Von Paula Scheidt

Das Magazin N°10 – 11. März 2017

Es ist ein Jahr her, dass ein Freund anfing, mir von seinen Zweifeln zu erzählen, dass das World Trade Center wegen des Crashs der zwei Flugzeuge  eingestürzt sei. Er habe viel gelesen und halte das nicht mehr für plausibel. Es war Freitagabend, wir standen dicht gedrängt in einer dunklen Wohnung, tranken Bier, das Privatkonzert war zu Ende, und ich wunderte mich, was er da redete. Tausende Architekten und Ingenieure hätten die Trümmer analysiert, das Videomaterial ausgewertet, chemische Reaktionen berechnet. Für den vollständigen Einsturz der Zwillingstürme hätten die Experten nur eine logische Erklärung: kontrollierte Sprengung.

«Und wer soll das gewesen sein?», fragte ich.

«Das weiss man nicht. Das beste Motiv hatte die US-Regierung», antwortete er.

Der 11. September 2001 habe das Bild des fanatischen Muslims in den Köpfen verankert. Die beste Voraussetzung, um ungehindert in den «Krieg gegen den Terror» zu ziehen.

Ich trank einen Schluck und überlegte, ob er den Verstand verloren hatte.

Er sprach jetzt über geschmolzene Stahlträger, über Sprengstoffrückstände, Einsturzwinkel, souverän, als hielte er ein Physikseminar. Ich hätte gern etwas erwidert, aber mir fehlten die Argumente. Weder habe ich eine Ahnung von den Materialeigenschaften von Eisen noch von der Statik von Hochhäusern. Also nuschelte ich etwas von «sehr unwahrscheinlich» und «neues Bier holen». Dann drehte ich mich weg. Nach diesem Abend sahen wir uns lange nicht mehr, ich ging ihm aus dem Weg.

Auf Facebook begann ich kurze Zeit später, über die Buchtipps, Artikelhinweise und Kommentare einer Journalistin zu staunen, die ich zwar nicht persönlich kenne, mit der mich aber 25 gemeinsame Bekannte verbinden, darunter viele Berufskollegen. Sie verweist auf Titel wie «Warum wir den Medien nicht mehr trauen können» und «Meinungsmacht – der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten». Folge ich ihren Empfehlungen, dann lese ich, dass alle amerikanischen Journalisten mit der CIA kooperieren und wichtige Informationen über den Syrienkrieg zurückhalten. Ich erfahre, dass die Schweizer Medienhäuser in einem «Transatlantik-Netz» gefangen sind und Propaganda-Anweisungen vom Sicherheitsrat des US-Präsidenten entgegennehmen. Ich höre, das Onlinelexikon Wikipedia sei von einem mysteriösen Geheimbund gekapert worden, mit dem Ziel, eine globale Gesinnungsdiktatur zu errichten. Manchmal schreibt jemand etwas darunter wie «Komm mal wieder runter von deinem Trip» oder «Kürzlich habe ich das Profil einer lieben, intelligenten Person gelöscht, hoffentlich muss ich das bei dir nicht auch bald tun». Aber meistens erntet die Journalistin Zustimmung, in den Kommentaren werden weiterführende Links ausgetauscht.

Wirklich alarmiert war ich vergangenen Herbst. Ich sass in einem Café auf Bali und schrieb E-Mails, als ein schwedischer Ingenieur, mit dem ich mich kurz zuvor angefreundet hatte, an meinen Tisch trat.

«Da braut sich etwas Grosses zusammen», raunte er.

«Was denn?», fragte ich, immer an exklusiven Informationen interessiert.

«Ich schicke dir den Link. Könnte eine spannende Story sein», sagte er und ging.

Ich öffnete das Video, und ein junger Amerikaner begann zu erklären: Im Keller der Pizzeria Comet Ping Pong in Washington D.C. werden Kinder systematisch gequält und vergewaltigt. Das Restaurant ist beliebt bei einflussreichen Politikern, sein Logo, eine dreieckige Spirale, dient als geheimes Erkennungssymbol für Pädophile. Die Fäden zieht Hillary Clinton persönlich. Deswegen hat 2007 ihr Wahlkampfmanager John Podesta eigenhändig die sechsjährige Madeleine McCann aus ihrem Hotelbett in Portugal entführt, Stichwort Pizzagate.

