Von Mathias Pluess

Das Magazin N°4/5 – 28. Januar 2017

Some animals are more equal than others. Als einziges Haustier darf die Katze herumstreunen, wo immer ihr beliebt. Sie wird nicht erzogen, sie hat keine Pflichten, sie kann jagen, soviel ihr Herz begehrt. Von unangenehmen Dingen wie Kotaufnahme, Leinenzwang, Jahressteuern und Halterkursen, die wir Hundebesitzern auferlegen, ist bei Katzen keine Rede. «Die Katze ist das einzige vierbeinige Tier, das dem Menschen eingeredet hat, er müsse es erhalten, es brauche aber dafür nichts zu tun», schrieb Kurt Tucholsky.

Im Verhältnis zu den Tieren spiegeln sich unsere geheimen Wünsche. Während der Hund für Treue und Gehorsam steht, faszinieren uns an der Katze gerade das Ungebundene und Respektlose. Da lassen sich anarchische Sehnsüchte hineinprojizieren, die wir im Alltag kaum ausleben können.

Die Katze weckt Emotionen wie kein zweites Tier, und das gereicht ihr nicht immer zum Vorteil. Der mittelalterlichen Kirche war die Unberechenbarkeit der Katze suspekt, sodass sie sie mancherorts bis an den Rand der Ausrottung verfolgte: Ihr laszives Gebaren wie ihre Instantverwandlung vom Schmuse- zum Raubtier galten als untrügliche Anzeichen dafür, dass sie mit dem Teufel im Bunde steht.

Im 20. Jahrhundert stieg die Katze zum beliebtesten Haustier auf, und im 21. erlangte sie dank Youtube-Filmchen ungekannte Popularität. Noch immer aber gibt es deutlich mehr Katzenhasser als etwa Hundehasser, und in jüngster Zeit ist deren Zahl wieder gewachsen. Aus Amerika schwappt eine Bewegung auf Europa über, die den Katzen buchstäblich ans Fell will. Auch hier dürfte Youtube eine Rolle spielen, nur geht es um Filme ganz anderer Art: Da sieht man Büsis, die Vogelnester ausräubern. Die mit halb toten Mäusen spielen. Die Häschen mit gezieltem Nackenbiss töten.

In den USA wird der Kampf mit harten Bandagen ausgetragen. Naturschützer bezeichnen Katzen als «Mörder» und deren unkontrollierte Vermehrung als «biologisches Littering». Der führende Ornithologe Peter P. Marra macht sie mitverantwortlich für das Artensterben und will die verwilderte Population durch Massentötungen auslöschen. Sein jüngst erschienenes Buch heisst «Cat Wars: The Devastating Consequences of a Cuddly Killer» (sinngemäss «Katzenkriege. Die verheerenden Folgen eines schnuckligen Killers»).

In der Schweiz, einem Katzenland par excellence, halten sich die Naturschutzorganisationen auffallend zurück: Man will sich nicht die Finger verbrennen. Einerseits sind die Katzenhalter in anderen Fragen potenzielle Verbündete, andererseits kann man sich der Empörungswelle gewiss sein, wenn man etwas gegen Büsis sagt.

Hinzu kommt, dass sich die entscheidende Frage gar nicht eindeutig beantworten lässt: Wie viel Schaden richten unsere Katzen wirklich an? Wer Partei für die bedrohten Arten ergreift, für den ist jedes tote Tier eines zu viel, zumal die Katzen in dieser Sicht nicht aus Notwendigkeit töten, sondern zum Plausch. Katzenfreunde dagegen zucken mit den Schultern und murmeln, das sei eben die Natur, wenn ihr Liebling mal wieder ein kleines Massaker angerichtet hat. Gerne betonen sie stattdessen die guten Seiten: die Katze als Mäusefängerin, als Gefährtin für einsame Alte.

Besuch in Horgen bei Dennis Turner, einem der führenden Katzenforscher der Welt. Der gebürtige Amerikaner lebt seit 43 Jahren in der Schweiz und betreibt am Zürichsee sein privates Forschungsinstitut. Seine Eingangsfrage lässt den arglosen Besucher erahnen, dass in der Katzenfrage zuweilen auch in der Schweiz die Fetzen fliegen: «Sind Sie Katzenfreund oder Katzengegner?» Und schiebt als Erklärung hinterher, er habe eben schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht.

