Von Doris Knecht

Das Magazin N° 9 – 4. März 2017

Es hätte so einfach sein können. Ein Traum-Einstieg in diesen Text:
Josef Hader bekommt im Wiener Rathaus den Österreichischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller, für seine Rolle des Stefan Zweig, oder Josef Hader bekommt diesen Preis nicht; seine Mimik dabei, seine Körpersprache. Was macht das jetzt mit ihm? Stattdessen bekomme ich davon gar nichts mit: Hader sitzt für mich unsichtbar in der ersten Reihe, die sich, zweimal gewinkelt, um die Bühne zieht, auf der eine schöne, altmodische Hotelbar aufg—ebaut ist. Rund um diese Bar herum sitzen bereits ein paar Preisträger, zwischen ihnen spielen zwei Schauspielerinnen Moderation. Eine davon ist Pia Hierzegger, Haders Partnerin in «Wilde Maus» und drei weiteren Filmen.

Hierzegger, 44, ist aber nicht nur im Film Haders Partnerin, sondern, worüber beide öffentlich bisher nicht viele Worte verloren, auch im Leben. Vielleicht auch aus diesem Grund verliest nicht Hierzegger die Nominierten für die beste Darstellung, sondern die Schauspielerin Ursula Strauss, und niemand ist überrascht über den Namen, den sie aus dem Couvert zieht. Es wird dann nicht ganz klar, ob da jetzt Peter Simonischek oder Toni Erdmann die Bühne entert, jedenfalls trägt er schlecht sitzende Kleidung, ist unambitioniert rasiert, und seine weissen Haare stehen in alle Richtungen. Hader bleibt also in der ersten Reihe auf seinem Stuhl sitzen; leider zeigt auch die TV-Aufzeichnung nicht seine Reaktion. Es ist trotzdem vollkommen gewiss, dass er breit lächelte, sich freute, herzhaft applaudierte.

Hader hatte davor mehrmals betont, er rechne nicht mit dem Preis. Das betonen alle Nominierten aller Preise, aber Hader glaube ich es. Denn erstens  ist es nicht so ein wichtiger Preis; es ist ein Preis, den man, wie die meisten Preise, ganz gern bekommt, aber wenn man ihn nicht bekommt, ist es eigentlich egal. Sagen wir so: Auch nur eine halbe Berlinale-Wettbewerb-Nominierung ist zehnmal so viel wert wie dieser Preis, und Josef Hader hat eine ganze.

Zweitens hat die «Toni Erdmann»-Hysteriemaschine Haders Stefan-Zweig-Darstellung in «Vor der Morgenröte» einfach überrollt, und nicht nur sie. «Toni Erdmann» ist monströs in seiner künstlerischen Exorbitanz und seinem internationalen Erfolg. Im kommenden Jahr wird vielleicht Josef Haders Spielfilm «Wilde Maus» einen ähnlichen Effekt auslösen: Gleich mit seiner ersten Regiearbeit wurde Hader für den Berlinale-Wettbewerb ausgewählt, das bedeutet internationales Renommee. Vermutlich ist Hader auch deshalb so entspannt, und deswegen glaube ich ihm auch, als er sagt: «Ich hoffe sehr, dass Peter Simonischek den Preis bekommt.»

Er tut es ein paar Tage vor der Verleihung des Österreichischen Filmpreises, wir sitzen in den leuchtend roten Samtbänken des schön renovierten Café Eiles in der Wiener Josefstadt. Früher hat Hader hier an seinen Kabarettprogrammen geschrieben, damals, als die Bänke noch geblümt waren, in einem schmutzigen Braungelb («Die Wirtin hat immer gesagt, das ist das einzige Muster, in dem die Zigarettenlöcher nicht stören»). Bei Sperrstunde gings weiter ins Café Rathaus, dann ins Café Hummel, und wenn er dann immer noch nicht fertig war, wechselte er ins Mozartstüberl, wo er ass und die halbe Nacht schrieb. Er schreibt noch immer vormittags in Kaffeehäusern in sein Notizbuch, wegen der Disziplin und der Unabgelenktheit, aber danach geht er heim und überträgt die Arbeit in den Computer. Im Café Eiles war er schon lange nicht mehr, und Hader ist angetan von der Veränderung des Cafés. Er hat schon gegessen, trinkt bloss ein Wasser. Er halte, sagt er, Simonischeks Toni-Erdmann-Darstellung für grossartig: «Was er da gemeinsam mit seiner Regisseurin für eine Figur hingestellt hat, ist grandios.» Seine Zweig-Darstellung, sagt Hader in seiner üblichen Bescheidenheit, sei so «na jo, der Hader spielt einmal wen ganz anderen, wie ein gut dressiertes Zirkuspferd, ja, okay».

