Von Claudia Senn

Das Magazin N°6– 11. Februar 2017

«Die meisten Menschen in meiner Umgebung betrachten mich als verrücktes Genie», sagt Milo Rau. «Doch ich bin für sie auch eine Witzfigur, ein Kind, dem man ab und zu ernsthaft zureden muss, damit es nicht komplett irre wird.»

Und was unterscheidet ein Genie von anderen begabten Künstlern? Es ist nicht nur das Ausnahmetalent. Sondern auch die Rücksichtslosigkeit, mit der das Genie alles der eigenen Schaffenskraft unterordnet: die Liebe, die Familie, den Körper, der sich nach Erholung sehnt. Nur die Arbeit zählt.

«Freunde, so lauschet den Worten des Meisters», sagt Milo Rau ironisch, als wäre er der Guru einer obskuren Hippiesekte, und tatsächlich, das Gemurmel auf der Probebühne im Schauspielhaus Zürich verebbt wie auf Knopfdruck. Zwei Dutzend Augenpaare richten sich auf den bärtigen Mann im Holzfällerhemd, der nun in völlig neutralem Tonfall ein «Vergewaltigungsseminar» ankündigt. «Und anschliessend proben wir die Sexszene.»

Noha legt interessiert sein Mandala zur Seite, und Nikolai schreckt aus seinem Nickerchen hoch. «Geil! Sex!», ruft Gianni. Am liebsten würde er sich sofort die Kleider vom Leib reissen.

«Aber, Milo, du musst doch zuerst noch das Scheissdreckproblem lösen», sagt Sara. Das Scheissdreckproblem besteht darin, dass die künstlichen Exkremente, welche die Schauspieler auf der Bühne verspeisen, aus Schoggipudding sind. Sie sollen jedoch keinesfalls wie Schoggipudding aussehen, findet Sara. «Keine Sorge, für die Vorstellungen kriegen wir echt aussehende Scheisse», sagt der Regisseur. Dann kann die Orgie aus Sex, Gewalt und Fäkalien endlich beginnen.

Konservative Theatergänger müssen jetzt ganz stark sein: Wir sprechen hier von Kunst. Milo Raus neues Stück lehnt sich an eines der verstörendsten Werke der Kinogeschichte an, Pier Paolo Pasolinis «Die 120 Tage von Sodom». In dem 1975 erschienenen Film halten vier Faschisten eine Gruppe junger Männer und Frauen gefangen, die sie barbarisch quälen und schliesslich umbringen. Wegen seiner drastischen Gewaltdarstellungen war der Film in vielen Ländern verboten.

Natürlich würde dieser Stoff allein schon für einen saftigen Theaterskandal reichen. Doch Milo Rau setzt noch einen drauf: Mit Ausnahme von vier Rollen, die von Mitgliedern des Schauspielhaus-Ensembles gespielt werden, besetzt er alle Figuren mit Schauspielern des Theaters Hora, die entweder das Down-Syndrom haben oder eine andere kognitive Beeinträchtigung. Daher geht es in Raus «Sodom»-Adaption auch um pränatale Diagnostik.

«Die Horas gehören zur letzten Generation von Behinderten, die überhaupt noch zur Welt kommen durfte», sagt der Regisseur, «heute ist es ja bis zum Einsetzen der Wehen erlaubt, sie totzuspritzen.» Rau findet das grauenhaft. Doch hätte er selbst sich wirklich gegen eine Abtreibung entschieden, wenn bei einer seiner beiden Töchter während der Schwangerschaft eine Behinderung diagnostiziert worden wäre? Er weiss es nicht. Nirgendwo, sagt er, könne man solche Fragen so gut verhandeln wie im Theater.

Experte für Gewalt

Milo Rau, soeben vierzig geworden, ein bärenhafter Mann mit einem freundlichen Welpengesicht, dessen Stimme so gut wie nie laut wird, ist der Gewaltexperte unter den Regisseuren. Seine Themen sind Unterdrückung und Revolte, Krieg, Massen- oder gleich Völkermord. Wenn ihn seine Kinder eines Tages fragen, wo er war, als die Welt vor die Hunde ging, will er nicht sagen müssen, er habe seine Zeit nur mit dem Inszenieren von Tschechow verbracht. Bei ihm geht es immer um Menschenleben.

