Eine Reportage von Christian Gesellmann

Das Magazin N°4/5 – 28. Januar 2017

An einem Tag Ende Januar 1998 sagt Rexhep Selimi zu seinem Freund: «Warum bringen wir die Kinder nicht weg? Dann könnte das Kämpfen richtig Spass machen.»

Am Tag zuvor hat die Polizei das Anwesen seines Freundes umzingelt – drei Bauernhäuser in Prekaz, einem Dorf in der Drenica, dem Herzen Kosovos, umgeben von bewaldeten Hügeln. Eine Landschaft, die Peter Handke mal als «unerhört weiblich» bezeichnet hat.

Der Freund heisst Adem Jashari und wird wenige Wochen später tot sein. Rexhep Selimi ist heute ein angesehener Politiker in Kosovo.

Vor ein paar Jahren hatte die Polizei das Anwesen schon einmal angegriffen. Damals verschanzte sich Adem Jashari mit den anderen Mitgliedern seiner Grossfamilie im Wohnhaus und eröffnete das Feuer. Die Polizei schoss zurück, verwundete zwei seiner Töchter, gab aber schliesslich auf.

Jashari ist damals schon seit mehreren Jahren zur Fahndung ausgeschrieben. Wegen terroristischer Aktivitäten und Mordes. Auch Selimi wird von der Polizei gesucht. Die AK 47 mit dem bananenförmigen Magazin hängt an einem Riemen über seiner Schulter. Er trägt eine Tarnuniform der Schweizer Armee, versehen mit dem Wappen der UÇK, der «Armee zur Befreiung des Kosovo».

Rexhep Selimi hat keine Zweifel, dass die Serben wiederkommen werden, als er an diesem kalten Januarmorgen mit seinem väterlichen Freund und Idol die Einschusslöcher im Mauerwerk betrachtet. Deshalb fragt er: «Warum bringen wir die Kinder nicht weg?»

Adem Jashari hat einen wallenden Bart, langes, an den Schläfen ergrautes Haar und eine Plis genannte Eierschalenkappe auf dem Kopf. Sein Hemd unter der gefleckten Camouflage-Uniform ist aufgeknöpft, über der Brust kreuzen sich zwei Patronengürtel. Er sieht aus wie eine Mischung aus Karl Marx und Colonel Kurtz aus «Apocalypse Now».

Die beiden Männer haben ihr ziviles Leben schon seit Langem aufgegeben. Sie sind Mitbegründer der UÇK, die sich dem Kampf gegen die Serben verschrieben hat und von einem unabhängigen Staat Kosovo träumt. Vielleicht sogar einem einzigen Staat für alle Albaner auf dem Balkan.

«Die Kinder wegbringen?» Der Ältere schaut dem Jüngeren in die Augen und sagt mit ruhiger Stimme: «Nein, meine Kinder werden kein anderes Schicksal haben als die anderen Kinder im Dorf.»

Im März rückt die Polizei erneut an. Diesmal bringt sie das Militär mit – Panzer, Granaten, Mörser. Auf den schmalen Zufahrtsstrassen der Region stehen die Truppentransporter aufgereiht wie ein verirrter Güterzug. Von einem 500 Meter entfernten Hügel beschiessen die Soldaten das Anwesen der Jasharis. Nachbarn, die ihre Häuser in Panik verlassen, werden von Scharfschützen erschossen, darunter zwei Kinder.

Die Grossfamilie hält sich zu diesem Zeitpunkt in den Häusern des Anwesens auf. Die Männer und Jungs schiessen mit Kalaschnikows, selbst gebauten Hinterladern und Maschinengewehren zurück. Die Frauen und Mädchen kauern unter dem Fenster und reichen den Schützen Patronengurte nach, während Explosionen Löcher, gross wie Traktorräder, in die Wände reissen.

Nach zwei Tagen ist der Widerstand gebrochen. Der Dachstuhl des mittleren Hauses steht in Flammen. Am dritten Tag werfen Soldaten Handgranaten durch die Fenster. Als sich der Rauch verzogen hat, stürmen sie das Haus. Am Ende sind 51 Familienmitglieder tot, darunter achtzehn Frauen, sechzehn Kinder und Adem Jashari. Eine elfjährige Nichte Jasharis ist die einzige Überlebende. Später wird sie einem Fernsehteam sagen: «Onkel Adem stand im Hof und sang patriotische Lieder, damit wir im Haus keine Angst hatten.»

