Das beste Problem der Welt

Eine Kolumne von Hazel Brugger

Das Magazin N°14 – 8. April 2017

Der Sinn des Lebens ist nicht, möglichst wenige Probleme zu haben. Der Sinn des Lebens ist, möglichst gute Probleme zu haben. Probleme werden Sie immer haben, weil mit jedem Zustand sowohl Lösungen als auch Probleme kommen. Probleme und Lösungen, die den Zustand so lange zwischen sich zerreissen, bis er irgendwo in der Mitte stillsteht. Es nützt auch nichts, wenn man Probleme einfach «Herausforderungen» nennt. Sonst wäre es ja eine Therapiemethode, wenn der Arzt anstatt «Sie sind HIV-positiv» sagen würde «Sie sind Millionär».

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einem Mann zusammen, der Sie schlägt. Das ist, wie jeder Moment im Leben, ein Zustand, der irgendwo zwischen Tausenden von Extremen festhängt. Wie ein Tennisball, der durch tausend strahlenförmige Schnüre mit Punkten an den Wänden im Raum verbunden ist. Es sind so viele Punkte, dass Sie sie als ebenmässige Wandfarbe erkennen, und so viele Schnüre, dass Sie den Raum dazwischen nicht mehr erkennen. Die Hälfte der Punkte sind das Bestmögliche, die andere Hälfte das Allerschlimmste. Ein Punkt an der Wand ist die totale Einsamkeit, ein anderer Totschlag. Und wieder einer kann das innere Gefühl von Glück sein, das man hat, wenn jemand einem die Butter aus dem Mundwinkel küsst.

Jede Situation dieser Welt ist eine Vielzahl von Kompromissen zwischen je zwei Extremen, in die das Leben fallen könnte. Wenn Sie zum Bus rennen, könnten Sie ihn entweder so elegant erwischen, dass alle Mitfahrer in Applaus ausbrechen, oder Sie könnten stürzen und von ebendiesem Applausbus überfahren werden. Beides Punkte an der Wand! Wahrscheinlich wird Ihre Erfahrung wie immer etwas dazwischen sein. Ein Kompromiss, der irgendwo in der Nähe der Mitte des Raumes als Ball angesiedelt ist.

Sie sind also mit einem Mann zusammen, der Sie schlägt. Das ist ein Problem. Kein gutes. Versuchen Sie also, sich von dem Mann zu trennen. Jetzt ist Ihr Problem, dass Sie Single sind, vielleicht Angst haben, auf ewig allein zu sein und einsam zu sterben. Vielleicht war es ja genau diese Angst, die Sie dazu bewegte, mit diesem Mann überhaupt zusammenzukommen. Auch ein Problem also, aber ein besseres Problem als Schläge. Vielleicht suchen Sie sich also aus Angst einen neuen Mann, vielleicht finden Sie sogar einen. Einen, der Sie liebt, so wie Sie sind. Einen, der tröstend lacht, wenn Sie einen Fehler machen, und den Sie auch lieben, wenn Sie morgens noch keinen Kaffee hatten. Jetzt ist Ihr Problem, dass Sie sich selbst erklären müssen, warum ausgerechnet Sie das verdient haben, während andere auf der Welt kläglich verhungern. Dass Sie Ihre Freizeit mit Ihrem Liebsten planen müssen, sich ausdenken müssen, wie Ihre Kinder einmal heissen sollen.

Und darum geht es. Das bestmögliche Problem zu finden und es dann niemals zu lösen.