In «Das Kongo Tribunal» untersuchte er die Hintergründe des seit zwei Jahrzehnten andauernden Bürgerkriegs in Ostafrika. Dafür organisierte er einen symbolischen Prozess in der kongolesischen Provinzstadt Bukavu. Die Teilnehmer waren keine Schauspieler, sondern echte Opfer von Vertreibung und Massakern, echte Lokalpolitiker, echte Richter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Auf der Anklagebank: die internationalen Rohstofffirmen. Aber auch die Politik, die UNO, ja selbst die NGOs.

Für sein Stück «Hate Radio» rekonstruierte Rau das Studio des ruandischen Radiosenders RTLM originalgetreu auf der Bühne. Mit einem Mix aus mitreissender Popmusik, launigen Sprüchen und Hasspropaganda hatte der Sender 1994 den Völkermord orchestriert. Die Moderatoren liess Rau von Überlebenden des Genozids spielen.

Sein Material ist die Wirklichkeit. Seine Schauspieler sind oft Betroffene, die in ihr Spiel eine ganz eigene Dringlichkeit legen, weil es mehr für sie ist als eine Rolle. Zielsicher legt Rau den Finger dorthin, wo es wehtut: auf die Lebenslügen der Ersten Welt, die Verteilungskämpfe des globalisierten Kapitalismus, die Barbarei im Kleinen und Grossen, das Fressen und Gefressenwerden. Eine «Galionsfigur des politischen Theaters» ist er deshalb für Joachim Lux, den Intendanten des Hamburger Thalia Theaters, der Raus Radikalität bewundert. «Er fragt danach, wie eine politische Haltung in unserer satten Gesellschaft überhaupt aussehen könnte. Damit gibt er dem Theater eine lange verloren geglaubte Funktion zurück.»

Nun also: das Thema Eugenik. Auf der Probebühne des Zürcher Schauspielhauses ist das Ensemble inzwischen bei der Sexszene angelangt. Der 27-jährige Gianni Blumer und die 24-jährige Fabienne Villiger, die auch im richtigen Leben ein Paar sind, spielen zärtlichen Sex. «Mehr Freude! Es soll aussehen, als ob ihr Spass hättet», feuert der Regisseur die behinderten Schauspieler an. Gianni, nackt, bis auf die Unterhose, schmettert ein begeistertes «Yippie yeah, juhuh! Das isch sooo geil!» in den Saal, und man ahnt: «Die 120 Tage von Sodom» könnte grandios in die Hose gehen. Ebenso gut könnte das Stück aber auch das Theaterereignis der Saison werden. Dieser Flirt mit dem Risiko ist typisch für Milo Raus Stücke. Es ist, als schliesse er jedes Mal eine Wette mit sich ab: Funktioniert es? Oder geht er mit wehenden Fahnen unter?

Konservative Theatergänger müssen jetzt ganz stark sein: Probenszenen zu «Die 120 Tage von Sodom» nach Pier Paolo Pasolinis Skandalstück.

Kollateralschäden

Seine mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Stücke haben ihm einen Platz an der Spitze des europäischen Theaters eingebracht. «Er ist der international auffälligste Schweizer Regisseur», sagt die Theaterkritikerin Daniele Muscionico, «und bestimmt der umtriebigste.» Milo Raus Compagnie mit dem sarkastischen Namen International Institute of Political Murder tourt in über dreissig Ländern. An manchen Wochenenden laufen drei verschiedene Stücke in drei Städten gleichzeitig, stets begleitet von hitzigen Feuilleton-Debatten.

Sein Stück «Five Easy Pieces», in dem er die Verbrechen des belgischen Pädophilen Marc Dutroux von Kindern nachspielen liess, wurde in Singapur erst ab achtzehn Jahren freigegeben, in München zensiert, in Frankfurt gleich ganz verboten. Nach Russland darf er nicht mehr einreisen, seit  er dort in seinen «Moskauer Prozessen» die Strafverfahren gegen Pussy Riot und andere missliebige Künstler thematisierte. Im Kongo wurden zwei seiner Mitarbeiter von einer Rebellenorganisation entführt (später jedoch unverletzt wieder freigelassen). Es sind die Kollateralschäden seiner Arbeitsweise, die immer aufs Ganze geht.