So ist es natürlich nicht. Es ist viel mehr als okay. Ja, Hader spielt einmal einen ganz anderen als den grantigen, desillusionierten Brenner aus den Wolf-Haas-Krimis und die diversen Brennerartigen, die er als Schauspieler wie verinnerlicht zu haben scheint: Seine Darstellung des Schriftstellers Stefan Zweig ist zart, intensiv in ihrer Zurückgenommenheit. Haders erste Reaktion auf das Rollenangebot: «Das kann ich nicht.» Aber nach Lektüre des Drehbuchs habe er gedacht: «Das ist eine Figur, die rührt mich so. Ich wollte sie schon beim Lesen beschützen. Das sprach dann doch sehr dafür, dass ich es doch kann.» Er kann es so gut, dass ihm der Preis in jedem anderen Jahr, in jedem Toni-Erdmann-freien Jahr, ziemlich sicher gewesen wäre.

Er hat sich in den Kopf geschossen. Man lässt ihn nirgends herein. Es ist erschütternd, wie sehr man Hader das abnimmt. Man kann ihn praktisch riechen. Ich würde ihn, glaube ich, auch nicht reinlassen.

Wobei Josef Hader selbst zu Preisen eine eher distanzierte Haltung einnimmt. Das ist natürlich nicht so schwer, wenn man schon so viele hat. Wikipedia führt in seinem Eintrag 22 Auszeichnungen auf, darunter den Salzburger Stier, den Deutschen Kabarettpreis, den Nestroy-Ring, den Bayerischen Kabarettpreis, den Göttinger Elch. Es sind Auszeichnungen für den Kabarettisten Hader, dazu kommen viele Preise für sein Schauspiel: der Grosse Diagonale-Preis, der Deutsche Fernsehpreis für den besten Schauspieler, ein Bronzener Leopard aus Locarno, der Adolf-Grimme-Preis. Noch kein Österreichischer Filmpreis, aber den gibts auch noch nicht so lange. Allerdings deutet Hader an, dass er ein wenig enttäuscht war, dass er im Jahr zuvor für seine vierte Brenner-Darstellung in «Das ewige Leben» nicht einmal nominiert worden war. Beziehungsweise dass er eine Nominierung dafür redlicher gefunden hätte als jene für den Zweig. «Was wirklich schwierig ist: jemanden zu spielen, der so Kopfweh hat, dass er sich glaubwürdig in den Schädel schiesst. Aber so was findest du nie bei den Nominierten. Da sind die Gewichtungen manchmal merkwürdig.»

Das stimmt. «Das ewige Leben» ist nicht mein liebster Brenner-Krimi, von der Geschichte her, dem etwas überabenteuerlichen Plot. Aber Hader ist atemberaubend, es bläst einen weg. Er ist in dem Film existenziell abgemagert, halb verhungert in jeder Hinsicht, ganz dünnhäutig, ganz kaputt und von Schmerzen mürbe. Wie Hader da als Brenner herumirrt in seinem alten Parka, unrasiert, frierend, struppig wie ein Hund. Er hat sich in den Kopf geschossen. Er ist verwundet. Keiner will etwas mit ihm zu tun haben. Sein Haus ist kalt, hässlich und dreckig. Er haut nicht mal mehr zurück, wenn er geschlagen wird. Man lässt ihn nirgends herein. Es ist erschütternd, wie sehr man Hader das abnimmt. Man kann ihn praktisch riechen. Ich würde ihn, glaube ich, auch nicht reinlassen.

