltern stärker waren als all die Streitereien, weil sie klug waren, weil sie wussten, dass eine Familie nicht zerstört werden darf. Meine Eltern würden zusammenhalten. Dafür passierte Lucy aus meiner Klasse das Unfassbare. Auf dem Schulhof unter dem Klettergerüst erzählte sie uns, dass sich ihre Eltern scheiden lassen würden. Bekümmert und entsetzt sah sie uns durch ihre Brillengläser an. Wir starrten entsetzt zurück. «Und was jetzt?», fragte Mona heiser. Lucy zuckte nur betäubt mit den Schultern: «Ich bleibe bei meiner Mutter. Und alle zwei Wochen besuche ich meinen Vater.»

Marcus —Die Ehe meiner Eltern war nicht unglücklicher als die anderer Eltern. Ich erinnere mich an Momente grosser Innigkeit zwischen ihnen, die – ich weiss nicht, wie – irgendwann doch jener anscheinend unvermeidlichen Mischung aus unterdrücktem Ärger und offener Enttäuschung wichen, in der viele Ehen gefangen sind. Als Kind sah ich zwar, dass diese Stimmung für meinen Vater und meine Mutter kaum zu ertragen war, trotzdem machten sie weiter. So war das wohl, wenn man länger verheiratet war. Heute würde man es vielleicht unüberbrückbare Differenzen nennen. Aber damals gab es in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, niemanden, der sich deswegen scheiden liess. Alle Kinder, die ich kannte, lebten mit ihrem Vater und ihrer Mutter zusammen, und das hätte auch für meinen Schulkameraden Martin gegolten, wäre seine Mutter nicht über Nacht einfach abgehauen, als er in der vierten Klasse war. Irgendwann kam er morgens mit einem kleinen Mädchen an der Hand zum Schulbus. Es war seine neue Schwester, wie er sagte, das Kind der neuen Frau, die jetzt mit seinem Vater und ihm lebte. Dieses Mädchen hatte dunkle, wilde Augen und konnte kein «Q» sprechen. Sie sagte «Twark» und «Twalle» und «Twatsch», und wir haben immer gelacht, wenn sie das mit ihrer rauen Stimme sagte. Es klang so niedlich. Aber den Vater von Martin hat dieser Sprachfehler furchtbar aufgebracht, deshalb musste er sie manchmal in der Toilette einsperren, obwohl sie weinte. Mich hat es immer sehr beschäftigt, wenn Martin im Schulbus davon erzählte, wie es jetzt bei ihm zu Hause war – als seien durch die Tatsache, dass die Mutter weg war, aus diesen Menschen andere Leute geworden. Sie lebten jetzt nach anderen Regeln. Sie hätten genauso gut Ausserirdische sein können.

Alexa — Bei den meisten Auseinandersetzungen, die meine Eltern hatten, ging es meiner Erinnerung nach darum, dass meine Mutter das Gefühl hatte, sie sei mit einem Patriarchen verheiratet, der sein Ding durchzog und sich nicht um die Bedürfnisse seiner Frau scherte. Obwohl sie sich als junges Paar gleichermassen eine Familie und Kinder gewünscht hatten, blieben an meiner Mutter die Hausarbeit und wir Kinder kleben, dabei hätte auch sie gern mehr gearbeitet. Für meine Mutter war es kaum einsehbar, dass mein Vater offenbar einfach so bestimmen konnte, dass er derjenige war, der sich frei bewegte, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Sie begann, sich über die feministische Philosophie von Simone de Beauvoir zu informieren, die damals äusserst populär war. Meine Mutter wurde eine heisse Anhängerin und fühlte sich zum ersten Mal in ihrer Situation verstanden. Da meine Mutter meist allein mit meiner Schwester und mir war, hatte sie genug Gelegenheit, uns alles Wichtige für die Zukunft als selbstbestimmte junge Frauen beizubringen. Ihr Mantra lautete: «Heiratet bloss nicht, Kinder!» Und: «Seht zu, dass ihr euer eigenes Geld verdient!» «Macht euch nicht von einem Mann abhängig!» Ich war mir sicher: «Das ist der einzige Weg, als Frau nicht weinend auf der Flurtreppe zu enden.» Wie dieser Plan in die Tat umzusetzen war, zeigte fünfzehn Jahre später Madonna der Welt und mir, indem sie sich vom Fitnesstrainer «Carlos Leon», der gerade vorbeigejoggt kam, ein Baby machen liess, um es allein aufzuziehen. 1996 war so ein offensiver Alleingang noch eine ziemliche Seltenheit – und für mich die Offenbarung.