Milo Rau hat schon Hunderte von Interviews gegeben. Meist sind es intellektuelle Pirouetten, gespickt mit Zitaten seiner Lieblingsdenker. Hinzu kommen Kolumnen und Essays, in denen er seine Leser mit flammenden Appellen traktiert: Engagiert euch! Riskiert euren Ruf, euer Leben! Schaut euch die Wirklichkeit vor Ort an, nicht bloss in der «Tagesschau»! Das kann bisweilen auch nerven. «Ich wünschte mir, er würde mehr Fragen stellen und weniger Antworten geben», sagt die Theaterkritikerin Daniele Muscionico. Nicht zufällig ist Rau eng mit dem anderen grossen Chefmoralisten des Landes befreundet, Jean Ziegler.

Doch in all seinen Texten tritt der Mensch Milo Rau sorgfältig in den Hintergrund, um der von ihm geschaffenen Kunstfigur Platz zu machen, einem einschüchternd belesenen, rastlosen Theaterregisseur auf Weltrettungstrip. Entsprechend skeptisch reagierte Rau, als ihn die Autorin dieses Porträts bat, auch seine privaten Seiten kennenlernen zu dürfen. Erst nachdem er sie einem knüppelharten Casting unterzogen hatte, an dessen Ende die Autorin nass geschwitzt war, stimmte er zu und lud sie ein, ihn an seinem Wohnort Köln zu besuchen.

Es ist nicht die Rufschädigung, die ihm Angst macht. Rau ist auf erfrischende Weise uneitel. «Schau dir mein Hemd an», sagt er, «der Kaffeefleck war gestern schon drauf. Und geschlafen habe ich auch darin.» Milo Rau macht sich vielmehr Sorgen, ein so ausführliches Gespräch über ihn selbst könnte ihn anöden. Denn es gibt kaum etwas, das er mehr fürchtet als die Langeweile.

Unendlich qualvoll sei es für ihn, Dinge tun zu müssen, die ihn nicht interessieren, sagt er. Eine erste Kostprobe davon erlebt die Reporterin in einem Kölner Studio, wo Rau mit einer Cutterin den Dokumentarfilm zu seinem «Kongo Tribunal» schneidet. Rau ist ein Meister der Zweitverwertung, zu fast jedem Stück gibt es auch einen Film, eine Performance, ein Buch, eine Ausstellung. Doch nun ist sein Kopf längst mit neuen Projekten beschäftigt, und die alten langweilen ihn bereits zu Tode.

Im Minutentakt wirft er sich neue Kaugummis in den Rachen, um seiner inneren Unruhe Herr zu werden. Es ist ein ständiges Kiefermahlen, Haareraufen, Fusswippen, bis er endlich – endlich! – sein Gehirn wieder mit neuen Anregungen füttern darf. Pausenlos drängt eine ungezügelte, quecksilbrige Energie aus ihm heraus. Rau lebt in einer Art Dauermanie, er selbst nennt es «Vorwärtspanik». Voran, voran, als litte er an einer tödlichen Krankheit, die seinem Schaffensdrang jede Sekunde ein Ende bereiten könnte. Seine persönliche Privathölle wäre vermutlich ein Meditationsretreat, in dem er den ganzen Tag still sitzen und seinen Geist mit Leere fluten müsste.

Mörderisches Pensum

Sein Output ist riesig. 2017 werden vier Bücher von ihm erscheinen. Nach seiner Pasolini-Inszenierung folgt ein geradezu grössenwahnsinniges Projekt: «General Assembly» – Generalversammlung. Rau stellt in Berlin eine Art Weltparlament mit hundert Abgeordneten aus allen Kontinenten zusammen, das darüber verhandelt, wie Politik im Zeitalter der Globalisierung wirklich aussehen sollte. Parallel dazu probt er mit der Schaubühne Berlin ein Stück zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution, sein Dokumentarfilm «Kongo Tribunal» kommt in die Kinos, er bereitet eine Fernsehserie vor, die er 2018 drehen wird, und eine Jeanne-d’Arc-Inszenierung am Residenztheater in München. Seit Anfang dieses Jahres ist er auch noch festes Mitglied des «Literaturclubs» im Schweizer Fernsehen, doch das ist nur ein Nebenjob unter vielen.

