Von Jan Christoph Wiechmann

Das Magazin N° 7 – 18. Februar 2017

Am Tag, als Donald Trump seine Drohung wiederholt, die Mauer zu bauen und Mexiko dafür zahlen zu lassen und auch das Militär zu schicken, verlässt der ehemalige mexikanische Kongressabgeordnete Agustín Barrios eine Sondersitzung im Aussenministerium und macht sich auf den Weg zum kanadischen Botschafter in Mexiko-Stadt. In der Tasche hat er einen Zwölf-Punkte-Plan – den «Gegenschlag», wie er sagt.

Barrios, 45, führt die eigens einberufene Trump-Taskforce im Council on Foreign Relations an, dem leitenden Thinktank Mexikos – und als solcher den Widerstand gegen die «Kabale», die «Junta». Er hat eine Menge Begriffe parat für Trumps Amerika, und er scheut sich auch nicht, sie zu benutzen: «Bananenrepublik», «Venezolanisierung», «Machtergreifung einer ethno-nationalistischen Regierung». Er sagt: «Lange genug haben wir uns eingeredet, es werde schon nicht so schlimm. Nein – es wird schlimm.»

Barrios ist einer der wichtigsten aussenpolitischen Experten Mexikos, ein Jugendfreund von Kanadas Premier Justin Trudeau, er trifft uns zum Interview in einem Kellercafé von Mexiko-Stadt und grüsst fröhlich in akzentfreiem Schwiizertüütsch: «Grüezi.» (Er ist in der Schweiz zur Schule gegangen, sein Vater war dort Botschafter.) Aber dann wird er ernst. Wenn sich der Politiker sein jetziges Leben so anschaut, besteht es nur noch aus diesem grantigen Mann mit getönten Haaren und «akuter Persönlichkeitsstörung».

Das sind harte Worte, wendet man ein, und Barrios reagiert darauf mit noch härteren Worten: «Die ‹New York Times› schrieb anfangs auch, Hitler würde nur reden. Nein, ich habe es auch Justin Trudeau gesagt: Macht nicht den Neville Chamberlain», in Anspielung auf die britische Appeasement-Politik gegenüber dem Dritten Reich. «Die Regierung Trump ist autokratisch. Und die Regel Nummer eins lautet: Nimm Autokraten beim Wort.»

Seit dem Wahlsieg befand sich Mexiko in einer Schockstarre, «wie ein Reh vor einem heranrasenden Auto», sagt Barrios, doch nun liegen die Pläne für einen Gegenschlag bereit. 120 US-Produkte habe man dafür zusammengestellt. Wenn Trump Strafzölle erhebt, werde man Mais und Soja nicht mehr von Bauern aus Iowa beziehen, sondern aus Brasilien. Wenn Trump das Freihandelsabkommen Nafta aufkündigt, könnten auch CIA, FBI und alle anderen US-Behörden gehen, die in Mexiko-Stadt einen Zweitsitz haben. Und wenn Trump mit dem Mauerbau Ernst macht, würden eben Hunderttausende mittelamerikanische Flüchtlinge nicht mehr im Süden Mexikos abgefangen wie bisher. «Die Mauer ist purer Rassismus», sagt Barrios. «Trump will sie, um farbige Menschen rauszuhalten. Auch in Mexiko existiert Rassismus – zwischen sozialen Klassen. Aber in den USA ist es jetzt der germanische Rassismus, Deutschland über alles, America first.»

Auf dem Spiel steht nicht weniger als die weltweit wohl innigste Beziehung zwischen Nachbarn. Der grenzübergreifende Handel beträgt 1,6 Milliarden Dollar pro Tag. 35 Millionen mexikostämmige Menschen leben in den USA, 80 Prozent davon legal. 20 Millionen Amerikaner besuchen Mexiko jedes Jahr. Ohne Mexikos Agrarprodukte hätten die USA nichts zu essen (siehe auch S. 34). Ohne Amerikas Jobs wiederum wäre Mexiko ein Land der Dritten Welt. 350 Millionen Menschen überqueren pro Jahr die Grenze, so viele wie nirgends auf der Welt. «Machen wir uns nichts vor: Trump ist nur wegen Mexiko Präsident», sagt Barrios. «Seinen grossen Aufschlag hatte er mit der Mauer, als er uns Vergewaltiger und Killer nannte. Politische Glaubwürdigkeit bekam er mit der Ablehnung des Freihandelsabkommens Nafta. Jetzt muss sich Mexiko wehren. An der Grenze sind wir schon dabei.»