Das Massaker von März 1998 gilt als Auslöser des Kosovokrieges. Zehn Jahre später, nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes im Februar 2008, wird Adem Jashari der Titel «Held des Kosovo» verliehen. Der neue Flughafen in der Hauptstadt Pristina wird nach ihm benannt, ebenso die grösste Kaserne des Landes und das Fussballstadion in Mitrovica im Norden des Landes. Plakate und Graffiti mit seinem Konterfei – viele mit dem Slogan «Bac, u kry!» («Onkel, es ist geschafft!») – säumen heute dieselben Strassen, auf denen damals die serbischen Truppentransporter standen.

Dieses Jahr sollen nun in Den Haag in den Niederlanden ehemalige UÇK-Kämpfer vor einem Sondergerichtshof erscheinen. Es geht um die Entführung, Folter und Ermordung von Zivilisten – serbischer und albanischer – sowie um Organhandel. Zu den Angeklagten werden aktive und ehemalige Regierungsmitglieder gehören, darunter könnte auch Hashim Thaçi sein, der Präsident des Landes, einst Geschichtsstudent der Uni Zürich.

Wie die UÇK Gegründet wurde

Im vergangenen Jahr reiste ich zweimal nach Kosovo, um mehr über die nebulöse Geschichte der im Jahr 1999 aufgelösten Organisation zu erfahren. Ich begann meine Recherche in Prekaz, dem Heimatort des UÇK-Mitgründers Adem Jashari. Doch weder sein Bruder, der sich zum Zeitpunkt des Massakers in Deutschland aufhielt, noch die überlebende Nichte wollten mit mir reden.

In der Hauptstadt Pristina erhielt ich dann den Tipp, mich mit Rexhep Selimi zu treffen. Jenem Mann, der vier Jahre lang in Adem Jasharis Haus gelebt hatte, der sich auf den Kampf gegen die Serben gefreut hatte und ihn dann doch verpasste, weil alle Wege nach Prekaz blockiert waren.

Selimi sitzt heute für die radikale Oppositionspartei Vetëvendosje im Parlament. Ich verabredete mich mit ihm in der Parteizentrale im Zentrum Pristinas, einem Glasgebäude an der UÇK-Strasse.

Selimi wurde in einem VW Passat vorgefahren. Er trug einen Anzug, keine Krawatte, der Bart war ab, sein Händedruck energisch. Die Begrüssung war freundlich, fast herzlich. Gemeinsam mit dem Dolmetscher und einer Mitarbeiterin zwängten wir uns in den absurd kleinen Fahrstuhl. Nun standen wir Schulter an Schulter, ein verlegenes menschliches Quadrat, und warteten schweigend, dass die Fahrstuhltür endlich zugehen möge. «Wow, hier sollen sogar sechs Leute reinpassen!», sagte ich, um die Stille zu durchbrechen. Selimi hielt die Tür auf, sprang zurück ins Foyer. «Warte!», rief er mir auf Englisch zu, «vielleicht kommen noch zwei!» Wieder im Lift grinste er auf dem Weg nach oben wie ein Schuljunge. Im zweiten Stock stiegen wir aus und betraten einen leeren Konferenzraum. Als Erstes bat ich Selimi zu erzählen, wie er Adem Jashari kennengelernt hatte.

Ihre Verbindung gehe zurück auf den Dezember des Jahres 1991. Adem Jashari war gerade aus einem militärischen Trainingscamp in Albanien heimgekehrt, als die Polizei ihn bei sich zu Hause festnehmen wollte. Es kam zu einer stundenlangen Schiesserei, von der auch ein Onkel Selimis erfuhr, der etwa zwanzig Kilometer entfernt lebte. «Aus Solidarität mit einer Familie, die von der serbischen Polizei angegriffen wird», sagt Selimi, «hat mein Onkel seine Waffe eingepackt und ist nach Prekaz gefahren, obwohl er diese Familie gar nicht kannte. Das war eine grosse Inspiration für mich.» Einen Monat später trafen sich Vertreter der beiden Clans erneut. Es war der Beginn der allmählichen Vernetzung bewaffneter Familien im ländlichen Kosovo, die drei Jahre später zur Gründung der UÇK führen sollte.

