Eine Reportage von Hannes Grassegger

Das Magazin N°12 – 25. März 2017

Vor knapp zwei Jahren, am Abend des 2. Mai 2015, blockierte eine Gruppe bulliger Männer die Langstrasse. Sie gehörten nicht zu den üblichen Störern. Es ging ihnen nicht um Politik, Fussball oder Hausbesetzungen. Zwei Drittel von ihnen waren nicht einmal in der Schweiz wohnhaft, wie die Polizei später herausfinden sollte. Nachdem die Männer schnellen Schrittes geschlossen zur Kreuzung Lang-/Hohlstrasse vorgedrungen waren, bauten sie sich wie ein Wall zwischen Kreisbüro und Aargauer Hof auf und sperrten zur besten Ausgehzeit die Strasse.

Die vordere Reihe ging in die Knie für ein Gruppenfoto.

Ein Anwohner filmte, wie die Gruppe danach die Strasse hochmarschierte. «A-HUU», riefen die Männer aus einer Kehle, «Son-da-me!». In den Nebenstrassen postierten sich Polizisten. An der Ecke Militärstrasse stiess die Horde dann auf Einsatzwagen. Die Polizei schoss mit Gummischrot. Die Gruppe löste sich auf. Personenkontrolle. Dann war der Spuk vorbei.

In den Tagen darauf war die Blitzattacke das grosse Thema in Zürich. Die Medien schrieben von «Rockerkrieg». Das Gruppenfoto wanderte von der Facebookseite einer weitgehend unbekannten Gruppierung namens «Sondame» in die Öffentlichkeit.

Ich wollte wissen: Wer war diese Gruppe? Warum blockierten sie die Langstrasse? Was war hier los?

Wir leben im 21. Jahrhundert, daher öffne ich erst mal Youtube und tippe: «Sondame, Zürich». Ich finde ein Handyvideo, das weitere Sondame-Aufmärsche zeigt: in Frankfurts Haupteinkaufsstrasse, in der Stuttgarter Innenstadt. Dann sieht man eine Bomberjacke mit einem auffälligen Logo: zwei muskulöse Arme, die sich angewinkelt begrüssen, ein sogenannter Brothershake, darunter steht in Frakturschrift: United Tribuns. Die Jacke liegt auf dem Boden, ein Mann trampelt mit den Füssen auf ihr herum, zündet sie an und brüllt: «Sondame! Zürich!» Und dann: «Wir ficken euch!» Danach wird das Gruppenfoto von der Langstrasse eingeblendet.

Es geht also um einen Bandenkrieg, Sondame gegen United Tribuns.

Sondame ist eine in Stuttgart begründete lose Verbindung junger Kurden, denen Kontakte zur PKK nachgesagt werden; die Gang benennt sich immer wieder um. Sondame, so erklärt man mir beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, gehe es nicht um Geschäfte, sondern um Revierhoheit. Eine andere Gang, United Tribuns, habe diese Revierhoheit 2014 missachtet. Die United Tribuns kommen aus einem Schwarzwaldstädtchen, sie bezeichnen sich als «Bruderschaft» von Bodybuildern und Türstehern. Ihr Kopf ist ein gewisser Armin Ćulum, den alle nur «Boki», den Boxer, nennen. Den sucht die Polizei wegen Verdachts auf ausbeuterische und dirigistische Zuhälterei, Nötigung und Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Er konnte sich der Verhaftung jedoch entziehen und nach Bosnien absetzen.

«Wir sind anti Presse, anti Staat»

Sondame hat also den United Tribuns den Krieg erklärt. Aber warum  hier in Zürich?

Ich suche nach «United Tribuns, Schweiz» – dazu bietet Youtube zuerst seltsamerweise ein Hip-Hop-Video: «Kaanybal & Fate – United Tribuns». Eine Viertelmillion Klicks. Das Video beginnt mit dem Brothershake, dem Muskelarm-Logo der United Tribuns, das ich von der Jacke kenne. Man hört einen Herzschlag, einen Schuss, dann herrscht Stille. Ein dunkler Beat setzt ein, eine Gruppe Männer schreitet in Zeitlupe auf den Betrachter zu. Glatzköpfe und Gelfrisuren, pludrige Jeans und Jogginghosen, Kampfhunde, bei vielen droht ein tätowierter Bizeps das T-Shirt zu sprengen. Als hätte man Skinheads mit Bushido gekreuzt. In einem Fitnessstudio.

«Junge das ist wahrer Stolz / Junge das ist Schwarz-Weiss, Tribuns …», setzt der Gesang ein, immer wieder Vorwärtsschnitte, wie in Computerspielen oder ISIS-Videos.

«Wir sind kein MC / Wir sind eine Street Gang (…) / Alle Männer Türsteher (…)/ Wir sind anti Polizei, anti Presse, anti Staat / Weil Assi Toni nicht mehr diese Angie mag»

Das Video steckt voller Codes: Auf den Lederwesten, die die Männer tragen, stehen Namen von Grenzorten, die in einem Rapsong nichts verloren haben: Lörrach und Konstanz. Auf einer Weste steht «Germany», auf einer anderen «Schweiz». Ein Glatzkopf mit Vollbart hat sich «Zürich» in den Schädel tätowiert. Immer wieder sieht man T-Shirts mit der Aufschrift «Soldier 2120». Der 21. und der 20. Buchstabe im Alphabet sind «U» und T» – ein Zahlenkürzel für «United Tribuns». Am Ende des Videos wird eine Flagge ausgerollt: das Brothershake-Logo vor einer Weltkugel. Links steht «Basel», rechts «Schweiz». Der Sänger endet: «Grüsse gehen raus an unseren World President Boki und Nermin …»

Das hier sind keine Rapper.  Und kein harmloser Battle.  «Soldiers», die eine schwarz-weisse Flagge grüssen, ein Hummer-Jeep voller Bodybuilder. Und die Brücke in dem Video, führt die über den Rhein?

