Lieber Klumpen,

Eine Kolumne von Max Küng

Das Magazin N°4/5 – 28. Januar 2017

die Zeit rast, und das Jahr hat arg humorlos begonnen mit: Arbeit. Und mit neuen Vorsätzen respektive der Aufarbeitung alter Vorsätze und Versprechen, manche davon waren ziemlich gross gewesen – und, retrospektiv, mehr Versprecher denn Versprechen. Was sagte ich dir vor ziemlich genau einem Jahr mit gerecktem Kinn und ernstem Blick? «4000! 4000 Kilometer fahre ich dieses Jahr mit dem Velo, sonst verbrenn ich all meine Rapha-Klamotten, und die Velos zerdeppere ich persönlich mit dem Vorschlaghammer.» Und wie viele Kilometer waren es dann am Ende? Mickrige 2109. Und was tue ich, damit ich meine Klamotten nicht verbrennen muss, die Velos heil bleiben? Ich habe Ausreden parat. War krank. Verletzt. Die Arbeit. Und so weiter. Mehr Ausreden als Kilometer!

Trotzdem bin ich im neuen Jahr um neue Vorsätze nicht verlegen. Was sagte ich feierlich und mit vor Vorfreude glühenden Augen an einem der letzten Tage des alten Jahres, das Rotweinglas erhebend, die Zunge schwer wie eine Amerikanische Schaufelfusskröte? «Zwei Monate kein Alkohol, ab dem 1. Januar!» Wie dumm, dumm, dumm, denn: Wenn man Alkohol braucht, dann wohl in welchem Monat? Und was verkündete ich erst kürzlich? Ich würde meine mich süchtig machende Carcassonne-App auf meinem iPhone löschen? Und habe ich sie gelöscht?

Das neue Jahr beginnt also so, wie manche Leben enden: mit Ausreden und vollmundigen, leeren Versprechungen und Wahrheiten, die zurechtgebogen werden wie Eisenstangen von starken Männern in billigen Wanderzirkussen.

Damit auch etwas Gutes geschieht in diesem Jahr, möchte ich mich bei einem Mann entschuldigen. Nicht bei dir, sondern bei einem Kellner der Bar des Grand Hyatt Hotels in Berlin. Weil ich mich auf seine Kosten amüsierte und dies auch weiterhin tun werde. Viele Male schon erzählte ich, was mir passierte (dir sicherlich auch schon, oder?), nämlich: Ich war in dieser Bar, sass allein, der Kellner kam und nahm meine Bestellung auf, einen Dry Martini. Das ist ja – wie du weisst – mein Lieblingsdrink, denn er ist so, wie ich gern wäre: hart und stark und klar. Nicht lange dauerte es, und der Kellner kam mit dem Tablett, darauf drei Gläser Martini Bianco, und der Kellner sagte: «So, der Herr, drei Martini.» Und hab ich dir übrigens schon mal die Geschichte erzählt, als mein Kumpel M.S. in Britannien drüben, recht spät schon, zwei Cola an einer Bar bestellte und ihn der Barkeeper dann höflich fragte: «Ice?» Und M.S., nicht mehr ganz nüchtern, aber mit helvetischem Ernst, antwortete auf Schweizerdeutsch: «Nei, zwei!»

Ich weiss, die fremden Sprachen sind voller Tücken, und so, wie ich die Geschichte über den Kellner des Hyatt erzähle, erzählt eine Kellnerin in New York vielleicht die Geschichte über den Gast, der als junger Mann und der englischen Sprache nur teilweise mächtig, in ihren Diner kam und Frühstück bestellte, und zwar Eier. Sie fragte, wie er die Eier gern hätte. Er studierte die Karte. Es gab die Eier SCRAMBLED oder SUNNY SIDE UP oder OVER, und er las auch: ANY STYLE $ 1.99. Also sagte er, er hätte die Eier gern ANY STYLE. Denn er dachte, die seien in der Manier von Any zubereitet, er glaubte, Any sei vielleicht die Köchin oder die Mutter der Köchin oder eine geniale Tante.

Ja, und jetzt hockt irgendwo in Trumpland drüben eine Frau und erzählt jemandem, sie habe mal einen bekloppten Gast aus Europa gehabt, so einen Typen mit Bart und Brille, der habe «Eggs Any Style» bestellt, und sie lachen sich schlapp drüber. Und weisst du was? Recht haben sie.

Bis gleich, Max

PS: Heute sprach ich nach langer Zeit wieder einmal mit einer Personenwaage. Und was sagte sie, ganz unvage? 88 Kilo. 88! Du weisst, was die Zahl bedeutet? Ich habe ein Nazigewicht. Nicht zu hastig hastete ich zum nächsten Kiosk, um dies zu ändern, kaufte zwei Snickers. Echt: Das Jahr hat ja wieder super begonnen. Ich glaub, ich brauche sofort eine Partie Carcassonne oder ein Glas Wein. Weisst du was – streich «oder»: und.

PPS: Dieses Jahr: 5000 Kilometer. Versprochen!

PPPS: Song zum Thema: «Broken Promises» von Scroobius Pip vom Album «Distraction Pieces», 2011.

Illustration  Satoshi Hashimoto