Dass die Existenz einer paramilitärischen Rebellengruppe mehr als ein Gerücht war, erfuhren viele Kosovaren erst 1997 – von Rexhep Selimi. In jenem Jahr erschoss die UÇK serbische Polizisten. Bei einem Vergeltungsschlag tötete die Polizei ihrerseits einen albanischen Lehrer. Während der Beerdigung, die im Fernsehen übertragen wurde, las Selimi ein Manifest vor. Er trug Uniform und eine Sturmhaube – es war der erste öffentliche Auftritt der Guerilla.

Zunächst wurde Selimi als Verbindungsmann zu Jashari eingesetzt. «Adem wäre in Pristina sofort aufgefallen. Er war kein Mann, der sich tarnen wollte.» Später besorgte Selimi Waffen aus Albanien, wurde verantwortlich für die Planung der Aktionen der UÇK. «Eines unserer Ziele war, der serbischen Polizei Angst einzujagen. Sie sollten das Gefühl bekommen, dass wir sie jederzeit und an jedem Ort treffen können.»

Im September 1997 habe er einen simultanen Angriff auf vierzehn Polizeistationen koordiniert. Über Monate hatte er Panzerfäuste gesammelt, die stückweise aus Albanien geschmuggelt worden waren, um sie «auf die Minute genau» von vierzehn Kämpfern gleichzeitig abfeuern zu lassen. Er selbst sei einer dieser Kämpfer gewesen.

Die Mitgründer der UÇK: Rexhep Selimi (vorne links) und Adem Jashari (vorne rechts), 1994 mit Mitstreitern.

Die Mitgründer der UÇK: Rexhep Selimi (vorne links) und Adem Jashari (vorne rechts), 1994 mit Mitstreitern.

Zu solchen Aktionen war die UÇK bis dahin nur selten in der Lage gewesen. Es fehlte ihr nicht nur an Waffen, sondern auch an Rekruten. Das änderte sich nach dem Massaker von Prekaz. Die 51 Toten der Jashari-Familie wurden im März 1998 beigesetzt. Mehrere Tausend Menschen kamen zur Beerdigung, darunter auch Fernsehteams. Anfang der Achtzigerjahre hatten die Serben begonnen, die Kosovo-Albaner immer stärker zu unterdrücken. Protestierende Studenten wurden niedergeschossen, 1989 schliesslich der Autonomiestatus der Provinz aufgehoben und das Parlament aufgelöst. Aber Massaker an Frauen und Kindern hatte es bis dahin nicht gegeben.

Die Zahl der Freiwilligen, die fortan mit der UÇK kämpfen wollten, wuchs laut Selimi «um das Zehnfache». Im Gleichschritt steigerte sich die Zahl der Angriffe gegen serbische Einheiten, die darauf mit noch brutaleren Vergeltungsschlägen reagierten. Die Kosovaren flohen in Massen, die Nato griff ein und bombardierte Serbien 78 Tage. Am 10. Juni 1999 war der Krieg offiziell vorbei, und die UÇK wurde gemäss einem Abkommen mit der Nato aufgelöst und entwaffnet.

Rund 12  500 Menschen starben im Kosovo, 1700 gelten bis heute als vermisst. Die ehemalige serbische Provinz wurde zunächst ein Protektorat der Vereinten Nationen. 2008 erklärte das Land seine Unabhängigkeit, die unter anderem von Russland, Serbien und einzelnen EU-Staaten, darunter Spanien und Griechenland, nicht anerkannt wird.

Der sanfte Ibrahim Rugova

Das Massaker an den Jasharis bedeutete auch das endgültige Ende des friedlichen Widerstandes der Kosovo-Albaner gegen das serbische Regime. Die Ära des gewaltfreien Kampfs hatte zehn Jahre gedauert. Wäre die Geschichte gerecht, müsste ein anderer Held viel bekannter sein als Adem Jashari und der Flughafen von Pristina diesen Namen tragen: Ibrahim Rugova.

Als ich vor sieben Jahren das erste Mal durch Pristina ging, fiel mir ein riesiges Wandbild auf. Es bedeckte die Front eines Hauses auf dem Mutter-Teresa-Boulevard und zeigte einen eleganten Mittvierziger mit Brille, langen Haaren und einem Seidenschal um den Hals: Er läuft und lächelt darauf, als hätte ihm gerade jemand etwas Witziges zugerufen.

