Ein Gespräch von Paula Scheidt

Das Magazin N°4/5 – 28. Januar 2017

Das Bergdorf Arosa vor der Hochsaison. Der Nebel verschluckt den Blick auf die Bündner Alpen, die Hotelière bittet in ihr Hotel: weissblondes, schulterlanges Haar, hellblaue Augen, eine sportliche Daunenjacke. Annelise Leu ist 84, vor vier Jahren hat sie noch mal ein Hotel übernommen: das Zwei-Sterne-Hotel Mittendrinn B & B im Herzen Arosas. Noch ist geschlossen, im Salon ist es frisch. «Ausgerechnet bei diesem Wetter kommen Sie mich besuchen», sagt sie. «Aber wir finden ein gemütliches Plätzchen.» Aus der Küche tönt Geklapper, dort bereitet ihr Lebensgefährte und Restaurantchef Cosimo Citino, 56, das Mittagessen vor. Vom Mittendrinn sind es nur wenige Hundert Meter die Hauptstrasse hinauf zum Luxushotel Kulm, das sie zwanzig Jahre mit ihrem Exmann Hans C. Leu führte. Annelise Leu prägt seit über sechzig Jahren die Schweizer Hotellerie. Ihre Enkelin Nina Zumthor hat nun ihre Memoiren protokolliert – das Buch ist auch eine Abrechnung mit der Männerwelt.

Das Magazin — Mit zwanzig kamen Sie an die Hotelfachschule in Lausanne. Wollten Sie schon immer Direktorin werden?

Annelise Leu — Ich begann im Winter 1952 meine Ausbildung, und damals wollte ich einfach im Hotel arbeiten. An der Hotelfachschule gab es die Ausbildung zum Hotelier, 100 bis 150 Männer pro Jahrgang, immer ausgebucht. Und es gab den Kurs «Aide Directrice», Gehilfin des Direktors – speziell für Mädchen, den besuchten meine Freundin und ich. Frauen machten damals über ihre Männer Karriere, deshalb war es vorteilhaft, einen Hotelier zu heiraten. Und dafür eignete die Hotelfachschule sich bestens. Denn auch der Hotelier brauchte eine Frau. Man konnte natürlich auch ohne Mann im Hotel arbeiten, aber kaum in höherer Stellung. Als ledige Frau riskierte man – egal, in welcher Branche -, als alte Jungfer zu enden.

Hatten Sie Angst vor diesem Schicksal?

Wir junge Frauen hatten schon mit zwanzig Torschlusspanik. Es gab einen furchtbaren Druck: Du musst um jeden Preis einen Mann ergattern, sonst bist du gesellschaftlich out. Verlogen war die Sache auch noch. Man durfte natürlich nicht öffentlich sagen, dass man auf Männerfang war.

Wie wurden Sie erzogen?

Meine Eltern waren ziemlich modern. Als meine Mutter meinen jüngeren Bruder erwartete, sagte sie: «Der wächst in meinem Bauch.» Das war fortschrittlich, andere Eltern haben ihren Kindern die Geschichte vom Storch erzählt. Ich wollte natürlich wissen: «Und wie kommt er raus?!» Da wurde sie rot und sagte: «Zwischen meinen Beinen.» Ich wollte eigentlich noch fragen: «Und wie kommt er rein?» Aber das lag nicht mehr drin.

Sie waren wohl ein forsches Kind?

Ja, als ich mit 14 Jahren heimlich unter der Bettdecke las, verprügelte mein Vater mich so brutal, dass ich drei Wochen lang nicht sitzen konnte. Die meisten Kinder verdrängen solche Erlebnisse und passen sich an. Ich hingegen gehörte zu den Aufsässigen. Von klein auf bekam ich Schläge. Und hielt immer dagegen. Zu einem gewissen Grad hat das mir sicher geholfen. Wenn man seine Wut rauslässt, staut sie sich nicht im Magen.

War es denn selbstverständlich, dass Sie als Frau einen Beruf erlernten?

