Ein Gespräch von Tuğba Ayaz

Das Magazin N°14 – 8. April 2017

Elif Shafak eine Weltbürgerin zu nennen, ist eine Untertreibung. Das Kosmopolitische war ihr bereits in die Wiege gelegt – sie wurde 1971 in Strassburg als Tochter einer Diplomatin geboren –, und sie wuchs unter anderem in Madrid, Köln, Amman, Boston, Arizona, Ankara und Istanbul auf. Heute erweist es sich als grosses Glück, dass sie sich früh in mehreren Welten zu Hause fühlte. Seit sieben Jahren lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in London. Lange Zeit pendelte sie zwischen Istanbul und London, doch inzwischen wagt sie es nicht mehr, in die Türkei zu reisen – als vor Kurzem ihre geliebte Grossmutter starb, verzichtete sie schweren Herzens darauf, bei der Beerdigung dabei zu sein. Weil viele ihrer Freunde die Repressalien von Erdoğans Regime zu spüren bekommen, fürchtet auch sie um ihre Freiheit. Wohl nicht zu Unrecht – denn als eine der führenden Denkerinnen weltweit und als Rednerin, die auf Symposien wie etwa dem WEF begehrt ist, redet sie auch weiterhin offen über die Situation kritischer Intellektueller in ihrer Heimat und tritt vehement für Frauenrechte ein.

Die 45-Jährige ist eine der meistgelesenen türkischen Gegenwartsautorinnen; ihre zehn Romane wurden in 40 Sprachen übersetzt. Mit 23, noch während des Studiums der Internationalen Beziehungen und Gender Studies, begann sie ihre literarische Laufbahn (später promovierte sie in Politikwissenschaft). In ihrem neuen Roman, «Der Geruch des Paradieses», erzählt sie von drei Studentinnen in Oxford, die mit ihrer Haltung zu Sexualität, Identität und Glauben ringen.

Das Magazin — «Türkin oder Türke zu sein bedeutet, ständig in Sorge um sein Land zu leben», schrieben Sie in einem «New Yorker»-Essay. Was ist das für ein Gefühl?

Elif Shafak — Ein einsames. Die Menschen in der Türkei fühlen sich sehr allein gelassen. Besonders einsam fühlen sich die demokratischen Kräfte. Wir sind zutiefst betrübt. Ich habe Freunde, die schaffen den Tag nur noch mit Antidepressiva.

Können Sie die Sorgen in London nicht wegschieben?

Im Gegenteil. Ich sorge mich umso mehr, gerade weil ich das Geschehen von aussen beobachte. Ich sehe eine Nation, getrieben von Zorn, Angst und Paranoia.

Die Regierung hat wenig getan, um diesen Zustand zu entschärfen.

Sie hat grosse Fehler gemacht. Der andauernde Ausnahmezustand, die Massenverhaftungen, die Menschenrechtsverletzungen … Die Türkei hat das nicht verdient! Als Befürworterin der Demokratie verurteile ich den versuchten Putsch im Juli 2016 scharf. Sollten Gülenisten tatsächlich die türkische Armee infiltriert haben, muss das aufgedeckt werden, keine Frage. Der letzte Putsch 1980 war der blutigste und brachte unglaubliche Menschenrechtsverletzungen mit sich. Seit dem Putschversuch im vergangenen Sommer sind diese Traumata vielen Türken wieder präsent. Aber die noch immer laufende Säuberungsaktion ist sehr besorgniserregend. Während wir hier sitzen, sind Freunde von mir in Haft: Menschen, die an Frieden und Demokratie glauben. Keiner wird mich je davon überzeugen, dass sie Terrororganisationen unterstützt haben! Verstörend ist, dass man sofort als Putsch-Befürworterin abgestempelt wird, sobald man die Massenverhaftungen kritisiert.

In diesem Zustand wird das türkische Volk am 16. April über die Einführung eines Präsidialsystems abstimmen und damit über die Zukunft der Demokratie im Land entscheiden. Stimmt Sie dieser Gedanke zuversichtlich oder besorgt?