Ich dachte immer, wir sind uns einig, dass es einen Unterschied zwischen Tatsachen und Meinungen gibt. Offensichtlich lag ich falsch.

Hahaha, so ein Quatsch! Spannender Plot, unerwartete Wendungen – wenns ein Hollywoodfilm wäre, geradezu oscarverdächtig. Ich lachte, aber es war nicht lustig: Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres trug jemand ein abstruses Hirngespinst an mich heran. Wieso glaubten meine Bekannten so etwas? Ich dachte immer, wir sind uns einig, dass es einen Unterschied zwischen Tatsachen und Meinungen gibt. Dass belegbare Fakten das Fundament bilden und die Auseinandersetzung sich an der Frage entzündet, was aus diesen Fakten folgt. Offenbar lag ich falsch. Offenbar gibt es Menschen, auch solche, die ich gut kenne, die auf belegbare Fakten nichts mehr geben. Sie sehen die Welt völlig anders. Nicht so, als trügen sie etwas dunklere Brillengläser. Oder als richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Ausschnitt. Sondern so, als hingen sie kopfüber. In letzter Zeit haben sogar Presse und Fernsehen darüber berichtet, in dieser Geschichte soll es aber um meinen Bekanntenkreis gehen.

Wie sollen wir ohne Fundament miteinander diskutieren? Wie ohne vernünftige Diskussionen zusammenleben? Ab jetzt würde ich mich nicht mehr einfach wegdrehen.

Ich verabrede mich mit meinem 9/11-Freund. Er schenkt mir in seiner Küche ein Glas Rotwein ein und entschuldigt sich, falls er damals auf der Party mit seinen Theorien zu aufdringlich gewesen sei.

«Glaubst du immer noch an eine Sprengung?», frage ich, während er Pilze hackt.

«Absolut», sagt er.

Ob ich mir den Link angeschaut habe, den er mir nach dem Abend noch geschickt habe? «Ähm, nein», sage ich und fühle mich, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Sein Vater und sein Bruder, beide diplomierte Bauingenieure, hätten die Präsentation inzwischen gesehen, erzählt er, beide fänden die Argumente überzeugend.

Er stellt zwei Teller auf den Tisch und sagt, die Medien würden eine Dichotomie zwischen Gut und Böse aufzeigen, die so nicht existiere. «Wer die Sprengung geplant hat, finde ich unwichtig. Entscheidend ist, dass ich belogen worden bin. Das hat für mich alles verändert.» Inzwischen liest er kaum noch Nachrichten.

Es sei irreführend von den Journalisten, so zu tun, als ob man immer alles wisse. Dafür sei beispielsweise der Krieg in Syrien zu kompliziert.

Wir essen Risotto, und am Ende des Abends muss ich zugeben: Es gibt keinen Grund, ihn nicht ernst zu nehmen.

«Schau dir einfach den Film an!», sagt er zum Abschied.

Er hat recht, das bin ich ihm schuldig. Der Film dauert eine Stunde und wurde produziert von den «Architects and Engineers for 9/11 Truth», stelle ich am nächsten Tag auf dem Sofa sitzend fest, den Laptop auf dem Schoss. Die Argumentation: Ein abbrennendes Gebäude wählt grundsätzlich den Weg des geringsten Widerstands und kippt zur Seite, anstatt wie die Zwillingstürme auf ihrem Grundriss in sich zusammenzusacken; ein Bürobrand kann niemals heiss genug werden, um Stahl zu schmelzen, dafür sei Sprengstoff nötig; das dritte Gebäude, World Trade Center 7, ist komplett eingestürzt, obwohl es von keinem Flugzeug getroffen wurde.

Vieles klingt plausibel. Ob es stimmt? Keine Ahnung.