Turner positioniert sich klar aufseiten der Katzen, und wer die Geschichte von den bösen Büsis erzählen will, wird seine Version nicht gerne hören. «Der Mensch darf sich der Katze nicht entgegenstellen», sagt er. «Das wäre fragwürdig, wenn nicht sogar unethisch. Katzen haben sich selber domestiziert und ausgebreitet. Durch eigene Kraft sind sie zu extrem erfolgreichen Raubtieren geworden – wir haben nicht das Recht, da einzugreifen.»

Die Forschung ist sich einig, dass die Domestizierung der Hauskatze ein Nebenprodukt der Sesshaftwerdung des Menschen war. Die ersten Getreidespeicher lockten Mäuse an, die Mäuse wiederum Wildkatzen. Diese lernten, die Präsenz des Menschen zu dulden und schliesslich zu nutzen, indem sie sich eine Gratis-Futterquelle erschlossen: «Die Bettelrufe sind darauf selektioniert, Menschen um den Finger zu wickeln», sagt Turner. Weil sie die Annäherung selber initiierten und steuerten, konnten sich die Katzen ihre legendäre Unabhängigkeit bewahren.

Die Weltkatzenpopulation wird auf eine bis zwei Milliarden geschätzt, was vermutlich mehr ist als alle anderen Raubtiere zusammen.

So weit, so unbestritten. Aber muss man daraus, wie Turner es tut, den Schluss ziehen, die Jagd sei eine Angelegenheit zwischen Katze und Vogel, in die wir uns nicht einzumischen hätten?

Auf keinen Fall, meint Johannes Jenny von Pro Natura Aargau, der sich schon lange mit der Katzenfrage beschäftigt: «Mit dieser Argumentation kann man den ganzen Naturschutz ad absurdum führen. In unsere Schutzgebiete greifen wir ständig ein, damit die Schutzziele erfüllt werden. Man kann nicht alles laufen lassen.» Konsequenterweise dürften wir sonst auch gegen schädliche Invasoren wie Waschbären, Goldruten oder Tigermücken nichts unternehmen, die sich ebenfalls im Gefolge des Menschen selber ausgebreitet haben.

Wir dürften auch die Bestände von Rehen, Wildschweinen und Füchsen nicht regulieren, wie wir es heute tun. Der Erfolg dieser Tiere hat damit zu tun, dass ihnen die natürlichen Feinde abhandengekommen sind, und dafür ist wiederum der Mensch verantwortlich. In intakten Systemen sind die Grössten die Beschützer der Kleinen: Wo etwa Kojoten leben, gibt es mehr Vögel. Denn Katzen meiden solche Gebiete, weil sie selber zum Beutespektrum der Kojoten gehören.

In der Schweiz kommt es vor, dass Luchse oder Wölfe Hauskatzen fressen. Einige Steinadler in den Voralpen ernähren sich zu einem beträchtlichen Teil von Katzen, was manchen Naturfans ein Grinsen ins Gesicht zaubert: die Rache der Vögel! Aber die Bestände der Grossräuber sind viel zu klein, als dass dies einen Einfluss auf das Verhalten der Katzen hätte.

Es kommt noch etwas hinzu: Wir Menschen greifen ohnehin ein in das Spiel, indem wir unsere Katzen hegen und pflegen. Die gute Gesundheit gibt ihnen einen klaren Vorteil bei der Jagd – eine Regulierung durch Seuchen oder die Beutetierdichte, wie sie in natürlichen Systemen aufträte, kann gar nicht zustande kommen. Zugleich bremst das Füttern den Jagdtrieb leider keineswegs.

Dennis Turner betont, dass sich fast jede Katze auch selbstständig durchschlagen könnte. Das mag sein. Doch herrenlose, ungefütterte Katzen sind heute schon häufig in einem erbärmlichem Zustand, wie Tierschützer berichten. Überliesse man alle Katzen aufs Mal sich selbst, so würde sich ihre Zahl zweifellos dramatisch reduzieren. Und das «Dies ist eben die Natur»-Argument käme bei den Katzenfans schlagartig aus der Mode.