Ich bin auch ein Rapper: Toni der Assi in einem Youtube-Clip mit dem Titel «Die Schwarze Flut».

Im August 2014 wurde das Video hochgeladen. Der Name der Produktionsfirma: Immigrant Cinema. Die Firma hat Dutzende Videos gemacht. Das meistgesehene beginnt mit dunklen Limousinen auf der Autobahn, dann bekannte Häuserzeilen: Das ist doch St. Gallen! Die Interpreten sind «Saipha & Xraab featuring Haftbefehl». Die ersten beiden Rapper kenne ich nicht, aber Haftbefehl ist der erfolgreichste deutsche Gangsterrapper. In dem Video rappt Haftbefehl zuerst darüber, wie er das Gehirn seiner Gegner auf der Strasse verteilt, dann rappt sein St. Galler Gastgeber Saipha über Kokain, Polen, Franken und Euros. Er grüsst alle seine «Azzlackz». Azzlack ist ein Slangwort, das Haftbefehl populär gemacht hat, ursprünglich stand es für «Asoziale Kanaken». Einwandererkids aus Nordafrika und der Türkei nennen sich heute manchmal so.

Ich klicke auf ein anderes Video: «Hinsetzen, anschnallen, Kick-down bis St. Gallen», rappt ein junger Kahlgeschorener namens Abdï. «Frankfurt, Hamburg, Stuttgart, Basel / … Azzlackz, ich bin Crew Member  /» Ein anderer Rapper übernimmt. Sie stehen in einer Swisscom-Telefonzelle:

«Légionnaire de la frontière, bis nach Basel / Überfahrt, Übergabe, Treffpunkt am Hafen … / In jedem Kanton werden die Strassen versorgt … / Zürich, Bern, Luzern, Kanaks an der Front …/Europeans number one let that business run …»

Handelt es sich hier um eine europäische Union von Drogendealern? Und wie stehen die zu den Bodybuildern von United Tribuns? Diese Videos scheinen voller Nachrichten.

Werden hier Reviere abgesteckt, Mannstärken und Geschäftsfelder durchgegeben? Millionen schauen zu: Der erste Clip mit Haftbefehl ist das meistgesehene Schweizer Rapvideo überhaupt: mehr als sieben Millionen Views. Der Schweizer Rapstar Bligg brachte es mit dem Superhit «Rosalie» auf 1,5 Millionen.

«Welcome to Schwiizerland»

Als Nächstes suche ich nach «Haftbefehl und United Tribuns», das führt zu einer Handyaufnahme: Haftbefehl auf der Bühne, hinten das Logo der Gang. Die hängen demzufolge zusammen. In den letzten Jahren taten sich fast alle grösseren Gangsterrapper in Deutschland mit irgendeiner Gang zusammen, Bushido mit dem palästinensisch-libanesischen Abou-Chaker-Clan, Fler mit den Hells Angels. Im Ruhrpott bekämpfen sich gerade Rapstar Miami Yacine und der Miri-Clan, kürzlich fielen Schüsse. Ist auch Haftbefehl in so etwas verwickelt? Baut er sich mit den Schweizern etwas auf? Ich schreibe dem Manager und seinem Label, erhalte aber nie eine Antwort.

Dafür finde ich etliche deutschsprachige Rapvideos im Gangstil. Rockergangs scheinen mit Hooligans und Rappern zu verschmelzen. Ein diffuser Symbolik-Mix entsteht: Lonsdale-Pullover, Jack-Daniel’s-Shirts, Bomberjacken mit Frakturschrift, Lederwesten. Dazu Muskeln, Messer, Schlagstöcke, Pistolen, Gewehre, einer schwenkt eine Panzerfaust. Immer wieder ist nicht zu sagen, wer Intensivtäter ist, wer bloss Nachwuchsrapper? Was ist Fantasie, was blutiger Ernst?

Einer taucht immer wieder auf: ein Stiernacken, schlecht rasiert, tiefe Augenringe im bleichen Gesicht und eine Stimme wie ein Turbolader: «Toni der Assi». «Ausländerdeutsch» heisst ein Song. «Deutschland den Deutschen? Das ist vorbei!», rappt er da. Ein Video beginnt er unheilvoll:

«Ich habe es gesagt, eine schwarze Flut kommt und überrollt das ganze Land.»

Ein anderer Clip zeigt ihn auf dem Balkan in Kriegsszenen, inmitten von Panzern und Häusern voller Einschusslöcher. Ich erinnere mich, dass ja ein «Assi Toni» im United-Tribuns-Video genannt wird. Deshalb gebe ich ein: «Toni der Assi, United Tribuns». Wieder ein Treffer. «Tribuns» brüllen Stimmen im Hintergrund, und Toni rappt. Dazu Amateurbilder von Gangmitgliedern in Tribuns-Jacken mit Städtenamen: Passau, Köln, Bregenz. Bilder einer Jacht, Jetskis, Hummer-Jeeps, Rennmaschinen.

Ich versuche einfach mal: «Toni der Assi, Schweiz.»