Wäre es eine normale Abstimmung, wäre ich zuversichtlicher. Denke ich an die Zivilgesellschaft in der Türkei – die Jungen, die Frauen, die Minderheiten –, bin ich immer zuversichtlich. In der Türkei leben grossartige Menschen mit vielen guten Visionen. Doch leider herrschen keine normalen Bedingungen für faire Wahlen im Land. Die Gegner des Präsidialsystems werden als Verräter und Terroristen bezeichnet. Wer die AKP nicht unterstützt, wird eingeschüchtert. Journalisten, die Kritik wagen, kommen auf eine schwarze Liste oder werden verhaftet. Unlängst wurde ein TV-Moderator entlassen, nachdem er in einer Sendung gesagt hatte, er werde gegen das Präsidialsystem stimmen. Wie sollen ohne freie Presse unabhängige Informationen die Bevölkerung erreichen? Und wie können sich die Menschen unter solchen Umständen eine fundierte Meinung bilden? Unterdrückung der Medien bedeutet Unterdrückung der Demokratie, etliche ihrer Werte werden missachtet. Angesichts dieser Umstände gibt es derzeit mehr Grund zur Sorge als zur Zuversicht.

Was für eine Türkei wird das sein, sollte die Reform angenommen werden?

Es würde ein absolutes Machtmonopol geben. Mit einem Präsidialsystem gäbe es eine noch autoritärere, noch religiösere und noch nationalistischere Türkei. Lord Actons Satz «Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut» ist wahr. Die türkische Demokratie war noch nie stabil, doch heute ist sie wackeliger denn je. Die AKP begeht den Fehler, Demokratie mit der Herrschaft der Mehrheit zu verwechseln. Sie glauben, solange man Wahlen gewinnt, sei man dazu befugt, alles zu tun, und stehe dabei noch immer im Dienste der Demokratie. Ich werde Nein stimmen, weil ich mir eine säkulare, pluralistische und demokratische Türkei wünsche, wo LGBT- und Frauenrechte respektiert werden, eine freie Presse existiert, wo die Wissenschaft unabhängig forschen und frei denken kann.

Für die Menschen ausserhalb der Türkei ist es schwierig nachzuvollziehen, wie Erdoğan und seine AKP trotz der Repressalien eine breite Unterstützung geniessen. Was sind die Gründe?

Einerseits sind es wirtschaftliche. Die AKP hat in den vergangenen Jahren für wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. Auch kümmert sich die Regierung bis heute um arme Familien, indem sie diese finanziell unterstützt. Dieser Faktor ist nicht zu unterschätzen. Andererseits spielen natürlich auch ideologische und religiöse Gründe eine Rolle: der türkische Nationalismus, gepaart mit dem Islam. Vertreter dieser Ideologie glauben an die Phrasen und den Mythos einer «starken Nation mit einem starken Führer».

«Über Sorgen, Trauer oder Sehnsucht denke ich auf Türkisch nach, über Satire und Ironieauf Englisch»: die Schriftstellerin Elif Shafak, 45, zu Hause in zwei Kulturen (Bild: Christian Sinibaldi/eyevine).

Warum kann sich die Opposition kaum durchsetzen?

So traurig das ist, die liberalen Kräfte sind heute eine kleine Minderheit. Zudem ist die Opposition zerrissen. Es gibt kein Miteinander, keine Kultur der gemeinsamen Vielfalt unter den Liberalen. Die einzelnen Gruppen – Linke, Minderheiten wie die Kurden oder Aleviten – sind wütend aufeinander; jeder hockt auf seiner kleinen Insel. Das ist einer der Gründe, weshalb die Opposition so schwach ist. Hinzu kommt die Angst davor, seine Meinung frei zu äussern, weil die Konsequenzen nicht kalkulierbar sind. Aber es gibt weiterhin mutige Oppositionspolitiker, Journalisten und Aktivisten – ich habe grossen Respekt vor allen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen.