Jedenfalls ist der aktuelle Katzenbestand weit höher als der jedes anderen Raubtiers. In der Schweiz geht man von etwa 1,4 Millionen Hauskatzen aus, wovon rund eine Million Freigang haben, also jagen können. Darüber hinaus gibt es hierzulande laut dem Schweizer Tierschutz etwa 100 000 verwilderte Katzen. Lokal können die Bestände noch deutlich höher sein. In der Stadt Zürich rechnet man mit 430 Katzen pro Quadratkilometer – das sind 35-mal so viele wie bei den Füchsen, deren Bestand schon als einmalig hoch gilt für ein Raubtier in Mitteleuropa. Die Weltkatzenpopulation wird auf eine bis zwei Milliarden geschätzt, was wohl mehr ist als alle anderen Raubtiere zusammen. Auf jeden wilden Tiger der Erde kommen mindestens hunderttausend jagende Hauskatzen.

Katzenfreie Gebiete gibt es kaum noch. In Australien haben verwilderte Hauskatzen 99,8 Prozent der Landesfläche besiedelt. Im Aargau durchstreifen Katzen selbst die entlegensten Waldstücke, wie ein Fotofallen-Projekt des Kantons gezeigt hat. Die grosse Frage lautet, ob das ein Problem ist. In Australien zweifellos: Zusammen mit den Füchsen gelten die Katzen, die hier erst im 17. Jahrhundert ankamen, als schlimmste invasive Art. Mehr als zehn Prozent der einst 273 endemischen Säugetierarten Australiens sind bereits ausgestorben – oft gehörten verwilderte Katzen zu den Hauptschuldigen. Die Regierung will die auf zwei bis sechs Millionen Tiere geschätzte Population jetzt gezielt dezimieren, vor allem mit Gewehrkugeln. Erwogen werden auch unorthodoxe Massnahmen wie Giftsprühanlagen oder das Aussetzen von Tasmanischen Teufeln, katzenfressenden Raubtieren. Unbestritten ist der desaströse Einfluss von Katzen auf Inseln.

Wo es während Jahrmillionen keine Fressfeinde gab, haben viele Tiere ihre natürliche Scheu verloren. Da genügen ein paar wenige Katzen, bewusst ausgesetzt oder als blinde Passagiere mitgereist, um einer Art den Garaus zu machen. Betroffen sind häufig Vögel, die sich das Fliegen abgewöhnt haben. In Neuseeland haben Katzen zum Aussterben von mindestens acht Vogelarten beigetragen. Die verbliebenen Exemplare des Kakapo – ein genialer, aber leider flugunfähiger Papagei – hat man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf raubtierbefreite Kleininseln umgesiedelt, wo sich die Bestände zuletzt etwas erholten.

Auf den grossen Kontinenten ist die Situation jedoch anders: Hier sind die Tiere seit jeher einem gewissen Raubtierdruck ausgesetzt und haben sich ihren Fluchtinstinkt erhalten. Jenseits von Inseln sind in Europa und Amerika keine Vogelarten bekannt, die wegen Katzen ausgestorben wären.

Die dramatischen Bestandsrückgänge vieler Arten gehen vor allem auf Habitatverluste zurück. In unserer durchgeputzten Landschaft finden viele Tiere kaum mehr Futter und Verstecke. Auch der WWF nannte kürzlich das Verschwinden und die Abwertung des Lebensraums als Hauptursache für die deprimierende Zahl von sechzig Prozent, um die die Wirbeltier-Bestände der Welt seit 1970 zurückgegangen sind. Als Mitschuldige erwähnte er aber durchaus auch die Katzen.

Dennis Turner ist davon nicht überzeugt: «In unseren Breitengraden ist in keinem einzigen Fall belegt, dass die Jagdtätigkeit von Katzen hauptsächlich zum Rückgang einer Beutepopulation beigetragen hat», sagt er. Etliche Wissenschaftler haben in den letzten Jahrzehnten den Jagderfolg von Katzen in Zahlen zu fassen gesucht, oft mit widersprüchlichen Resultaten. Ohne einen Doktortitel in Biostatistik vernebeln einem die vielen Studien rasch die Hirnzellen.

Vor vier Jahren gelang scheinbar ein Durchbruch: Da fasste besagter Ornithologe Peter P. Marra mit zwei Kollegen alle relevanten Erkenntnisse zusammen und quantifizierte sie für die USA. Die Zahlen sind eindrücklich und erregten prompt grosses Aufsehen: Demnach erbeuten amerikanische Katzen jährlich rund zweieinhalb Milliarden Vögel und zwölf Milliarden Säugetiere.

Doch Dennis Turner lässt sich davon nicht beirren. «Die absoluten Zahlen allein besagen nichts», sagt er. Die zweieinhalb Milliarden Vögel entsprächen etwa fünfzehn Prozent der Gesamtpopulation. «Das ist ein ganz normaler Wert für eine Räuber-Beute-Beziehung.»