Vor wenigen Wochen ist Josef Hader 55 geworden, und ich kenne ihn jetzt schon einige von diesen Jahren, fast 25. Nicht gut, nicht wirklich persönlich. Ich weiss, dass er zwei Söhne hat und dass er in Wien wohnt, ich kenne ein paar seiner Freunde. Seine Programme habe ich nicht von Anfang an verfolgt. Ich hörte in den «Falter»-Redaktionssitzungen die Lobpreisungen über ihn, den jungen, irren Kabarettisten aus Oberösterreich, einen offenbar Gottähnlichen. Ich meine mich zu erinnern, «Im Keller» war das erste Programm, das ich von ihm gesehen habe, nicht freiwillig, ein Kollege hatte mich da hineinüberredet. In «Hader muss weg» sagt Hader: «Jeder mag Kabarettisten, jeder mag Delfine, kaner waass, warum.» Delfine waren okay, aber Kabarettisten mochte ich nicht besonders. Ich war kein Fan vom Kabarett als solchem oder vom Kabarett, wie es war, bevor Hader es zerlegt und neu zusammengesetzt hat. Für jemanden, der vom Punk kommt, der über das System nicht lachen, sondern es zerschlagen will, ist Kabarett suboptimal. Trotzdem bin ich dann mit zu diesem Hader, ich war neugierig. Danach war alles anders. Ich war Hader-Fan und blieb es über all die Jahre, egal, was er gemacht hat.

Ich war nicht mit dem Kabarett versöhnt, das bin ich bis heute nicht so recht. Vielleicht weil ich es immer ein wenig selbstgefällig finde, weil der Kabarettist immer behauptet, der Klügere zu sein, der, der die Zusammenhänge besser begreift: so gut, dass er sie jetzt für uns auf einen Punkt bringt, den auch wir verstehen. Das Problem ist, dass ich mich belehrt fühle, aber nicht berührt. Hader aber berührt mich, vielleicht, weil er sich nicht dem politischen Zeigefinger-Kabarett verpflichtet fühlt, sondern eher der Stand-up-Comedy, deren Protagonisten nicht gescheiter sind als ihr Publikum.

Und deshalb berührt einen auch Haders gedemütigter Georg Endl in seinem Kinodebüt als Regisseur, in «Wilde Maus»: Georg ist ein selbstgewisser Musikkritiker mit Statement-Brille, den Hader dann ins Unglück stürzt: Er verliert ohne Vorwarnung seinen Job, eine Neuigkeit, die er seiner Frau Johanna unterschlägt, einer Therapeutin, gespielt von Pia Hierzegger. Die wiederum ist mit sich selbst beschäftigt, mit dem Umstand, dass sie Anfang vierzig ist und endlich ein Kind will. Georg sitzt seine Tage im Wiener Prater ab und trifft dabei auf seinen Schulkollegen Erich, dem im Leben viel misslungen ist und der nun im Prater eine alte, stillgelegte Achterbahn, die «Wilde Maus», reaktivieren möchte. Georg borgt ihm dafür Geld und wird sein Kompagnon, nebenbei quält er den Herausgeber, der ihn gefeuert hat, mit jämmerlichen und lachhaften Racheaktionen. Insgesamt kommen einige Autos zu Schaden, und irgendwann läuft Hader zum Sound von Vivaldis «La Follia» nackt über eine tief verschneite Wiese, eine Szene, die er schon vor Jahren schrieb und schon lange spielen wollte und die sich perfekt in diesen Plot einschmiegt. Es ist ein grossartiger, lustiger, kluger und poetischer Film. Und ein sehr musikalischer, denn Hader lässt Georg deshalb über Klassik schreiben, weil es ihm, dem Klassikfan, einen Soundtrack aus Beethoven, Bruckner und Schubert ermöglichte. Plus ein bisschen «Bilderbuch», jene gehypte Wiener Band.

«Wilde Maus» fällt jedenfalls kein bisschen ins Genre der üblichen Kabarettistenfilme, ist kein Vehikel für Pointenschleuderei. Haders erster Film ist eine wunderbare Komödie, geschrieben, gedreht und gespielt von einem Kabarettisten, der das Filmhandwerk durch viel Spielen und Drehbuchschreiben penibel studiert hat und nun wirklich beherrscht. Er sei, sagt Hader, beim Schreiben «so ein Komprimierer. Es ist mir eine grosse Freude, bei der achten Drehbuchfassung noch etwas zu verdichten. Ich bin kein Auserzähler. Ich schreib nicht so genial mit leichter Hand, so wie Balzac. Ich bin mehr wie der Flaubert, der hat sich jeden Satz drei Wochen lang überlegt.»