Am Tag danach, als Trumps Beraterin Kellyanne Conway verkündet, die Mauer werde schon in zwei Jahren fertig sein, steht der 16-jährige Schüler Macario Díaz vor dem rostigen Grenzzaun am Strand von Tijuana und überlegt, ob er die USA heute überlisten kann.

Es ist ein klarer, sonniger Wintertag, zu klar für eine Flucht. Die Wellen des Pazifiks schlagen gegen den weit ins Wasser ragenden Eisenzaun, drei Meter hoch, bemalt mit den Namen der Mauertoten. Macario sucht nach einer Passage auf dem Wasserweg, aber es erscheint ihm ähnlich aussichtslos wie 30 Kilometer weiter in den Bergen oder 100 Kilometer weiter in der Wüste.

«Ich muss mich beeilen, bevor die echte Mauer kommt», sagt er mit der leisen Stimme eines unsicheren Teenagers. «Die verstärken die Kontrollen schon jetzt.» Er zeigt auf eine Gruppe US-Grenzschützer auf der anderen Seite, ausgestattet mit Geländewagen, Infrarotkameras, Bewegungsmeldern – mit dem ganzen Arsenal moderner Menschenjagd.

Hier, im äusseren Westen, im trüben Wasser des Pazifiks, soll es beginnen, das wichtigste Bauwerk Amerikas: 3140 Kilometer lang und mindestens sechs Meter hoch, ein Schutzwall gegen Flüchtlinge und Schmuggler und Tagelöhner und Macario und alle anderen Mexikaner, die Präsident Trump gern in die Kategorie bad hombre steckt.

«Dann bin ich eben ein bad hombre», sagt Macario trotzig. «Ich will nur meiner Familie helfen.» Er ist eines von acht Kindern einer Bauernfamilie aus dem Staat Oaxaca. An den Händen trägt er die Spuren jahrelanger Landarbeit und im Gesicht einen Flaum, aus dem noch kein Bart werden will.

Macario kehrt zurück in das überfüllte Flüchtlingslager «Movimiento Juventud» im Zentrum der 1,5-Millionen-Stadt Tijuana. 400 Menschen harren hier in Zelten aus, vor allem Flüchtlinge aus Mittelamerika und Haiti sowie deportierte Mexikaner. 409 000 wurden im vergangenen Jahr von US-Grenzern geschnappt. Macario selbst ist zweimal gescheitert.

«Wir haben seit Jahren an der Eliminierung der Grenze gearbeitet, und jetzt kommt Trump»: José Larroque, Leiter der «Smart Border Coalition» zwischen den USA und Mexiko. (Bild: Sebastián Liste / NOOR Images)

«Sie patrouillieren jetzt mit Pferden», meldet er seinen drei Kameraden Jairo, Andrés und Antonio, die unter einer blauen Plastikplane kauern. «Wir könnten schwimmen», schlägt Andrés, 43, vor, der es schon dreimal auf die andere Seite geschafft hat und dreimal gefasst wurde. «Sie haben Wachboote», wendet Antonio ein, er ist mit 59 der Älteste. «Wir könnten ein Loch buddeln». – «Zu auffällig», erwidert Antonio. – «Oder wir versuchen es im Inland.» – «Ich habe es in der Wüste Arizonas versucht und bin fast verdurstet», sagt Jairo, 30. Die Schlepper dort verlangen 7000 Dollar für den Trip und sogar 23 000 von Chinesen, die oft per Boot nach Mexiko kommen, um von hier in die USA zu gelangen. «Wir warten auf den Nebel», entscheidet Antonio. Wir warten auf die Nacht. Den Wachwechsel. Dann klettern wir über den Zaun.

Für sie alle hat die Flucht etwas Persönliches angenommen. Sie wollen es «El Loco», dem verrückten Trump, zeigen.