Um herauszufinden, ob ein Raubtier einer Beuteart nachhaltigen Schaden zufügt, müsste man zudem die Zuwachsraten berücksichtigen – viele Vögel können sich rasch vermehren. Unverständlicherweise gibt es weltweit bloss eine einzige Untersuchung, die das konsequent einbezogen hat: Sie stammt aus der Schweiz, aus den Bergdörfern Jeizinen und Engersch im Oberwallis. Dort haben Martin Weggler und Barbara Leu von der Universität Zürich von 1994 bis 1997 die Entwicklung des Hausrotschwanzes untersucht. Ihr Resultat: Trotz recht hoher Verluste durch räubernde Katzen hat der Bestand in den drei Beobachtungsjahren leicht zugenommen. Die Zahl der erbeuteten Vögel ist also nicht ausschlaggebend.

Allerdings ist auch dies bloss eine Einzelstudie. Sie wurde in einem intakten Umfeld durchgeführt – in der Agglomeration hätten die Resultate anders ausfallen können. Zudem sind Hausrotschwänze als Nischenbrüter von Katzenangriffen weniger betroffen als etwa Gebüsch- oder gar Bodenbrüter.

«Man muss jede Art einzeln anschauen», sagt Stefan Bachmann von BirdLife Schweiz. «Die Bestände von Hausspatz, Grün- und Distelfink oder auch Mehl- und Rauchschwalben sind im Siedlungsgebiet stark zurückgegangen. Das hat viele Ursachen – Katzen sind sicher eine davon.» Lebensraumverlust, Glasscheiben, Nahrungsmangel, Katzen, Vogeljagd: «Es ist nicht sinnvoll, die Bedrohungen gegeneinander auszuspielen. Will man den Artenschwund bremsen, muss man alle Ursachen bekämpfen.» Gerade wenn eine Population bereits unter Druck sei, könnten die Katzen eine vernichtende Rolle spielen.

Zumal es nicht nur um die Jagd geht: Schon die kurzzeitige Präsenz einer Katze in Nestnähe führt dazu, dass Amselküken seltener gefüttert werden und eine geringere Überlebenschance haben, wie eine englische Studie gezeigt hat.

«In einer gesunden Population spielt der Verlust eines Individuums keine Rolle», sagt Johannes Jenny von Pro Natura Aargau. «Vögel oder auch Hasen können das normalerweise locker ausgleichen. Aber wenn es nur noch wenige Exemplare gibt, kann es sein, dass Katzen auch die allerletzten Tiere töten.» Dem widerspricht Dennis Turner: «Katzen sind opportunistische Jäger», sagt er. «Wenn eine Beuteart selten wird, wechseln sie automatisch zu einer anderen.»

Aber auch Jenny lässt sich nicht umstimmen. Ihm machen weniger die Vögel als vielmehr die Reptilien Sorgen, vor allem die Zauneidechse: eine typische Mittellandart, deren Bestände in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen sind. Anders als Vögel können Reptilien nicht einfach wegflattern. Und sie brauchen Wärme, um sich zu bewegen, weshalb sie frühmorgens für Katzen eine leichte Beute sind. Die Zauneidechsen sind besonders anfällig, weil sie zudem einen langsamen Generationenwechsel haben.

«Man sieht es am besten am Rand der Bauzone», sagt Jenny. «Wo neue Siedlungen hinkommen, verschwinden rundherum die Eidechsenbestände.» Die Schweizer Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz (karch) hat ähnliche Beobachtungen gemacht. Am meisten ärgert sich Jenny über das Eindringen von Katzen in Naturschutzgebiete: «Wir erhalten mit grossem Aufwand optimale Strukturen, aber wenn dann keine Eidechsen drin leben, sind sie im wahrsten Sinne des Wortes für die Katz.»

Als Beispiel nennt er den Bruggerberg nördlich von Brugg AG, einen Reptilienstandort von überregionaler Bedeutung, wo Pro Natura seit zehn Jahren erfolglos gegen neue Terrassensiedlungen und für ein Katzenhaltungsverbot kämpft. Katzen erbeuteten dort nicht nur Eidechsen, sondern auch Schlingnattern, die im Mittelland vom Aussterben bedroht sind. Was beweise, dass Katzen auch von sehr seltenen Arten nicht abliessen.

