Schindlers Liste

Eine Kolumne von Hazel Brugger

Das Magazin N°6– 11. Februar 2017

Als ich siebzehn Stunden Layover in Südkorea hatte, blieb ich im Hotel und starrte in die Glotze. Nach zwei Wochen Vietnam mit ausmergelndem Durchfall hatte ich genug von Asien und wollte einfach nur unterhalten werden. Es war ein schönes Hotel. So schön, dass man allen vom sich lohnenden Frühbucherrabatt erzählen musste. Aber auch nicht so schön, dass ich mir den Jetlag nicht anmerken lassen wollte.

Wie ein fäulender Fisch lag ich auf dem Boxspringbett, die Waden rot gestreift und surrend von den Thrombosesocken. Ich schaltete durch das, was das Samsung-Gerät zu bieten hatte. Koreanische Gameshows, in denen Immerjunggebliebene sich als Rüben verkleideten und zu debilem Synthie-Sound über Wiesen hüpften (wie bei vielem hier konnte ich nicht genau sagen, ob es sich um eine Bildungssendung oder einen subtilen Porno handelte). Ein Hotelsender, in dem auf Dauerschleife erklärt wurde, wie man sich bei einer nuklearen Katastrophe verhalten müsse. Sendungen über Porzellan, unten im Bild Schriftzeichen mit Nachrichten. Dauerflimmern. Auf Kanal siebenundvierzig dann endlich etwas Westliches. «Schindlers Liste».

Viel westlicher geht eigentlich gar nicht, dachte ich, und warf die Fernbedienung zu Boden, um nicht mehr weiterzappen zu können. Der Film hatte gerade angefangen, vor mir lagen gut drei Stunden moralisches Eisbaden, verpackt als filmisches Meisterwerk. Wenn ich schon zu antriebslos und ignorant war, um mir Seoul zu geben, dann immerhin etwas Kultur im Liegen. Sieben Oscars für Oskar Schindler. So viel schuldete ich der europäischen Vergangenheit.

Als deutsch aussehende Reisende hatte ich mir bisher jedes Mal früher oder später irgendeine Bemerkung zum Holocaust anhören müssen. Eine Frage vom Taxifahrer hier, eine entsetzte, passiv aggressive Bemerkung vom Kondukteur da. Die Scham, die den Urgrossvätern vergönnt war, mir ins Gesicht gerieben von irgendwelchen Fremden, die nicht wissen, wie sie mit dem Entsetzen klarkommen sollen. Weil Scham ja an sich etwas Gutes ist und einen vor noch viel Peinlicherem bewahrt. Vergangenheitsbewältigung, so tief eingefleischt, dass man fast nicht darüber reden kann. Ich konnte es kaum glauben, dass in so einer hoch zensierten Weltregion wie Ostasien ein Genozid in Schwarz-Weiss ungehalten über den Bildschirm flimmerte.

Bis Oskar Schindler sich eine Zigarette zwischen die Lippen steckte. Der Glimmstängel wurde umgehend verpixelt. Er nahm die Zigarette aus dem Mund, sie war wieder sichtbar, er zog dran, wieder verpixelt. Ich fühlte mich schlecht. Müde und aufgedunsen. In acht Stunden ging mein Flieger.