Überhaupt nicht. Ärmere Frauen gingen in die Fabrik, arbeiteten als Dienstmädchen oder als Verkäuferinnen. Ich bin in einer recht wohlhabenden Familie in Basel aufgewachsen. Nach der Schule verbrachte ich ein Jahr in Paris, um Französisch zu lernen, und ein halbes Jahr als Au-pair in England. Meine Eltern förderten mich. Von meinen Freundinnen am elitären Mädchengymnasium absolvierten viele eine Ausbildung. Allerdings wählten die meisten typische Frauenberufe wie Krankenschwester oder Sekretärin.

Was reizte Sie an der Hotellerie?

An der Hotelfachschule lernten wir: «L’hôtellerie c’est un metier complet» – die Hotellerie ist ein umfassender Beruf. Menüs kreieren, Briefe schreiben, Rohre flicken, Personal verarzten, Zimmer einrichten – alles ist dabei. Ich kann eine Miniwelt gestalten, eine möglichst angenehme kleine Welt. Damals waren die Linken stark im Kommen. Sie kritisierten, dass die Reichen in den Hotels mit Luxus überhäuft würden. Ich kann mich erinnern, wie ein Radiojournalist einen Concierge vom Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken fragte: «Ödet es Sie nicht an, immer lächeln zu müssen?» Der konterte: «Sicher nicht, es ist doch schön, nett zu sein. Wäre ich ein Griesgram, hätte ich Journalist werden können.»

An der Hotelfachschule lernten Sie Ihren späteren Mann kennen.

Wir haben uns kennengelernt, uns verliebt, und die logische Folge war, dass wir heirateten. Wir hatten damals in Lausanne eine schöne Zeit zusammen, fuhren nach Genf zum Autosalon, machten Ausflüge in die Berge. Auch beruflich passten wir gut zueinander, wir waren gleichzeitig mit der Ausbildung fertig.

Nach der grossen Liebe klingt das nicht gerade.

Ich sehe das eher pragmatisch: Man kann sich nur in einen verlieben, der erreichbar ist. Die grosse Liebe schliesst das nicht aus, sie entsteht mit der Zeit.

Porträt Patricia von Ah

Porträt Patricia von Ah

Nach der Hochzeit traten Sie Ihre erste gemeinsame Stelle an – in Locarno. Ihr Mann wurde Chef de Réception und Sie Gouvernante. Zeichnete sich da schon die ungleiche Rollenverteilung eines Direktorenehepaars ab?

Absolut, wir hatten diese Stelle für meinen Mann gesucht. Es war Zufall, dass die langjährige Gouvernante des Hotels zurücktrat und ich ihre Stelle übernehmen konnte.

Was waren Ihre Aufgaben?

Die Organisation der Etage: Ich koordinierte die Wäsche, leitete die Zimmermädchen an und kontrollierte jedes Zimmer. Um sieben Uhr fing ich an und arbeitete oft zehn Stunden oder mehr. Es hat Spass gemacht, aber ich war recht gefordert. Damals stammten noch alle Zimmermädchen aus der Schweiz, sie hatten als Hilfszimmermädchen begonnen und zwanzig Jahre Erfahrung. Für ein Bett brauchten sie drei Minuten. Ich eine halbe Stunde – frisch von der Hotelfachschule kannte ich Bettenmachen nur aus der Theorie.

Die nächsten neun Jahre kümmerten Sie sich um Ihre drei Kinder – zuerst in Locarno, dann in Lausanne und in Zürich, wo Ihr Mann acht Jahre lang im Dolder arbeitete. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Natürlich hatte das Familienleben auch schöne Seiten, aber ich fühlte mich an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Bei der Geburt meines ersten Kindes war mein Mann in St. Moritz, wo er eine temporäre Stelle angetreten hatte, und meine Eltern waren in den Skiferien. Ich litt unter einer Geburtsdepression, aber das hat man damals nicht erkannt. Als ich einige Wochen später zu meinen Eltern nach Basel konnte, war ich unendlich froh. Aber auch dort gab es Frustrationen. Auch dort hockte ich nur allein rum. Erst als Hans im Frühjahr aus den Bergen zurückkam, klingelte das Telefon wieder, schon am ersten Abend. Eine Frau allein war nicht gesellschaftsfähig. Sie zählte nur in Begleitung ihres Mannes.