Und da steht er schon, mitten in Zürich: «Welcome to Schwiizerland – Toni der Assi» heisst das Video. Man sieht die Langstrasse, den New-Point- Döner, das Lochergut. «Warum denken alle, Schweiz ist so Rosalie?», röhrt er und «singt» von Nutten, Koksbergen, der Goldküste. Hinter ihm brennen Stadtwappen. «Basel, St. Gallen, Lugano, Luzern. Basel oder Biel …» Christoph Blocher erscheint im Bild. «Hier gibt es Hooligans, Kategorie C-ler, Schweizer, Italiener, Türkisch und Kurdi, Araber und Albos, Spanisch, Portugiesisch, Serbos, Bratkos … Mach deine Augen auf.» Im Video sehe ich das Volkshaus, Toni der Assi auf der Bühne. Kameraschwenk: Der grosse Saal ist randvoll mit Gangleuten.

Als hätte Christoph Blocher einen Horrorfilm gedreht.

Als ich mich bei der Zürcher Kantonspolizei erkundige, wie sie solche Videos einschätze, winkt Sprecher Thomas Wartmann ab. Man nehme Streetgangs zwar «sehr ernst», sehe aber keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Im aktuellen Jahresbericht der Fedpol, die für grenzüberschreitende Kriminalität zuständig ist, sind solche Gruppierungen nicht einmal erwähnt. In Deutschland hingegen gehen mehr als zehn Prozent aller Verfahren wegen organisierter Kriminalität auf das Konto von Rockern, rockerähnlichen oder rockerverwandten Gruppen. Sie verursachten 2015 jedes siebte Verfahren in diesem Bereich – insgesamt 85. Die United Tribuns sind im Bericht die Gang mit den meisten Prozessen am Hals, insgesamt sieben. Zum Vergleich: Alle Mafiagruppierungen zusammen brachten es im gleichen Zeitraum auf 17 Verfahren.

Die Polizei nennt Gangs wie United Tribuns «rockerähnliche Vereinigungen», weil sie ihre Hierarchie, die Lederkutten, die Abzeichen und Aufnahmerituale von MCs, also Motorradclubs wie den Hells Angels, kopieren. Im Kern jedoch sind sie anders. Die Hells Angels seien etwas für mittelalte deutsche Männer; die Migrantenkids aber, sagt ein Beamter des LKA Baden-Württemberg, strömten eher zu den Gangs, weil man dort kein Motorrad besitzen müsse, um beitreten zu dürfen. Rocker wie Bandidos oder Hells Angels seien die stärksten Gruppen – aber heute fast überall in Konkurrenz mit Streetgangs. Und nirgends gebe es mehr Rocker und Gangmitglieder als in der Grenzregion zur Schweiz. Ihre Zahl wird deutschlandweit auf 9000 geschätzt, davon zählt Baden-Württemberg aktuell 2300. «United Tribuns ist die schlagkräftigste aller Streetgangs», sagt Stefan Schubert, Autor des Bestsellers «Gangland Deutschland»; die Schweiz sei für Gangs ein lukratives Terrain.

Endlich: ein Treffen mit Toni

Ich versuche Toni den Assi zu kontaktieren. Zuerst über eine serbische Bekannte, dann über Marcus Staiger, den Gründer des Raplabels «Royal Bunker», dann über «Torch», den in Zürich wohnhaften Gottvater des deutschen Rap – erst passiert nichts, doch nachdem Torch und Staiger intervenieren, bekomme ich ab und zu Whatsapp-Ton-Nachrichten, kryptische Textnachrichten. Über Monate hält Toni mich hin. Wechselt alle paar Wochen seine Nummer. Einzige Konstante: die serbische Vorwahl. Er arbeite dort an einem Album, sagt er, und spricht von Labelstress, grosser Tour, Sony und so. Eigentlich heisst Toni Anton Latinović, er ist Sohn jugoslawischer Eltern, 1978 geboren.

Am Nachmittag des 4. Juni 2016, über ein Jahr nach dem Auflauf an der Langstrasse und nach hundert Whatsapp-Ton-Nachrichten, bietet mir Toni ein Treffen an: in Dübendorf ZH. An diesem Samstagnachmittag ist das Industriegebiet menschenleer. Ich gehe in einen Hinterhof, aus einem Flachbau dringen Hip-Hop-Beats. Ein Aufnahmestudio. Im zweiten Stock empfängt mich ein Hüne. Wir durchqueren einen Raum, darin eine Figur mit Sturmmaske, wie sie Kickboxer fürs Training nutzen. Es riecht nach Hasch und Zigaretten. Ein Kind drückt sich an mir vorbei.

Plötzlich steht Toni der Assi vor mir. Er trägt ein Hello-Kitty-T-Shirt. Und einen Adidas-Jogger. In der Hand hat er eine Büchse Calanda. «Brate!», begrüsst er mich, serbokroatisch für «Bruder». Er wirkt überreizt, sagt, er müsse noch was einrappen. In der Aufnahmekabine röhrt Toni:

«Raubüberfall, Strumpf über Kopf – Aah! / Scheiss auf die Opfaaah.»

«Lass uns rübergehen ins Pampelonne, Brate, da können wir besser sprechen!» Das Pampelonne ist eine Rattan-Lounge an einer Durchgangsstrasse. Toni bestellt Whiskey-Cola, greift aber nach dem Arm des Kellners: «Bring mir was für richtige Männer!»

Dann erzählt er.

Tonis Kindheit war geprägt von Angst. Grosse Autos hielten vor dem Haus der Familie; immer wieder wurde ihm Schutz und Respekt gewährt, ohne dass er wusste, warum. Angeblich, um ihn aus der Schusslinie zu halten, habe der Vater, laut Toni ein Freund des Jugomafia-Paten Ljubomir Magaš, seine Familie in Mannheim versteckt – und seinen serbokroatischen Namen Anton in das italienische Toni geändert.