In ganz Tijuana sind Unsicherheit und Empörung zu spüren, auch Wut. 8000 Flüchtlinge harren in Lagern aus und wägen nun ihre Fluchtchancen vor dem Mauerbau neu ab. Seit Trump den Einreisestopp für sieben Staaten verkündete, wurden die Kontrollen auch an der mexikanischen Grenze noch mal verschärft. Schon jetzt patrouillieren mehr als 19 000 Grenzbeamte und immer mehr Bürgerwehren, oft weisse Nationalisten, die in Trump ihren Komplizen entdeckt haben. Auf Plakaten entlang der Grenze drohen sie Flüchtlingen: «Wenn du diese Nachricht lesen kannst, bist du im Visier meiner Schusswaffe.»

«Wir lassen uns von einer Mauer nicht abhalten», sagt Antonio. «Aber viele Flüchtlinge haben Angst. Sie überlegen, in Mexiko zu bleiben, weil sie sich vor einer Deportation fürchten.»

Aus Trumps Sicht ist dies sein erster grosser Erfolg: Die Angst vor ihm hat die Welt erfasst, vom grossen Premierminister Australiens bis zum kleinen Flüchtling aus Haiti.

Die Region Tijuana/San Diego mit sechs Millionen Einwohnern galt bisher als Musterbeispiel für US-mexikanische Kooperation, ein Labor für die Möglichkeiten befreundeter Nachbarn in Zeiten der Globalisierung. Es ist die grösste urbane Region an der 3140 Kilometer langen Grenze mit dem grössten Grenzübergang der westlichen Hemisphäre: 50 000 Autos passieren ihn pro Tag auf 34 Fahrbahnen. Vor einem Jahr wurde hier der – neben Basel-Mülhausen – einzige binationale Flughafen der Welt eingeweiht; es gibt Pläne für eine binationale Universität mit einem Fokus auf Grenzthemen. «Wir haben seit Jahren an der Eliminierung der Grenze gearbeitet, und jetzt kommt Trump», sagt José Larroque.

Larroque ist der Grossvater der Vereinigung, er lebt in den USA und arbeitet in Mexiko – wie so viele hier. Er leitet die «Smart Border Coalition», eine grenzübergreifende Kammer aus je zehn Persönlichkeiten San Diegos und Tijuanas. Derzeit eilt er von einer Sondersitzung zur nächsten und erhält täglich Anrufe von verunsicherten Investoren. «Mit seinen Tweets gegen Mexiko bringt Trump ein ganzes Volk gegen sich auf.» Larroque liest sie nun laut vor und schüttelt den Kopf: 20 Prozent Strafzölle. Mexiko zahlt für die Mauer. 14 Milliarden Dollar.

«Natürlich zahlen wir nicht einen Peso», sagt er empört. «Natürlich fährt Präsident Peña Nieto nicht nach Washington, um sich dort als Trumps Befehlsempfänger missbrauchen zu lassen. Trump verletzt alle ohne Grund. Natürlich kann er eine 20 Meter hohe Mauer bauen, auch 30 Meter, aber es hat keinen Sinn. Wir verlieren schon jetzt 7 Milliarden Dollar pro Jahr durch Wartezeiten an der Grenze. Und was kommt als Nächstes? Will er mit Flugzeugträgern an der Küste auffahren? Will er Kanada einmauern?»

Eine Fahrt mit Larroque durch die Gegend offenbart die Abhängigkeit beider Seiten. Mexikanische Arbeiter bauen den US-Amerikanern ihre Häuser. Amerikaner lassen auf mexikanischer Seite ihre Flugzeuge und medizinische Geräte fertigen. Mexikaner pendeln zum Shopping und für bessere Schulen nach San Diego, Amerikaner für Nachtleben und Krebsoperationen nach Tijuana. Mehr als eine Million Amerikaner ohne Krankenversicherung lassen sich pro Jahr in Tijuana operieren, für ein Viertel der Kosten. Es entstehen Krankenhäuser für sie, ja ein ganzes medizinisches Viertel namens «New City». Mexiko ist zum Sicherheitsnetz für das arme Amerika geworden.

Larroque hat seinen Sitz in einem modernen Büroturm an einem Golfplatz, Symbol für den Aufstieg der Transitstadt Tijuana. Seit zwei Wochen aber fühlt er sich in einer «alternativen Realität» – in Anspielung auf Trumps «alternative Fakten». Trump twittert, Mexiko sei schwach bei Grenzfragen, dabei ist die Zusammenarbeit so gut wie noch nie. US-Kontrolleure inspizieren Waren schon auf Mexikos Staatsgebiet; Mexikaner erhalten im Gegenzug eine Ausbildung im US-Militär; gerade bei der Drogenbekämpfung arbeiten sie immer enger zusammen.