Marcus — Mit fünfzehn hatte ich die Vorstellung, es müsste eine Liste mit den Namen der Frauen geben, die am besten zu mir passen – und zwar geordnet von perfekt bis immerhin noch sehr gut. Mit dieser Liste, so stellte ich mir vor, würde ich als junger Mann losziehen und mir eine Ehefrau suchen. Sollte die Frau, mit der ich laut Liste am glücklichsten werden konnte, mich nicht wollen – und ich war nicht der Typ, der das für ausgeschlossen hielt –, musste ich eben zur nächsten gehen. So lange, bis irgendwann eine Ja sagte. Damit wäre das Suchen, das in meinem Fall ja eher ein Aufsuchen war, zu Ende, und ich konnte fortan auf dem Glückslevel leben, das für mich erreichbar war. Abgesehen davon, dass die Idee in etwa dem ähnelte, was Jahre später Partnerbörsen im Internet versprachen, wenn sie Menschen auf Übereinstimmungen miteinander verglichen, erzählt sie mir heute vor allem von einem Jungen, der unter keinen Umständen danebenliegen wollte. Als sei, sich an die falsche Frau zu binden, der eine grosse Fehler, der nicht passieren durfte, weil er sich nicht mehr korrigieren liess.

Alexa — Als ich mit Mitte zwanzig meine Tochter Lilly zur Welt brachte, kam ich mir ziemlich fortschrittlich vor. Ich war dem Schicksal aller vorherigen Müttergenerationen entronnen, als hilfloses Opfer, als Gefangene im eigenen Heim zu enden, während der Mann gut gelaunt ins Büro marschiert, abends nach Hause kommt und so tut, als hätte er mit seiner Familie nichts weiter zu tun, als sie finanziell durchzubringen. Ich war alleinerziehend. Ohne zehrende Auseinandersetzungen über Arbeit. Kinderbetreuung. Freiheit. Wie Madonna. Ich hatte einen Vater für mein Kind gefunden, der genauso wenig wie ich vorhatte, sich fest zu binden. Lillys Papa wollte Berlins Nachtleben revolutionieren. Ich wollte als Schriftstellerin mindestens so bedeutend werden wie J.D. Salinger. Die Tatsache, dass wir unser Leben unabhängig voneinander planten, sorgte dafür, dass wir uns blendend verstanden. Vermutlich waren wir die bestgelaunten Eltern der Welt. Ich dachte wirklich, ich hätte die Lösung für alle freiheitsliebenden Frauen gefunden. Bis ich feststellte, dass mein feministisches Lebensmodell nicht einberechnet hatte, dass in mir ein tiefes Bedürfnis nach Familie und Partnerschaft schlummerte. Auch wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt den Eindruck hatte, meine Eltern hätten über weite Strecken nichts anderes getan, als sich aneinander abzuarbeiten, merkte ich nun, dass ich vor allem aber aus einer Familie kam, die nach wie vor bestand und die für mich Sicherheit und Heimat im Herzen bedeutete – was immer auch in meinem Leben passierte.

Marcus — Die erste Frau, mit der ich länger zusammenblieb, war meine Jugendliebe. Wir kannten uns aus der Schule, sie war eines der Mädchen, nach denen sich viele Jungen umdrehen, wenn sie irgendwo auftauchen, und vermutlich war zuallererst das der Grund, warum ich dachte, sie würde gut zu mir passen. Ich wollte jemand sein, der so eine Freundin haben konnte. Das stärkte mich, aber es verunsicherte mich auch, denn ich vermutete, dass ich so jemand eben doch nicht war. Ich dachte ständig darüber nach, ob ich ihr vertrauen konnte. Weil man darüber aber nicht ständig nachdenken kann, ohne sich verrückt zu machen oder sich zu trennen – und beides wollte ich nicht –, versuchte ich, über sie zu bestimmen. Ich hatte in der Ehe meiner Eltern gesehen, dass es am Ende sowieso immer darauf hinausläuft, dass einer den Ton angibt. Bei ihnen war das meine Mutter gewesen. Jetzt versuchte ich das bei meiner Freundin auch. Ich machte die entscheidenden Ansagen und hielt sie damit in Schach, wenigstens nahm ich das an. Erst nach zwölf Jahren, in denen weder sie noch ich über Kinder oder Heirat gesprochen hatten, merkte ich, dass meine Freundin immer wieder Affären gehabt hatte. All die gewonnenen Kämpfe hatten nicht verhindern können, dass ich am Ende doch verlor. Wenn das so war, dann gab es in Beziehungen keine Sicherheit. Dann konnte man nur allein bleiben.

