Ein Gespräch von Mikael Krogerus

Das Magazin N°36 – 29. August 2015

William Skidelsky hat einen Bauchansatz, einen schlaffen Händedruck und einen schüchternen Blick, der seinem Gegenüber ausweicht. Dem Sohn des berühmten Wirtschaftshistorikers und Keynes-Biografen Robert Skidelsky würdeman eher einen verspäteten Coming-of-Age-Roman zutrauenals diese fulminante Liebeserklärung an einen Sportler:Mit «Federer and Me: A Story of Obsession» hat der Literaturkritiker und Hobby-Tennisspieler diesen Sommer dasStandardwerk unter den Federer-Analysen hingelegt. Niezuvor ist das Spiel des Schweizers so präzise, so kenntnis-reich seziert worden. Selbst David Foster Wallaces berühmterEssay «Federer als religiöse Erfahrung» wirkt nebenSkidelskys Werk wie ein hastig hingeschmierter Spielbericht.Dem hymnisch gefeierten Buch gelingt das Kunststück, aus der Sicht eines obsessiven Fans mehr über Roger Federers Spiel und Persönlichkeit zu erzählen, als dieser vermutlich selbst über sich weiss.

1 — Herr Skidelsky, sagen Sie Roger oder Federer oder Roger Federer, wenn Sie über «ihn» sprechen?

Federer.

2 — Wenn wir Federer als Künstler begreifen – was waren seine wichtigsten Schaffensphasen?

Ich würde von drei grossen Phasen sprechen: 2004 bis 2006 waren «Die fehlerfreien Jahre». Er spielte 262 Matches und verlor lediglich 15. Danach kamen «Die Nadal- Jahre», 2008 bis 2012, als er auf einen ihm überlegenen Gegner traf. Die dritte Phase begann mit dem Horrorjahr 2013. Federer fiel von Platz 2 auf Platz 7, Djokovic erwies sich als noch gefährlicher als der eh schon nervige Nadal, aber Federer erfand sich selbst neu: mit Tempowechsel, viel Serve-and-Volley. Auch wirkte er lockerer, zugänglicher, begann zu twittern.

3 — Wie bewerten Sie seinen neuen Schlag, den «Kamikaze-Halbvolley-Return», mit dem er Novak Djokovic in Cincinnati überraschte?

Den Schlag erwähnte Timothy Gallwey bereits 1974 in seinem einflussreichem Buch «The Inner Game of Tennis». Er prophezeite, der Schlag werde dereinst das Tennis «revolutionieren». Ich glaubte ihm kein Wort. Und jetzt das! Der Schlag zeigt, dass Federer sein Spiel hinterfragt und nach Wegen sucht, um die Ballwechsel zu verkürzen. Denn je länger der Ballwechsel, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass Djokovic punktet.

4 — Was genau ist das Geheimnis seiner Vorhand?

Seine Schlägerhaltung. Man unterscheidet im Tennis zwischen einem Westerngriff (bei dem man den Schläger mit leicht nach rechts gedrehter Hand greift) und einem Easterngriff (bei dem man den Schläger greift, als würde man ihm die Hand geben). Beide Griffe haben Vor- und Nachteile. Western ist der Griff des modernen Topspin-Tennis, du kannst mit ihm hohe Bälle mit der Nadal-typischen Scheibenwischer-Bewegung spielen, aber du wirst Schwierigkeiten haben, flache Bälle zu nehmen. Der Easterngriff ist der Retrogriff, du hast Probleme mit den hohen Topspin-Bällen, aber Vorteile bei flachen Bällen. Federer benutzt einen «modifizierten Easterngriff». Seine Griffhaltung ist die perfekte Synthese zwischen Moderne und Tradition, sie erlaubt es ihm, jeden Ball zu spielen.

5 — Warum spielen nicht alle mit dem Federergriff?

Die meisten sind bereits als Kinder mit einem Western- oder Semiwesterngriff geschult worden, der auch passend ist für das extreme Topspin-Tennis, das die meisten spielen. Der Federergriff erfordert unglaubliches Timing. Das liegt nicht jedem.