In Ihren Essays wie in öffentlichen Debatten plädieren Sie stets für den Dialog zwischen der EU und der Türkei. Wie realistisch ist das noch angesichts der aktuellen Entwicklung?

Mir ist bewusst, dass für die Türkei der EU-Beitritt noch nie so weit weg war wie heute. Der goldene historische Moment 2005, als ein Beitritt fast möglich schien, ist längst Vergangenheit. Aber gerade weil der Beitritt so unrealistisch ist, muss man umso mehr darüber sprechen. Als Autorin sehe ich mich in der Pflicht, diese Hoffnung am Leben zu erhalten. Die Flamme der Hoffnung muss weiterbrennen. Sonst werden Nationalisten und Islamisten in der Türkei in ihren Argumenten bestärkt, dass Muslime in Europa nicht erwünscht sind. Die EU darf nicht dazu beitragen, dass sich die Türkei vom Westen isoliert und ihre Allianzen mit Russland oder dem Nahen Osten stärkt. Ich möchte, dass sich mein Land mit Europa verbunden fühlt. Ich will Europa nicht generalisieren, denn so vielfältig die Türkei ist, so vielfältig ist auch Europa. Aber viele Bürokraten aus der Europäischen Union kritisieren die Menschenrechtsverletzungen nicht entschieden genug. Ein sehr grosser Fehler. Mir ist klar, dass sie wegen des Flüchtlingsabkommens unter Druck stehen und die Türkei ein schwieriger Partner ist. Aber die massive Verletzung demokratischer Rechte in der Türkei ist ein dringliches Thema, das nicht vertagt werden kann. In Europa hat man im Verhältnis zur Türkei die Balance zwischen Kritik und Zuwendung noch nicht gefunden.

Wie würde diese Balance idealerweise aussehen?

Der türkischen Gesellschaft offen zu begegnen, sie zu unterstützen, gleichzeitig aber die Regierung entschieden zu kritisieren. Man kann beides. In Europa sollte man sich daran erinnern, dass die Türkei ein multikulturelles Land ist. Dort leben Türken, Armenier, Kurden, Juden, Aleviten, Griechen; es gibt eine grosse junge Generation. Das Gedankengut der Regierungspartei AKP repräsentiert nicht die ganze Türkei. Und die Türkei ist nicht bloss Erdoğan. Man sollte nicht den Fehler begehen, die Identität eines Landes mit ihrer Regierung gleichzusetzen. Besonders bei einem so komplizierten Land wie der Türkei nicht.

Sie sprachen von der «Flamme der Hoffnung» hinsichtlich des EU-Beitritts. Brennt die Flamme für die progressiven Kräfte in der Türkei noch?

Nein, für viele hat der EU-Traum an Bedeutung verloren. Gerade deswegen ist es wichtig, dass die progressiven Kräfte gegen den Strom schwimmen und die Idee – Teil einer europäischen Gemeinschaft zu sein – am Leben erhalten. Aber grundsätzlich muss man diese Idee in ganz Europa stärken. Die Welt durchlebt gerade einen tief greifenden Wandel. Wir kämpfen zunehmend mit Populismus, Isolation und Nationalismus. Menschen, die an demokratische Werte, Kosmopolitismus und Vielfalt glauben, verlieren an Boden. Deswegen müssen wir alle die Stimme erheben und einen neuen Humanismus fordern. Einen Humanismus, der über nationale, religiöse und ethnische Grenzen hinausweist.

Ist diese Vorstellung nicht utopisch?