In «Wilde Maus» beweist er auch wieder sein Gespür für Verhältnisse: Hader legt Wert darauf, dass eine Figur nicht viel besser ist als ihr Publikum. Allerdings darf sie, sagt Hader im Café Eiles, «auch nicht entschieden schlechter sein, weil sich die Leute dann zurücklehnen würden und sagen: Ah, des san Spiesser, oder des san – weiss nicht – alte verknöcherte Oberstudienräte, und die sind schuld, dass so viel Schlimmes passiert auf der Welt.» Man dürfe die Leute nicht dazu verleiten, auf den peinlichen Dummkopf hinunterzuschauen, «sondern sie müssen in gewisser Weise eine Spur weit sich selber zuschauen». Und das verbindet den Georg aus dem Film direkt mit Haders verschiedenen Kabarett-Ichs.

Ich habe mir jetzt «Im Keller» noch einmal angeschaut, auf Video. Das Programm – oder besser, das Stück – ist 23 Jahre alt. Und immer noch so gut, dass man es auswendig lernen möchte, einsaugen, aufessen; bei Bedarf abrufbar.

Andererseits ist das wiederum nicht nötig, denn Hader spielt die besten Teile aus diesem und seinen anderen Programmen in seinem Best-of «Hader spielt Hader». Der Wiener Stadtsaal in der Mariahilfer Strasse ist seit Wochen ausverkauft, und als ich für meine Karte anstehe, wartet mit mir ein Pulk von Leuten, die kein Ticket haben, aber auf der Warteliste stehen . Fast alle von ihnen müssen wieder heimgehen.

Ich sass also im Theater und sah Hader zum ersten Mal nach langer Zeit live. In den Jahren davor hatte ich ihn nur auf der Kinoleinwand gesehen, im Fernsehen, bei einer Premiere und einmal bei einem Essen, zu dem die Regisseurin Marie Kreutzer auch Hader und Hierzegger geladen hatte: Hierzegger spielte bisher in jedem von Kreutzers Filmen, auch eine kleine Rolle in «Gruber geht», der Verfilmung meines Romans. Ich mag Kreutzers Film sehr, und ich liebe die ruppige Ärztin, die Pia Hierzegger spielt.

Kreutzer hat auch schon mit Josef Hader gedreht, einen Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Pia Hierzegger. «Die Notlüge» wird irgendwann dieses Jahr ausgestrahlt, wann, steht noch nicht fest. Kreutzer ist eine junge Regisseurin, Hader eine alte Rampensau, es wäre nicht das erste Mal, wenn eine solche Kombination Kummer machte. Mit Hader nicht. «Er begegnet beim Arbeiten jedem sehr offen», sagt Marie Kreutzer. «Josef gehört sicher zu den unkompliziertesten, angenehmsten Schauspielern, mit denen ich gearbeitet habe. Ich glaube, seine Grenze ist die gleiche wie meine: wenn Zeit und Geld die Qualität beeinträchtigen.»

Ja, das stimmt. Zeit und Qualität sind zwei der Gründe, warum er lieber Film macht als Fernsehen. «Bei einer Serie drehen sie acht Minuten am Tag. Ein ‹Tatort› oder ein TV-Film wird in 21 Tagen gedreht. Wenn du ein Buch richtig entwickelst, wird dir das eigentlich nicht bezahlt; du musst es schludrig schreiben. Die Budgets fehlen.» Das führe, erzählt Hader, oft dazu, dass «die Technik sehr im Mittelpunkt steht. Die darf sich so viel Zeit nehmen, wie sie braucht, und dann wird erwartet, dass die Schauspieler auf Knopfdruck wie die Oberkellner auf ihre Marken springen und höchste Emotionen spielen.» Und das will Hader, weil er eben selber Schauspieler ist, vermeiden. Die Schauspieler sollen «vergessen, dass eine Technik da ist. Dann kriegst du eine gute Darstellung. Dann fangen sie an zu blühen.»