Alexa — Als meine Tochter Lilly drei Jahre alt war, heiratete ich meinen neuen Freund. Im Glauben, inzwischen so «reif» zu sein, dass ich mich gegen einen Mann würde behaupten können, um nicht seinen selbstverständlich patriarchalischen Vorstellungen zum Opfer zu fallen. Ich machte daher gleich zu Beginn klar, dass mich nichts davon abhalten konnte, Vollzeit zu arbeiten. Im Grunde genommen orientierte ich mich da ganz selbstbewusst an meinem Vater. Mein damaliger Mann nahm das erst einmal friedlich zur Kenntnis und hoffte wohl: «Wenn noch weitere Kinder dazukommen, werden die Karten bestimmt neu gemischt.» Wir wurden Eltern eines kleinen Jungen, doch die Karten wurden nicht neu gemischt. Ich war entschlossen, meine Unabhängigkeit, meine Freiheit nicht zur Disposition zu stellen, ohne zu erkennen, was ich damit gleichzeitig einbüsste: Die Verbundenheit zu meiner Familie. Die Gemeinschaft. Gleichberechtigung. Wir schafften es nicht, die Dinge zu klären, die zu klären waren. Wir schafften es nicht mal, sie überhaupt auszusprechen. Ich hatte Angst vor Kompromissen. Ich war so geblendet von dem Gedanken, dass Mann und Frau sich nie einigen können, dass wir nur selten den Versuch unternahmen, uns gegenseitig unsere Vorstellungen zu offenbaren. Und wenn wir es doch einmal versuchten, verlor ich vor lauter Hilflosigkeit die Nerven.

Marcus — Die sechs Jahre, in denen ich allein blieb, waren die Jahre, in denen ich am meisten Zeit für mich selbst hatte. Ich konnte machen, was ich wollte, und offenbar wollte ich vor allem arbeiten, Freunde treffen, reisen und eben allein bleiben. Es war nicht so, dass ich während dieser Zeit keine Frauen traf, aber am Ende wurde aus uns nie ein Paar, weil ich immer darauf achtete, Abstand zu wahren. Ich blieb unverbindlich, liess mich nicht auf sie ein, gab auch nicht vor, es zu tun. Ich wollte ehrlich sein, nichts versprechen, das ich nicht halten konnte, und kam mir dennoch wie ein Verräter vor. Das war kein schönes Gefühl, aber doch nichts im Vergleich zu der Panik, eines Tages in einem fremden Leben aufzuwachen und in Plänen, Wünschen und Hoffnungen gefangen zu sein, aus denen ich mich nicht mehr befreien konnte, eben weil sie die Pläne, Wünsche und Hoffnungen meiner Frau waren, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich wollte von niemandem bestimmt werden, aber ich wollte auch nicht mehr über jemanden bestimmen – aber wie sonst sollte ein Kompromiss aussehen, als dass sich letztlich einer dem anderen unterwirft? Natürlich erinnere ich mich noch an die Partys, die ich in der Zeit besuchte, die Essen, die ich veranstaltete, diese flirrende Rastlosigkeit, die mich die meiste Zeit umgab. Ich erinnere mich auch an die einsamen Heimfahrten im Taxi, die Stille in meiner Wohnung, nachdem die Freunde gegangen waren, die immer schwerer zu ignorierende Frage, für wen ich das alles unternahm, wenn es niemand mit mir teilte. Ich war kurz davor, ein voll ausentwickelter Single zu sein. Dabei hätte ich gern eine Beziehung gehabt.