In dem Gedicht «Masnavi» des persischen Dichters Rumi entdeckt ein Gelehrter einen Vogelschwarm und ist irritiert, dass Vögel verschiedener Arten zusammen unterwegs sind. Er sieht, dass einer am Flügel verletzt ist, ein anderer am Schnabel, wieder einem anderen Federn fehlen und so weiter. Dann begreift er: Die Vögel konnten in ihrer Gruppe nicht mehr mithalten, fühlten sich allein und fanden schliesslich zueinander. Dieser Zusammenhalt stärkte sie mehr als die Zugehörigkeit zu ihrer Art. Auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die sich nicht über ihre nationale oder religiöse Zugehörigkeit definieren. Sie müssen einander nur finden. Die Probleme der einzelnen Länder betreffen uns alle. Meine Freunde in den USA sind sehr deprimiert. Und jene in Frankreich fürchten Le Pens Aufstieg. Ähnlich sind die Ängste hier in Grossbritannien nach dem Brexit. Während der Brexit-Kampagne wurde die Türkei als Schreckensfaktor eingesetzt. Auf den Plakaten stand: «Die Türkei ist dabei, der EU beizutreten. 80 Millionen Türken kommen. Zeit für uns zu gehen.» Ich habe festgestellt, dass die Menschen in Europa demokratische Werte für selbstverständlich halten. Doch Rückschritte in der Demokratie passieren schneller, als man denkt. Die Türkei ist das beste Beispiel dafür. Wir alle müssen wachsam sein. Die Geschichte hat vor nicht allzu langer Zeit gezeigt, wohin Isolation, Nationalismus, Hurrapatriotismus, Demagogie und Populismus führen. Wir Menschen vergessen zu schnell.

Zum Stichwort Vergessen. In Ihrem neuen Roman, «Der Geruch des Paradieses», schreiben Sie von einer «kollektiven Amnesie» in der türkischen Gesellschaft. Was bedeutet das?

Die Türkei ist ein Land mit einer sehr reichen Geschichte, aber einem sehr schlechten Gedächtnis. Als die moderne Türkei gegründet wurde, machte man Tabula rasa. Man wollte nichts mehr mit den dunklen Kapiteln der Vergangenheit zu tun haben und nur nach vorn – nach Westen – schauen. Das ging Jahrzehnte so. Die Modernisten wollen noch heute nicht über die Vergangenheit nachdenken. Der gegenläufige Trend ist eine übertriebene Romantisierung der Vergangenheit und genauso problematisch. Ihn kann man seit einigen Jahren im religiös-konservativen Lager beobachten. «Unsere Vorfahren waren grosse Helden, die niemals etwas falsch machten», heisst es da. Mit diesen sogenannten neo-osmanischen Träumen entstehen imperialistische Gelüste, die höchst gefährlich sind. Die Türkei hat aus ihren Fehlern in der Geschichte nichts gelernt. Damit die Gesellschaft aber mündig werden kann, muss sie erst ihre Vergangenheit kritisch reflektieren.

Darum sind die Türken, wenn es um ihre Identität und Geschichte geht, so verwirrt wie Ihre Romanfiguren?

Unter anderem. Verwirrung ist eine Eigenheit der Türken. Nur schon wegen der geopolitischen Lage des Landes. Es vermischen sich Einflüsse aus Europa, Asien, dem Balkan und Nahen Osten. Wie soll man da nicht verwirrt sein? Im Grunde wäre diese Vielfalt ein enormes Potenzial. Es macht mich zutiefst traurig, dass es der Türkei bislang nicht gelungen ist, dieses Potenzial zu nutzen. Vielfalt gilt in der Türkei seit jeher als Problem, das beseitigt werden muss. Mit der zwanghaften Türkisierung nach Gründung der Republik glaubte man, das werde die Gesellschaft zusammenbringen. Wie wir sehen, ist das Gegenteil passiert.

Inwiefern?

Die Gesellschaft ist extrem polarisiert und politisiert. Und die AKP hat das im letzten Jahrzehnt auch noch angetrieben. Das Land ist heute in kulturelle Ghettos aufgeteilt, die einander bekriegen. Man teilt kein Brot mehr miteinander. Gemeinsame Werte existieren kaum noch; und es gibt keinen Raum für Individualität. Man wird über seine politische Gesinnung, Religion, Familie oder gar sein Geschlecht definiert. In vielen Köpfen ist das Schwarz-Weiss-Denken verankert. Entweder ist man für oder gegen eine Ideologie: Kemalist oder Anti-Kemalist, prokurdisch oder antikurdisch, pro-Erdoğan oder anti-Erdoğan … Etwas dazwischen existiert kaum.