Hader hatte das Glück, «ganz am Anfang eine wunderschöne Filmerfahrung zu machen»: 1993, beim Dreh von «Indien», für das er gemeinsam mit Alfred Dorfer das Buch schrieb. Der Film mit den Kabarettisten in den Hauptrollen ist auch nach 24 Jahren so gut, dass es, meine Meinung, einen eigenen Sender gebe sollte, der nichts anderes als «Indien» spielt, 24 Stunden am Tag. Der Regisseur Paul Harather habe den Schauspielern eine gute, ruhige Atmosphäre geboten, Rückzugspunkte, wo sie miteinander überlegen konnten. Das versucht Hader nun als Regisseur auch seinem Ensemble zu bieten, wobei es eine ganz schöne Aufgabe sei, dass er nun selber für die Stimmung zuständig ist, alles selber gestaltet: «Es bringt mich ständig an den Rand der Überforderung, aber es ist auch irrsinnig schön. Weil du von Tag zu Tag merkst, das geht, und du fühlst dich wohl in der Rolle, und es taugt dir.»

Es gibt noch einen anderen Grund, warum Josef Hader sich im Fernsehen lieber etwas rar macht: «Wenn du ein Fernsehschauspieler bist, den die Leute ständig bei sich im Wohnzimmer haben, fällt für sie der Grund weg, warum sie zu dir ins Kino gehen sollen.» Allerdings ist das in einem so kleinen Filmland wie Österreich kaum durchzuhalten: «Ohne TV-Angebote kann man als Schauspieler in Österreich eigentlich nicht leben. Ausser du bist wie der Georg Friedrich, der sagt: Ins Fernsehen geh ich nicht, ich fahr lieber Taxi, wenn ich keinen Film mache.» Friedrich spielt in «Wilde Maus» den Prater-Erich, eine wunderbare Friedrich-Rolle: ein Verunsicherter mit grossem Herzen und schneller Faust. Friedrich wurde jetzt bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet – allerdings nicht für die «Wilde Maus», sondern für seine Hauptrolle in Thomas Arslans «Helle Nächte».

An diesem Abend im Stadtsaal ist Hader wieder einmal ganz Kabarettist. Er ist das gern, auch wenn er erst einmal lieber noch einen Film machen möchte, bevor er vielleicht endlich ein neues Programm schreibt. Und egal, wie oft man ihn schon gesehen hat, er ist jedes Mal wieder tief beeindruckend. Einschüchternd fast. Er beginnt mit einem Schwadronieren über den ersten Satz und dass man die Leute entweder beim ersten Satz hat oder gar nicht: Da hat er die Leute natürlich längst. Er braucht nur minimalste Nuancen, Tonfalländerungen, ein Schulterzucken, sein berühmtes, halb verzweifeltes «Ma!» oder sein «Na!», ein «Alsdann» oder ein resigniertes «I mog nimma». Natürlich. Wien: Das ist für Hader ein Heimspiel, in Wien liebt man ihn bedingungslos. Im Ausland auch, aber ein bisschen anders, zum Beispiel in Berlin oder München, wo Hader, wie er erzählt, dafür gelobt wird, dass er «so österreichisch ist».

Die Vorstellungen seien ausserhalb Wiens mitunter «viel lebhafter, auch in der Steiermark oder in Kärnten reagieren alle viel mehr». Er möge aber «das zurückgelehnte Wiener Publikum, weil das weckt den Sportler in mir, ich möchte sie dann kriegen». Und er kriegt sie. Er dirigiert das Publikum, als sei es sein Orchester. Das muss grossartig sein. Und die Angst, diese Liebe zu verlieren, muss immer im Hintergrund lauern. Immer ist Josef Hader der Beste, seit dreissig Jahren schon. Was, wenn er es nicht mehr ist? Setzt ihn das nicht wahnsinnig unter Druck?

Hader, lachend: «Erstens sagt mir das nicht dauernd wer. Das höre ich jetzt seit langer Zeit zum ersten Mal wieder.» Glaube ich nicht, aber gut. «Vor allem: Das ist eine Wertung, die für die Arbeit unbrauchbar ist, das würde einen nur lähmen. Die Frage, vor der man steht, wenn man so einen Beruf macht, egal, ob als Autor oder als Kabarettist, in welchem kreativen Bereich auch immer, ist, wie man nicht schlechter wird. Man muss sich immer wieder mit neuen Dingen fordern und das eigene Spektrum erweitern, denn enger wird es von selber.» Das Älterwerden findet er drum nicht so schrecklich, da «ich jetzt mit Mitte fünfzig noch mal zum Anfänger werde und Filmregie mache, was ich unbedingt wollte».