6 — Djokovic spielt die Vorhand mit angewinkeltem, Federer mit gestrecktem Ellenbogen. Wer ist im Vorteil?

Auch das hängt mit der Griffhaltung zusammen. Je «westlicher» der Griff, desto mehr muss man Ellenbogen und Handgelenk drehen. Der traditionellere Easterngriff verlangt nach einem gestreckten Ellenbogen. Anders als Djokovic wechselt Federer aber die Ellenbogen- und Handgelenkshaltung je nach Schlagsituation. Er hat zwanzig verschiedene Vorhandhaltungen, andere Topspieler maximal fünf. Vorteil Federer.

7 — Wieso sieht Federers Tennis so mühelos aus, während man etwa Nadal die Anstrengung sofort ansieht?

Es ist ungeheuer schwer zu sagen, wodurch dieser aristokratische Eindruck des mühelosen Gelingens entsteht. Federer ist kräftig, aber nicht muskulös. Seine Bewegungen sind flüssig, nie gehetzt. Und dann ist da seine Körperspannung – er überspielt keinen Schwung, verliert nie die Balance, stolpert nie. Und mehr als andere dreht er den Kopf zum Ball. Auf Fotos erkennt man, dass er den Ball fast zärtlich betrachtet; er spielt erhobenen Hauptes, wie ein König.

8. Blöde Frage: Warum verliert er, obwohl er besser ist?

Beobachter, die selber nie gespielt haben, vergessen oft, wie unglaublich kompliziert Tennis ist. Du kannst ein Match dominieren und dann aufgrund kleinster Ungenauigkeiten und Unkonzentriertheiten verlieren.

9 — Welcher ist, über seine ganze Karriere gesehen, Federers schwächster Schlag?

Rückhand-Topspin und Vorhandvolley. Aber beide Schläge gehören immer noch zu den besten auf der Tour.

10 — Wer in der Tenniswelt hatte in den letzten zehn Jahren am zweitmeisten Talent?

Andy Murray.

11 — In der Rückschau: Was genau war Federers Problem mit Nadal?

Meine Theorie ist, dass Nadal Federers Ego etwas zugefügt haben muss, wovon er sich nie richtig erholt hat. Ich glaube, die nachhaltigsten psychologischen Erschütterungen sind jene, die das Bild verändern, das wir von uns selber haben. Nadal hat das Selbstbild Federers zerstört, unbesiegbar zu sein.

12 — War er Nadal nicht auch spielerisch unterlegen?

In einer Hinsicht ja, und das hängt mit Nadals Onkel Toni zusammen. Der zwang Nadal, eigentlich ein Rechtshänder, mit links zu spielen, damit sein Paradeschlag – Vorhand crosscourt– auf der schwachen Rückhandseite der Gegner landet. Nadal spielt mit extremem Topspin, was zur Folge hat, dass der vorwärts rotierende Ball beim Auftreffen auf dem Boden weiter beschleunigt und beim Gegner auf Schulterhöhe oder noch höher abspringt. Das ist besonders schwierig für Spieler, die mit einer einhändigen Rückhand spielen. Nadal weiss das und schlägt fast 90 Prozent seiner Vorhandbälle diagonal übers Feld auf Federers Rückhand.

13 — Hätte Federer mit einer beidhändigen Rückhand eine bessere Chance gehabt gegen Nadal und Djokovic?

Vermutlich ja, aber dann wäre er ein völlig anderer Spieler geworden. Die beidhändige Rückhand ist ja, mechanisch betrachtet, für Rechtshänder eine Art Vorhand mit links. Sie ist, gut gespielt, ein immens konstanter, sicherer Schlag. Die einhändige Rückhand hingegen ist ein eleganter, ein mutiger Schlag, immer angelegt, um zu punkten. Sie entspricht viel mehr Federers Spielverständnis.

14 — Abgesehen von Nadal, mit welchen Spielertypen hat er die meisten Probleme?