Alexa — Am Tag nachdem meine Ehe in die Brüche gegangen war, kauerte ich im Badezimmer unter dem Waschbecken und schluchzte: «Bitte rettet mich!» Meine inzwischen zehnjährige Tochter Lilly kam herein und fragte besorgt: «Soll ich jemanden anrufen?» Mein Anblick muss erschütternd gewesen sein. Eine in Tränen aufgelöste Mutter mit strähnigem Haar, die «Bitte rettet mich!» wimmert. Alles schien so irreal. Meine Familie war zerstört. Ich war gescheitert. Mein Mann und ich waren gescheitert. Es kam mir vor, als seien meine Kinder und ich Überlebende eines Jahrhunderterdbebens, als hätten wir alles verloren und wüssten nicht, wie wir weitermachen sollten. Ohne Heimat. Als müssten wir ab jetzt verwundet und geschwächt durch unser in Schutt und Asche liegendes Leben taumeln. Weil es für das Miteinander von Mann und Frau eben keine Lösung gibt. Weil irgendetwas in der Menschheitsgeschichte schiefgelaufen ist. Weil Mann und Frau, obwohl sie es seit Jahrtausenden so sehr versuchten, trotzdem nie zusammenfinden würden. Weil sich die, die sich lieben, doch nur missverstehen. Wochen später waren meine Kinder und ich noch so durcheinander, dass wir an Heiligabend schon um acht Uhr morgens Geschenke auspackten. An der Ladenkasse bekam ich einen Heulkrampf, weil ich vergessen hatte, die Bananen abzuwiegen, mein fünfjähriger Sohn Rasmus malte sich mit Edding eine riesige schwarze Narbe quer über die schmächtige Brust, als sei ihm das Herz herausgerissen worden, und Lilly kriegte diesen Tick, bei dem sie ständig die Augen fest zusammenpresste. Ich dachte wirklich: «Das wars jetzt.»

Marcus —Als ich Alexa auf einer Verlagsparty traf, bewohnte ich bereits ein beachtliches Labyrinth aus Begründungen, warum eine Beziehung, wie ich sie mir wünschte, unmöglich ist. Logisch wäre gewesen, dass das Zusammentreffen mit einer Frau, die schon einmal verheiratet war und zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern hatte, dieses Labyrinth noch um einige Dimensionen erweiterte. Seltsamerweise passierte das nicht. Seltsamerweise öffnete sich einfach eine Tür – und ich ging hinaus. Aus dem Labyrinth in die Lebendigkeit hinein. Bis dahin hatte ich keinerlei Vorstellung davon gehabt, was eine Patchwork-Familie ist. Ich kannte nur das Wort. Jetzt lernte ich Alexas Kinder kennen, für die ich bald – ja, was eigentlich? – sein wollte, und die Väter der Kinder, die es auch noch gab. Alexa und ich legten unsere beiden so verschiedenen Leben zusammen, und natürlich war das sehr oft nicht leicht. Aber wann immer ein Konflikt auftauchte und ich – vor lauter Aufgeregtheit, mir könne nun doch das Schicksal drohen, vor dem ich die ganze Zeit davongelaufen war – nicht mehr aufhören konnte zu reden, hörte Alexa mir einfach zu. Sie hörte mir zu, bis ich das Gefühl hatte, ich sei wirklich und vollständig gehört worden. Allein davon war ich monatelang high.

Alexa — Nachdem Marcus und ich uns einige Male getroffen hatten, stellte sich ziemlich schnell heraus, dass Marcus mindestens genauso viel Angst hatte wie ich, in einer unglücklichen Beziehung zu enden, in der man kein Stimmrecht hat und sich den Wünschen und Vorstellungen des anderen unterwerfen muss. Interessanterweise traute Marcus sich aber, ganz offen darüber zu reden, während ich mir eher die Zunge abgebissen hätte, um ja nicht bedürftig oder abhängig rüberzukommen. Ich hätte Marcus stundenlang, tagelang zuhören können. All das, was er sagte, kam mir so bekannt vor. Zu erkennen, dass wir beide Angst vor der gleichen Sache hatten, erfüllte mich mit grosser Zuversicht. Und dann hatte ich eines Nachts diesen Traum, in dem mich Marcus mutig an der Hand fasste und mich zielstrebig aus dem dunklen Hänsel-und-Gretel-Wald hinausführte, von dem mir mein Vater früher auf der Bettkante so inbrünstig vorgelesen hatte. Marcus schien mit einem Mal sehr sicher. Als hätte er diesen inneren Kompass in sich gefunden, der ihn ins Freie führte. Ganz selbstverständlich. So, als wisse er plötzlich, wie ein Paar gemeinsam seinen Weg findet. Als ich wieder aufwachte, wusste ich: Wir beide haben etwas Grosses vor.