Ich unterbrach die Arbeit an dieser Geschichte, weil ich mit meinem neuen Roman zur Aufzeichnung einer Literatur-Talkshow eingeladen war. Ich traf dort auf den superfitten, eben achtzig Jahre alt gewordenen Werner Schneyder: Autor und Kabarettist alter Schule, ein Grosswesir des Kabaretts der Siebziger- und Achtzigerjahre. Nach der Show tranken wir ein Glas Zweigelt, dann verabschiedete ich mich, um weiterzuarbeiten. «Woran?», fragte Schneyder. «Ich schreibe an einem Josef-Hader-Porträt», sagte ich. «Ah, der Hader», sagte Schneyder und strahlte. «Den habe ich», sagte Schneyder, «Mitte der Achtzigerjahre in Salzburg entdeckt.» Hader habe den Salzburger Stier für den besten Nachwuchs erhalten. Schneyder habe Hader spielen gesehen, habe seinen Freund Sammy Drechsel von der Münchner Lach- und Schiessgesellschaft angerufen und gesagt: «Es gibt ein Genie zu entdecken.» Schneyder, man sieht es ihm an, freut sich bis heute darüber, dass er recht hatte.

Auch Georg Hoanzl behielt recht. Den Medienmanager kennen alle nur unter seinem Nachnamen, der auch der Name seiner Produktions- und Vertriebsfirma ist. Der Hoanzl war ein 22-jähriger Burgenländer, als er den Hader, der damals 27 war, in Salzburg zum ersten Mal sah, im Café des Kleinen Theaters, «ich weiss noch genau, wo er sass». Den Hoanzl muss man sich als enorm begeisterungsfähigen Mann mit einem unfassbaren Lacher vorstellen. Hader verstand sich mit dem dünnen, lustigen Kerl, der damals in dem Café Plakate seines ersten Klienten Andreas Vitásek anpickte. Und dann habe er sich quasi, erzählt Hoanzl, 1988 mit dem Hader ins Auto gesetzt, sie seien auf Tour gestartet und so etwa bis 1995 nicht mehr ausgestiegen. Was stark damit zusammenhängt, dass Hader sehr lange keinen Führerschein hatte; es gibt sogar einen schönen, leider verschollenen Film darüber, wie Hader und Hoanzl in Österreich herumfahren.

«Ich war bei knapp tausend Abenden dabei», sagt Hoanzl, «und an jedem dieser Abende hat sich der Josef um sein Programm und sein Publikum bemüht. Wo man sagt: Wenn man jemals einen Arzt braucht, dann will man einen, der sich genau so auf sein Gegenüber einlässt, wie es der Josef mit seinem Publikum macht.» Von den 1500 CDs und DVDs, die das Unternehmen Hoanzl produziert hat, war Haders «Privat» die allererste: Nr. 01. Den Führerschein machte Hader übrigens erst mit 36. Das weiss ich, weil ich meinen zufällig fast unmittelbar nach ihm beim selben Fahrlehrer Schnöller machte, der mir unablässig von seinem berühmten Schüler erzählte. Wir bestanden beide beim ersten Mal.

Hoanzl war jetzt auch in Berlin, bei der Premiere von «Wilde Maus». «Weil ich den Lebensmoment teilen wollte. Und ich habe eigentlich schon vor zwanzig Jahren, schon bei ‹Indien›, die Gewissheit gehabt, dass der Josef im Film sich beheimaten wird. Ich dachte mir» – hier lacht der Hoanzl sein grossartiges Lachen – «schon vor zwanzig Jahren: Ich muss etwas anderes machen, denn der Josef macht seine Filmkarriere.» Bei Hader behielt er recht.

Hader hat Einfluss, und sein Wort hat Gewicht; auch deshalb, weil man nie etwas Unbedachtes oder Unfreundliches von ihm hört, in einer an unbedachten Unfreundlichen reichen österreichischen Landschaft.