Und wo stehen Sie?

Ich fühle mich zu keinem Lager zugehörig. Ich möchte als Individuum wahrgenommen werden, frei von Parteilichkeit und Dogmen. Es gibt so vieles in der Türkei, was ich liebe: Istanbul, kulturelle Bräuche, die Menschen und ihre Geschichten. Zugleich stehe ich einigem kritisch gegenüber.

In Ihrem Roman stellen Sie das türkische Grossbürgertum als mutlos und unmündig dar. Hängt das politische Commitment in der Türkei von der Gesellschaftsschicht ab?

Ja, grundsätzlich sind Minderheiten oder die Mittelschicht mutiger und engagierter. Ich kenne einige Leute aus der türkischen Bourgeoisie. Sie kritisieren die Regierung bloss in den eigenen vier Wänden, nicht aber in der Öffentlichkeit. Vor allem im Westen spielte die Bourgeoisie eine wichtige Rolle für ein fortschrittliches politisches Denken in der Gesellschaft. In der Türkei hingegen hat nie eine Bourgeoisie existiert, die vom Staat unabhängig ist. Die Türkei stammt aus der Tradition eines starken Staates. Die politische Führung dominiert die Gesellschaft – das war schon immer so. Auch darum hat sich die Zivilgesellschaft nur bedingt unabhängig vom Staat weiterentwickelt.

Kann Literatur helfen, die tiefen Gräben zu überwinden?

Ich glaube schon. Geschichten machen uns wieder menschlicher. Geschichten schlagen Brücken zwischen den Welten. Meine Leserschaft in der Türkei ist sehr heterogen. Ich habe schon konservative Leserinnen getroffen, die mir erzählten, dass sie eine homosexuelle Figur im Roman besonders mochten. Oder von Nationalisten erfuhr ich im Gespräch, sie hätten mit der Figur mitgelitten, die einer Minderheit angehört und für ihre Rechte kämpft. Ich habe viel über dieses Phänomen nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass wir Menschen geistig offener sind, wenn wir allein sind. Sobald wir uns aber in einer Gruppe eingliedern, mit Dogmen konfrontiert sind, haben wir den Tunnelblick.

Sollen Ihre Werke vor allem der türkischen Gesellschaft den Spiegel vor-halten oder dem Westen Einblick in die türkische Psyche geben?

Ich denke beim Schreiben nicht in Kategorien wie etwa «die Türken» oder «der Westen». Ich trage von allem etwas in mir. In der Türkei habe ich mich immer als Insiderin und Outsiderin zugleich gefühlt. Einerseits weil ich in unkonventionellen Verhältnissen, mit einer alleinerziehenden Mutter, aufgewachsen bin, andererseits weil ich an vielen Orten gelebt habe. Aus dieser Perspektive schreibe ich; ich stehe sozusagen in der Mitte. Ich bin genug Insiderin, um das eine oder andere zu lieben, aber auch genug Outsiderin, um einen nüchternen Blick zu haben.

Weshalb schreiben Sie als Türkin Ihre Romane auf Englisch?

Während der letzten 13 Jahre habe ich meine Romane immer zuerst auf Englisch geschrieben. Ironischerweise fühle ich mich der Türkei näher, wenn ich auf Englisch schreibe. Es ist, als ob man ein grosses, komplexes Gemälde zu entschlüsseln versucht. Schreibe ich auf Englisch, bringt das eine kognitive und emotionale Distanz zwischen mich und die Türkei. Und das schärft meine Beobachtung. Es ist absurd, weil es mit viel Aufwand verbunden ist. Mein Manuskript auf Englisch wird erst ins Türkische übersetzt. Nachdem ich die türkische Übersetzung gelesen habe, schreibe ich das Buch in der Regel nochmals um. Für jedes Buch wende ich also doppelt so viel Zeit auf.

Verbinden Sie auch bestimmte Gefühle mit der jeweiligen Sprache?

Über Sorgen, Trauer oder Sehnsucht denke ich auf Türkisch nach. Humor, Satire oder Ironie drücke ich leichter auf Englisch aus. Auch bin ich als politisches Sprachrohr auf Englisch …

… mutiger?

