Von Oliver Diggelmann

Das Magazin N°10 – 11. März 2017

Die Beispiele erwiesen sich am Ende als Gegenbeispiele.

Biljana Plavšić, Biologieprofessorin in Sarajevo und später Vizepräsidentin der Republik Srpska, galt als Drahtzieherin, die sich ihrer Verantwortung mit Würde gestellt hatte. Sie war im Bosnienkrieg in «ethnische Säuberungen» involviert gewesen. Der Weltöffentlichkeit war sie nicht zuletzt wegen eines Fotos bekannt, auf dem sie einem berüchtigten serbischen Anführer, «Arkan», nach dem Bijeljina-Massaker einen Kuss auf die Wange drückte. Am Boden ein toter Muslim.  2002 sagte Plavšić vor dem Jugoslawientribunal, sie sei von blinder Angst getrieben gewesen. Diese sei immer mehr zur Obsession geworden. Sie übernehme die volle Verantwortung für die Verbrechen. Das Tribunal nannte Plavšićs Aussage einen «beispiellosen» Beitrag zur Wahrheit und liess den Anklagepunkt Genozid fallen. Sie erhielt elf Jahre. Als sie ein paar davon verbüsst hatte, erklärte Plavšić der Öffentlichkeit, sie habe sich nur wegen ihrer aussichtslosen Lage reuig gezeigt.

Ein anderes Beispiel: Albert Speer. Dieser hatte sich als Hitlers Rüstungsminister – was erst nach seinem Tod in vollem Umfang bekannt wurde – dafür eingesetzt, dass die Selektion in Auschwitz möglichst effizient erfolgte. Die Rädchen der Kriegswirtschaft sollten ineinandergreifen, der Rüstungsindustrie keine Arbeitskräfte verloren gehen. Als er in Nürnberg angeklagt wurde, distanzierte er sich von Hitler und seiner Nazivergangenheit. Speer nannte sein eigenes Schicksal in Anbetracht des Geschehenen «unwichtig». Er warnte, scheinbar in Sorge um die Menschheit, vor den Gefahren künftiger Kriege. Nebenbei behauptete er, was kaum mehr als ein vager Gedanke gewesen sein dürfte, er habe 1945 ein Gasattentat auf Hitler geplant. Speer hoffte, seine Rolle beim Massenmord würde nicht bekannt. Er gab sich demütig und hatte Glück. Zwei der vier Richter wollten eine Freiheitsstrafe, zwei votierten für «Tod durch den Strang». Einer liess sich milde stimmen, und Speer erhielt zwanzig Jahre. Während der Haft und auch später in Freiheit verstand er es, sich als Kulturmenschen darzustellen, den unglückliche Umstände in die Nähe des Bösen geführt hatten. Das Bild hielt sich über seinen Tod 1981 hinaus. Erst später kam die Wahrheit allmählich ans Licht.

Plavšić und Speer, die Gegenbilder zu cholerischen Tätern vom Schlag eines Slobodan Milošević, sind Symbole dafür, was mit nachdenklicher Miene und feinsinnigem Habitus vor Gericht möglich ist.

I. Rare Fälle echter Reue

Strafprozesse vor internationalen Straftribunalen, denken viele, müssten bei einem Teil der Angeklagten etwas auslösen. Folter, Massenerschiessungen, Massenvergewaltigungen. Die furchtbarsten Taten, zu denen Menschen fähig sind, werden hier verhandelt. Bei Tageslicht, in nüchterner Umgebung und jenseits allen Gewaltrauschs betrachtet, können sie nur die Hartgesottensten kaltlassen. Menschliche Reaktionen, hofft man, mögen den Anfang des Bewältigungsprozesses markieren. Auch in innerstaatlichen Strafprozessen gibt es schliesslich bei schweren Verbrechen hin und wieder spektakuläre Entschuldigungen. Auch die wichtigsten UNO-Organe, Generalversammlung und Sicherheitsrat, hoffen darauf. Die Tribunale sollen nicht einfach nur aburteilen, sondern «Frieden durch Recht» schaffen. Und versöhnen. Das Statut des 1994 geschaffenen Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda nennt denn auch explizit «nationale Versöhnung» unter seinen Zielen. Nötig ist dafür eine gewisse Verbindung zwischen Tätern und Opfern: auf Täterseite Reue oder Schuldbewusstsein, in hinreichender Menge, und bei den Opfern Versöhnungsbereitschaft. Vor allem einsichtige Drahtzieher wären offensichtlich von immensem praktischem und symbolischem Wert. Ihre Namen stehen für die Zeit der Verbrechen insgesamt, nicht nur für einzelne Taten.