Selbst ein Besessener wie Milo Rau könnte dieses mörderische Pensum niemals allein schaffen. Doch er hat ja sein International Institute of Political Murder, ein KMU mit acht fest angestellten und etlichen freien Mitarbeitern. Firmensitz ist ein geräumiges altes Haus im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, in dem Milo Rau mit seiner Familie auch wohnt. Es ist sein Schutzraum, seine Heimat, der Anker, der seinen rastlosen Geist erdet. «Du glaubst nicht, wie glücklich ich bin, wenn ich die Tür hinter mir schliesse», sagt er.

Rau bittet ins Haus und begrüsst seine Partnerin Nina Wolters, eine zurückhaltende, freundliche Frau, die als Grafikerin arbeitet. Aus ihren Zimmern im ersten Stock kommen die Mädchen angerannt: Romy, 9, und Mieke, 6. Sie sind es gewohnt, dass in ihrem Haus dauernd Fremde ein und aus gehen. Schüchtern sind sie beide nicht. Milo Rau spricht kurz mit seinen Töchtern, holt Kaffee und bittet dann zum Gespräch ins Wohnzimmer.

Die Statussymbole des Bildungsbürgertums sucht man hier vergebens. Keine Eames Chairs, keine Vintagemöbel oder Gemälde aufstrebender jungen Künstler, die angeblich das nächste grosse Ding auf dem Kunstmarkt sein werden. Geld und Besitz interessieren Rau nicht – vorausgesetzt, die Existenz seiner Familie ist gesichert. Sein Haus ist ein unprätentiöses, gemütliches Daheim mit alten Möbeln und gigantischen Bücherwänden.

Belletristik, Biografien, geisteswissenschaftliche Theorien jeglicher Couleur – täglich lässt er sich ein, zwei Bücher von Amazon schicken. Es sei wie ein Wahn, eine Droge. «Ich hoffe stets, dass ich nur noch dieses eine Buch lesen muss, um endgültig zu verstehen, wie alles zusammenhängt.» In Gästewohnungen fleddere er nachts die Bücherregale, wie ein Junkie auf Entzug, erzählen später seine Mitarbeiter, deren Büros im obersten Stockwerk des Hauses gelegen sind. Sie sind voller Bewunderung für Raus beinahe enzyklopädisches Wissen. «Gib ihm ein Stichwort, und es öffnet sich eine Bibliothek», sagt seine Assistentin Mirjam Knapp. 

Die Lust an den Abenteuern des Geistes habe sich bei ihm schon früh gezeigt, sagt seine Cousine Simone Rau. Sie arbeitet als Reporterin beim «Tages-Anzeiger». Mit zwölf las er Lenin. Mit dreizehn fing er an, Russisch zu lernen. «Ich habe mich oft gefragt, ob er überhaupt verstand, was er da las, oder sich bloss in der Pose des Intellektuellen gefiel.» Lustig und herzlich sei ihr Cousin immer gewesen, «aber auch ziemlich speziell». Ein Kind, das darauf beharrte, sich mit Erwachsenenkram zu beschäftigen, ein Sartre studierender, altkluger Zwerg, ein radikaler Kopfmensch. Die Älteren in der Familie würden erst jetzt begreifen, wie erfolgreich er eigentlich ist, «früher hielten wir ihn für einen intellektuellen Sonderling».

Den Wunsch, ein Intellektueller zu werden, habe Dino Larese in ihm geweckt, der Grossvater mütterlicherseits, sagt Milo Rau, nachdem er sich auf einem verknautschten Ledersofa niedergelassen hat. Larese war der Sohn eines Scherenschleifers aus Norditalien, gut aussehend, ein Lebemann voller Energie und Esprit. Larese arbeitete als Primarlehrer in Amriswil. Doch er war zu seiner Zeit auch ein wichtiger Kulturschaffender, sammelte in der Bodenseeregion Volksmärchen, war Programmleiter der Ostschweizerischen Radiogesellschaft, gründete die Akademie Amriswil, an deren Tagungen auch Thomas Mann, Martin Heidegger und Carl Orff teilnahmen.

«Überall im Haus hingen Porträts grosser Intellektueller», sagt Rau. Carl Zuckmayer, Erich Kästner, Niklaus Meienberg – Larese kannte sie alle. Dem wissbegierigen Enkel las er Erwachsenenbücher vor, er schrieb ihm Briefe, in denen er die Welt erklärte, und er liess keinen Zweifel daran, dass die künstlerischen Berufe mindestens so viel zählten wie Arzt oder Rechtsanwalt. «Das ist es, was man im Leben machen muss», wusste der kleine Milo – lange bevor ihm der erste Flaum spross.