«Toni! Was soll das?», flucht er. «Was soll dieser Italienername? Ich bin doch Jugo.» Die Longdrinkgläser kommen, zu zwei Dritteln gefüllt mit Whiskey. Toni kippt einen nach dem anderen. Er erzählt sein Leben so zusammenhanglos und bruchstückhaft, wie es ihm wohl erscheint: geboren in Frankfurt am Main, abgebrochene Schule, abgebrochene Lehre, Banküberfälle. Das Beutegeld habe er in eine Disco gesteckt. Ist das gerade wieder das Selbstmarketing eines harten Rappers  – oder das Eingeständnis einer schweren Straftat?

Wie fing es an? Wie wurde er Gangmitglied?

«Ich wollte wieder zurück zum Hip-Hop. Als ich 2008 Leute für einen Videodreh brauchte, hat mir jemand eine Nummer gegeben von einem Kumpel. Der könne schnell viele Leute mobilisieren. Toughe Typen.»

Firmenkultur: Ein Mitglied der United Tribuns hat sich die Namen seiner Chefs – Nermin und Boki – auf die Unterarme tätowieren lassen.

Die toughen Typen waren Mitglieder der Black Jackets, einer Gang aus Migrantenkindern, die sich 1985 in Süddeutschland zusammenschlossen. «Ich hab Musik gemacht, manchmal für die Jackets Konzerte gegeben, im Gegenzug waren die immer für mich da.» Mit seiner Musik hätten sich die Gangmitglieder stark gefühlt. Sein Ansehen stieg. 2011 sei er dann nach Zürich gezogen und habe für die Black Jackets eine lokale Niederlassung, ein «Chapter», eröffnet.

Black Jackets? Aber wurde er nicht in einem United-Tribuns-Video besungen? Toni greift sich eine Zigarette. «Irgendwann fühlte ich mich bei den Black Jackets nicht mehr zu Hause. Ich bin Jugo – die waren eher türkisch.» Also meldete er sich 2014 bei den United Tribuns, sein Götti stellte den Kontakt her. Es fing gut an, er hatte einen Namen, brachte eine grosse Zahl Black Jackets zu den Tribuns Zürich.

Dann aber, Mitte 2015, änderte sich Tonis Leben. Bei einem Besuch in Frankfurt wurde er von feindlichen Rockern verprügelt. «Ich hab mich zusammengekauert wie ein Baby, während sie auf mich eintraten.» Er dachte, er müsse sterben. Einen Tag lag er im Koma, als er erwachte, war er erfüllt von Panik. Er wusste, er musste die Gangwelt verlassen. Doch die wollte ihn nicht gehen lassen.

Im Gangsterrap wird das Böse verehrt, Gewalt verherrlicht, und Vorstrafen dienen als Legitimation: Der deutsche Rapstar Xatar etwa sass mehrere Jahre wegen eines Überfalls auf einen Goldtransporter. Vor der Tat hatte er ein Video über einen ähnlichen Überfall gedreht. Nach dieser Logik bildete Toni den Bodensatz der deutschen Gangsterrap-Elite: Obwohl erst einmal vor Gericht – wegen einer volksverhetzenden Rapzeile –, gilt er unter Gangsterrappern als authentisch: Er ist der Gangmann. Sein «Schwarze Flut»-Clip erhielt auf Youtube sechs Millionen Klicks. Daraus entstand eine Art ungewollte Symbiose: Toni der Assi brauchte die Gangmitgliedschaft zur Verkaufsförderung, die Gangs brauchten Toni als Identifikationsfigur.

Toni redet offen und viel. Nach dem dritten Whiskey-Cola traue ich mich, die Frage zu stellen, wegen der ich gekommen bin: Was war auf der Zürcher Langstrasse zwischen Sondame und United Tribuns passiert?

Die Stimmung schlägt sofort um. Toni wird misstrauisch. Seine Augen sind wässrig vom Trinken, seine Hände spielen nervös mit dem MarlboroPäckchen. «Wo wohnst du?» Er fixiert mich. «Hast du Familie?» Ich verabschiede mich möglichst schnell.

In den Monaten, in denen ich versucht hatte, ein Treffen mit Toni anzubahnen, war in Heidenheim in Süddeutschland ein Streit eskaliert zwischen den Black Jackets – bei denen Toni seine Gangkarriere begonnen hatte – und den United Tribuns – zu denen er in Zürich überlief. Ein Anführer der United Tribuns war erschossen worden. Zur Beerdigung reisten Tribuns aus ganz Deutschland an. Polizeihubschrauber kreisten über der schwer bewachten Stadt. Drei Wochen nach meinem Treffen mit Toni wurde wieder ein Mitglied der United Tribuns erschossen, diesmal von einem Hells Angel in Leipzig. Die Schüsse fielen jeweils am helllichten Tag, auf offener Strasse.

Ein Jahr ist vergangen. Ich mache eine Bestandsaufnahme, was ich bislang erfahren habe:

Sondame, die kurdische Gang mit ihrem seltsamen Langstrassenauftritt, hat sich inzwischen in Bahoz umbenannt und behauptet, die United Tribuns gebe es nicht mehr in der Schweiz. Die United Tribuns, denen der Auftritt galt, befinden sich in einem tödlichen Konflikt mit den Black Jackets und den Hells Angels. Toni der Assi, das musikalische Aushängeschild, will anscheinend aussteigen, aber keine Details über die United Tribuns preisgeben. Eigentlich sollte ich meine Recherche abbrechen. Doch ich schlug vor, Toni solle mich mit den Anführern der United Tribuns in Verbindung bringen.