In der Praxis solcher Tribunale ist echte Reue selten. Seit dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess nach dem Zweiten Weltkrieg standen gerade einmal zwei hochrangige Täter vor internationalen Strafgerichten, die alle Rechtfertigungen und Beschönigungen hinter sich liessen. Milan Babić, ursprünglich Zahnarzt, hatte in der «Serbischen Autonomen Region Krajina» während des Jugoslawienkriegs hohe Regierungsämter innegehabt. Bei den «ethnischen Säuberungen» – der Vertreibung von Nichtserben aus der Krajina, bei der es zu schwersten Verbrechen gekommen war – hatte er eine massgebliche Rolle gespielt. Er stellte sich dem Jugoslawientribunal freiwillig und erklärte, es fehle ihm die Sprache, um die Tiefe seiner Reue auszudrücken. Er fühle Scham und bitte um Vergebung. Babić wurde zu dreizehn Jahren verurteilt. Er erhängte sich kein Jahr später in einer Gefängniszelle.

Der Zweite war Dragan Obrenović. Dieser hatte als Kommandant einer Brigade bosnischer Serben Verbrechen an Tausenden muslimischen Zivilisten einschliesslich Frauen und Kindern nicht verhindert.Dies hätte teilweise in seiner Macht gestanden. Obrenović, der sich nicht freiwillig gestellt und zunächst für nicht schuldig erklärt hatte, veränderte sich unter dem Eindruck des Gerichtsverfahrens. Die Konfrontation mit der ungeschminkten Wahrheit erschütterte ihn. Diese zu benennen, falle ihm schwer, sagte er, und was er getan habe, sei allein die «persönliche Schuld eines Mannes mit dem Namen Dragan Obrenović». Er erhielt siebzehn Jahre.

II. Das Bild von den Kranken

Das normale Bild vor Gericht sind gleichgültige, beleidigte oder empörte Drahtzieher. Radovan Karadžić, der als Mitverantwortlicher für den Srebrenica-Völkermord in erster Instanz zu vierzig Jahren Haft verurteilt wurde, war im bisherigen Verfahren sehr oft ungehalten oder zornig. Er bestand darauf, ein «Mann des Friedens» und «Poet» zu sein, denn er hatte früher Gedichte geschrieben. Ratko Mladić, Befehlshaber der serbischen Truppen bei Srebrenica, provoziert im Gerichtssaal Opferangehörige. Einmal suchte er Blickkontakt zur Mutter eines Srebrenica-Opfers, und als diese ihm mit gekreuzten Händen signalisierte, sie wünsche ihm eine hohe Strafe, fuhr er mit der schmalen Seite seiner Handfläche über seine Kehle.

Théoneste Bagosora, einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord in Ruanda, sprach von den Gräueln stets als «Vorkommnissen». Sie berührten ihn nicht. Er machte keinen Hehl aus seinem Stolz, bereits 1963 an der Kampagne gegen die «Kakerlaken» – das Hutu-Schimpfwort für «Tutsi» – beteiligt gewesen zu sein.

Es hat sich wenig verändert: Vor dem Nürnberger Tribunal nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte mancher Hauptangeklagte regelmässig und demonstrativ seine Ungerührt- oder Indigniertheit. Rudolf Hess, Hitlers zeitweiliger Stellvertreter, fiel durch ausgedehnte Lektürephasen auf. Er tat, als ginge ihn der Prozess nichts an. Hermann Göring setzte in Sachen demonstrativer Gleichgültigkeit eigene Massstäbe. Einmal beschwerte er sich darüber, dass ihm der Film über die Konzentrationslager den schönen Nachmittag verdorben habe.

Wenn wir solches hören, reden wir rasch von Monstern, psychisch Kranken, Sadisten oder Tieren. Der Vergleich mit Tieren ist besonders unpassend. Diese können sich, anders als Menschen, keine Rechtfertigungen für Massaker an Angehörigen der eigenen Spezies ausdenken. Auch der auf den römischen Dichter Plautus zurückgehende und durch Thomas Hobbes popularisierte Satz, der Mensch sei  dem Menschen ein Wolf, lässt Letzteren ungerechtfertigt schlecht dastehen. Wölfe kennen, anders als Menschen, eine unüberwindbare Tötungshemmung gegenüber Artgenossen. Die Rede von Kranken oder Sadisten verstellt den Blick auf das Problem ebenfalls. Natürlich hat es solche unter den Tätern, wie es sie in jeder Gesellschaft gibt. Ein früherer Chefankläger des Jugoslawientribunals, Richard Goldstone, hat jedoch einmal geschätzt, dass im Jugoslawienkrieg 200 000 Personen in Verbrechen involviert waren. So viele Sadisten und Kranke kann es nicht geben.