Das Chamäleon

Zwischen dem zweiten und dreizehnten Lebensjahr zog Milo Rau zwölfmal um. Zwölfmal brach er begonnene Freundschaften wieder ab. Zwölfmal fing er ganz unten in der Hierarchie wieder an, musste sich auf dem Pausenplatz verprügeln und als Streber verspotten lassen. Oft landete er in Problemschulen, wo Intelligenz nichts galt. «Wenn du da etwas cleverer warst und etwas sensibler als die anderen, war das, überspitzt ausgedrückt, wie im Gefängnis.» Wie ein Chamäleon habe er versucht, sich den wechselnden Bedingungen anzupassen, sprach an jedem neuen Wohnort gleich den passenden Dialekt, um den anderen weniger Angriffsfläche zu bieten. Geblieben ist ihm eine undefinierbar ostschweizerisch anmutende Mundart, die sich keinem Kanton zuordnen lässt.

Milo Rau macht keinen Hehl daraus, dass dieser Teil seiner Kindheit für ihn schwierig war. Wenn er davon erzählt, ist noch heute spürbar, wie sehr er damals litt. Schon möglich, dass seine Beschäftigung mit Gewalt und Machtmissbrauch in jener Zeit gründet. Doch Rau sagt auch, all dies habe ihn darauf vorbereitet, Regisseur zu werden. «Wieso gelingt es mir, zwei kongolesische Minister in mein Tribunal zu holen? Warum schaffe ich es, die Moskauer Orthodoxen dazu zu überreden, mit schwulen Künstlern zu sprechen? Wie halte ich es mit rumänischen Diven oder flämischen Kindern aus?» Nur weil er damals gelernt habe, mit unterschiedlichsten Menschen klarzukommen, gelinge ihm immer wieder so ein Coup. Eine Ausbildung als Regisseur hat Rau nie gemacht. «Die Jahre ganz unten in der Hackordnung waren meine Regieschule.»

Tatsächlich sei Rau ein phänomenal guter Zuhörer, sagt Rolf Bossart, ein Weggefährte seit der ersten Stunde. Bossart führt mit ihm zusammen ein Forschungsprojekt an der Zürcher Hochschule der Künste und kennt Rau, seit er in Studienzeiten mit ihm ein «Spass-Theoriegrüppchen» gründete. Mit der kongolesischen Ziegenhirtin parliert Milo Rau ebenso locker wie mit dem französischen Starphilosophen. Auch zu den geistig behinderten Schauspielern des Theaters Hora hat er sofort einen Draht. Während der Proben in Zürich wollen sie pausenlos von ihm geherzt und geknuddelt werden. Auf keinen Fall hätten die harten Schuljahre Rau verbittert, so Bossart, «von seinem Wesen her ist er eher ein Romantiker, weder zynisch noch destruktiv. Und trotz aller Ernsthaftigkeit kann er hervorragend über sich selbst lachen.»

Soziologie als Kampfsport

Mit achtzehn ging Rau an die Sorbonne nach Paris, um bei seinem grossen Helden Pierre Bourdieu zu studieren, der die Soziologie betrieb «wie einen Kampfsport». Mit neunzehn flog er für drei Monate ins mexikanische Chiapas – die erste seiner zahllosen Reisen in Krisengebiete. Für viele seiner Stücke recherchiert er wie ein Kriegsreporter. Wenn ihm die Schrapnelle um die Ohren fliegen, lebt er erst so richtig auf.

Stefan Bläske, Raus Dramaturg, erzählt, wie er mit seinem Chef letzten Sommer in den Nordirak fuhr. Bläske war voll Sorge, er käme nicht lebend zurück. «Bis dahin dachte ich, es sei nur so ein Selbstdarstellerding, dass Milo immer dahin will, wo es knallt.» Doch bei den Peschmerga, die bei fast 50 Grad im Gefechtsstand auf den Angriff des IS warteten, habe er begriffen, wie vergänglich das Leben ist: «Diese Erfahrung ist existenziell – man kann danach die Geschichte ganz anders erzählen, weil man selbst Teil davon war.»

Nur wenn er ein Menschheitsdrama mit eigenen Augen gesehen habe, so glaubt Rau, habe er die Legitimation, davon zu berichten.