Marcus — Als Alexa und ich zusammenzogen, wurde ich für ihre beiden Kinder – sie waren sieben und elf Jahre alt – etwas, für das es kein richtiges Wort gibt. Ich wollte für sie mehr sein als der neue Freund ihrer Mutter. Ich half ihnen bei den Hausaufgaben, fuhr sie zum Judo, las ihnen vor, brachte sie ins Bett, machte ihnen Brote für die Schule. All die Patchwork-Konflikte, von denen man liest, hört und vor denen man sich fürchtet, schienen uns erspart zu bleiben. Lilly und Rasmus waren für mich wie meine eigenen Kinder, dennoch war ich nicht ihr Vater, sie hatten ja jeder einen. Lilly sah ihren Vater die Hälfte der Woche, Rasmus seinen Vater sehr unregelmässig, doch das machte ihn nicht weniger bedeutend, im Gegenteil. Jedes Wort von beiden Vätern, auch das in der Eile gesagte, konnte bei den Kindern zum Grundstein einer unumstösslichen Überzeugung werden, jede Regung ein Echo auslösen, über dessen Widerhall sich die Väter selbst kaum im Klaren waren. Ihre Gegenwart schien für die Kinder in allen Dingen auf. Was immer ich tat, konnte kein Ersatz dafür sein. Das zu sehen, tat weh, aber dann verstand ich, dass es nichts über mich aussagte, nur darüber, welche Bedeutung ein Vater für sein Kind hat. Er ist die Hälfte des Ganzen, aus dem das Kind hervorgegangen ist und auf das es sich bezieht. Es kann sich nicht in zwei Teile teilen, nur weil seine Eltern sich getrennt haben, aber in sich auch nicht zusammenhalten, was im Aussen getrennt ist. Aus diesem Grund gibt es für Mann und Frau gar keine andere Möglichkeit, als die Probleme miteinander zu lösen. Lange bevor ich selbst Kinder hatte, habe ich das von Alexas Kindern gelernt.

Alexa — Anfänglich war ich ziemlich verwirrt darüber, ob ich Marcus bitten durfte, mir hin und wieder unter die Arme zu greifen – oder ob ich verpflichtet war, ihn aus meinen Angelegenheiten herauszuhalten? War er jetzt Teil der Familie mit allen Pflichten und Aufgaben oder «nur» mein Freund? Inzwischen war ich so geübt darin, alles allein hinzubekommen, dass ich dachte: «Genau dafür werde ich geliebt.» Aber dann wurden Lilly und Rasmus ausgerechnet an dem Tag krank, an dem ich mein neues Jugendbuch abgeben musste. Während sich Marcus ganz selbstverständlich mit einer alten Freundin zum Kaffeetrinken traf, versorgte ich meine Kinder mit Tee und kühlen Lappen und telefonierte mit dem Verlag. Ich wollte wirklich nicht stressen. Aber als Marcus dann nach Hause kam und ganz unbekümmert erzählte, wie toll seine gute Freundin den gerade herausgekommenen Film «Kokowääh» fand, weil Til Schweiger und seine Tochter da fröhlich mit Mehl herumschmeissen, und dass sie sich fragt, warum nicht alle Alleinerziehenden mit ihren Kindern solche lustigen Aktionen bringen – da konnte ich nicht mehr stark sein. Tatsächlich hörte ich mich sagen: «Ich hätte dich heute Nachmittag gebraucht, damit ich meinen Abgabetermin schaffe.» Und er: «Warum hast du mir das nicht gesagt?» Und ich kaum hörbar: «Weil das nicht mit meinem Stolz und meiner Emanzipation zu vereinbaren ist.» Marcus meinte allerdings, dass mein Stolz und meine Emanzipation ziemlich egal sind, weil wir eine Familie sein wollen, und dass sich in Familien normalerweise alle gegenseitig helfen. Da ist mir ganz kurz schlecht geworden, weil ich einsehen musste, dass ich keine andere Wahl hatte, als mich Marcus bedingungslos anzuvertrauen.