Dennis Turner lassen solche Beispiele natürlich kalt: «In der Wissenschaft zählen Daten, nicht Anekdoten», sagt er. «Bringt mir die Beweise, dass wirklich die Katzen der Hauptgrund für den Rückgang sind, und ich werde der Erste sein, der Massnahmen unterstützt.» Jenny hält dagegen: «Es ist sehr schwierig, einen definitiven wissenschaftlichen Nachweis zu erbringen. Man kann das Problem so lange zerreden, bis die ersten Reptilien in der Schweiz ausgestorben sind.» Gemäss dem Vorsorgeprinzip müsse man handeln, auch wenn der letzte Beweis noch nicht erbracht sei. Schliesslich könne ja Mister Turner ebenso wenig den Umkehrbeweis erbringen, dass die Katzen keinen Schaden anrichteten.

Johannes Jenny stört sich noch an etwas anderem: Alle Reptilien in der Schweiz sind bundesrechtlich geschützt. Da dürfe man doch protestieren, wenn einem die Nachbarskatze die Eidechsen aus dem Naturgarten hole. «Stellen Sie sich umgekehrt mal vor, ich würde mir einen Uhu halten, der die Katzen der Umgebung schlüge. Was würden da die Nachbarn sagen?» Er verstehe, wenn Katzenhalter emotional reagieren, aber Naturfreunde hätten auch Gefühle.

Erstaunlicherweise gibt es bei Naturschützern und Katzenanhängern trotz aller Uneinigkeit einen Konsens darüber, was zu unternehmen wäre. An erster Stelle fordern sie eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen, wie sie beispielsweise Österreich seit mehr als zehn Jahren kennt. Die Motivation der beiden Seiten ist allerdings nicht die gleiche: Für die Naturschützer steht die Eindämmung der Katzenpopulation im Vordergrund. Kastrierte Tiere haben auch ein viel kleineres Streifgebiet, was etwa den Eidechsen vom Bruggerberg zugutekäme. Für die Katzenfreunde ist die Linderung des Tierleids zentral: Kastrierte Katzen haben weniger Tumore, verletzen sich seltener, leben länger. Ausserdem sind die Kastrationen ein gutes Mittel gegen eine alte Methode der Bestandsregulierung, die leider mancherorts immer noch praktiziert wird – das Ersäufen von Jungkatzen.

Im Bundeshaus finden diese Argumente kein Gehör: Im Dezember hat der Ständerat ein Kastrationsobligatorium, wie es die Stiftung SOS Chats in einer Petition forderte, diskussionslos abgelehnt. Die Behandlung des Geschäfts im Plenum dauerte genau 25 Sekunden. Die Tierschutzorganisation NetAP sammelt derzeit Unterschriften für eine ähnliche Petition, die reine Wohnungskatzen von der Kastrationspflicht ausnimmt, was die Chancen vermutlich vergrössert.

Eine bereits initiierte Massnahme ist die Massenkastration verwilderter Katzen. Anders als etwa in Australien sind diese bei uns selten völlig menschenscheu: Die meisten leben in Kolonien auf Bauernhöfen, in Schrebergärten oder Industriearealen und werden oft von einem wohlmeinenden Geist gefüttert, vermehren sich aber unkontrolliert. «Viele dieser Katzen sind in einem schlechten Zustand», sagt Astrid Becker, Präsidentin des Aargauischen Tierschutzvereins. «Gezielte Kastrationsaktionen sind die einzige Methode, das Elend langfristig zu lindern.» 2015 musste der Verein in 142 Fällen wegen verwilderter Katzen einschreiten. Die rund 100 000 Franken jährlich für die Einfangaktionen und Kastrationen haben die Tierschützer selber aufzubringen – der Kanton Aargau hat seine Unterstützung kürzlich gestrichen.

Aus Naturschutzsicht sind die herrenlosen Streuner ein entscheidender Faktor, weil sie deutlich mehr Beutetiere erlegen als normale Hauskatzen. Laut den Zahlen von Peter P. Marra tötet eine verwilderte Katze jährlich etwa drei Amphibien, acht Reptilien, vierzig Vögel und zweihundert Säugetiere – eine Katze mit einem Besitzer hingegen fängt pro Jahr nur etwa zehn Vögel.

