Die Reifeprüfung

Der steinige Weg aus der kulinarischen Unmündigkeit führt unseren Nachwuchs vom Braten des Eis über die Zubereitung von Pasta zum Backen hübscher Guetzli.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°10 – 11. März 2017

Wenn unsere Kinder warmes von kaltem Essen unterscheiden können, haben wir nicht alles falsch gemacht. Denn das bedeutet, dass in unserer Küche der Herd in Betrieb ist, der Ofen oder die, mhm, Mikrowelle. Damit wäre der Beweis angetreten, dass die Kinder sich nicht ausschliesslich von Gummibären und Pringles Chips ernähren (sondern mindestens von Tiefkühlpizza und Fertigsuppen). Es sind also keine erzieherischen Notwehrmassnahmen nötig, wie zum Beispiel mit dem Haribo-Detektor das Kinderzimmer auseinanderzunehmen oder eine Mausefalle in der Pringles-Chips-Dose zu platzieren (nein! nicht wirklich; als Metapher!).

Vielleicht muss man die Frage aber ganz anders stellen, wenn man herausfinden will, ob und wie unsere kulinarische Erziehung gefruchtet hat: Was können unsere Kinder kochen, wenn sie allein zu Hause sind (oder mit Freunden in einem Airbnb-Apartment in, sagen wir, Venedig)?

Bedeutet unsere Abwesenheit automatisch, dass die Kinder eine (metaphorische) Haribo-Pringles-Orgie veranstalten, oder ist etwas hängen geblieben beim Versuch, das Decken eines Tisches, das Zubereiten einer Mahlzeit aus frischen Produkten, das gemeinsame Sitzen am Tisch und Geniessen eines Essens als kulturellen Wert weiterzugeben?

Oder, weniger pathetisch: Was können unsere halbwüchsigen Kinder eigentlich kochen? Und: Was sollten wir ihnen beigebracht haben (oder noch beibringen, bis sie die Lufthoheit über den Herd und den Backofen übernehmen)?

Ich finde, dass Rührei ein guter Anfang ist. (Wobei es auch eine schmerzhafte Erinnerung sein kann: Ich selbst briet – gerade von zu Hause ausgezogen und fest entschlossen, von heute auf morgen kochen zu können, selbstverständlich ohne jede Ausbildung – mein erstes Ei selbstbewusst und motiviert, Vollgas in der Pfanne: ohne Fett. Das Ergebnis war nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Es motivierte mich jedoch, mir selbstständig ein paar Grundkenntnisse anzueignen.)

Die Zubereitung des Eis macht die Kinder mit zwei wesentlichen Dingen vertraut: Erstens damit, dass der Herd wirklich heiss ist (und dass mehr Hitze einen schnellen, meistens zu schnellen Garungsprozess einleitet). Zweitens mit der steten Notwendigkeit, Fett zur Hand zu haben, Olivenöl, Bratbutter, Kokosfett. Wenn das erste Ei misslingt, gelingt vielleicht schon das zweite. Und wer ein Ei braten kann, ist mit den Grundlagen des Bratens bereits vertraut, wenigstens rudimentär; denn so viel anders funktioniert das Braten eines Steaks nun auch nicht.

Nächste Aufgabe: Pasta. Dafür braucht es eigentlich nur drei wesentliche Anweisungen: dass der Topf, in dem die Spaghetti garen sollen, ausreichend gross ist; dass die Zeitangabe auf der Spaghetti-Packung ernst gemeint ist (dass man also eher keine ganze Partie Minecraft spielen sollte, nachdem die Pasta ins kochende Wasser geworfen wurde); und wo das Buch von Marcella Hazan steht, in dem das Rezept für die beste Tomatensauce der Welt zu finden ist.

Mit der Fähigkeit, Pasta und eine Sauce zuzubereiten, bekommt nämlich auch die Kreativität unserer Kinder einen Impuls. Sollen sie doch ihre Spaghetti mit einer Gummibären-sauce essen. Beim nächsten Mal werden sie – hoffe ich – eine Carbonara bevorzugen oder sich an die Tagesaufgabe machen, eine ordentliche Bolognese zu kochen.

Dritte Aufgabe: Dessert. Bekanntlich ist der Backofen selbst vielen talentierten Hobbyköchen unheimlich, wenn darin nicht bloss die Teller gewärmt werden sollen. Es braucht also einen gewissen Anreiz, um junge Menschen zum Backen zu motivieren, und dieser Anreiz könnte «Cookie» heissen, hübsche, flache Guetzli, die zum Beispiel mit drei verschiedenen Schokoladen veredelt werden, mit weisser, heller und dunkler Schokolade (Rezept auf der Website).Gelingen garantiert, Eingreifen der Eltern verboten.

Danach, nach dem Erreichen von Stufe eins der kulinarischen Selbstständigkeit, beginnt die schwierigste Prüfung: das Putzen der Küche.