Die Situation ist ja die: Das Leben ist so kompliziert – man könnte auch sagen: so gut erforscht –, dass ich die meisten Phänomene nur ansatzweise verstehe. Wird es morgen regnen? Wie funktioniert das iPhone? Warum schmerzt mein Rücken? Alles Fragen, die ich nicht allein beantworten kann. Immer bin ich angewiesen auf Experten. Und von denen wimmelt es in  dem Film. Sie besitzen alle Accessoires der Glaubwürdigkeit: jahrzehntelange Berufserfahrung, eloquente Ausdrucksweise, Professorentitel.

Ein Fenster in eine andere Welt tut sich mir auf. Ein Video führt zum anderen, eine Webseite zur nächsten. Ich sehe immer neues Filmmaterial und höre die Berichte unzähliger Experten und Augenzeugen. Die erlernten Stichwörter google ich. Wenn ich «WTC 7» eingebe, vertreten die Hälfte der Websites, die mir angezeigt werden, die Theorie einer Sprengung. Das Internet entpuppt sich als Labyrinth von Argumenten und Beweisführungen mit immer neuen Verästelungen. Nachdem ich ein paar Stunden darin herumgeirrt bin, fühle ich mich umgeben von Menschen, die wie mein 9/11-Freund denken.

Auch in der Schweiz, erfahre ich, leben prominente 9/11-Zweifler: Alec von Graffenried, Stadtpräsident von Bern, fordert eine neue Untersuchung genau wie der Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker und sogar mein früherer Politikprofessor an der Universität Zürich, Albert Stahel.

Was also, nur mal theoretisch, wenn sie richtigliegen? Schon manch andere Ungeheuerlichkeiten haben sich als wahr erwiesen: folternde US-Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib; der amerikanische Geheimdienst NSA, der über Handys und Computerkameras Personen auf der ganzen Welt ausspioniert.

Nach ein paar Tagen, in denen ich hin- und hergerissen bin, in denen ich ständig über meine Recherchen spreche, in denen ich dem 9/11-Freund schreibe, ich würde ihn nun verstehen, komme ich wieder zur Vernunft. Alles, worauf ich vertraue, spricht dafür, dass die Ereignisse sich so zutrugen, wie ich immer angenommen habe: als Terroranschlag der al-Qaida. Ich gehe davon aus, dass ein derartiges Komplott aufgeflogen wäre. Ich traue einer demokratisch gewählten Regierung einen so bestialischen Plan nicht zu. Die Mehrheit meiner klugen Freunde hält die offizielle Version für plausibel.

Beweisen kann ich es natürlich nicht. Dafür habe ich einfach zu wenig Ahnung. Und selbst wenn ich es könnte – es würde mir nicht dabei helfen, andere zu überzeugen. Studien haben gezeigt: Jemand, der an eine Verschwörungstheorie glaubt und mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert wird, glaubt danach noch stärker an diese Theorie. «Diskutieren bringt nichts», schlussfolgert der Tübinger Amerikanistik-Professor Michael Butter. Unbefriedigend, wie er selbst weiss, aber  einen Tipp hat er nicht parat.

Es muss einen Weg geben, meine Freunde und Bekannte zurück in die Realität zu holen. Nur welchen?

Meine Freundin hat auf einem Fest mal einen Arzt aus Genf kennen gelernt, der glaubt, die Mondlandung sei im Studio gefälscht worden. Seine Partnerin hatte gebeten, das Thema während des Fests nicht anzuschneiden, um die Stimmung nicht zu vermiesen. Wer mit jemandem zusammenlebt, der solchen Schwachsinn glaubt, müsste mir  doch helfen können. Ich lasse mir ihre Nummer geben und rufe sie an.

Sie wartet am Flughafen von Singapur auf ihren Flieger nach Hanoi, als ich sie erreiche. Eine Reise, auf die sie sich sehr gefreut hat, wie sie mir erzählt, weil sie lange darauf verzichten musste. Vergangenen Sommer hat sie sich von ihrem Freund getrennt – im Wissen, dass sie wohl nie wieder einen so feinfühligen und aufmerksamen Mann finden würde.