Man könnte meinen, dass sehr gute Aufschläger ihm Probleme bereiten, aber statistisch gesehen ist das nicht der Fall. Schwierigkeiten hat er eher mit unberechenbaren Grundlinienschlägern wie Monfils, Chardy oder Berdych.

15 — Federer hält einen merkwürdigen Rekord: Kein anderer Spieler macht auch bei Niederlagen mehr Punkte als der Gegner. Wie kommt das, und was sagt es über Federer aus?

Das ist das «Simpson Paradoxon», das mit der komplizierten Spiel-Satz-Sieg-Struktur im Tennis zusammenhängt. Am besten verständlich wird es, wenn man sich das Ergebnis 0:6, 7:5, 7:5 ansieht, hier hat der Unterlegene 16 Spiele gewonnen, der Sieger nur 14. Dass Federer diesen Rekord innehat, bedeutet, dass es nie leicht ist, gegen ihn zu gewinnen; selbst bei einer Niederlage nimmt er seinem Gegner oft viele Spiele ab.

16 — Wie lautet die präzise Analyse, warum er seit Langem keinen Grand Slam mehr gewonnen hat?

Zwei Gründe: Erstens die körperliche Komponente, er ist 34 – zwei Wochen Fünfsatz-Tennis auf höchstem Niveau und dabei immer mindestens ein Spiel gegen einen der Top-3-Spieler ist extrem erschöpfend. Der zweite Grund ist ein psychologischer: Er zeigt neuerdings eine überraschende Unfähigkeit, in den Big Points sein Spiel nochmals zu steigern. Das geschah letztes Jahr an den US Open und dieses Jahr in Wimbledon. Eine beunruhigende, unerklärliche Entwicklung.

17 — Wird er je wieder die Nummer 1?

Nein.

18 — Wird er je wieder einen Grand Slam gewinnen?

Leider nein.

19 — Es scheint, dass er Djokovic wirklich nicht ausstehen kann. Wieso?

Das sehe ich anders. Federer akzeptiert, dass Djokovic ihm überlegen ist. Er spielt sein bestes Tennis, aber in den grossen Finals reicht es nicht aus. Er spielt genial, aber Djokovic hat eine Antwort. Doch das frustriert ihn nicht wie bei Nadal, sondern spornt ihn an, sich weiterzuentwickeln, wie jetzt mit seinem verrückten Angriffsreturn bei Djokovics zweitem Aufschlag.

20 — Welcher Trainer hat Federer am meisten gebracht?

Peter Carter war sicherlich wichtig für seine frühe Entwicklung, und man muss Stefan Edberg zugute halten, dass er mit ihm aus dem Krisenjahr 2013 herausfand, aber Federer ist ein Typ, der autonom handelt. Seine Eltern waren keine typischen Tenniseltern, er hat diesen Weg selber gewählt. Ich stelle ihn mir vor wie einen, der die grossen Entscheidungen mit sich selber ausmacht.

21 — Korrekte Information, dass Federer ein Problem mit dem zweiten Aufschlag hat?

Nein, kaum einer macht so viele Punkte mit dem zweiten Service wie Federer.

22 — In welchen Statistiken ist er schlechter als Wawrinka?

Wawrinka hat den härteren Aufschlag und schlägt mehr Rückhand-Winner.

23 — Welche Masters-1000-Turniere hat er noch nie gewonnen?

Monte Carlo und Rom.

24 — Welche Rolle spielt Mirka?

Legendär ist die Anekdote, nach der sie ihn in der Regenpause des epischen Wimbledon-Finals 2008 auf dem Weg in die Kabine abfing und fünf Minuten auf ihn einredete: «Zeige der Welt, wer du bist.» Federer soll beschämt genickt haben. Nach der Regenpause war er wie ausgetauscht.

25 — Hatte er eigentlich viele Freundinnen vor Mirka?

Ich glaube: eine oder zwei.

26 — Hat er zweimal Zwillinge, weil künstlich gemacht, oder kann das auch genetisch sein?

Einzig mögliche Erklärung: Auch im Bett ist er ein Genie.

27 — Was ist über seine Schwester Diana bekannt? Warum kommt sie nie an die Spiele?