Begangen werden die Verbrechen überwiegend von Menschen mit normaler Grundausstattung. Dazu gehören eine gewisse Aggressivität und Destruktivität, sicher, welche die meisten Menschen allerdings zu kanalisieren, zu unterdrücken oder in schöpferische Kräfte umzuwandeln verstehen. Manchmal scheitert das. Oft genug schon im normalen Leben. Und manchmal mit den fürchterlichsten Konsequenzen. Es ist diese durchschnittliche Anthropologie, die uns bei Verbrechen, wie sie vor internationalen Strafgerichten verhandelt werden, am meisten interessieren muss.

Das Beispiel Adolf Eichmann: Der Organisator des Massenmordes an den Juden war nicht in einem medizinischen Sinne krank. Er verfolgte ein persönliches Ziel, das viele Menschen teilen, berufliches Vorankommen. Und er handelte mit grosser Sorgfalt, einer Arbeitseinstellung, die viele für wünschenswert halten. Weitere Persönlichkeitszüge, die ebenfalls bei vielen zu finden sind und die man wohl Gedankenlosigkeit und rigide Konzentration auf das Eigene nennen kann, liessen sein berufliches Streben zu einem Motor eines der grössten Verbrechen der Geschichte werden. Anhaltspunkte dafür, dass er den Massenmord bereute, gibt es nicht. Bekannt ist dagegen, dass er dem Journalisten Willem Sassen 1957 sagte, er wäre erst dann befriedigt gewesen, wenn alle 10.3 Millionen Juden in Europa getötet worden wären.

III. Warum Bereuen so schwerfällt

Schwerste Verbrechen und kaum Schuldempfinden – wie ist das möglich? Die Täter wissen, dass sie Verbotenes tun. Die Verletzung der Gemeinschaftsnorm erreicht ihr Gefühlsleben aber nicht oder kaum. Aus der Erforschung der Gewaltuniversen von Jugendgangs etwa weiss man einiges darüber, wie fundamentale Gemeinschaftsnormen durch antisoziale Werte und Regeln einer In-Group verdrängt werden können.Sodass Letztere für das Gefühlsleben dominant werden. Auch Bandenkriege unter Rockergruppen finden unter derart veränderten gefühlsmässigen Vorzeichen statt. Das Tötungs- und Gewaltverbot wird durch Einsatz von «Neutralisierungstechniken» – Methoden zur Entkräftung der sozialen Gemeinschaftsregeln – emotional sozusagen ausser Kraft gesetzt.

Das Muster ist auf einer grundsätzlichen Ebene stets dasselbe: Man erinnert unablässig an die brutalen Verbrechen der anderen, für die man keinerlei Mitverantwortung trägt; man verneint deren Opfer und heroisiert und mythisiert die eigenen; man beginnt, den Gegner an sich zu verneinen, und wertet ihn durch Vergleiche mit Tieren ab. Stets ist die eigene Gemeinschaft höheren Werten verpflichtet, für deren Verteidigung Gewalt als umgänglich erscheint. Kritiker werden zu Verrätern und das Töten zur Verteidigungshandlung: gegen die Aggression der Kroaten, Tutsi, Juden.

Natürlich genügt es nicht, andere als «Kakerlaken» zu beschreiben. Die primitiven Elemente entfalten ihre Wirkung immer nur als Teile eines raffinierteren Ganzen.  Man muss die anderen über längere Zeit und mit allen Mitteln ab- und zugleich die eigene Gruppe und sich selbst aufwerten. Dies verändert die Werte und die Atmosphäre innerhalb der Gruppe – und mit der Zeit auch das eigene Empfinden.

Reue ist eine peinigende Mischung von Gefühlen der Schuld wegen dem, was man getan hat, und Scham darüber, wie man ist.

Warum aber leisten Menschen gegen solche  Beeinflussung keinen Widerstand? Woher die Verführbarkeit? Ihren letzten Grund hat sie wohl im Wunsch, dem Normalmass in der eigenen geistigen Welt und, soweit möglich, auch in der Realität zu entkommen: als Mitglied einer Jugendgang oder Rockerbande oder der auserwählten Ethnie oder Nation, der der ihr zustehende Platz verwehrt wird. Die Wut der Drahtzieher gilt der sich ankündigenden Rückkehr des Normalmasses, dem man sich glanzvoll entkommen wähnte.