Das Wandbild, so stellte sich heraus, zeigte ebendiesen Ibrahim Rugova – «den Gandhi Kosovos», wie ihn ein kosovarischer Freund nannte, den ich während des Studiums in Jena kennengelernt hatte. Dieser Freund führte mich nach Velania, ein ruhiges Viertel mit engen Gassen und Häusern mit roten Ziegeldächern, über denen die Stromkabel wie Spinnfäden gespannt waren.

Rugova hat Literaturwissenschaften in Pristina und in Paris studiert und war Präsident des Schriftstellerverbandes. Als Serbien Kosovo die Autonomie entzog und ethnische Albaner aus Schulen, Universitäten, Jobs und Ämtern ausschloss, gingen Hunderttausende auf die Strasse. Serbische Polizisten töteten mehrere Demonstranten, die Situation drohte in einen Bürgerkrieg zu münden.

Rugova rief im Fernsehen dazu auf, der Gewalt nicht mit Gewalt zu begegnen. Diplomatie solle in die Unabhängigkeit führen. Die Kosovaren hörten auf Rugova. Sie wählten ihn 1992 und 1998 zum Präsidenten einer Republik, die es noch nicht gab, sowie 2002 und 2005 zum Präsidenten des UNO-Protektorats Kosovo. Doch schon 2006 starb er, an Krebs.

Nachdem wir eine halbe Stunde lang bergauf gegangen waren, gelangten wir zu Rugovas Grab. Ein roter Teppich führte zu einem weissen Marmorsarg. Die Flaggen der EU, Kosovos und Albaniens wehten im Wind, im Hintergrund sah man das ziegelrote Panorama der Stadt. Zwei Kinder griffen nach der Samtkordel und erklommen den Sarg, um Rosen niederzulegen. Noch bevor die gedenkstätteneigene Security eingreifen konnte, zog der Grossvater die Kinder am Jackenärmel wieder herunter.

Unter Rugovas Schattenregierung wurde in den Neunzigerjahren ein paralleles System für Bildung und Krankenversorgung aufgebaut. Professoren luden Studenten in ihre Privatwohnungen ein, in Hinterhöfen und Blockwohnungen scharten sich Grundschüler um ehrenamtliche Lehrer, die in Schichten unterrichteten; Auslandsspenden wurden eingetrieben und ins Land geschleust, etwa durch Mittelsmänner in albanischen Vereinen in Bern und Zürich.

Die Kosovaren, so Rugovas Mantra, dürften sich nicht provozieren lassen. «Irgendwann wird der Westen unseren friedlichen Widerstand belohnen.»

Aber der Westen liess sie im Stich. Vor allem in der ländlichen Drenica, wo die serbische Polizei die Bewohner terrorisierte, verloren die jungen Leute die Geduld mit Rugovas Politik der Gewaltlosigkeit.

Heute ist Rugovas Gedenkstätte verwaist und verfällt. In Prekaz hingegen, dem Heimatdorf von Adem Jashari, steht das meistbesuchte Museum des Landes. Darin ist fast alles ausgestellt, was in den Ruinen von Jasharis Anwesen gefunden wurde – angesengte Kleidungsstücke, das Fahrerhaus eines roten Spielzeuglasters, eine Halskette, aus Auspuffrohren zusammengebaute Gewehre, Pflugscharen.

Die Ruinen selbst wurden überdacht und so eingerüstet, dass sie begehbar sind. Im nahen Park sind 51 weisse Särge aufgereiht. Während einer dreitägigen nationalen Gedenkveranstaltung im letzten März legte eine endlose Kolonne von Schulklassen, Politikern und Veteranen Blumen auf die Särge. Zuerst auf jenen von Adem Jashari, und als dort kein Platz mehr war, auf die Särge der anderen Familienmitglieder.

Der kosovarische Künstler Dren Maliqi hat sich mit dem Mythos Adem Jashari auseinandergesetzt. In einer Arbeit mit dem Titel «Face to Face» stellte er die Porträts von Jashari und Elvis Presley gegenüber – Presley als Cowboy, zu dem ihn Andy Warhol stilisierte. Zwei Helden mit Waffe: Colt gegen Kalaschnikow, Hollywood gegen Balkan, Sänger gegen Guerillakämpfer.