Die Mondlandung war nebensächlich, höre ich. «Angefangen hat es 2015 mit einem Artikel auf ‹Spiegel Online› über einen 7-Phasen-Plan der al-Qaida», erzählt sie, da waren sie schon drei Jahre ein Paar. Sie selbst hat den Bericht nicht gelesen, in dem ein Jordanier warnt, Terroristen wollten Europa in ein muslimisches Kalifat verwandeln. Ihr Exfreund habe sich zu fürchten begonnen und noch mehr gelesen. Irgendwann wollte er nicht mehr nach London oder Berlin reisen, schon Badeferien in Kroatien schienen ihm zu gefährlich. Er beantragte die schwedische Staatsbürgerschaft – erfolglos – und träumte von einem eigenen Bunker.

«Er hat Medizin studiert und ist sehr intelligent», sagt sie, «es hat sicher nichts damit zu tun, dass er etwas nicht verstanden hat.» Der Punkt sei, dass sie ihm seine Sorgen nicht habe ausreden können, weil er immer wieder bestätigt wurde, durch die Anschläge in Paris und Nizza, die Attacken in Ansbach und Würzburg. Jedes Mal war er sicher: Jetzt gehts los. «Meine Idee war, Verständnis zu haben. Ich habe ihn ganz fest ernst genommen», sagt sie. Sie fragte ihn, wie er sich sein Leben im Bunker vorstelle. Sie erklärte, selbst wenn Terroristen Genf bombardierten, würde sie in ihrer Wohnung bleiben. Das sei ihre Heimat, hier lebten ihre Freunde. «Was auch geholfen hat: kein Internet. Einmal sind wir eine Woche durch Holland gereist, ohne Computer, ohne Smartphone, das hat ihm sehr gut getan.» Aber zurück aus den Ferien, habe er wieder jeden Abend das iPad mit ins Bett genommen. Sie schlug eine Paarberatung vor, er lehnte ab. Nach einem einjährigen Kampf gegen das angebliche Kalifat und als selbst Genf ihm zu riskant wurde, gab sie auf.

Das klingt nicht sehr ermutigend, aber ich halte fest: 1. Ängste ernst nehmen, 2. weniger Internet. Beide Tipps würde ich beherzigen, und zwar beim Tee mit der CIA-Journalistin.

Ihr Missionierungsdrang scheint stark. Schon bevor wir uns treffen, hat sie mir mehr als fünfzig Links geschickt: Bücher von Udo Ulfkotte, Videobotschaften von Ken Jebsen, Vorträge von Daniele Ganser, der die offizielle Version von 9/11 anzweifelt und das Buch «Nato-Geheimarmeen in Europa» geschrieben hat. Vor zwei Wochen wurde er in der SRF-Sendung  «Arena» als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, was ihn und auch viele Zuschauer empörte. Diesmal verzichte ich auf ausführliches Lesen. Wohin das führt, weiss ich bereits.

Das Epizentrum des Bösen bilden im Weltbild der Journalistin die sechzehn Geheimdienste der USA. «Wann hat Terrorbekämpfung je zum Ziel geführt?», fragt sie rhetorisch. «Es geht nie um Menschenleben, sondern immer um Macht und Geld und Öl.»

Die USA hätten zusammen mit der Waffenlobby nicht nur den Bürgerkrieg in Jugoslawien und den Ukrainekonflikt angezettelt, sondern die Destabilisierung des Nahen Ostens zu verantworten. In Syrien sei der Grund die geplante Pipeline von Kuwait nach Europa gewesen, die Assads Freund Putin nicht haben wollte, der Westen aber schon. Immerhin: Beim Irakkrieg sei die Lüge von den angeblichen Massenvernichtungswaffen aufgeflogen.

«Die Geheimdienste der USA tun sicher viel Unmoralisches», wende ich ein, «aber die anderen sind nicht besser, der chinesische, der iranische, der russische Geheimdienst.» Ein schwaches Argument, zugegeben. Ausserdem bin ich schon wieder in der inhaltlichen Diskussion, das wollte ich doch vermeiden und stattdessen Verständnis für ihre Angst aufbringen. Aber ich muss feststellen, dass sie gar keine Angst hat. Sondern Wut. Und zwar auf alle, die sich vom Nato-Narrativ manipulieren lassen, so wie ich und auch ihr Mann, mit dem sie deshalb gerade eine Ehekrise durchlitten hat.

