Das post-meritokratische Zeitalter

Ein Kommentar von Daniel Binswanger

Das Magazin N°15 – 15. April 2017

Zu den Büchern, die im Licht der Trump-Präsidentschaft prophetisch erscheinen, zählt ohne Zweifel «Twilight of the Elites: America After Meritocracy» von Christopher Hayes (in etwa: Elitendämmerung: das post-meritokratische Amerika). Der 2013 erschienene Essay zeigt, wie die explodierende Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft durch eine «meritokratische» Ideologie legitimiert wurde: Extreme Einkommensunterschiede werden damit gerechtfertigt, dass einzelne Individuen extrem viel leistungsfähiger seien als andere.

Ein steiles soziales Gefälle sei in Ordnung, da es dem Gefälle der Fähigkeiten entspreche. Ungleichheit aufgrund rassistischer, sexistischer oder homophober Diskriminierung wird scharf verurteilt, aber Ungleichheit aufgrund von Leistung wird euphorisch bejaht. Diese Haltung betrachtet Hayes als ideologischen Kern der Obama-Präsidentschaft. Obama selber, das farbige Kind einer alleinerziehenden Mutter, das es dank Eliteschulen und Harvardstudium ins höchste Amt der Welt schaffte, bezeichnet Hayes als «Krönung» der meritokratischen Wertehaltung.

Zugleich verdankt bereits Obama seinen Erfolg einer eigentlichen Elitendämmerung. Seine Amtszeit fällt in die Zeit nach der Subprime-Krise und dem Irakkrieg-Desaster, als die wirtschaftlichen und politischen Eliten der USA das Vertrauen der Bevölkerung weitgehend verloren hatten. Gewählt wurde Obama als Aussenseiter, als Anti-Establishment-Kandidat. Mit Trumps Präsidentschaft hat die Elitendämmerung ihr Ende gefunden.

Obwohl Trump das wohlhabendste Kabinett aller Zeiten berufen hat, ist der Anti-Establishment-Affekt die Kraft, die ihn ins Amt trug. Sein Erfolg erklärt sich auch aus rassistischen Affekten der weissen Unter- und Mittelschicht. In dieser Hinsicht ist Trump die Antithese zu Obama. Aber genauso wichtig ist, dass er als Aufrührer gegen Regeln, Institutionen und Werte auftritt, die in einer Glaubwürdigkeitskrise stecken. Die Trump-Regierung betreibt nicht nur postfaktische Propaganda. Sie ist post-meritokratisch.

Bemerkenswert ist Hayes’ Analyse des Misstrauens gegen das Mediensystem. Eine Bedingung dafür, dass wir einen vernünftigen Wirklichkeitszugang haben, ist, dass wir unseren Informationsquellen vertrauen. Wir wissen, dass die Erde eine Kugel ist, nicht deshalb, weil wir das selbstständig überprüfen, sondern weil wir Experten und Pädagogen Glauben schenken. Misstrauen führt nicht nur dazu, dass wir anderen böse Absichten unterstellen: Es führt schliesslich dazu, dass wir nicht mehr dieselbe Realität teilen. Die gegenwärtige Hochkonjunktur für Verschwörungstheorien hat viel mit der Blasenbildung auf Facebook zu tun. Wichtiger aber ist der Prestigeverlust bestehender Institutionen, etablierter Medien, öffentlicher Personen. Erst der Mangel an Vertrauen öffnet eine Welt der Paralleluniversen.

Die Trump-Präsidentschaft ist das schrillste Symptom der Vertrauenskrise, aber dasselbe Phänomen lässt sich in vielen anderen Demokratien beobachten. In der Schweiz taucht der Begriff «Vertrauenskrise» heute im Zusammenhang mit den Wirtschaftsverbänden und ihren sich häufenden Abstimmungsniederlagen auf. Es ist kein Zufall, dass bei uns primär die Wirtschaftsverbände von der Elitendämmerung betroffen sind.

Der Politologe Hanspeter Kriesi hat die Schweiz eine «Verbandsdemokratie» genannt. Die direkte Demokratie führt zu einer Relativierung der Macht politischer Institutionen, transferiert diese Macht aber nur indirekt an die Bevölkerung. Zunächst profitieren schlagkräftige, zivilgesellschaftliche Organisationen, in erster Linie die Wirtschaftsverbände. Economiesuisse ist eines der eigentlichen Machtzentren des Schweizer Systems.

Es handelt sich allerdings um eine Macht, die gerade deshalb weit reicht, weil sie nicht formalisiert ist. Es handelt sich um eine Überzeugungs-, Beeinflussungs-, Propagandamacht. Sie beruht zum einen auf Finanzkraft und zum anderen auf Vertrauen. Die informelle Verankerung dieser Macht ist bis anhin ihr grösster Trumpf gewesen, dürfte heute jedoch zu ihrer grössten Schwäche werden: Ist das Vertrauen hin, ist alles weg.

Bei Economiesuisse herrschen nun Strategie- und Personalquerelen, aber das Grundproblem wird sich so nicht lösen lassen. Die Vertrauenskrise ist systemisch. Wetten, dass die Verbände massiv an Bedeutung verlieren?