Ich begegnete Dren Maliqi am Filmfestival von Prizren im Süden Kosovos. «Das Problem ist, dass nicht wir den Krieg gewonnen haben, sondern die Nato», sagte Maliqi. «Deshalb braucht die Gesellschaft einen Helden wie Adem Jashari.» Ähnlich urteilen die Historiker. Die UÇK habe den Krieg zwar ausgelöst, aber nicht entschieden. Militärisch habe sie den serbischen Truppen nichts entgegenzusetzen gehabt.

Mutiger Rebell befreit Kosovo – leider gibt es nicht viele andere Erfolgsgeschichten, an die man sich im Land klammern könnte. Der Mythos sei von Hashim Thaçis Regierungspartei gehegt und politisch benutzt worden, sagte Dren Maliqi so nüchtern, wie hier nicht viele über Geschichte und Politik reden.

Maliqi ist heute Betreiber eines Clubs in Pristina. Dieser befindet sich im früheren Wohnhaus seines Onkels, des Philosophen Shkëlzen Maliqi. Über eine Hühnerleiter gelangt man von der Tanzfläche zur Bibliothek im Dachgeschoss. Darin sind Bücher über den friedlichen Widerstand untergebracht – ungeschönte, unglorifizierte Beschreibungen der jüngsten kosovarischen Geschichte.

Von Maliqis Jashari-Kunstwerk gibt es nur noch Fotos. Das Original wurde 2008 bei einer Ausstellung in Belgrad von serbischen Nationalisten zerstört.

Failed State: Kosovo Heute

Für die Europäische Union ist Kosovo das grösste und teuerste Projekt der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik – der erste Versuch im State Building. Seit 1999 hat die Union mehr als fünf Milliarden Euro ausgegeben, unter anderem für die 2008 begonnene EULEX-Mission, in deren Rahmen 2500 Richter, Polizisten und Staatsanwälte nach Kosovo entsandt wurden, um den Aufbau demokratischer Institutionen voranzubringen.

Trotzdem hat sich das Leben der Menschen kaum verbessert. Es gibt praktisch keine Industrie, Wasser- und Stromversorgung sind oft für Stunden unterbrochen, die Lebenserwartung ist sieben Jahre geringer als im Rest des Balkans, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über sechzig Prozent. Viele versuchen sich über Wasser zu halten, indem sie Autos waschen oder am Strassenrand Mais grillieren. Wer kann, geht ins Ausland. Aus der Kleinstadt Vučitrn ist gemäss «Spiegel» jeder zehnte Bewohner nach Deutschland ausgewandert.

Heute leben rund 200 000 Kosovo-Albaner in der Schweiz. Entsprechend präsent sind sie im öffentlichen Leben – man denke an den oft beschriebenen Umstand, dass etliche Stars der Fussballnationalmannschaft aus Kosovo stammen. Insgesamt wird die Zahl der Kosovaren, die im Ausland leben, auf rund zwei Millionen geschätzt – das sind mehr, als in Kosovo selbst leben. Die Überweisungen aus der Diaspora sind überlebenswichtig für das kleine, arme Land und dürften mehr als die Hälfte seines Bruttosozialprodukts ausmachen.

Vor dem Krieg schickten viele Auslandskosovaren drei Prozent ihres Einkommens an die Parallelregierung von Rugova. Mit Bekanntwerden der UÇK floss das Geld zunehmend an die Guerillatruppe. Irgendwann erhob die Guerilla Anspruch auf sämtliche Auslandsspenden.

Fortan gab es in Kosovo eine zweite Front: jene zwischen den urbanen Eliten, die Ibrahim Rugova unterstützten, und den Aufständischen vom Land. Auch in diesem Kampf, den die UÇK gewinnen sollte, gab es Tote. Der Geheimdienst der UÇK soll enge Vertraute Rugovas erschossen haben. Chef des Geheimdiensts war Kadri Veseli, rechte Hand von Hashim Thaçi (Kampfname «Die Schlange»). Wie Thaçi hat auch Veseli in den Neunzigerjahren in der Schweiz gelebt.

Laut Schätzungen europäischer Geheimdienste hat die UÇK in den fünf Jahren ihres Bestehens mehrere Hundert Millionen Euro eingenommen, davon etwa die Hälfte aus dem Handel mit Heroin und anderen Drogen. Etliche Spitzenfunktionäre der Organisation sind während dieser Zeit reich geworden und gehören heute zu den einflussreichsten Politikern des Landes.