«Wenn Daniele Ganser selbst seine Theorien verwerfen würde, würdest du es dann ebenfalls tun?», frage ich mit letzter Hoffnung.

Seit vier Monaten beschäftigt sie sich mit den sogenannten alternativen Fakten, erzählt sie. Der Einstieg war ein Vortrag von Daniele Ganser. Mit ihrem Mann spricht sie nicht mehr über Politik. Auch mit vielen Freunden nicht, ihre Haltung sei zu stigmatisiert, sofort werde sie als Verschwörungstheoretikerin beschimpft. Gleichgesinnte findet sie im Netz. Etwa zwei Stunden täglich informiert sie sich digital. Soll ich ihr wirklich vom Internet abraten? Sie ist deutlich älter als ich, hat Jus studiert, liest viele Bücher und hat sogar selbst welche geschrieben. Ich würde mich lächerlich machen.

«Wenn Ganser selbst seine Theorien verwerfen würde, würdest du es ebenfalls tun?», frage ich mit letzter Hoffnung.

«Nein, das würde nichts ändern. Ich brauche keinen Guru. Ich schaue mir die Informationen selbst an und überlege, was plausibel ist. Dazu würde ich auch alle anderen ermutigen.»

Ich bin sprachlos. Wenn nicht einmal der Zauberer höchstpersönlich den Flaschengeist wieder einfangen kann, wie soll ich es dann schaffen?

Das Einzige, was mir noch einfällt, ist: Geduld haben. Vielleicht wächst das Problem sich aus, wenn man lang genug wartet. Ich scrolle durch die Facebook-Timeline meines Pizzagate-Bekannten. Er hatte vier Monate Zeit, seinen Irrtum zu erkennen. Inzwischen wurde ein Mann aus North Carolina verhaftet, weil er mit einem Sturmfeuergewehr die Pizzeria in Washington stürmte, in der falschen Annahme, eingesperrte Kinder befreien zu müssen. Der Politikberater Michael Flynn Junior wurde aus dem Übergangsteam des US-Präsidenten entfernt, weil seine irrigen Pizzagate-Tweets selbst für Donald Trump nicht mehr tragbar waren. Ich würde sagen, die Voraussetzungen waren gut, um zur Vernunft zu kommen. Und tatsächlich: Die Einträge meines Bekannten über den angeblichen Pädophilenring um Hillary Clinton sind nicht mehr auffindbar. Hat er seinen Irrtum erkannt? Ist eine Läuterung möglich?

Ich schreibe ihm eine Nachricht: «Glaubst du noch an Pizzagate?»

Er lebt auf Bali in einer völlig anderen Zeitzone, aber die Antwort kommt sofort: «Wikipedia behauptet, die Geschichte sei als Fälschung entlarvt worden, aber meiner Meinung nach ist das eine inkorrekte Aussage. So umfangreich, wie die Geschichte war, sind dafür mehr Beweise nötig.»

«Warum hast du den Eintrag dann gelöscht?», frage ich.

«Ein politischer Standpunkt ist wie ein Penis», philosophiert er. «Es ist in Ordnung, ihn zu haben, aber versuche nicht, ihn anderen Menschen in den Hals zu pressen, und poste ihn nicht auf Facebook.» Tatsächlich sehe ich in seiner Timeline nur noch exotische Fruchtsäfte, Selfies und Sonnenuntergänge.

Mein Einwand, bei Pizzagate gehe es nicht um einen Standpunkt, sondern um angebliche Fakten, kommt mir inzwischen selbst spitzfindig vor.

Sein Leben auf Bali finanziert mein Bekannter mit Internetwetten, und da er durchaus hohe Summen setzt (der Wahlsieg Trumps kostete ihn 10 000 US-Dollar), müsste ihm an einer klaren Sicht auf die Tatsachen eigentlich gelegen sein.

«Worauf wettest du gerade?», frage ich.