Bei den United Tribuns in Bosnien

Es war nicht leicht, Toni zu diesem Treffen zu überreden. Nicht nur, dass  niemand sprechen wolle: «Die sind weit weg, Brate. Alle in Bosnien, in so einem Kaff voller Abgeschobener.» Ich bettelte. Einige Tage später dann tatsächlich Nachricht auf Whatsapp – dem Lieblingskanal dieser Gang: «Serwuss mein Freund.» Sie stammte von Nermin Ćulum, dem «Vize World President der United Tribuns» und Bruder von Boki, dem «World President». Bald darauf sitze ich im Nachtzug nach Zagreb.

Toni rief mich vor der Abfahrt extra an: «Hör zu, eins ist mir wichtig, wenn du die Jungs triffst: Die haben vielleicht keinen Schulabschluss, aber sie verdienen Respekt. Die haben hingekriegt, was die ganzen Dreckspolitiker nicht geschafft haben: Bei United Tribuns gehören alle zusammen. Scheissegal, ob du Türke bist oder Jugo. Kroate, Serbe oder Bosnier.»

Auf der Fahrt lösche ich alle Bilder von meinem Telefon, alle persönlichen Nummern, alle privaten Chats. Alles, was etwas über mich preisgeben könnte. Dann schaue ich mir Nermin Ćulums Instagram-Account an: Limousinen, Jachten, Motorräder, Jetskis – ein fürstliches Leben.

Nermin hat mich nach Sanski Most eingeladen, eine Stadt mit 45 000 Einwohnern im Nordwesten Bosniens. Die hügelige Waldlandschaft sieht ziemlich genau aus wie die deutsche Heimat der Tribuns im Schwarzwald. Die Häuser aber zeugen vom Bürgerkrieg. Eine Adresse hat Nermin mir nicht geben wollen, daher setzt mich der Taxifahrer an der Tankstelle am Ortseingang ab. Ich schreibe Nermin eine Nachricht.

Keine zwei Minuten später rollt sein schwarzer Hummer an. Zwei Bodybuilder in Jogginganzügen springen aus dem Wagen und schauen sich um. Ich atme durch und gehe auf sie zu. Der Empfang ist wohlwollend. Addis, der Grössere der beiden Glatzköpfe, nimmt mir höflich meine kleine Tasche ab. Er spricht Schwiizerdüütsch, sagt, er komme aus Basel. Sein schweigsamer bärtiger Begleiter hat arabische Gesichtszüge. Später wird mir Nermin erklären, jeder seiner Leute sei stets bereit, die Waffe zu ziehen. Der Wagen hält vor einem einstöckigen Haus, zu dessen Glasfront ein roter Teppich führt. Links und rechts davon Hundefiguren. Daneben ein Schild mit dem mir inzwischen vertrauten Logo der United Tribuns.

An der Rückwand des Clubraums rauchen ein paar Frauen Shishas. In der Mitte des Raumes eine runde Bar, am Tisch daneben eine Gruppe Bodybuilder. In ihrer Mitte sitzt Nermin Ćulum. Kurz rasiertes Haar, Narbengesicht, Baseballkappe.

Prüfend gleiten seine Augen über mein Gesicht. Dann bietet er mir einen Kaffee an. Er brauche keine Presse, beginnt er barsch. Er tue das alles hier nur für Toni: «Toni ist gutherzig. Ein fröhlicher Mensch! Ich will ihm helfen.» Der Toni habe die Tribuns bekannter gemacht, den Brüdern Mut gemacht. Die Bruderschaft wiederum habe Beschützer an Tonis Konzerte geschickt. «Ich hab sogar live aufgenommen mit ihm im Studio. War ich dabei. Ich sag ihm so: Mach mal das, lass das weg. Weil letztendlich gehts um Tribuns.» Darum gehe es in einer Bruderschaft: «Sich in jeder Situation zu unterstützen. Immer.» Dafür nehme er das Risiko in Kauf, dass es wieder mal schiefgehe mit der Presse.

Am schlimmsten, ruft ein Riese vom Nebentisch, war dieser Dokfilm. Alle nicken, denn der Riese ist ihr «Weltpräsident» Boki. Ein Mann Ende dreissig, den ein deutsches Filmteam vor ein paar Jahren hier in seinem Exil besuchte. «Meine Tochter», sagt Boki und zeigt auf das blonde Teenagermädchen ihm gegenüber. «Sie hat diese Sache im Fernsehen gesehen. Sie war in der Schule in Villingen damals, jetzt ist sie neunzehn, und dann hat sie mich angerufen, es war Schock für sie, und sie hat geheult und gezittert und hat mich gefragt: ‹Papa, stimmt das? Stimmt das, was die hier auf Fernsehen zeigen?› Also …», ihm fehlen die Worte, «also, sie ist aufgewachsen mit mir, sie hat alles gesehen, mit Frauen und so, hab ich gesagt: Hast du je gesehen, dass irgendwie jemand irgendwie schlecht geht? Das irgendwie jemand so was macht, auch den Frauen?»

Er meint die Vorwürfe in dieser Dok, dass die Frauen in seinen Bordellen seelisch und körperlich misshandelt worden seien und er ihr Geld einkassiert habe.

Ich schaue Bokis Tochter an. Sie schüttelt stumm den Kopf. «Abnormal!», brüllt Boki. «Die musste Schule wechseln. Weil der Vater ist der böse Zuhälter. So ist Fernsehen!»