EULEX hätte für Rechtsstaatlichkeit in Kosovo sorgen sollen. Stattdessen ist die Mission selbst in Skandale verwickelt worden: Rumänische Polizisten zum Beispiel wurden hier beim Zigarettenschmuggel erwischt, ein italienischer Richter wurde beschuldigt, 300 000 Euro für einen Freispruch in einem Mordfall genommen zu haben, französische Ex-Geheimdienstler sollen Auftragskiller ausgebildet haben, slowenische Diplomaten bedrohten Journalisten.

Vor dem Sondertribunal: UÇK-Kämpfer mit Schweiz-Vergangenheit

Eine ihrer wichtigsten Aufgaben hat die EULEX jetzt nach Den Haag delegiert: die juristische Aufklärung der Aktionen der UÇK. Das Parlament in Pristina hat zugestimmt, Verbrechen von Mitgliedern der Guerilla während des Kosovokriegs und nach dessen Ende von einem internationalen Gerichtshof untersuchen zu lassen. Das Sondertribunal heisst Kosovo Specialist Chambers. Das war im Februar 2016. Vetëvendosje, Selimis Partei, boykottierte die Sitzung.

Die Vorwürfe sind seit Langem bekannt. Sie wurden in Geheimdienstberichten festgehalten, 2008 von Carla Del Ponte, der ehemaligen Chefanklägerin des Haager Jugoslawien-Tribunals, in einem Buch veröffentlicht und zwei Jahre später in einem Bericht des Schweizer Europarat-Abgeordneten Dick Marty wiederholt. Auf Martys Bericht hin wurde der neue Sondergerichtshof nun mandatiert: Er handelt nach kosovarischem Recht, ist aber ausschliesslich mit internationalen Richtern und Strafverfolgern besetzt.

Letzte Woche wurde der Name des ersten Angeklagten bekannt. Laut dem Nachrichtenportal «Balkan Insight» soll es sich um Remzi Shala handeln, einen UÇK-Kämpfer mit dem Spitznamen «Roter Apfel», dem die Entführung und Tötung eines albanischen Zivilisten vorgeworfen wird, der mit den Serben kollaboriert haben soll. Der Sondergerichtshof selbst macht bisher keine Angaben zu Angeklagten. Nebst Hashim Thaçi könnte es einen weiteren Spitzenpolitiker mit Schweizer Vergangenheit treffen: den früheren Premierminister Ramush Haradinaj, der einst in Luzern als Türsteher arbeitete.

Wie die Erzählung zur Historie wird und der Mythos zum Faktum

Bei unserem Gespräch in der Parteizentrale kam Rexhep Selimi immer wieder auf die Ereignisse im März 1998 zu sprechen. Nach dem Massaker an den Jasharis gab die Polizei eine Pressekonferenz in dem Gebäude in Pristina, in dem heute das Parlament seinen Sitz hat. Hinter dem Polizeisprecher hingen die Fotos der Toten an der Wand. Auch sein eigenes Foto habe dort gehangen. Die Eltern hätten daheim vor dem Fernseher gesessen und live vom angeblichen Tod ihres Sohns erfahren.

«Was habt ihr gedacht, als ihr mein Bild da gesehen habt?», fragte er den Vater später.

«Das hatten wir schon lange erwartet», antwortete der Vater.

«Nachdem wir uns verabschiedet haben», sagte Selimi, «hat dann jeder für sich geheult.»

Nach Kriegsende war er, noch keine dreissig, ein Jahr lang Innenminister in der Übergangsregierung von Hashim Thaçi. Damals trug Rexhep Selimi noch Uniform. Soldaten der Nato-Friedenstruppe nahmen ihn einmal an einem Checkpoint fest – wegen vermeintlich illegalen Waffenbesitzes. Als die Briten herausfanden, dass er die Waffe tragen durfte, lud er durch und zielte auf den Soldaten, der ihn aufgehalten hatte.