Rau zeigt der Reporterin ein vergilbtes Farbfoto in seinem Büro, umgeben von zahllosen Theaterpreisen und anderen Auszeichnungen. Darauf ein langhaariges Jüngelchen im Jeanshemd: Rau, rührend jung wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Vögelchen. Neben ihm sitzt ein vermummter Guerillero mit einem zerbeulten Cowboyhut auf dem Kopf und einem Sturmgewehr auf dem Schoss: Comandante Tacho von den Zapatisten, einer Untergrundbewegung im mexikanischen Chiapas, die für die Rechte der Landbevölkerung kämpft.

Rebellen hatten es ihm schon immer angetan. Doch eigentlich ging es bei dieser ersten Reportagereise um eine Frau, eine Mexikanerin, die er mit dem Trip beeindrucken wollte. «Wir hatten uns getrennt, besser gesagt: Sie hatte sich getrennt.» Bourdieu wollte er ebenfalls beeindrucken. Eigentlich wollte er die ganze Welt beeindrucken. Ein Abenteurer wollte er sein, «damit mich die Leute gern haben». Kaum hat er ihn ausgesprochen, schämt sich Rau bereits für den Satz.

Hohe Ideale

Dass die Gefahr nicht immer dort liegt, wo man sie vermutet, zeigt eine Episode, die er am Ende der Reise erlebte. Rau badete in einem See, der in einem Naturschutzgebiet lag, aber verseucht war. Er bekam hohes Fieber, die Haut löste sich in blutigen Striemen am ganzen Körper ab, «es sah aus, als wäre ich eine Woche lang gefoltert worden». Notfallmässig wurde er ins Rotkreuz-Spital in Mexiko-Stadt eingeliefert, wo die Wunden verheilten. Doch einige der Narben sind bis heute sichtbar.

Später setzte er sein Studium der Germanistik, Romanistik und Soziologie in Zürich und Berlin fort. Sven Broder, ein Studienkollege von damals, teilte mit Rau eine WG. Broder, heute Reportagenchef der Zeitschrift «Annabelle», erinnert sich an einen liebenswürdigen Mitbewohner mit hohen Idealen, der auf zwischenmenschliche Probleme bisweilen mit skurrilen Lösungsvorschlägen reagierte.

Eines Tages habe sich Milo Rau in die Freundin eines seiner besten Freunde verliebt, erzählt Broder. Natürlich ein absolutes No-Go! Doch es war nun einmal passiert, was also tun? Rau schlug vor, die Sache wie Männer auszutragen. Er besorgte Boxhandschuhe, damit ihm der Gehörnte so richtig eine reinhauen könne. «Die Sache war bloss: Milo war viel stärker als der andere», sagt Sven Broder, «und wenn er ihn versehentlich niedergeschlagen hätte, dann wäre ja alles für die Katz gewesen.» Im Grunde genommen habe er sich von seinem Freund verprügeln lassen, um so etwas wie die Absolution zu bekommen. «Es war eher ein absurder Ringkampf mit Boxen in die Seite», bestätigt Milo Rau. Aber der beabsichtigte Effekt sei eingetreten.

Der Erfolg als Regisseur kam nicht über Nacht. Raus Karriere startete mit einem Flop: Sein Film «Paranoia Express» war ein verquastes Machwerk, das nicht einmal er selbst begriff. Ein Kapitel aus einem Buch Thomas Pynchons wollte er verfilmen. Heraus kam eine abstruse Agentengeschichte in den Alpen, die nur eine Handvoll Zuschauer fand. Familienmitglieder hatten den Film gesponsert, sie sahen ihr Investment nie wieder.

Es folgten Performances und Theaterstücke, doch der Durchbruch kam erst 2009 mit «Die letzten Tage der Ceausescus», dem ersten seiner berühmten Re-Enactments. Milo Rau rekonstruierte darin den Schauprozess, in dem das rumänische Diktatorenpaar zum Tod verurteilt wurde. Die Hinrichtung wurde gleich danach vollstreckt.

