Der grosse Radikale

Eine Kolumne von Hans Ulrich Obrist

Das Magazin N°11 – 15. März 2017

Fünf Jahre lang bin ich Gustav Metzger hinterhergerannt, bis er endlich, zwanzig Jahre ist das her, vor mir stand. 1991 war ich zum ersten Mal in Grossbritannien, um eine Reihe von Vorträgen zu halten. Ich hatte zu jenem Zeitpunkt in meinem Leben noch keinen einzigen Vortrag gehalten. Gegen die Nervosität gaben mir Peter Fischli und David Weiss ihr Video «Der Lauf der Dinge» mit und sagten, wenn mir nichts mehr einfalle, solle ich es einfach einlegen, dann könne sich das Publikum ja das ansehen.

In Glasgow erzählte mir Douglas Gordon von einem Künstler, den er mehr bewundere als alle anderen: Gustav Metzger. Ich hörte, 23-jährig, damals erstmals von dessen autodestruktiver Kunst – Werke, die sich selbst zerstören. Ich war elektrisiert, aber meine Versuche, mit Metzger Kontakt aufzunehmen, liefen ins Leere. Ich schrieb Briefe über Briefe, fragte bei befreundeten Künstlern nach, doch Metzger war wieder einmal abgetaucht. Telefon hatte er sowieso nicht.

1996 kuratierte ich in London «Take Me (I-’m Yours)», eine meiner ersten grossen Museumsausstellungen an der Serpentine Gallery. Es war der Abend nach der Vernissage, da kam jemand vom Empfang auf mich zu und meinte, ein älterer Herr warte unten auf mich. Es war Gustav Metzger. Und der Beginn einer über zwanzigjährigen Freundschaft, die mich mit diesem grossartigen Menschen verband.

Metzger war ein Radikaler. Er hat nie einen Unterschied zwischen Kunst und Aktivismus gemacht. Ob es um Abrüstung ging, gegen die Atombombe oder für den Umweltschutz, Metzgers Einsatz war immer maximal. Mit seinen autodestruktiven Werken setzte er nicht nur ein Zeichen gegen den Kapitalismus, er wollte damit vor allem die Welt zeigen – und wie sie sich selbst zugrunde richtet. Er wusste, was Vernichtung bedeutet. Seine Familie wurde im Holocaust von den Nazis ermordet, ihm selbst rettete ein Kindertransport nach England das Leben.

Verharmlosung war ihm zuwider. Er weigerte sich, vom «Klimawandel» zu sprechen, denn worum es eigentlich gehe, sagte er, das sei die Auslöschung der Welt, wie wir sie heute kennen. Mit seiner Energie hat er jeden gefesselt, und nicht nur ich habe ihn dafür bewundert, dass er nie aufgab, bis zum Schluss. Ich bin mir sicher: Metzger wird in den kommenden Jahrzehnten von Kritikern und Kunsthistorikern als eine Schlüsselfigur der zeitgenössischen Kunst gesehen werden. Anfang März ist er im Alter von neunzig Jahren in London gestorben.