«Wir verlieren gemeinsam 100 000 Menschen pro Jahr im Drogenkrieg», sagt Larroque. «Will Trump jetzt die Zusammenarbeit einstellen? Er kann gern Autos in den USA bauen lassen, aber dann kostet ein Wagen 25 000 statt 17 000 Dollar. Er kann auch alle Mexikaner ausweisen, aber dann gibt es drüben keine Arbeiter mehr. Glauben Sie bloss nicht, dass sich seine alten weissen Wähler ans Fliessband stellen.»

Larroque sucht noch nach einem Umgang mit Trump. Wenn der Politiker Barrios auf offenen Widerstand setzt, dann setzt Larroque lieber auf Aussitzen. «Wir sind hier stark genug.» Wie sich das liberale Kalifornien treu bleibt, etwa beim Schutz von Flüchtlingen, werde die ganze Grenzregion versuchen, sich Trump zu entziehen. So entstand die Idee, als Zeichen gegen Trump eine grenzübergreifende Menschenkette aus Mexikanern und Kaliforniern zu bilden: die «Human Wall».

Die Fahrt Richtung Osten entlang der Grenze führt durch einen Landstrich scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Auf gigantischen Schildern suchen multinationale Konzerne Arbeiter für die maquilas, die Montagefabriken. Auf Werbeplakaten locken Kliniken mit dem Satz «Komm zur Erneuerung» und bieten Silikonbrüste, Kunsthüften, Fettabsaugung, Drogenentzug für ein Drittel der US-Preise. Dann wieder tauchen Zeltsiedlungen auf, Endstation der Gestrandeten des Drogenhandels aus Nord und Süd, vereint im binationalen Elend.

Mit der Landschaft verändert sich die Grenze. Wie eine Schlange windet sich der rostbraune Zaun über karge Berge bis auf 1200 Meter Höhe. An einigen felsigen Stellen endet die Mauer abrupt. An anderen Stellen, in der Wüste, verschwindet sie unter dem Sand der Wanderdünen. Der Landschaftsarchitekt René Peralta hat berechnet, wo Trumps Mauer überhaupt stehen kann: «Vielerorts gar nicht. Soll die Mauer etwa Berge durchschneiden? Soll sie Flüsse teilen?»

Nach 200 Kilometern durch die Wüste taucht die nächste Stadt auf: Mexicali, ein Moloch, eine Million Einwohner, 160 ausländische Firmen, Arbeitslosigkeit: 0,1 Prozent. Sie ist so etwas wie die erste wahre Nafta-Stadt, ausgebaut für das Versprechen internationaler Konzerne an die Welt: Wir produzieren billig. Ihr konsumiert billig.

Eine Montagehalle fügt sich an die nächste; die Strassen werden für Sattelschlepper gebaut, nicht für PWs. Die Uni bildet für den Markt aus, nicht fürs Leben. Spricht man in Mexicali von Parks, so meint man nicht Grünflächen, sondern Industriegebiete. Während der Stundenlohn 100 Meter weiter in Calexico auf US-Seite acht Dollar beträgt, liegt er hier bei einem.

Eine Traumstadt für einen Mogul wie Trump, könnte man meinen. Das Eigenartige aber ist: Das Unwohlsein angesichts dieser Welt hat Trump erst den Sieg beschert.

Mitten im Industriepark «Alegria» – Freude – steht der Bauunternehmer Eugenio Lagarde und präsentiert sein neues Werk, erbaut für die Biermarke Corona: eine gigantische Halle für 3000 Arbeiter, mit eigenen Strassen und Brunnen, befreit von Umweltauflagen, so schwärmt er, und wenn es überhaupt ein Problem in Mexicali gebe, dann nur den Mangel an Arbeitskräften. «Die Autofabriken in Zentralmexiko nehmen uns die Arbeiter weg. Sie zahlen 1.10 Dollar pro Stunde.» Auch Bosch, Honeywell und Kellogg’s sind gleich nebenan vertreten, und Lagarde, Vorsitzender der Wirtschaftskammer, hat mit einigen über Trump gesprochen. «Die meisten werden auch bei Zöllen von 20 Prozent hierbleiben», verrät er. «Denn die Profitmargen sind so hoch.»

