Fortschritt jenseits von Pixeldichte

Ein Kommentar von Daniel Binswanger

Das Magazin N°14 – 8. April 2017

Werden Sie sich ein Samsung Galaxy S8 kaufen? Oder warten Sie auf das iPhone 8? Es gibt zwar wichtigere Fragen, aber ich muss gestehen: Ich verbringe absurd viel Zeit damit, mich mit den Fortschritten der Mobiltelefonie zu beschäftigen. Ich nehme mir vor, es endlich bleiben zu lassen, und dann schaue ich mir auf Youtube doch wieder Produktebesprechungen an, Benchmark-Tests und Nerdgeschwätz über Pixeldichte.

Das Smartphone ist zwar das wichtigste Symbol der Transformierung des Alltagslebens durch die Informationstechnologie, aber es kommt allmählich in die Jahre. Die Weiterentwicklung bringt Verbesserungen, aber keine weltumstürzenden Veränderungen mehr. Dennoch wird jede neue Modellreihe mit religiösem Eifer gefeiert. Das Smartphone steht für technologischen Fortschritt, und im Fortschrittsgedanken steckt eine unsere Zivilisation so tief prägende Macht, dass man sich ihm nur schwer entziehen kann. Auch wenn dieser Fortschritt nur von elektronischen Gadgets vollzogen wird. Auch wenn immer mehr Leute das Gefühl haben, der Fortschritt bestehe darin, das Smartphone möglichst wieder aus dem Privatleben zu verbannen.

Dass die Innovationen des Silicon Valley mit heiliger Andacht aufgenommen werden, hat nicht nur mit ihrer realen Relevanz zu tun. Natürlich verändern sie unser Leben, aber im Vergleich zu älteren technischen Durchbrüchen wie dem Benzinmotor ist der Steigerungseffekt für die Wirtschaftsleistung bisher bescheiden. Dass Steve Jobs oder vergleichbare Figuren eine messianische Aura besitzen, beruht nicht nur auf ihrer unternehmerischen Leistung, sondern auf dem welthistorischen Moment, in dem sie auf die Bühne traten. Spätestens nach der Jahrtausendwende geriet der Fortschrittsgedanke als geschichtsphilosophisches, politisches Konzept in eine Krise und musste auf ein anderes Gebiet projiziert werden. Die Helden der IT-Revolution traten sein Erbe an.

In den Neunzigerjahren geschah etwas Seltsames. Es schien sich einerseits der Triumph des liberalen, demokratischen Rechtsstaates zu vollziehen, aber dieser Triumph sollte gleichzeitig liquidieren, was immer den Kern des Liberalismus gebildet hatte: den Fortschrittsgedanken selber. Francis Fukuyama hat dieses Paradox mit der Formel vom «Ende der Geschichte» zum Ausdruck gebracht. Vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des 20. waren alle demokratischen Kräfte in gewissem Sinne progressiv.

Der Glaube an den Fortschritt ist das, was alle emanzipatorischen Projekte seit der Aufklärung definiert. Plötzlich aber sollten die Progressiven ihre Zukunft bereits hinter sich haben. Seither ist ungewiss geworden, ob der historischen Entwicklung noch ein eigentlicher Richtungssinn zugesprochen werden kann. Mit dem 11. September ist zwar die «Geschichte» zurückgekehrt, aber worin der geschichtliche Fortschritt bestehen soll, das ist dadurch nicht greifbarer geworden. Es sei denn, wir reden über Pixeldichte.

Das ist umso bedrohlicher, als «Fortschritt» immer die wichtigste Klammer gewesen ist, mit der die progressiven politischen Kräfte zusammengehalten wurden – das heisst im Wesentlichen das liberale Bürgertum und die breite Bevölkerung, die wirtschaftlichen Eliten und, sofern sie Klassenbewusstsein hatte, die Arbeiterklasse. Im geteilten Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt konnten politische Kompromisse und schliesslich die soziale Marktwirtschaft ausgehandelt werden. Diese Kompromisse sind heute auch deshalb bedroht, weil die Zukunftsgewissheit fehlt. Eine intensive Debatte über den Niedergang des Progressismus wird aktuell in Frankreich geführt. Das Land war sowohl die Wiege der bürgerlichen Revolution als auch des Frühsozialismus, es ist geprägt von der Rivalität und der zeitweiligen Synthese der entsprechenden Fortschrittskonzepte. Der Historiker Jacques Julliard und der Philosoph Jean-Claude Michéa diskutieren in einem gemeinsamen Buch die Geschichte dieses doppelten Erbes. Sie kommen zum Schluss, dass der Aufstieg eines rechten Populismus das Ergebnis des Verlusts einer gemeinsamen Entwicklungsperspektive ist.

Damit das Volk und die Elite zusammenfinden, müssen sie eine gemeinsame Zukunft haben. Sonst droht die Verklärung einer gemeinsamen Vergangenheit.

Jean-Claude Michéa, Jacques Julliard, La gauche et le peuple, Flammarion