«Das ist jetzt vertraulich: ‹Hillary Clinton wird 2017 angeklagt›», schreibt er zurück. «Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 10 Prozent.»

«Sagt wer?»

«Sagen die Prognosen des Wettbüros. Es sind die besten Vorhersagen der Zukunft. Gäbe es bessere, könnte man damit Geld verdienen.»

Mir wird schwindelig. Sein Weltbild konstruiert sich also aus Vorahnungen, die anonyme Zocker im Internet verbreiten. Gern hätte er auf den Tod von Wikileaks-Gründer Julian Assange gewettet, schreibt er. Aber Wetten auf den Tod von Personen seien aus ethischen Gründen nicht erlaubt – zu seinem Glück, denn kurz darauf beweist Assange selbst für meinen Pizzagate-Bekannten überzeugend, dass er noch am Leben ist.

Ich dachte immer, Realitätsverlust sei das Schicksal der Überforderten. Derjenigen, die in eine Parallelwelt abdriften, weil die wirkliche Welt ihnen zu kompliziert geworden ist. Aber das Gegenteil scheint der Fall: Offenbar sind vor allem jene empfänglich für Verschwörungstheorien, die ihre eigene Urteilsfähigkeit überschätzen. Die meinen, sie könnten eigenständig jede Frage beantworten und alle Zusammenhänge erschliessen.

Warum ist das World Trade Center senkrecht eingestürzt?

Das war Zufall.

Warum ähnelt das Logo der Pizzeria Comet Ping Pong in Washington D.C. entfernt einem angeblichen Erkennungssymbol für Pädophile?

Zufall.

Dieses Argument habe ich in der ganzen Diskussion nie gehört. Dabei ist der Zufall ein mächtiger Erklärungsfaktor. Sein Problem: Er ist fast nicht als solcher zu erkennen. Unser Gehirn funktioniert, indem es überall nach Mustern sucht. Es stellt eine Kausalität her, wo nur eine Koinzidenz vorliegt. Und es ortet Absichten, wo keine sind. Systematische Denkfehler – das habe ich schon im Psychologiestudium gelernt – machen fast alle Menschen. Aber nicht alle verfallen abstrusen Wahnvorstellungen. Sind der 9/11-Freund, die CIA-Journalistin, der Pizzagate-Bekannte vielleicht schizophren? Soll ich ihnen einen Psychiater empfehlen und warten, bis die Medikamente wirken? Klingt nach einer guten Lösung. Aber die ehrliche Antwort ist: Nein, ich kann nichts Auffälliges an ihnen feststellen. Sie sind so gesund wie ich.

Ich lese mich durch neuropsychologische Fachzeitschriften. Und ich begreife: Es könnten ihre besten Charakterzüge sein, die in die Irre führen. «Die Fähigkeit zu divergentem Denken ist eine Komponente der Kreativität», schreibt der Zürcher Neuropsychologie-Professor Peter Brugger. «Sie erlaubt, über konventionell gültige Kategoriengrenzen hinweg zu assoziieren.» Einfach gesagt: Kreative können sich Dinge vorstellen, auf die andere gar nicht kommen. Wer zudem sehr empathisch ist, vermag sich in die merkwürdigsten Motive hineinzuversetzen. Alles Weitere hängt von der Neugierde ab – Gleichgültige geben sich zufrieden, Wissbegierige wollen mehr.

Nachdem ich an der Tür die Schuhe ausgezogen habe, führt mein früherer Politikprofessor Albert Stahel mich in sein privates Arbeitszimmer im ersten Stock. Es ist zehn Jahre her, dass ich in seinem Kolloquium «Konflikte der Gegenwart» an der Uni Zürich einen Vortrag gehalten habe. Heute ist Albert Stahel emeritiert, und ich bin keine Studentin mehr. Aber zwischen Bücherwänden, afrikanischen Masken und Miniaturkanonen und nachdem er mir kurz Barack Obamas geostrategische Bilanz zusammengefasst hat, bin ich so ehrfürchtig wie damals. Auch er: zu 100 Prozent zurechnungsfähig.

«Warum zweifeln Sie an der offiziellen Version von 9/11?» frage ich.