Ein paar Leute, die Hader gut kennen und die ich um ein paar Sätze zu Hader bat, wollten nicht über ihn reden. Das kann verschiedene Gründe haben. Hader selber sagt, dass er mit einigen Leuten lieber nicht mehr arbeiten möchte. Eh klar, dass er nur fröhlich lacht, als man ihn fragt, wer das denn sei, und er korrigiert sich: Er wäre jederzeit bereit, diese Einstellung zu revidieren, wenn ihm einer von denen ein wirklich geiles Drehbuch vorlegte. Man hat natürlich im Lauf der Jahre auch selbst nicht nur positive Geschichten über die Zusammenarbeit mit Hader gehört, die den wenig sympathischen Über-Kabarettisten Hader, den Hader in «Hader muss weg» spielt, nicht zu hundert Prozent erfunden erscheinen liessen. Aber die Geschichten waren Gerüchte, und niemand würde etwas Derartiges laut erzählen. Hader hat sich in der österreichischen Kulturszene eine gottgleiche Stellung erarbeitet, an der ein vernünftiger Mensch, zumal in einer kleinen, finanziell derart eingeschränkten Kulturnation wie Österreich, nicht herumsägt.

Wer sich gegen Hader stellt, steht allein da. Das will keiner. Hader hat Einfluss, und sein Wort – auch sein sehr rar und nur gezielt eingesetztes politisches Wort – hat Gewicht; auch deshalb, weil man nie etwas Unbedachtes oder Unfreundliches von ihm hört, in einer an unbedachten Unfreundlichen reichen österreichischen Landschaft, die bei Gelegenheit mitunter ganz schön aus sich herausgehen.

Nicht Hader; nie. Hader gilt als disziplinierter, selbstmitleidloser und – das ist in Wien nicht selbstverständlich – uneitler Arbeiter, er fördert junge Kabarettisten, und man hat ihn noch nie in der Öffentlichkeit die Fassung verlieren oder die Diva geben sehen, ausser in künstlerischer Absicht. Seine Beliebtheit im Land ist unzerkratzbar. Hat er mit jemandem einmal Probleme, sei er, wie er in der ORF-Talkshow «Willkommen Österreich» sagte, nicht rachsüchtig wie der Georg in seinem Film, denn er würde es einem Gegner «nicht gönnen, dass ich ihm so viel Beachtung schenke». Der wachse durch die Rache eines Hader doch total. «Ich bin dafür sehr nachtragend, und wenn der zwanzig Jahre später was von mir will, dann kriegt ers nicht.» Auch das glaube ich ihm.

Natürlich könnten die Leute, die nichts über Hader sagen wollen, einfach etwas Positives über Hader sagen, aber das tun sie auch nicht, weshalb die plausibelste Erklärung übrig bleibt: dass sie es als beleidigend und als Geringschätzung ihres eigenen Schaffens empfinden, wenn sie zu jemand anderem befragt werden ausser zu sich selbst. Auch das ist typisch wienerisch.

Jedenfalls erlebe ich Hader jetzt – und das hat mich, ich weiss nicht, warum, ein wenig überrascht – als wahnsinnig freundlichen, überaus zugewandten Menschen. Das kann die Folge einer über die Jahre bewährten Umgangsform mit Journalistinnen und Journalisten sein; Hader ist ein zu guter Schauspieler, als dass man das so genau identifizieren könnte. Auch beim Abhören des Interviews ist man überrascht von der gelösten Stimmung; er gibt einem mit der Art, wie er nachdenkt, noch bei der banalsten Frage das Gefühl, sie sei besonders intelligent gewesen und er höre sie nicht zum tausendsten Mal. Ich kann es nicht genau festmachen, aber ich hatte ihn nicht ganz so freundlich-gelassen in Erinnerung, irgendwo in meinem Hinterkopf, auch wenn ich keine spezielle Situation mehr memorieren kann. Irgendwas war irgendwann, als ich ihm als Nachrichtenmagazin-Kulturredaktorin mit einem läppischen Anliegen auf die Nerven gegangen bin, und vielleicht hat er da einmal abgewinkt. Aber halt. Tatsächlich habe ich, fällt mir plötzlich ein, Hader schon viel, viel früher als liebenswürdigen Menschen erlebt.