Ein drohender Blick zu mir. Rund um mich herum wird wieder genickt; alle scheinen Deutsch zu verstehen.

Nermin führt mich ein:

Derzeit habe man Chapter in Australien, Thailand, den USA, in Dänemark, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Bosnien, Türkei – und in der Schweiz. Was ist deren Aufgabe? «Es geht darum, dass man überall jemanden hat, an den man sich anlehnen kann», sagt Nermin. Er, der 1995 als zwölfjähriger Flüchtling aus dem Balkankrieg nach Deutschland kam und sich dann jahrelang in den USA als Hilfsarbeiter durchschlug, ist heute Leiter einer Art globalen Unternehmens.

Warum seid ihr wieder in Bosnien?, will ich wissen.

Weil Bosnien eigene Staatsbürger nicht an die EU ausliefere, sagt Nermin. Sein Bruder Boki werde ja schliesslich von Interpol gesucht.

Ich frage nach dem ganzen Instagram-Prunk. Stammt das Geld aus Ganggeschäften? Nermin winkt ab. Alles normale Geschäfte: Seine fünf Bordelle, erzählt er, hätten zusammen hundert Zimmer. Pro Nacht zahlten die freiberuflichen Prostituierten 100 bis 175 Euro für ihr Zimmer – und den Sicherheitsdienst. Die Bordelle würden von «nahestehenden Personen» geführt und seien auf deren Namen registriert. Nur so komme es zur 13-Meter-Jacht, fünf iPhones, den 17 Autos (darunter vier Hummer) und der Villa der Ćulum-Brüder.

Allmählich lockert sich die Stimmung. Einer aus Nermins «Elitetrupp» bringt Schoggikuchen von der Konditorei nebenan. Nermin nimmt einen Zug aus der Wasserpfeife, auf deren Hals eine Pistole steckt. Jetzt erzählen sie von der Gangstruktur: Die meisten Mitglieder seien Boxer oder Türsteher, Toni der Assi sei beruflich halt «Rapper».

Was mit dem anderen Rapper sei, mit «Haftbefehl», frage ich Boki.

«Ach, der war mit jemandem von uns, daher auch ein bisschen dabei, aber seinen Freund haben wir irgendwann rausgeschmissen.»

Ich entscheide mich, die Frage, die mich seit bald 18 Monaten umtreibt, zu stellen: «Als ich von eurer Gang mitbekommen habe …», setze ich an.

«Bruderschaft!», korrigiert Boki.

«… also, als ich die Berichte über euch gesehen habe, über die Langstrassenblockierung. Was hat Sondame für ein Problem mit euch?»

Jetzt erhebt sich Boki vom Nebentisch und setzt sich zu uns. Alle werden still. Dann sagt Boki: «Die sind PKK. Politisch! Es geht drum zu zeigen, dass man Leute bewegen kann.» Er meint die für Gangs wichtigste Fähigkeit, an einem bestimmten Ort Leute zusammentrommeln zu können für Aufmärsche, für Machtdemonstrationen.

Ich sage: «Sie nennen euch auf Facebook eine Zuhältergang.»

«Schwachsinn!», ruft Boki. Man sieht förmlich, wie sein Blutdruck steigt. «Es waren private Probleme mit den Black Jackets.»

Dann erzählt er, wie «ein Junge» in der Nähe von Stuttgart «abgestochen» wurde von einem Black-JacketsMann, der die Gruppe danach verlassen habe. Darauf habe Sondame gebeten, dass die United Tribuns einen ehemaligen Präsidenten der Black Jackets, einen gewissen Eddis, nicht aufnehmen sollten. «Ich habe denen gesagt: Wen wir aufnehmen, ist unsere Sache, und wir haben den Jungen genommen».

Nermin winkt ab: «Eskaliert ist es nie. Keine Messerstecherei, nichts.»

Ich wende ein: «Aber Sondame hat eine United-Tribuns-Jacke verbrannt, die Langstrasse besetzt. Und dann verkündet, ihr hättet euch in der Schweiz aufgelöst.»

Nermin widerspricht: «Die Jacke war keine Vollmember-Jacke.»

Was er meint: Die Jacke oder «Kutte» ist das Heiligtum des Rockers. Er würde lieber sterben, als sie zu verlieren. Dass jemand von Sondame auf einer Tribuns-Jacke herumtrampelte und sie sogar anzündete, ist eine totale Erniedrigung, aber Boki spielt den Vorfall herunter. Vielmehr sei es eine Jacke, die der Ex-Präsident des Zürcher United-Tribuns-Chapters nicht ordnungsgemäss zurückgegeben habe. Er sei beleidigt gewesen, weil er, Boki,  die Auflösung des Zürcher Chapters befohlen habe. Diese Auflösung sei Ergebnis eines Streits gewesen. Ein United-Tribuns-Mitglied habe in der Zürcher Langstrasse eine Bar besessen. «Der andere», führt Boki aus, «hatte anderen Laden auf der anderen Seite. Und die haben gestritten.» Der Streit sei eskaliert. «Und eines Tages haben sie unseren Mann vor der Türe erwischt und verballert. Pfefferspray und Eisenstange und so. Und dann hab ich zu unsrem Mann gesagt: Dann gehst du halt jetzt und machst Gegenreaktion. Du weisst ja, wer es war. Und dann hat er gesagt: Nein, mache ich nicht. Dann hab ich gesagt: Fick dich.»

Sich nicht zu wehren, gilt unter  Gangs als das schlimmste Vergehen.