2010 überwarf er sich mit Thaçi und trat der radikalen oppositionellen Bewegung Vetëvendosje bei. Zum Beispiel hält es Rexhep Selimi für einen Skandal, dass wichtige Entscheide in der kosovarischen Politik in einem von der EU moderierten Dialog mit Belgrad getroffen werden müssen. Zudem wollen er und seine Partei eine Vereinigung mit Albanien, was die Regierung realpolitisch für nicht durchsetzbar hält. Selimi ist der Hardliner geblieben, der er schon als junger Mann an der Seite Adem Jasharis war.

Für unser zweites Treffen bestellte er mich ins Manor House, ein gepflegtes Restaurant, umgeben von grünen Hügeln, etwa zehn Autominuten von Pristina entfernt. Er kam vom Tontaubenschiessen mit seiner Frau Shqipe, die ihr Haar kurz und blondiert trug. Beide wirkten sportlich, mit ihren Cargohosen, T-Shirts und Basecaps. Sie hatten sich während des Kriegs kennengelernt. Selimi nahm sein Smartphone hervor und zeigte Fotos aus der Zeit. «Guck mal», sagte Shqipe, die noch fast genauso aussah wie auf dem Foto, «da trage ich eine deutsche Uniform!»

Ihre Familie war Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland gegangen, weil der Vater seinen Job als Ingenieur verloren hatte. «Als er erfuhr, was mit den Jasharis geschehen war, beschloss er, mit der Familie zurückzukehren und sich dem bewaffneten Widerstand anzuschliessen», erzählte sie. Shqipe war vierzehn Jahre alt, als sie sich bei der UÇK zum Einsatz meldete und Selimi erstmals begegnete.

Wir sassen im Garten unter einem weissen Pavillon, die Dämmerung brach herein. Ich fragte Selimi, ob er je an die Politik des friedlichen Widerstandes von Ibrahim Rugova geglaubt habe. «Nie», antwortete er sofort. «Einem Diktator wie Milošević macht das keinen Eindruck.» Gab es ein Schlüsselerlebnis? «Ja, 1991 an einer friedlichen Demonstration in Klina. Unsere einzige Forderung lautete: Demokratie. Die Polizei schlug auf uns ein und trieb uns auf ein Feld. Dort warteten 20, 25 Polizisten mit Kalaschnikows. Mein Cousin, der neben mir stand, wurde von einer Kugel getroffen. Damals habe ich mir geschworen, diesen Leuten nie wieder ohne Waffe in der Hand entgegenzutreten. Daran habe ich mich gehalten.»

Ich warf ein, dass sich die meisten Menschen bewusst für den friedlichen Widerstand entschieden hätten, während er Panzerfäuste auf Polizeistationen abfeuerte. Rexhep Selimi entgegnete eisig: «Du bist Deutscher, nicht wahr? Mal angenommen, Russland würde Deutschland besetzen – was würdest du tun? Dich unterwerfen oder für die Freiheit kämpfen? Kosovo gehört nicht zu Serbien, so einfach ist das. Ich habe mich wie ein Sklave gefühlt und wollte mein Land befreien. War das jetzt patriotisch genug?»

Selimi lachte und trank einen Schluck Weisswein.

Er ist einer jener Männer, die es geniessen, im Mittelpunkt zu stehen. Und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie er Menschen zu überzeugen vermag. Er ist ein grossartiger Erzähler, der sich nur ungern unterbrechen lässt und selten direkte Antworten gibt. Normalerweise nimmt er einen lieber mit auf eine lange Tour durch die Jahre vor dem Krieg und während dessen: «Lass mich zunächst eine kleine Anekdote erzählen – eine echte Geschichte!» Dann folgt über zehn Minuten eine irre Story. Zum Beispiel darüber, wie ihn der serbische Geheimdienst während seiner Fahrprüfung mit einer Zigarette vergiften wollte.

Ich fragte mich, ob Selimi lügt oder sich nur kreativ erinnert. Eine Frage, die einem öfter einmal in den Sinn kommt, wenn man in Kosovo recherchiert. Auf dem Weg zum Manor House erzählte mir ein Mann, er habe einen ganzen Monat nicht geschlafen. «Ehrlich!»

Unter dem Banner der UÇK haben vielleicht 15 000 Kosovaren gekämpft. Mehr als 30 000 haben eine Veteranenrente beantragt – 170 Euro im Monat. Viele Angaben zur UÇK lassen sich nicht belegen. Was im Kosovo am meisten zählt, ist die mündliche Überlieferung. Die Erzählung wird Geschichte, der Mythos zum Faktischen. Laut Rexhep Selimi hat die UÇK immer sauber gekämpft. An dieser Narration wird das neue Gericht in Den Haag sehr wahrscheinlich nichts ändern.