Soweit ich weiss, arbeitet sie als Krankenschwester und möchte nicht als Federer-Schwester wahrgenommen werden.

28 — Sind seine Eltern eigentlich geschieden?

Ich glaube nicht, aber sie sitzen immer getrennt voneinander in der Box. Das wirft Fragen auf.

29 — Zurück zum Spiel: Was war die grösste Innovation im Tennis?

Die Einführung des Kunststoffschlägers. Die kleinen, schweren Holzschläger wurden ersetzt durch leichtere, grossköpfigere Grafitschläger, mit denen der Ball topspin extrem beschleunigt werden kann. Jimmy Connors begann den Trend in den 1960ern mit dem T2000. Der Durchbruch kam mit Ivan Lendl, und in den 1990ern war Gabriela Sabatini die Letzte, die noch mit dem Holzschläger spielte. Seit den 1990ern ist das Topspin immer extremer geworden, man kann das an der Vorwärtsrotation des Balls erkennen: Bei Pete Sampras und Andre Agassi hatte der Ball rund 1800 Drehungen pro Minute. Bei Roger Federer hat man 2700 gemessen, beim Topspin-Monster Rafael Nadal sind es fast 5000.

30 — Wie würde eine Partie Nadal-Federer mit Holzschlägern ausgehen?

Federer müsste sein Spiel kaum umstellen. Nadal hingegen hätte grosse Probleme.

31 — Hätte er mit Holzschläger auch gegen John McEnroe zu dessen besten Zeiten mit seinem eigenen besten Tennis gewonnen?

McEnroe war vermutlich der bessere Serve-and-Volley-Spieler, aber Federer ist der komplettere Spieler. Er hätte gewonnen.

32 — John McEnroe forderte die Rückkehr zum Holzschläger, weil das Grafitschläger-Grundlinientennis der Tod des Sports sei. Wo stehen Sie in der «Grundliniendebatte»?

Es ist richtig, dass das Topspin-Spiel zu einer merkwürdigen Uniformiertheit im Tennis geführt hat – jeder benutzt den gleichen Schlag. Athletik, Muskelkraft und Ausdauer sind heute wichtiger als Ballgefühl, Raffinesse und Ideenreichtum. Und das hat, vor allem in den 1990ern, zu langweiligen Partien geführt. In gewisser Weise war es Federer, der das Tennis rettete. Er versöhnte die Nostalgiker mit der Gegenwart. «Mozart und Metallica», wie David Foster Wallace schrieb.

33 — Das Gewicht eines Schlägers beträgt zwischen 280 und 350 Gramm, Federer spielte lange mit einem 340 Gramm schweren Racket, warum?

Sein Schläger war nicht nur der schwerste, er war auch der kleinste aller Profis. Die Gründe sind komplex: Ein schwerer Schläger hat mehr Power, aber mit einem leichteren kannst du schneller schwingen und dadurch mehr Kraft und Spin erzeugen. Aber Federers Spielstil ist kompakt, er braucht keine grossen Ausholbewegungen. Er spielt, wenn man so will, modernes Tennis mit einem Retroschläger.

34 — 2014 wechselte er auf einen grösseren Schlägerkopf. Warum, und was hats gebracht?

Eine Konzession an das moderne Tennis, vielleicht auch die Hoffnung, mit dem grösseren Schläger besser am Netz agieren zu können. Richtige Entscheidung.

35 — Ein bisschen Tennis-Trivia: 15, 30, 40 – warum zählt man so komisch?

Es heisst, die Zählweise orientiere sich an den Viertelstunden einer Uhr – aber warum dann 40 statt 45? Andere behaupten, sie sei abgeleitet von einer Frühform des Tennis, bei der man bei jedem Punkt 15 Fuss weiter vorrückte. Aber was wirklich zählt: Durch die kryptische Zählweise und die Dreiteilung in Spiel-Satz-Sieg ist nicht jeder Punkt gleich wichtig. 5:5, 15:30, zweiter Aufschlag – das ist ein dramatischer Punkt. Der Punkt davor ist im Vergleich weniger bedeutend.