Ja! Mein Buch «Der Bastard von Istanbul» hätte ich nie so betiteln können, hätte ich es erst auf Türkisch verfasst. Das türkische Wort für «Bastard» (piç) ist ein heftiges Fluchwort, verglichen mit der Entsprechung im Englischen (bastard). Im Englischen bin ich weniger gehemmt als im Türkischen, gerade bei kontroversen Themen. Denn als türkische Autorin kann man es sich nicht leisten, apolitisch zu sein. Ebenso wenig wie in anderen politisch unruhigen Ländern, etwa in Ägypten, Nigeria oder Pakistan. Ich betrachte es als meine Aufgabe, schwierige Fragen zu politischen, sexuellen oder gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen. Die Antworten überlasse ich aber der Leserschaft. Es ist manchmal schwierig, sich beim Schreiben nicht komplett von politischen Themen dominieren zu lassen. Meine Ausgangslage ist aber dennoch immer die Fiktion.

Trotzdem wurden Sie im Jahr 2006 wegen Ihres Romans «Der Bastard von Istanbul» angeklagt.

Das war surreal! Ich wurde wegen «Beleidigung des Türkentums» angeklagt, weil eine meiner fiktiven Romanfiguren den Genozid an den Armeniern thematisierte. Aus Mangel an Beweisen wurde ich dann freigesprochen. Es war eine schwierige Zeit: Ich war damals hochschwanger. Ständig bekam ich Hassbriefe und Drohungen. Auf den Strassen bespuckte man mich; Menschen verbrannten meine Fotos. Ich wurde als Verräterin beschimpft. Knapp zwei Jahre lebte ich mit Bodyguards. Aber ich übe heute deswegen keine Selbstzensur. Sonst könnte ich gar nicht schreiben. Schreiben heisst für mich glauben. Wenn ich an einen Gedanken glaube, kann ich nichts tun, als ihn niederschreiben. Im Alltag dagegen bin ich eher eine ängstliche Person. Beim Schreiben nicht.

Wie ernst genommen fühlen Sie sich

als Autorin in einer patriarchalischen Gesellschaft, wie die Türkei eine ist?

Solange man noch kein hohes Alter erreicht hat, wird man als Autorin nicht ernst genommen. Ob Journalistin, Autorin oder Künstlerin – jede Frau, die als Denkerin respektiert werden will, hat es in der Türkei sehr schwer. Die Literaturszene mag von aussen offener wirken als die konservativen Kreise, doch dort herrscht ein genauso sexistisches und patriarchalisches Denken vor. Autorinnen werden in erster Linie als Frauen wahrgenommen und dann irgendwann erst als Autorinnen. Kollegen oder Literaturkritiker in der Türkei schreiben häufig in einem geringschätzigen Ton über mich und mein Werk. Manchmal sogar auch Frauen.

Ist da weiblicher Neid im Spiel?

Vielleicht. Den Frauen in der Türkei fehlt die Verbündung im schwesterlichen Sinne. Komischerweise ist das in patriarchalisch geprägten Gesellschaften häufig zu beobachten. Doch gerade in den patriarchalisch geprägten Gesellschaften sollten sich die Frauen untereinander verbünden und sich nicht als Rivalinnen sehen. Das nährt das Patriarchat.

Tragen die Frauen in der Türkei also auch etwas zum Erhalt des patriarchalischen Systems bei?

Auf jeden Fall. Nebst der fehlenden Schwesterlichkeit spielt auch die Erziehung der Männer eine Rolle. Die Frauen erziehen ihre Söhne wie kleine Sultane. Buben werden schon von klein auf so behandelt, als wären sie für eine Familie wertvoller als Mädchen. Als junge Männer glauben sie dann, ihr eifersüchtiges und besitzergreifendes Verhalten gegenüber Frauen sei legitim. Doch auch auf den Männern lastet Druck. Sie müssen die Codes der Männlichkeit beherrschen. Das beginnt bereits bei der Beschneidung. Wenn das Mannwerden zelebriert wird, dürfen sie keine Ängste zeigen. Die Männer in der Türkei sind manchmal emotionaler als Frauen. Man schaue sich bloss die Politiker an. Um das Patriarchat in der Türkei zu brechen, müssen Frauen und Männer ihre Verhaltensmuster ändern.