«Ich zweifle am Abschlussbericht des National Institute of Standards and Technology», sagt er. «Die Planung des Attentats ist schlecht beschrieben.» Er geht zur Bücherwand, irgendwo hat er den Bericht abgelegt. Stahel dürfte über zwanzigmal in Afghanistan gewesen sein, hat mit eigenen Augen Osama Bin Ladens Haus gesehen und kann sich einfach nicht vorstellen, dass der von dieser ländlichen Gegend aus ohne moderne Kommunikationstechnologie nur mithilfe handgeschriebener Zettel ganz allein einen so komplizierten Terroranschlag planen konnte.

Ich merke, er ist es gewohnt, an der offiziellen Darstellung von Konflikten zu zweifeln. Kein Wunder, es war lange sein Job. Als die Nato 1999 mit einem Luftkrieg Milošević zum Rückzug aus dem Kosovo zwang, kritisierte er das saubere Image der UÇK-Kämpfer – zu Recht, auch diese führten ethnische Säuberungen durch, wie man heute weiss. Als der frühere US-Aussenminister Colin Powell 2003 behauptete, Saddam Hussein besitze bakteriologische Kampfstoffe, widersprach er öffentlich – wieder gab die Geschichte ihm recht. Bei 9/11 war es anders. Kaum standen seine Zweifel in den Medien, verlor er seinen Posten als stellvertretender Chefredaktor der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift», Freunde kehrten sich von ihm ab. «Es hatte etwas von einer Hexenjagd», sagt er heute. Vielleicht ist diese Erfahrung der Grund dafür, dass er noch immer Zweifel hegt.

Viele Menschen lassen sich von ihren Spinnereien dadurch abbringen, dass andere die Augen verdrehen oder sie als Verschwörungstheoretiker beschimpfen. Sie fürchten die soziale Ächtung. Nicht mein Professor.

«Kann es sein, dass Sie sich da in etwas reingesteigert haben?», frage ich.

«Ich steigere mich nie in etwas rein», sagt er.

Mir fällt ein, was die CIA-Journalistin gesagt hat: «Viele Menschen haben es gern, wenn sie gleicher Meinung sind wie die Gruppe. Mir ist das nicht wichtig.» Wer wie Stahel und die CIA-Journalistin gewöhnt ist, eigenständig zu denken und oft recht zu haben, ändert seine Auffassung nicht, nur weil andere eine andere haben. Heftiger Widerspruch festigt sogar die eigene Position.

Was für meinen früheren Professor sein enzyklopädisches Wissen und seine Bücherwände sind, ist für viele andere das Internet. Es bedient den confirmation bias: Informationen, die den eigenen Glauben bestätigen, nimmt das Gehirn stärker wahr; Informationen, die ihn widerlegen, blendet es aus. Und die anarchische digitale Welt bietet alles: Kommt man auf die Idee, die Popsängerin Miley Cyrus sei in Wahrheit eine reptilienartige, als Mensch getarnte Ausserirdische, die nur über gelegentliches irres Augenzucken ihre wahre Identität verrät, findet man Beweisvideos und weiterführende Informationen auf über 9000 Internetseiten. Fragt man sich, ob die Erde vielleicht doch flach ist, findet man 13 Millionen Websites, die das bejahen und erklären. Egal was, der Beweis ist nur einen Klick entfernt.

Die gute Nachricht: Meine Freunde und Bekannten sind nicht verrückt. Sie machen Denkfehler und verlieren sich in der Grenzenlosigkeit ihrer Fantasie und des Internets. Die alarmierende: Es kann ziemlich viele treffen. Und: Ich kenne keine Medizin.

Als ich einige Tage später mit dem 9/11-Freund an der Bar sitze und ihm von dieser Erkenntnis erzähle, steckt dahinter keine Strategie mehr. Ich habe aufgegeben, ihn zu bekehren. Ihm geht es gleich, auch er hat akzeptiert, dass er mich nicht überzeugen kann. «Es macht nichts, wenn wir nicht dieselbe Vorstellung davon haben, was passiert ist», sagt er. Ein bisschen klingt es, als wolle er mich trösten.