Aus einem weiteren Grund sollte man nicht zu sehr auf Einsicht und Reue setzen. Reue ist, trotz Dauerpräsenz des Wortes im Alltag, etwas Seltenes. Sie ist heftig. Eine peinigende Mischung von Gefühlen der Schuld wegen dem, was man getan hat, und Scham darüber, wie man ist. Sie kommt auf, wenn Menschen ihre Verantwortung für ernsthafte Verletzungen anderer akzeptieren. Die Gefühle sind schmerzhaft und zwingen zur Korrektur des Selbstbildes, was Menschen im Regelfall zu vermeiden versuchen. Wer die Karriere des begabten und attraktiven Kollegen aus Neid verhindert, redet sich mit grosser Wahrscheinlichkeit ein, die Qualität des anderen habe nicht ausgereicht, wenn der seiner Bitterkeit nicht entkommt und sich am Ende gar das Leben nimmt. Wer seinen Kindern wegen eines verpassten eigenen Lebens mit Härte und Moral die Lust auf Abenteuer und Grenzüberschreitung raubt, der wird viele gute Gründe finden, wenn diese an ihrer Ängstlichkeit scheitern. Und wer sich zur Unterhaltung in Liebesbeziehungen drängelt, wird sich eher an der Vorstellung eigener Unwiderstehlichkeit wärmen und die fremde Liebe schlechtreden, als über die von der Trennung betroffenen Kinder nachzudenken.

Reue wegen schwerer Schädigungen anderer ist empirisch die Ausnahme. Das hat seinen Grund. Die Korrektur des Selbstbildes ist ein Kraftakt, der nicht steuerbar ist. Er kommt spontan aus dem Innern und macht das Weiterleben oft schwieriger. Er lässt Grössen- und Integritätsillusionen einstürzen und drängt zur Verhaltensänderung. Das Gefühlsleben sträubt sich schon im normalen Leben heftig gegen Einsichten wie: Ich bin einer, dem das Scheitern anderer Wonne beschert. Eine Mutter, die ihre Töchter für eigene Frustration büssen lässt. Solche Eingeständnisse erschweren es zu sehr, mit sich ins Reine zu kommen. Wie unwahrscheinlich ist dann erst Reue bei schwersten Verbrechen?

Milan Babić besass die Persönlichkeit und die gefühlsmässige Tiefe, um die Rechtfertigungen und Beschönigungen beiseitezuschieben. Das neue Selbstbild aber war so quälend, dass die Kraft für ein Weiterleben nicht ausreichte.

IV. Hoffen – wider besseres Wissen?

Dennoch hoffen wir auf Reue, wenn es um internationale Straftribunale geht. Wir können nicht anders. Auch wenn wir es besser wissen, ist da doch Hoffnung, es möge mit dem Einzelnen etwas geschehen und seine Menschlichkeit auferstehen. Die Verbrechen, zu denen die menschliche Grundausstattung auch Normale unter ungünstigen Umständen befähigt und die hier abgeurteilt werden, sind zu böse, als dass wir sie einfach hinnehmen können. Das Sichabfinden mit der Wirklichkeit stösst hier an eine Grenze. Wir versuchen, der Leere zu entkommen, die sich breitmacht, sobald wir nur noch Realisten sind. Wenn wir für andere hoffen, tun wir es ein wenig für den Menschen an sich.

Für Christen, Juden und Muslime mag zudem die alttestamentarische Idee des Jüngsten Gerichts eine Rolle spielen. In gewisser Weise sind internationale Straftribunale säkulare letzte Instanzen. Sie verkörpern, bei allen Mängeln, die Idee einer unverhandelbaren letzten Weltgerechtigkeit. Die Idee des Jüngsten Gerichts ist die einer schrecklichen Alternative: erlöst oder in die Hölle verbannt zu werden. Der Gläubige darf hoffen, während der Ungläubige für immer leiden wird. Der Weg führt ins Licht oder ins ewig Dunkle, und dazwischen ist nichts.

Hoffen wir, vielleicht auch nur unbewusst, dass niemand für immer verloren ist? Falls dies zutrifft, könnte man sagen, dass die utopische Hoffnung auf Reue einer der nobelsten menschlichen Eigenschaften entspringt: der Fähigkeit, uns in andere einzufühlen, selbst wenn die Vernunft starke Gründe liefert, dies nicht zu tun.

Bild: Jake and Dinos Chapman, Detail aus «The sum of all evil», 2012-2013, Courtesy White Cube, Foto: Todd-White Art Photography/© 2017, ProLitteris, Zurich