Das muss Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein. Meine Vorarlberger Eltern besuchten mich in Wien, was damals, bevor ich Kinder hatte, eine extrem nervenaufreibende Angelegenheit war, weil wir kein einziges Interesse teilten. Genau deswegen war man ja bei der allerersten Gelegenheit nach Wien geflohen, weil es dort Kunst und Kultur gab. (Hader ja auch, er floh nach seiner Internatszeit vom oberösterreichischen Bauernhof nach Wien und will nie wieder zurück aufs Land. Er will kein Landhaus, nein!) Aber es gab eine Sache, auf die konnten wir uns halbwegs einigen, und das war Kleinkunst. (Das Wort «Kleinkunst» stört Hader übrigens gar nicht. Das Wort «Kabarett» schon eher.) Ich ging also mit meinen Eltern in eine Vorstellung von Haders «Im Keller». Ich fand das Programm auch beim zweiten Mal grossartig, aber meine Eltern, die von Hader gehört hatten, hatten gröbere Probleme, den Mann da vorn auf der Bühne zu verstehen. Schon lustig, doch doch. Am nächsten Tag war ich mit meiner Mutter shoppen in der Mariahilfer Strasse, und dabei begegneten wir, Überraschung, Josef Hader. Und Hader, der berühmte Hader, den ich nur so ein bisschen kannte, über Freunde, von einmal mit dem Hoanzl gegen ihn wuzeln am Tschuttikasten im dunklen Hinterzimmer des alten «Espresso», blieb stehen. Er schüttelte mir die Hand, er schüttelte meiner Mutter die Hand, wir plauderten ein paar Sätze, die meine Mutter wohl nicht verstand, dann ging Hader nach einem herzlichen Gruss seines Wegs. Ich wandte mich zu meiner Mutter um, stark gerötet vom Stolz, von so einem berühmten Künstler auf der Strasse angesprochen zu werden. Meine Mutter sah mich an und fragte: «Wer war denn jetzt der nette Herr?»

Das ist Hader. Wenn man ihn auf der Strasse trifft, erkennt man ihn kaum, er wirkt durchschnittlich, er passt sich an. Abseits der Bühne trägt er gedeckte Kleidung und eine unauffällige Brille mit dünnem schwarzem Rand. Er ist immer zuvorkommend, pünktlich und höflich. Er antwortet auf Mails und ruft zurück. Er versucht spürbar, ein netter Zeitgenosse zu sein (er unterstützt auch grosszügig Hilfsorganisationen, die Caritas zum Beispiel), er gilt als einer, der sein Wort hält, und er ist nie arrogant. Er hätte sich die Zeit genommen, noch einmal mit dem Hoanzl und mir wuzeln zu gehen, wie damals vor 25 Jahren, aber leider wurde dann der Hoanzl krank.

Vielleicht liegt es daran, dass er der Beste ist. Dass er als Künstler auf seinen Gebieten wirklich so gut wie alles erreicht hat, jetzt auch mit seinem Film. Das gibt Sicherheit.

Letztes Mal sah ich Hader bei der Wien-Premiere seines Films im Gartenbaukino mit der riesigen Leinwand. Es war eine der liebevollsten Premieren, auf denen ich je war. Hader holte noch die kleinste Nebendarstellerin und den letzten Technikmitarbeiter auf die Bühne, umarmte jede und jeden und gab allen das Gefühl, Teil dieses Erfolges zu sein, Teil seines Teams. Pia Hierzegger küsste ihn vor dem Vorhang zart auf den Mund, das war auch schön.

Das war, zwei Tage bevor in Berlin die Bären vergeben wurden. Ich wünschte ihm alles Gute dafür, aber er wusste zu diesem Zeitpunkt wohl schon, dass er keinen Preis bekommen würde, er schrieb mir eine Mail: «Berlin nicht, aber Wuzeln ist fix :)»

Dass «Wilde Maus» bei den Berliner Bären leer ausging, war Hader übrigens erneut einerlei. Etwas anderes ist ihm viel wichtiger: Viele Leute sollen ins Kino gehen und seinen Film sehen, und das tun sie. Das für einen Erfolg entscheidende erste Wochenende nach Filmstart bescherte «Wilde Maus» in Österreich einen Zuschauerrekord: Mehr als 53 000 Leute sahen den Film in den ersten drei Tagen. Das ist der erfolgreichste Kinostart einer österreichischen Produktion seit 15 Jahren. 

Der Fotograf Markus Jans lebt in Berlin