Wie stehen Sie zur Verschleierung von Frauen in der islamischen Welt?

Ich bin nicht gegen die Verschleierung, solange es die freie Wahl der Frau ist. Und die beginnt für mich ab dem 18. Lebensjahr. Nicht einverstanden bin ich, wenn Kinder zur Verschleierung gezwungen werden. Ich bin grundsätzlich gegen Verschleierungsverbote, es sei denn, das Gesicht ist komplett verdeckt. Das geht schon aus Sicherheitsgründen nicht. Aber das Burkini-Verbot etwa schwächt einmal mehr die Frauen. So werden Frauen aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Und wir Feministinnen wollen sie ja in die Öffentlichkeit holen, weil ihre Männer sie am liebsten zu Hause einsperren. Solche Verbote spielen Fundamentalisten in die Hände. Sie können dann argumentieren, der Westen respektiere das Erscheinungsbild ihrer Frauen nicht.

In der Türkei aber war die Grenze zwischen Liberalität und Religiosität schon immer verschwommen. Gerade deswegen verbot Staatsgründer Atatürk die Kopftücher in staatlichen Institutionen.

Ich finde auch dieses Verbot ungut. Als ich in der Türkei an der Universität lehrte, waren die Kopftücher auf dem Campus noch verboten. Während die Frauen ihre Kopftücher ablegen mussten, durften Männer mit langen Bärten den Campus betreten, obwohl sie womöglich noch religiöser waren. Das ist kontraproduktiv in einer Gesellschaft, in der sich die Frauen ihre Räume ohnehin schon erkämpfen müssen. Es ist wichtig, dass Mädchen aus streng religiösen Familien die Bildung nicht verwehrt wird. Sie sollen Neues lernen, denken, durch den Kontakt mit anderen Menschen von verschiedenen Lebensweisen erfahren. Die Kopftuchdebatte hat in der Türkei sogar die Frauen untereinander gespalten. Mit dem Kopftuch wird man sofort schubladisiert. Dabei braucht es zwingend eine Frauenbewegung, die gemeinschaftlich handelt. Denn in der Türkei werden täglich Frauen Opfer häuslicher Gewalt, vergewaltigt oder ermordet – mit und ohne Kopftuch.

Glauben und Religion sind in einigen Ihrer Romane ein zentrales Thema. Welche Bedeutung hat Religion in Ihrem Leben?

Ich war nie praktizierende Gläubige. Organisierte Religionen mag ich nicht – weil sie sich über Regeln und die Abgrenzung zu anderen definieren. Von solchen Dingen fühle ich mich sehr weit entfernt. Dennoch interessiere ich mich sehr für Spiritualität und Glauben. Ich würde mich als Agnostikerin bezeichnen. Gott interessiert mich. Ich denke gern über Gottes Existenz nach.

Gott hat doch auch mit Religion zu tun.

Nein, für mich sind das zwei unterschiedliche Dinge, wie auch Spiritualität und Religiosität. Es gibt ein schönes Gedicht von Ibn al-Arabi. Darin wird einer nach seiner Konfession gefragt, und er antwortet: «Ich folge der Karawane der Liebe. Geht diese Karawane in eine Moschee, werde ich dort beten. Geht sie in eine Kirche, werde ich in der Kirche beten. Erreicht die Karawane eine Synagoge, werde ich in der Synagoge beten.» Und da Karawanen ja stets weiterziehen, werde sie auch Wälder und Wüsten durchqueren, also werde er auch dort beten. Ich fühle mich den Menschen nahe, die der Karawane der Liebe folgen.

Elif Shafaks neuester Roman, «Der Geruch des Paradieses», erschien im Verlag  Kein & Aber.