36 — Warum spielt niemand mehr Serve-and-Volley?

Erstens die erwähnte Racket-Revolution. Zweitens sind heutige Spieler muskulöser und athletischer als frühere, was dem druckvollen Grundlinienspiel, nicht aber dem raffinierten Netzspiel zugute kommt. Und drittens sind Tennisplätze langsamer geworden, der Gegenspieler hat somit mehr Zeit, dich am Netz zu passieren. Mitte der 1970er waren drei der vier Grand-Slam-Turniere auf Gras, dem schnellsten Belag. Heute ist es nur noch Wimbledon, wo zudem vor 15 Jahren die Rasenmischung verändert wurde, um den Platz langsamer zu machen.

37 — Hand aufs Herz: Verstehen Sie die ATP-Weltranglisten-Punktevergabe?

Sie ist furchtbar kompliziert, aber doch in sich logisch. Gezählt werden die Ergebnisse der zurückliegenden 52 Wochen – aus maximal 18 Turnieren, um eine Überbelastung durch Vielspiel zu verhindern. Du musst deine Vorjahresleitung bestätigen, wodurch im Prinzip deine Leistung über zwei Jahre gewertet wird.

38 — Warum wird heute härter serviert als früher?

Das hat vor allem mit der Körpergrösse der Spieler zu tun. Profis sind heute im Schnitt 10 Zentimeter grösser als vor 40 Jahren, und je höher dein Schlagfeld, desto günstiger der Winkel für deinen Aufschlag. Die drei härtesten Aufschläger aller Zeiten: Ivo Karlović (2,11 Meter gross), Milos Raonic (1, 96 Meter), John Isner (2,08 Meter).

39 — Warum fristet der Vorhandslice so ein trübes Dasein?

Stimmt, er ist, bis auf den Stopp, nur ein Notschlag aus der Bedrängnis. Rückhandslice und Vorhand-Topspin scheinen natürlichere Bewegungen zu sein. Roger Federer beherrscht übrigens fast als Einziger den wirklich schönen squashartigen Vorhandslice, cross gespielt.

40 — Wie normal ist Doping im Tennis?

Man könnte meinen, dass Tennis, wie alle Schnellkraftsportarten, eigentlich prädestiniert ist für Doping. Aber nur wenige Spieler werden überführt. Entweder es gibt ein grosses Schweigekartell, oder der Sport ist relativ sauber. Ich setze auf Letzteres.

41 — Nadal und Federer kommen aus bürgerlichen Familien, Sie selbst sind Sohn eines Historikers. Warum ist Tennis noch immer ein Akademikersport?

Es ist kein Arbeitersport, das stimmt. Aber ich teile das Argument von Elizabeth Wilson, die in «Love Game» beschreibt, wie der ursprünglich aristokratische Sport sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Optisch ist es weniger ein Tanz und mehr ein Boxkampf, die Auseinandersetzungen sind weniger romantisch, mehr martialisch. Und hier wiederum schlägt Federer mit seinem zeitlosen Stil eine Brücke zwischen Gestern und Heute.

42 — Federer hat viele weibliche Fans. Was sehen sie in ihm?

Er verkörpert wohl drei verschiedene Archetypen. Da ist «Federer der Heilige», der übermenschliche Kräfte hat, aber zugleich eine jesusähnliche Fürsorge, Wärme und Freundlichkeit ausstrahlt. Dann ist da «Federer der moderne Mann», der elegant und scheinbar mühelos zwischen den verschiedenen Rollen als Tennisprofi, Vater und Ehemann wechselt. Und schliesslich «Federer das Genie», ein Künstler, nah am platonischen Ideal der Perfektion.

43 — Ist er eigentlich intelligent?

Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen Spielintelligenz und dem, was wir unter kognitiver Intelligenz verstehen. Seine Fähigkeit, das Spiel zu lesen, seinen Gegner zu verstehen, ist definitiv Ausdruck einer aussergewöhnlichen Spielintelligenz. Aber er drückt sich auch, anders als viele Fussballer, gewählt aus, ist mehrsprachig, macht emotional einen intelligenten Eindruck.