Auch beruflich machten Sie frustrierende Erfahrungen. Als Sie ein paar Jahre später die erste diplomierte Hotelière der Schweiz wurden, verwehrte man Ihnen die Anerkennung.

An der Hotelfachschule war das Unternehmerseminar gegründet worden, und ich nahm als einzige Frau am ersten Weiterbildungskurs teil. Nach der Abschlussprüfung sollte eine öffentliche Ehrung der besten Resultate stattfinden. Zwei Herren der Hotelfachschule gratulierten mir diskret: Ich hatte das beste Ergebnis erzielt. Dann stiegen sie aufs Podium und überreichten die Zeugnisse ohne Rangfolge. Man konnte den Männern wohl nicht zumuten, dass eine Frau die Beste war.

Hört man Ihnen so zu, bekommt man den Eindruck, dass Sie nur mit schlimmen Männern zu tun hatten.

Ich hatte einen guten Ehemann, das ist nicht der Punkt. Wie er sich verhalten hat, war einfach die gesellschaftliche Norm. Ich war diejenige, die sich gegen diese Norm aufgelehnt hat.

Haben Frauen es heute leichter?

Die Jungen profitieren vom Kampf, den ich und andere Frauen ein Leben lang geführt haben. Wir haben grosse Fortschritte gemacht. Aber in den einflussreichen Positionen sitzen noch immer Männer. Die Idee, dass der Mann Karriere macht und die Frau seine Assistentin ist, ist fest in den Köpfen verankert – auch in denen der Frauen.

Ihr Mann und Sie wurden 1966 zum Direktionsehepaar des Luxushotels  Kulm in Arosa ernannt. Was hiess das konkret?

Ich war eine Fussnote im Vertrag meines Mannes. «Die Ehefrau des Direktors unterstützt ihren Mann aktiv im Betrieb», stand da. Ein zweites Mal wurde ich erwähnt: «Der Direktor bezieht für sich und seine Frau folgenden Lohn.» Ich beschwerte mich beim Verwaltungsrat und verlangte einen eigenen Vertrag, leider erfolglos. Wie oft hat jemand zu mir gesagt: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Das sollte ein Kompliment sein, aber ich empfinde es als Beleidigung. Mein Mann und ich führten das Hotel gemeinsam.

Ihr grösster Erfolg als Gastgeberin?

Unser grösster Erfolg war die Atmosphäre, die wir kreiert haben.

Wie muss man sich die vorstellen?

In den Luxushotels wussten viele alte Ehepaare an ihren Zweiertischen nicht, was sie noch miteinander sprechen sollten. Also veranstalteten wir ein Bauernfest. Lange Tische, Stroh am Boden. Oder ein bayrisches Bierfest. Einen Zirkusabend. Plausch statt Plüsch, das war das Motto. Die Gäste lernten sich kennen und amüsierten sich. Wir behandelten sie wie Freunde. Wenige Monate bevor wir das Kulm übernahmen, war das Tschuggen, unsere grösste Konkurrenz, vollständig abgebrannt. Es war klar: Nach dem Wiederaufbau mit dem Versicherungsgeld würde das Tschuggen viel moderner sein als das Kulm. Also fragten wir uns: Was können wir besser? Und das war sicher der Umgang mit den Gästen. Unsere Veranstaltungsideen wurden sogar an der Hotelfachschule gelehrt.

Ihr grösster Fauxpas?

Heute würde ich mich ganz anders um das Personal kümmern. Das Personalessen zum Beispiel hatte damals letzte Priorität. Die Köche kochten nur ein Gericht, Wünsche wurden ignoriert. Oft assen diejenigen, die zuerst kamen, den anderen das Fleisch weg. Oder es fehlten Stühle, sodass sie im Stehen essen mussten. Rückblickend empfinde ich das als Mangel an Respekt. In einem gut geführten Hotel muss das Personal zufrieden sein.