Nach dem Kastrieren lassen die Tierschutzvereine die Katzen wieder dort frei, wo man sie eingefangen hat. «Das ist sinnvoll», sagt Dennis Turner. «Die Mitglieder einer frei lebenden Kolonie bilden eine stabile Organisation – so werden fremde Katzen ferngehalten.» Amerikanischen Vogelschützern ist diese Methode ein Dorn im Auge, denn kastrierte Tiere jagen nicht weniger als unkastrierte. Doch in den USA ist das Problem auch viel grösser als bei uns, weil es dort fast so viele verwilderte Katzen gibt wie zahme.

Aber auch in der Schweiz ist die Situation nicht zu unterschätzen. Zwar kastriert allein der Schweizer Tierschutz jährlich mehr als 12 000 herrenlose Streuner und Bauernhofkatzen. Angesichts von vielleicht 50 000 verwilderten Weibchen, von denen jedes problemlos acht Junge im Jahr haben kann, reicht das aber nicht, um die Population einzudämmen. Darum haben sich im Aargau nun Natur- und Tierschützer in einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. «Es hat keinen Sinn, wenn wir uns bekriegen», sagt Johannes Jenny. «Unser gemeinsames Ziel ist eine kleinere, gesündere Katzenpopulation – das mindert das Leid bei den Katzen wie bei den Beutetieren.»

Zur Finanzierung der Kastrationskampagnen schlägt Jenny eine kantonale Katzensteuer vor: zwanzig Franken jährlich für eine kastrierte Katze, 300 bis 400 Franken für eine unkastrierte, damit eine Lenkung entstünde. Dem nüchternen Beobachter leuchtet so eine zweckgebundene Abgabe ein. Weil sie aber der Vorstellung von Freiheit zuwiderläuft, die Katzenhalter mit ihrem Tier verbinden, dürften die Betroffenen darob etwa so glücklich sein wie ein Hobbygärtner über eine Portion Katzendreck im Gemüsebeet.

Sensible Katzenhalter, die den Clash of Emotions nicht mehr ertragen, wenn ihr Räuberli wieder mal ein Rotbrüstli auf die Bettdecke legt, können auch selber aktiv werden: durch eine beutetierfreundliche Gartengestaltung. Vögeln ist mit Hochstammbäumen und Dornbüschen am meisten geholfen, Reptilien mit Asthaufen, Trockenmauern und stachelbewehrten Sonnenplätzen. Naturschützer empfehlen auch, Katzen nicht rauszulassen, wenn man Jungvögel im Garten sichtet – doch sollte man Freigänger nicht über längere Zeit einsperren.

Ob das berühmte Glöggli am Hals, das dem Vogel den Feind akustisch ankündigt, wirklich etwas bringt, ist umstritten. Offenbar lernen manche Katzen, sich so zu bewegen, dass es nicht bimmelt. Vielversprechender sind die gestreiften Stoffhalskrausen in hellen Farben, die in den USA unter dem sprechenden Namen «Birdsbesafe» vermarktet werden: Gemäss Studien können sie den Jagderfolg von Katzen um bis zu neunzig Prozent mindern.

Die Zürcher Forschungsgemeinschaft SWILD will in der Schweiz noch dieses Jahr eine eigene Untersuchung durchführen, in der sie unter anderem die Akzeptanz testen möchte. Zwar gewöhnt sich die Mehrheit der Katzen schnell an den bunten Kragen. Ob auch ihre Besitzer ihn befürworten, ist eine andere Frage. So hat eine britische Studie 2015 ergeben, dass die meisten Katzenhalter sämtliche Massnahmen ablehnen, von denen sie glauben, sie könnten ihren Liebling in irgendeiner Weise einschränken.

Derweil steckt Johannes Jenny in einem Dilemma, dem sich auch hartgesottene Naturfans nicht entziehen können: «Mir droht eine Katze.» Der Kinder wegen. Aber Jenny wäre nicht Jenny, wenn er die Anschaffung widerstandslos über sich ergehen liesse. «Ich möchte einen Versuch machen und Pailletten auf die Halskrause nähen, damit es glitzert und blitzt», sagt er. So würden hoffentlich auch seine geliebten Eidechsen, die viel schlechtere Augen haben als Vögel, die schleichende Gefahr besser erkennen.

Reptilien reagieren vor allem auf Erschütterungen. Diese zu vermeiden beherrschen Katzen leider meisterhaft. Am nützlichsten wäre es daher, ihnen ein paar Blechbüchsen an den Schwanz zu binden. Aber das wäre vermutlich nicht ganz tierschutzkonform.

Dann vielleicht doch lieber einen Hund.