44 — Aus Federers Makellosigkeit könnte man schliessen, dass ihn nichts wirklich interessiert. Was, ausser Tennis, vertritt er mit Vehemenz?

Als Fan bin ich froh, dass er sich hauptsächlich aufs Tennis konzentriert. Aber es hat doch den Anschein, dass er sich ähnlich intelligent und elegant seiner Beziehung zu Mirka und seinen philanthropischen Aktivitäten widmet.

45 — Engagiert er einen Stilberater für seine Wettkampfgarderobe? Erkennen Sie ein System oder Muster, zu welchem Spiel er was trägt?

Man darf davon ausgehen, dass Federers enge Freundschaft mit «Vogue»-Chefin Anna Wintour ihn beeinflusst hat, seine Aussetzer, denken wir an das goldene Jackett in Wimbledon und die Stirnbandphase, zeugen aber eher von eigenständigen Style-Entscheiden. Seine Schwäche für das goldene «RF» an seinen Kleidungsstücken irritiert weiterhin, ansonsten scheint er modisch langsam wieder zu Sinnen kommen.

46 — Wie kann man mit einem so ruhigen, coolen, fast schon langweiligen Charakter Spitzensportler sein?

Es gibt Extrovertierte, wie Djokovic und, in eher unangenehmer Weise, Murray, die Energie aufbauen durch Interaktion mit dem Publikum. Und es gibt Introvertierte wie Federer, die ihre Kraft aus einer für uns unsichtbaren Quelle im Inneren schöpfen.

47 — Federer ist heute fast stoisch auf dem Platz. Als Jugendlicher aber war er berühmt für seine cholerischen Ausbrüche. Wie erklärt man sich den Wandel?

Mit 16, 17 bekam er sportpsychologische Betreuung, das hat ihm geholfen. Es ist bewundernswert, wie er Probleme anpackt und zu lösen versucht.

48 — Wie war er als Jugendlicher auf dem Platz – abgesehen von seinem aufbrausenden Temperament ?

Man kann auf Youtube ein interessantes Match des damals 17-Jährigen gegen Andre Agassi ansehen. Manche Fähigkeiten, wie Return oder Rückhand, erkennt man bereits, aber ansonsten ist er ein komplett anderer Spieler, wohingegen der 17-jährige Nadal genau gleich aussah und gleich spielte wie heute. Federers Entwicklungsfähigkeit ist eine seiner grossen Stärken.

49 — Er hat 3,34 Millionen Follower auf Twitter. Seine Tweets wirken etwas hölzern. Schreibt er sie selbst?

Ja, sieht so aus, nicht?

50 — Oft kommt er an der Siegerehrung ein bisschen arrogant rüber. Andererseits wird er Jahr für Jahr als fairster Spieler gewählt. Welcher Eindruck stimmt?

Seine direkte, selbstbewusste Art zu sprechen, wird von uns Engländern oft als arrogant gewertet. Als er Murray 2012 in Wimbledon besiegte, fragte man ihn: «Wie fühlt sich das an?» Er antwortete: «Vertraut.» Das haben ihm viele Briten nicht verziehen. Dabei war er einfach ehrlich. Natürlich kommt ihm ein Sieg in Wimbledon vertraut vor.

51 — Schweizer haben ein eigenartiges Verhältnis zu Federer. Wir lieben ihn, aber sein Erfolg schüchtert uns ein. Was denken Briten?

Wir denken, das ist etwas typisch Schweizerisches.

52 — Kann ich als Privatperson ein Trainingsmatch gegen ihn kaufen?

Ich habe von einem Geschäftsmann gehört, der ihn für eine Trainingssession engagierte. Er hatte den Traum, einen Service Federers zu retournieren. In 30 Minuten traf er keinen einzigen Ball. War zudem bestimmt nicht ganz billig.

53 — Wie sieht die Erfolgsrechnung von Federer aus? Was sind die höchsten Einnahmequellen, was die höchsten Kostenpunkte?