Sie und Ihr Mann führten als Erste in der Schweizer Luxushotellerie das Frühstücksbuffet ein. Wie kam das?

Das typische Hotelfrühstück bestand in den 1960er-Jahren aus einem Gipfeli, einem Weggli, einem Bürli, einem Dreieckskäsli, Konfitüre und drei Butterrölleli. Was das für eine Arbeit war, jeden Abend Butterrölleli für 200 Gäste herzustellen! Eine Person war damit mehrere Stunden lang beschäftigt. Sie waren noch nicht einmal fein. Über Nacht schwammen sie in einem grossen Becken, deshalb hatten sie am nächsten Morgen einen EiskastenGoût. Die Luxushotellerie war noch sehr verknöchert. Alles wurde in silbernen Schäleli serviert, und die Kellner mussten für jede Leistung einen Bon schreiben. Wir machten damals Ferien im Club Méditerranée, und in den günstigeren Hotels gab es schon Frühstücksbuffets. Da ist bei uns der Groschen gefallen. Wir übernahmen dieses Konzept und passten es für die Luxushotellerie an – mit Delikatessen und exotischen Früchten, Kaviar, Lachs, Bananen und Lychees. Das waren damals noch seltene Luxusartikel.

Heute reichen Themenabende und Frühstücksbuffets nicht mehr aus, um Gäste anzulocken. Alle loben die Österreicher – was machen die besser?

Ich denke, bei Wellness und bei familienfreundlichen Hotels sind die Österreicher uns etwas voraus. Ich finde aber, wir Schweizer reden uns selber schlecht. Das Klischee, dass wir unfreundlich seien, ist einfach nicht wahr.

Im Haus Hirt in Bad Gastein, einem luxuriösen Vier-Sterne-Haus, bezahlt man zu zweit für Vollpension in einem geräumigen Zimmer nur 300 Euro. In der Schweiz kriegt man dagegen zu wenig fürs Geld. Einverstanden?

Das ist der Hauptgrund. Die Schweiz ist eine Hochpreisinsel, und da ist die Hotellerie nicht ausgenommen. Wir haben höhere Kosten, deshalb können wir mit Österreich nicht mithalten.

Wenn jemand beim Frühstück eine Sauerei veranstaltet oder Berge von Schnee in die Lobby trampelt: Wie schafft man es, als Gastgeberin trotzdem herzlich zu bleiben?

Eine Grundregel in der Hotellerie lautet: Einen angenehmen Gast zufriedenzustellen, ist keine Kunst. Die Kunst liegt darin, einen unfreundlichen, anspruchsvollen, nervigen Gast glücklich zu machen.

Wenn Sie Ihre Gäste erziehen könnten, was würden Sie ihnen beibringen?

Es ist nicht unsere Aufgabe, die Gäste zu erziehen. Das ist ein elementarer Fehler, den manche Hoteliers machen. Es geht darum, den Gästen alle Wünsche zu erfüllen – sogar wenn sie sich total danebenbenehmen. Natürlich gibt es eine Grenze. Einmal hat ein Mann am helllichten Tag in der Empfangshalle des Kulm auf den Teppich geschissen. Da mussten wir einschreiten und sagen: Das geht nicht. Es ist auch unsere Aufgabe, als Direktionsehepaar dafür zu sorgen, dass die anderen Gäste sich nicht gestört fühlen.

An Silvester stieg im Kulm jweils die Party des Jahres. Wurde Ihnen der Luxus irgendwann zu viel?

Einmal kam ich am 30. Dezember abends gegen elf Uhr in die Hotelküche. Als ich mich wunderte, dass alle Köche noch da waren, erklärten sie: Wir warten auf die Langusten. Mit dem letzten Zug wurden reihenweise Fässer voll lebender Langusten angeliefert. Die mussten am Bahnhof abgeholt und noch in der Nacht gekocht werden. 400 halbe Langusten für 350 Gäste. Vielleicht waren es auch etwas weniger, das weiss ich nicht mehr so genau. Jedenfalls kamen mir da erste Zweifel: Ist das wirklich nötig? Warum müssen die Gäste mitten im Winter, oben auf 1800 Metern, Langusten essen? Ich empfand es als unnötige Tierquälerei. Aber die Gäste stürzten sich darauf. Insofern hatten die Linken vielleicht schon recht mit ihrer Kritik am verschwenderischen Lebensstil. Das Schöne ist ja, dass man nach und nach Übereinstimmung gefunden hat. Heute esse ich keine Langusten mehr.