Marcus — Inzwischen gehören fünf Kinder zu unserer Familie, das jüngste ist ein Jahr alt und wird noch gewickelt, das älteste ist siebzehn und macht gerade seinen Führerschein. Unsere Kinder würden nie voneinander als Halbgeschwistern sprechen. Es gibt bei uns kein «Stief-», egal für wen, weil das Wort dann nicht mehr zu dem Menschen passt, den wir meinen. Ausser mir gehören zu unserer Familie noch zwei Väter, ihre Partnerinnen sowie verschiedene Meinungen über Bio-Essen, Tattoos bei Minderjährigen und Auslandssemester vor der Matur. Wo sonst nur zwei einen Kompromiss finden müssen, sind es bei uns drei oder vier oder fünf. Da bleibt manches als Widerspruch nebeneinander stehen, das die Kinder mit sich allein ausmachen müssen, da es ihre Eltern nicht mehr miteinander tun. Wir sind eine Patchwork-Familie, wie es inzwischen viele gibt, das Ergebnis von Lebensentscheidungen, die uns, als wir sie trafen, alle logisch, richtig oder wenigstens unvermeidlich erschienen. Natürlich versuchen wir in dieser Konstellation jeden Tag das Beste, um den Kindern ein Zuhause zu geben. Wenn ich aber sehe, wie sie zwischen uns und ihren Vätern hin- und herpendeln, wie sie sich jedes Mal aufs Neue in die eine Familie einfügen, anpassen und sich ihr wieder entwinden, weil die andere schon auf sie wartet, schmerzt es mich zu sehen, dass wir, trotz allem, was wir tun, gerade bei dem scheitern müssen, was wir uns am meisten für die Kinder wünschen. Zwei Zuhause ergeben am Ende eben doch keine Heimat.

Alexa — Wie Mann und Frau miteinander umgehen, lernen Kinder von ihren Eltern, die sie täglich im Miteinander beobachten. Auch ich habe meine Eltern beobachtet, so wie meine Kinder mich beobachten. Welche Vorstellung von Familie sie haben, was sie für sich schön und passend finden und was nicht, bildet sich an dem, was sie als Partnerschaft erleben. Die Realität meiner grossen Kinder ist, dass ihre Väter und ich nie oder nur wenige Jahre zusammengelebt haben. Aber das bedeutet nicht, dass sie deshalb die Sehnsucht nach einer geschlossenen Familie verloren haben. Wir Erwachsenen verlieren die Sehnsucht nach einer glücklichen Beziehung ja auch nicht. Ich habe gesehen, wie meine Eltern lange Jahre zärtlich und zugewandt miteinander umgingen und wie ihre Ehe auf einmal zu scheitern drohte. Ich sah ihr Leid in all der scheinbaren Ausweglosigkeit und fing an zu glauben, dass jede Liebe zwangsläufig im Unglück enden muss. Diese Überzeugung loszuwerden, hat viele Jahre gedauert. Inzwischen sind meine Eltern beinahe fünfzig Jahre verheiratet und einander verbundener als je zuvor. Heute habe ich nicht mehr das Gefühl, die Entscheidung darüber, ob man eine glückliche oder unglückliche Beziehung führt, würden das Schicksal oder der Zufall treffen. Ich habe es selbst in der Hand. Ich hoffe, meinen Kindern – den grossen wie den kleinen – werden diese Erfahrungen helfen, um von einem anderen Punkt aus zu starten, als ich es damals konnte.

2016 erschien von den Autoren im Gütersloher Verlagshaus das Buch «Stresst ihr noch oder liebt ihr schon?», in dem sie beschreiben, wie sie als Paar und Eltern miteinander glücklich bleiben. Nachfragen ihrer Leser, wie sie überhaupt zusammenfinden konnten, veranlassten sie zu diesem Versuch einer Antwort.

Der Fotograf Daniel Hofer lebt in Berlin