Boki haut mit der flachen Hand auf den Tisch. «Was soll das denn? Soll ich jetzt hier von Bosnien gehen und kommen? Was soll das?» Er ist wütend: «Dann gib deine Jacke, hab ich ihm gesagt. Was ist das für eine Scheissehre? Fertig! Der soll zumachen, hab ich gesagt.»

Aus der Schweiz habe man sich keineswegs zurückgezogen, was auch immer Sondame behaupte. Im Gegenteil, sagt Nermin, er möge die Schweiz. Da sei noch viel Platz für Gruppen wie seine. «Schweiz ist wichtig, da ist Grenze mit Deutschland, und wir versuchen, alle Länder zu verbinden. Deutschland, Italia, Schweiz, Austria. Wie eine Europäische Union. Weil es ist einfach schön zu wissen, dass man überall gern willkommen ist. Weil wir sind Leute, die überall viel zu tun haben. Wegen gewissen Dingen.» Dann lobt er die Schweiz: «Ich persönlich finde Schweiz gut, weil es viele Leute von Ausland gibt, wo das, was ich spreche, fühlen: Ehre, Bruderschaft. Deswegen glaube ich auch, dass demnächst die Schweiz explodieren wird. Wir wollen dort der stärkste Chapter von allen Clubs werden.»

Das war wohl, was Toni immer wieder gesagt hatte. Im Prinzip sind die Tribuns eine typische Strassengang, wie alle anderen. Doch keine Gang ist so schnell gewachsen wie die Tribuns, hatten mir die Polizei und auch der Gangexperte Stefan Schubert gesagt. Ihr Rezept schien mir zu sein, dass sie so viele unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen in ihre Gang integrieren konnten.

Eine Frage der Ehre?

«Ihr seid Multikulti …», sage ich. Nermin unterbricht: «Multikulti! Egal ob du Kurden oder Türken hasst, ob du Christ bist oder Moslem – sobald du unsere Jacke anziehst, gibt es das nicht mehr.» Für Nermin hatte sich das mit der Religion nach seiner Zeit in der Isolationszelle erledigt. Dort hatte er darum gebeten, irgendetwas zur Beschäftigung zu bekommen. Man gab ihm eine Bibel. «Obwohl ich Moslem bin  und obwohl ich nicht so gut lesen kann, hab ich das gelesen.» Je mehr er las, desto mehr glaubte er, ein Prinzip zu erkennen: «Was da drinsteht: Angst machen und Leute anwerben. Das hat mir nicht gefallen.» Boki lacht. Nermin fährt fort: «Guck mal, bei uns im Koran steht, wenn du nicht irgendwann mal im Kopf ein Moslem wirst, dann gehst du in die Hölle. Was soll das, Mann? Es gibt so viele Leute, die sind reiner als alles andere – warum sollen die dann in die Hölle? Ich versteh das nicht.»

United Tribuns aber, das drücke Furchtlosigkeit und Zusammenhalt aus. «Tribuns, das waren die Generale und Führer im früheren Rom. Das hat uns gefallen. Die Ehre, wie die Leute damals gekämpft haben. In die Arena zu gehen. Wie im Film ‹Gladiator›.» 2004 habe man sich gegründet, nach einem Streit, den man «unter Männern» hatte klären wollen. Auf einem Parkplatz in Singen. Doch der Gegner war bei einer Gang – und hatte plötzlich eine Hundertschaft Verstärkung. Also beschloss Boki, seine eigene Gang zu gründen.

Wie stark sind die Tribuns? Nermin erklärt mir, so was zeige sich an Taten. Aber es gebe über 2000 Namen in der Mitgliederliste. Sowohl die Schweizer als auch die deutsche Polizei hatten mir gesagt, dass die United Tribuns neuerdings auf dem Rückzug seien. Zudem: Bis heute haben sich die United Tribuns nicht für ihre zwei getöteten Brüder in Leipzig und Heidenheim gerächt. Ich versuche das Gespräch darauf zu lenken: «Kannst du mir erklären, wie eure Bruderschaft funktioniert?»

Nermin führt mich vor eine Fototapete im Clubhaus, die eine der alljährlichen Generalversammlungen in Sanski Most zeigt: Hunderte Tribuns. Er erklärt die Abzeichen und die Hierarchien. Auf dem Foto sind nur Männer zu sehen. Hat er sich mal überlegt, Frauen aufzunehmen? «Schau dir die Typen an», sagt Nermin. «Was soll eine Frau da? Wenn wir nichts zu reden haben, reden wir über Kampfsport. Ist das nicht ein bisschen lächerlich, Frauen in einer Gang?»

Dann spricht er über Gebiete, Ehre, Vorstandsgremien:

«Wir haben unsre eigenen Sachen. Eigene Gerichte.»

«Es gibt aber ein Gewaltmonopol des Staats – Gewalt ist verboten …», versuche ich es.

«Das ist so. Aber wir sind nicht das Kegelverein.»

«Ihr vergeltet Gleiches mit Gleichem.»

«So ist es.»

«In Leipzig wurde deshalb einer von euch erschossen.»

Nermins Augen verengen sich. «Einer gestorben, zwei angeschossen.»

«Seid ihr jetzt gezwungen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten?»

Nermin flüstert fast: «In dem Sinne, ja.»

«Heisst das, von den Hells Angels in Leipzig ist nun jeder aus eurer Perspektive vogelfrei.»

«Ja.»

«Du bist der Chef. Du könntest auch entscheiden, das anders zu lösen.»

«Wie soll ich das entscheiden? Dann würde ich meinen Bruder hintergehen. Er würde leiden dadurch. Letztendlich ist von dem Präsident der Neffe gestorben. Verstehst du, das ist auch eine familiäre Sache. Aber der Mann ist ein starker Mann, arabische Familie.»