1974 kauften Sie Ihr eigenes Hotel, das Vieux Manoir am Murtensee.

Damals führte die Hauptstrasse Bern–Lausanne direkt am Hotel vorbei. Wegen eines Bahnübergangs musste man abbremsen und hatte einen guten Blick auf das Hotel: ein zehntausend Quadratmeter grosses Grundstück direkt am See, ein wunderschöner Park, wir konnten einfach nicht widerstehen. Mit der finanziellen Unterstützung meines Vaters haben wir das Hotel gekauft, und ich habe den Betrieb aufgebaut – parallel zur Arbeit im Kulm. 1999 wurde das Vieux Manoir zum Schweizer Hotel des Jahres gekürt.

Während Sie beruflich immer erfolgreicher wurden, litt Ihre Ehe. In Ihrer Autobiografie erwähnen Sie die zahlreichen Affären Ihres Mannes. Warum deckten Sie ihn, anstatt ihn zur Rechenschaft zu ziehen?

Rückblickend denke ich, ich hätte mich früher trennen sollen. Aber ich wäre diejenige gewesen, die die Rechnung bezahlt hätte. Also gewöhnte ich mich daran, dass mein Mann ständig abschwirrte. Wir hatten viel Besuch, ich war nicht allein. Aber im Innern nagte es. Alle wussten, dass er mich betrügt, das ganze Hotel, das ganze Dorf Arosa – das ist nicht angenehm.

Im 1986 liessen Sie sich scheiden – und traten gleichzeitig aus dem Kulm aus. Welche beruflichen Konsequenzen hatte das für Sie?

Ich hatte dafür gekämpft, dass wir zusammenbleiben. Es gab ja diese Verquickung von Liebe, Ehe, Familie und wirtschaftlichem Faktor. Mein Mann hatte ein neues Hotel im Tessin gebaut und wollte dorthin ziehen. Ich besass zwar das Vieux Manoir, aber das wurde von einem anderen Direktionsehepaar geführt, es machte keinen Sinn, dass ich mich da engagierte. Dann kam mein Banker und meinte, es gebe eine Möglichkeit, ein anderes Hotel in Arosa zu übernehmen.

Sie erwarben das Hotel Eden, ein Vier-Sterne-Hotel in Arosa, und führten es zusammen mit Ihrem Sohn. Wie gut liessen sich Ihre Vorstellungen mit seinen unter einen Hut bringen?

Mein Sohn besuchte damals die Hotelfachschule Lausanne. Er hatte viele neue spannende Ideen, und ich dachte: Wunderbar, er wird Juniorchef. Aber es war wieder dieselbe Geschichte – alle gingen von vornherein davon aus, dass er der Chef sei. Die Gäste haben mich gefragt: «Ach, sind Sie auch da! Helfen Sie Ihrem Sohn?» Dabei war ich die Besitzerin. Wir hatten dann auch Streit, weil er stark expandieren wollte und ich auf der Bremse stand.

Sie stritten um Geld?

Das Problem war, dass die Banken Ende der Neunzigerjahre zunehmend unter Druck gerieten und ihre sogenannten schlechten Schuldner abstossen wollten. Ich hatte einen grossen Kredit aufgenommen, um die Umbaupläne zu finanzieren. Nun hiess es plötzlich, wir seien überschuldet. Wir waren nicht die Einzigen – kleinere und grössere Betriebe in der ganzen Schweiz mussten liquidieren. Es traf auch das Vieux Manoir: Ich musste es im schlechtesten Moment verkaufen. Der Rohbau, der mehrere Millionen gekostet hatte, war gerade fertig, als die Bank plötzlich den Kredit zurückforderte. Ich konnte die Zimmer nicht fertigstellen, also konnte ich sie auch nicht vermieten. Dabei hatte ich dreissig Jahre immer fristgerecht bezahlt.