Er hatte in den letzten drei Jahren 60 bis 70 Millionen Dollar Jahreseinnahmen. Die drei Haupteinnahmequellen: Werbeverträge, Preisgelder und Showturniere. Seine Ausgaben? Reisespesen, Familienaufwendungen, Privatvergnügen und Immobilienkäufe. Ich schätze, dass sein jährlicher Gewinn bei deutlich über 50 Prozent vor Steuern liegt.

54 — Er ist sehr oft in Dubai. Was ist seine Beziehung zu diesem Land?

Es heisst, ihm gefallen die Trainingsbedingungen in der Hitze und auf verschiedenen Belägen. Ich denke, ihm gefällt der Luxus.

55 — In seinem berühmten Essay schrieb David Foster Wallace vom «Federer-Moment», in dem man «dem Schweizer mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen zusieht und dabei Laute ausstösst, sodass die Frau aus dem Nebenzimmer kommt und fragt, ob sie einen Arzt rufen soll». Was war Ihr Federer-Moment?

Ich sah ihn das erste Mal in Wimbledon 2003, aber es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Meine Obsession begann erst 2006 in Shanghai, als er gegen Roddick spielte. Roddick war gut, aber Federer spielte ein Tennis, das gegen die Gesetze der Physik verstiess.

56 — David Foster Wallaces Essay gilt als das feinsinnigste Porträt von Federers Spiel. Wo irrte Wallace?

Ich teile Wallaces Analyse. Aber gut: Seine schlagtechnische Betrachtungen bleiben an der Oberfläche, und er wählte diesen einen wunderschönen, aber in meinen Augen nicht ganz zu Ende gedachten Vergleich. Wallace schrieb: «Schönheit verhält sich zu Sport wie Mut zu Krieg.» Was er meinte, war: Das Ziel eines Sportlers ist es nicht, schön zu spielen, ganz so wie Soldaten nicht zum Ziel haben, mutig zu sein. Aber stimmt der Vergleich? Mut hat doch eine klare Funktion im Krieg – mutige Soldaten werden erbitterter kämpfen –, im Sport hingegen ist schönes Spiel tatsächlich wertlos.

57 — Wallace war schwer depressiv, auch Sie beschreiben in Ihrem Buch Ihren Kampf mit Depressionen. Denkbar, dass die Lichtgestalt Federer als eine Art Antidepressivum fungiert?

Er war auf jeden Fall eine Konstante für mich in einer Zeit, in der ich mich auf nichts verlassen konnte.

58 — Es gehört zum Traurigsten, dabei zuschauen zu müssen, wie Götter vom Himmel fallen: Wann und wie wird Federers Karriere enden?

Am besten mit einem letzten Grand-Slam-Titel. Aber ich fürchte, diesen Sommer in Wimbledon hatte er seine letzte Chance.

59 — Welches seiner unzähligen grossartigen Matches wird auch noch in 50 Jahren zu reden geben?

Der Wimbledon-Final 2008 und der Australian-Open-Final einige Monate später. Federer verlor beide, trotzdem wirst du dich mehr an ihn als an die beiden Sieger erinnern.

60 — Und was war sein schlechtestes Match?

Vielleicht seine Achtelfinalniederlage an den US Open 2013 gegen Tommy Robredo. Sein Spiel sah aus wie immer, aber die Magie war weg.

61 — Federer zeigt Grösse im Triumph, ist aber ein mieser Verlierer (sonst gewinnt man nicht so oft). Einverstanden?

Du musst das Verlieren mehr hassen, als du das Siegen liebst. Das gilt für alle Spitzensportler, aber manche können es besser verbergen. Federer gehört nicht zu ihnen.

62 — Ist er der beste Spieler aller Zeiten?

Ja.

63 — Wer aus der nächsten Spielergeneration kommt Roger Federer am nächsten?

Viele sagen: Grigor «Baby Fed» Dimitrov. Aber ich sehe ihm nicht gern zu.

64 — Was machen Sie, wenn Federer aufhört?

Dann schau ich Frauentennis. Mir gefällt Taylor Townsend, eine junge Linkshänderin mit einem erfrischend unorthodoxen Stil.