Neulich in Pristina

Auf dem Mutter-Teresa-Boulevard in Pristina, Mitte August 2016. Die halbe Stadt flaniert über die 600 Meter zwischen dem verfallenen orangefarbenen Kubus des Hotel Grand und der Zuckertortenfassade des Hotel Swiss Diamond, in dessen Hinterhof Ferraris und Rolls-Royces parkieren. Alte Männer in Westen sitzen schweigend auf Parkbänken, junge Männer stehen im Halbkreis um Box-Automaten, Kinder singen für ein bisschen Kleingeld Volkslieder. Bei fliegenden Händlern gibt es Leuchtschwerter, Skateboards und Armbanduhren zu kaufen, zudem viele Albanien- und wenige Kosovoflaggen.

Die Frauen zeigen tiefe Ausschnitte, ziehen beim Laufen den Bauch ein und schauen einem, ohne die Spur eines Lächelns, sehr lang in die Augen. Junge Männer haben sich hautenge T-Shirts angezogen, auf denen man Sprüche lesen kann wie «Montag ist ein Arschloch» oder «Eat. Sleep. Fuck. Repeat». Die Touristen hier, das sind im Ausland lebende Kosovaren. Man nennt sie Schatzis. Die Diaspora ist im Sommer auf Heimatbesuch, und auf dem Mutter-Teresa-Boulevard klingt es mal wie im Berliner Wedding, mal wie an der Zürcher Langstrasse.

Kurz vor 23 Uhr explodiert eine Bombe. Zunächst weiss man nur, dass es sehr laut geknallt hat und aus welcher Richtung der Knall hallte. Neben mir steht ein Teenager, den die Eltern heim nach Pristina geschickt haben, weil er in London zu viel mit Drogen zu tun hatte. Er ruft sofort: «It’s a bomb, man!» und verschwindet.

Am nächsten Morgen berichten die Medien, dass die Explosion von einer Bombe ausgelöst wurde, die auf dem Parkplatz des Parlaments hochging. Später stellt sich heraus, dass es eine Granate war. Es heisst, es habe keine Verletzten gegeben, aber Sachschaden, obwohl niemand schreibt, was kaputtgegangen ist, und auch keine Schäden zu sehen sind.

Shuki, ein Radiomoderator, lacht mich an: «Oh come on, Christian! Du weisst, das war ein Ablenkungsmanöver der Regierung. Es muss immer mal krachen, damit die Leute nicht über die wirklichen Probleme nachzudenken beginnen.»

Zwei Tage später drängen die Abgeordneten des Parlaments der Republik Kosovo mit tränenden Augen und Taschentüchern vor dem Gesicht aus der Flügeltür des Plenarsaals. Drinnen kickt ein Mann im schwarzen Anzug eine Blechdose über den Boden, aus der weisser Nebel quillt und in schlanken Säulen aufsteigt. Ein kräftig gebauter Abgeordneter beschimpft ihn. Nach ein paar Sekunden versagt ihm die Stimme, Tränen schiessen aus seinen Augen, er tappt zum Ausgang.

Seit Oktober hat Selimis Partei mehrere Parlamentssitzungen unterbrochen, indem sie Reizgas versprühte. «Solange nicht das Volk entscheidet, werden wir dieses Parlament nicht anerkennen», verkündet er.

Dieses Mal hätte über das Grenzabkommen mit Montenegro abgestimmt werden sollen. Stattdessen posieren nun die Oppositionspolitiker von Vetëvendosje im vernebelten Halbrund des Plenarsaals für ein Siegerfoto. Rexhep Selimi lächelt lässig, das Jackett aufgeknöpft, die Hände in den Hosentaschen des Anzugs. Er ist der Einzige, der keine Gasmaske trägt.

Die UÇK gibt es nicht mehr. Doch was das Volk will, bestimmen die Ex-Guerilla noch immer.

Christian Gesellmann ist freier Autor. Er lebt in Berlin und Bukarest. Mitarbeit: Valentina Nicolae, Adem Sylejmani und Enver Robelli.

Für die Recherche erhielt der Autor ein Stipendium «Reporters in the Field» der Robert Bosch Stiftung.