«Mein Erfolg beruht vielleicht auch auf Glück», sagt er, «aber vor allem war es harte Arbeit.» Versuchen, scheitern, erneut versuchen, besser scheitern. Seine Mitarbeiter – allesamt ruhige, freundliche Menschen ohne narzisstische Störungen, die den Arbeitsfluss hemmen könnten – schätzen den gewaltigen Drive, mit dem ihr Chef seine Projekte vorwärtspeitscht. Doch bisweilen setzt ihnen sein Tempo auch zu. Das Hamsterrad von Raus manischem Vorwärtsdrang – das ist der Rhythmus, bei dem jeder mitmuss. «Manchmal kann man kaum folgen, weil er so viel fordert», sagt Raus Assistentin Mirjam Knapp.

Solche Beschwerden finden bei Rau wenig Gehör. «Wer in der ersten Liga spielen will, der muss sich eben anstrengen», sagt er. Rau ist kein autoritärer Regisseur, aber ein charmanter Diktator der Kunst, der ohne Hemmungen seine Ziele über die der anderen stellt. Kürzlich hat er die Fernsehserie «House of Cards» angeschaut und Parallelen zwischen sich und der Hauptfigur Frank Underwood festgestellt, der jeden Menschen in seiner Umgebung für seine eigenen Zwecke instrumentalisiert. «Als Regisseur tue ich das ebenso. Es geht gar nicht anders, wenn man eine so grosse Maschinerie am Laufen halten muss wie ich», behauptet er.

«Ohne sie ist alles nichts»

Rau weiss, dass es nicht immer einfach ist, mit ihm verheiratet zu sein. Wenn er zu Hause ist, bringt er die Kinder ins Bett und liest ihnen aus «Doktor Dolittle» vor. Am liebsten erklärt er seinen Töchtern die Welt. Es ist ihm ein Anliegen, sie auf eine wichtige Rolle vorzubereiten. «Siebzig Jahre Frieden und Vollbeschäftigung neigen sich dem Ende zu. Die Klimakatastrophe steht vor der Tür. Neben meiner eigenen wird es die Generation meiner Kinder sein, die diese Probleme lösen muss.» Ohne seine Frau und seine Kinder, sagt Milo Rau, könne er nicht existieren. «Ohne sie ist alles nichts.»

Draussen ist es dunkel geworden. Nina Wolters streckt den Kopf zur Tür herein. «Wollen wir essen gehen?», fragt sie. «Die Kinder haben Hunger.» Wenig später sitzt die ganze Truppe im «Eichendorff», zwei Strassen weiter: Raus Familie, der Filmkomponist Marcel Vaid, aus Zürich angereist, um über die Musik für Raus Film «Das Kongo Tribunal» zu sprechen, Stefan Bläske, der Dramaturg, Katja Dringenberg, die Cutterin. Und mittendrin Milo Rau, der wie ein zufriedener Patriarch die Augen über seine Lieben schweifen lässt. Hört er erst einmal auf zu arbeiten, hat er etwas sehr Familiäres an sich.

Der Kellner bringt über den Tellerrand lappende Riesenschnitzel und Grünkohl. Rau mag das Rustikale. Ist er an seinem Geburtstag in Zürich, so feiert er in der Rheinfelder Bierhalle. Auch an diesem Abend trinkt Rau nicht gerade wenig Weissbier. Als sich die Tischgesellschaft gegen 22 Uhr auflöst, legt er mit seinem Filmkomponisten eine weitere Arbeitsrunde ein.

Am nächsten Vormittag ist Raus Kater beträchtlich. Die Augen kriegt er kaum auf. Trotzdem ist er schon seit Stunden an der Arbeit. Wie lange, glaubt er, wird er diesen Lebensstil noch durchhalten können? Auch Rau macht sich dazu so seine Gedanken. Er ist nun vierzig – drei Jahre älter als Fassbinder, als der ins Gras biss. «Und bei Schlingensief hat der Sensenmann ja auch schon mit 49 angeklopft.»

In letzter Zeit hat ihn seine Cutterin öfter zum Joggen mitgenommen, was ihm die Erkenntnis verschaffte, dass auch Sport entspannend wirken kann. Milo Rau möchte keineswegs früh sterben. Es gibt doch noch so viel zu tun. Er muss doch noch die Welt retten. Voran, voran.

«Die 120 Tage von Sodom» hatte am 10. Februar im Schauspielhaus Zürich Premiere. Weitere Vorstellungen: 14., 20., 22., 25. Februar sowie  1., 3., 5., 6., 8., 10., 12. März.

Die Fotografin Patricia von Ah lebt in Zürich; www.patriciavonah.com