«Dürfte er dem Täter auch vergeben?»

«Er dürfte. Aber das würde mir nicht passen. Das würde schlechtes Licht auf mich werfen.»

«Weil du deine Brüder nicht schützen kannst?»

«Genau. Ich bin ein gutherziger Mensch. Draussen die kleinen Hunde – ich füttere sie.» Er wolle niemandem etwas tun, wirklich nicht, bekräftigt er. «Schau, wenn ich in die Disco gehe, dann laufe ich so …» Er zieht sich die Kapuze über den Kopf. «Ich guck nicht links, nicht rechts. Wenn du mich jetzt berührst, an der Schulter anfasst – ich kann nicht weiterlaufen. Ich mach so …» Er packt mich, seine Augen funkeln: «Verstehst du, ich schütze mich selber! Wenn die es bei ihm machen können, dann können die es auch mir antun.»

«Woher kommt das?»

«Schau mal, ich komm aus einer armen Familie.Mein Vater war ein Bauer, die Leute sind über mich hergezogen, das ganze Leben. Das Einzige, was ich hatte, war Kraft.»

«Wieso rufst du nicht die Polizei, wenn dich jemand angreift? Das würde ich tun.»

«Deswegen könntest du niemals bei uns sein», sagt Nermin. «Das ist das oberste Gesetz. Bei uns gibt es keine Polizei. Ich red nicht mit denen. Ich brauch die nicht.» Selbst wenn man seinen eigenen Bruder neben ihm umlegen würde, sagt Nermin, würde er das Problem allein lösen. Boki nickt zustimmend.

Einprozenter oder Outlaws nennen sich die Rocker, die sagen, dass Gesetze für sie nicht gelten. Und sie in ihren Augen daher auch nicht dagegen verstossen können.

Nermin lädt mich an meinem letzten Abend in ein Lokal. Als wir samt Gefolgschaft eintreten, verstummen die Gäste. Bald sind wir allein. Riesenportionen Cevapcici werden aufgetischt. Die Runde schwärmt von Tito, früher sei alles besser gewesen. Am nächsten Mittag fahre ich ab, Richtung Belgrad, Toni treffen.

Eigentlich hatte Toni der Assi mich begleiten wollen zu den Tribuns. Doch wegen eines Auftritts, irgendwo in Serbien, müsse er absagen. Er müsse Geld verdienen. Aber er wolle mich noch mal treffen. Einfach noch mal reden, Brate, sagte er auf der Voicemail.

Wir treffen uns in der Saints Bar, in der Belgrader Innenstadt. Samstagnacht, kurz vor zwölf. Toni kippt seinen Whisky-Cola und zieht ein Bündel Scheine aus der Tasche, betrachtet es nachdenklich. «Schau, das hier ist ein Monatsgehalt oder sogar mehr. Das sind 500 Euro, meine Gage von gestern. Hier ist das viel. Zu Hause wenig.» Er wiegt seinen Lohn in der Hand, setzt das Glas erneut an die Lippen. «Ich will nicht mehr mit den Gangs. Ich bin ein Musiker!» Er rappt mir etwas vor. «Ich kann nicht schlagen. Ich kann das nicht. Aber wenn ich irgendwo bin, dann gibts da Leute, die wollen mich töten. Selbst wenn ich raus bin. Ich bin das verdammte Maskottchen, selbst wenn ich nicht will. Die Gangvideos mit mir sind da, und die bleiben im Netz. Also brauch ich Schutz.» Er blättert ein paar extragrosse Scheine auf den Tisch für den Kellner. «Sag du mir, was ich da machen soll! Ich will raus. Ich hab mir das geschworen: nicht noch mal sterben, Toni.»

Dann will er losziehen, ins Belgrader Nightlife. Er will mir die schönsten Frauen überhaupt zeigen. Allerdings schwankt er schon so, dass ich mich lieber verabschiede. Für morgen sind wir eh verabredet.

Am nächsten Tag versuche ich, Toni zu erreichen, vergeblich. Also besuche ich Belgrads meistbesuchte Sehenswürdigkeit: Titos Grabstätte. Über das Kondolenzbuch gebeugt, weint eine junge Frau.

Toni bleibt verschwunden. Und ich fliege heim.

Während der Recherche zu dieser Geschichte verstarb am 9. April 2016 Celal F., Vizepräsident der United Tribuns in Heidenheim, an den Folgen der Schüsse, die auf ihn und seinen Bruder abgegeben wurden. Sein Bruder überlebte schwer verletzt. Der Schütze, ein Mitglied der Black Jackets, wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Am 25. Juni 2016 wurde in der Leipziger Eisenbahnstrasse der United-Tribuns-Anwärter Veysel A. erschossen, als seine Gruppe auf offener Strasse lokale Hells Angels attackierte. Zwei weitere Tribuns wurden verletzt. Der Leipziger Hells-Angels-Chef wurde kürzlich in Wien gefasst und nach Leipzig überstellt. Am 7. Oktober 2016 wurde im hessischen Giessen der lokale Hells-Angels-Präsident Aygün Muçuk erschossen aufgefunden. Muçuk führte ein türkisch geprägtes Chapter und war dadurch in Konflikt mit dem Frankfurter Chapter geraten. Die United Tribuns wurden zuletzt auffällig im Dezember, als unter ungeklärten Umständen Schüsse in der Zentrale in Sanski Most fielen, und jetzt im März, als eine Gruppe Tribuns in Heidenheim mit einer Kettensäge in einer Disco auftauchten.