Aber – spielt nicht genau dieses Argument Trump in die Hände?

Lagarde sieht das anders: «Wir an der Grenze haben Jahre an diesen perfekten Bedingungen gearbeitet. Nun will Trump uns spalten.»

Neuansiedlungen, so erzählt er, werden momentan nicht umgesetzt. «Die Unternehmen wollen erst sehen, was El Loco noch so anstellt.» Aber Lagarde ist guter Hoffnung: «3000 US-Unternehmen lassen ihre Waren in Mexiko produzieren. Viele Republikaner haben Beteiligungen an ihnen. Die wirken auf Trump ein.»

Wenn Larroque im Umgang mit Trump auf Aussitzen setzt, dann setzt Lagarde in Mexicali eher auf den Einfluss von Big Business. Er ist überzeugt: So wie Trump der Wall Street und der Kohle- und Ölindustrie wieder freie Hand gibt, so werde er auch die Multis machen lassen.

Auf der Fahrt weiter Richtung Osten ist die Grenze lange nicht zu erkennen. Zäune oder Mauern stehen nur auf knapp der Hälfte der 3140 Kilometer, über weite Strecken bildet der Rio Grande die Grenze. Nach etwa 1300 Kilometern taucht Juárez in der Wüste auf, die zweitgrösste Grenzstadt, früher bekannt als «Crime Capital»: Zwischen 2008 und 2012 hatte sie die höchsten Mordraten der Welt. Als Begrüssungsgeschenk für Trump wurde Drogenboss «El Chapo» Guzmán vor Kurzem von hier an die USA übergeben.

Im Tal von Juárez, nur 200 Meter von der Grenze entfernt, sitzt ein alter Mann gebeugt vor einem Grab, Agustín Alarcón, er hat seinen Sohn Julio und seinen Enkel Luis verloren. Eine kriminelle Bande, Ableger des Kartells von Juárez, hat seine kleine Farm gestürmt und seine Liebsten erschossen sowie acht weitere Menschen – eines jener Massaker, die im Mexiko der Drogenkriege zum Alltag gehören. Mehr als 20 000 Menschen wurden im vergangenen Jahr ermordet, oft auch zerteilt und enthauptet.

Alarcón kennt bis heute nicht das Motiv, die Polizei hat nicht weiter ermittelt. Oft genug wollen die Kartelle nur ihre Macht demonstrieren oder Territorien annektieren, um Waffen und Drogen für den Grenzschmuggel zu lagern. «Ich gebe meine Farm nicht her», sagt er. «Dann müssen sie auch mich umlegen.»

Es ist die Angst vor diesem Mexiko, die den Autokraten Trump an die Macht gebracht hat.

Alarcón sieht es etwas anders. Ohne den Drogenkonsum in den USA gäbe es die Kartelle nicht, «mein Sohn und mein Enkel wären noch am Leben». Und Gewalt in Mexiko bedeute nicht automatisch Gewalt in den USA. Die Grossstadt El Paso auf der anderen Seite ist eine der sichersten Grossstädte der USA.

Er blickt in Richtung Grenze, wo demnächst die Mauer errichtet werden soll, «wunderschön und grossartig», wie Trump stets betont. Im Grenzfluss Rio Grande kann sie nicht stehen, weil der Fluss schiffbar bleiben muss. Auf US-Seite auch nicht, weil die Grundstücke Farmern gehören und eine Enteignung unbezahlbar wäre. Und selbst wenn Trump das Kunststück fertigbringen sollte, glaubt hier keiner an den Erfolg. «Solange die Amerikaner Drogen wollen», meint Alarcón, «wird niemand und nichts die Schmuggler stoppen – kein Trump und keine Mauer.»

Wie mit Trump umgehen? Da hat der 79-jährige Mann eine Idee: Man müsste ihm in Mexiko-Stadt ein kostenloses Grundstück für ein Trump-Hotel anbieten und ihm schmeicheln, keiner baue so gut wie er. «Dann haben wir Ruhe.»