Waren Sie wütend auf den Banker?

Es war ein totaler Schock. Ich habe gestritten, protestiert. Aber da war nichts zu machen.

«Ganzheitlich führen – ganzheitlich leben» hiess das Seminar, das Sie in den Neunzigerjahren besuchten. Aus heutiger Sicht ein lahmer Titel – aber die Erfahrung hat Sie nachhaltig geprägt. Wieso?

Es war eine total neue Welt. Zu Beginn sollten wir die Schuhe ausziehen und uns in einen Stuhlkreis setzen. Sonst standen da immer Tische und Bänke in Klassenzimmer-Formation. Dann haben die Kursleiter angefangen, auf eine völlig neue Art mit uns zu reden: «Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder möchte sich selbst verwirklichen.» Das war das Gegenteil von dem, was wir immer gelernt hatten: Gefühle haben im Geschäft nichts verloren, Arbeit muss keinen Spass machen. Innert einer Woche haben wir uns völlig verändert. Am Ende des Kurses waren wir eine andere Gruppe. Ich habe weitere Seminare besucht, und heute mache ich Tai-Chi und Atemübungen.

Mit 62 lernten Sie im Eden Ihren heutigen Partner kennen, den Italiener Cosimo Citino. Er arbeitete an der Garderobe und war fast halb so alt wie Sie: 34. Wurden Sie schräg angeschaut?

Niemand traute sich, mir etwas Beleidigendes ins Gesicht zu sagen. Aber ich habe schon gemerkt, dass getuschelt wurde. Für Cosimo war es schlimmer. Er musste sich Kommentare anhören  wie: «Was zahlt dir die Alte?» Ich bin sicher, auch andere hatten solche Beziehungen mit grossem Altersunterschied. Aber die wurden um jeden Preis geheim gehalten. Deshalb betrachte ich es heute als Pionierleistung, dass wir beide von Anfang an zueinander standen.

2011 wurde das Eden nach einer über zwanzigjährigen Erfolgsgeschichte abgerissen. Warum sind Hunderte von Hotels in der Schweiz nicht mehr rentabel?

Früher stellten wir im Sommer einfach Wasser und Telefon ab, verhängten die Fenster und verriegelten das Hotel. Heute muss man als Hotelier alle Rechnungen zwölf Monate lang zahlen. Auch die Angestellten wollen heute eine Jahresstelle. Gleichzeitig wird die Wintersaison kürzer und schlechter: Der Schnee bleibt aus, die Leute kommen nicht mehr für zwei Wochen, sondern nur noch ein Wochenende. Und wir konkurrieren mit der ganzen Welt: Viele machen im Winter lieber Badeurlaub.

Mit achtzig Jahren haben Sie wieder ein Hotel übernommen: das Mittendrinn im Zentrum von Arosa. Heute, mit 84, arbeiten Sie immer noch. Was wollen Sie der Welt beweisen?

Nichts. Mein Freund Cosimo wollte das Restaurant neben dem Hotel übernehmen. Ein Restaurant und ein Hotel gehören zusammen, sie ergänzen sich. Deshalb habe ich mich zu dem Schritt entschlossen. Es war noch mal eine kleine Challenge.

Die Anerkennung kam doch noch, wenn auch spät: Inzwischen sind Sie Ehrenmitglied der Vereinigung diplomierter Hoteliers.

Immer mehr Hoteliers schlossen die Weiterbildung ab, und langsam kamen auch mehr Frauen dazu. Vor ein paar Jahren – ich war schon aus dem Verein ausgetreten – wurde ich zum Ehrenmitglied ernannt. Seither heisst es bei den Mitgliedertreffen immer: «Es gibt noch verschiedene Veteranen. Aus Kurs eins: die Annelise Leu.»

Nina Zumthor, Die Frau des Direktors. Annelise Leu, die Schweizer Hotelpionierin, elfundzehn Verlag 2016.

Die Fotografin Patricia von Ah lebt in Zürich