Warum gerade ich?

Eine Kolumne von Niklaus Peter

Das Magazin N°15 – 15. April 2017

Ein Medizinprofessor schildert in seiner Vorlesung den Fall eines etwa fünfzigjährigen Mannes: Über Nacht hatte dieser am ganzen Körper schmerzhafte und gefährliche Hautveränderungen und war mit alarmierend hohem Fieber ins Spital gekommen. Der Professor beschreibt die primären Effloreszenzen und die sekundären Infektionen, die Ergebnisse der Routineuntersuchungen, Blutwerte, Gewebeproben und Allergietests, diskutiert die möglichen Krankheitsbilder und sagt schliesslich, wegen der unklaren Diagnose könne er, von Schmerzlinderung abgesehen, keine kurative Radikaltherapie vorschlagen. Das Risiko sei zu gross.

Aufgrund vorgängiger Schicksalsschläge müsse man zudem psychosomatische Faktoren in Erwägung ziehen: Der erfolgreiche Geschäftsmann habe in einer Verkettung unglücklicher Umstände fast seinen gesamten Reichtum verloren, daraufhin seien seine gemeinsam feiernden erwachsenen Kinder bei einer Explosion umgekommen. Der Mann sei religiös, allerdings nicht fanatisch, sein Lebenswandel vorbildlich, Wohltätigkeit, soziales Engagement et cetera.

Die anfängliche Gelassenheit und Demut, mit der er die Schicksalsschläge akzeptiert habe, hätten zu einer Ehekrise geführt, jetzt sei er in einem Zustand emotionaler Verdüsterung und Rage. Irgendwie bringe er seine Krankheit mit Gott in Verbindung, nicht direkt, nicht kausal, aber er spreche davon, dass Gott ihm eine Antwort schuldig sei: weshalb gerade er? Er sei sich keiner Schuld bewusst. Es müsse doch eine Gerechtigkeit geben, irgendwo Zusammenhänge zwischen seinem Leben und der Krankheit. Doch die könne er beim besten Willen nicht sehen. Gott möge sie ihm gefälligst zeigen.

Wie würden Sie, fragt der Professor seine Studenten, reagieren? Was schlagen Sie vor? Und übrigens – fügt er dann an: Der Mann heisst mit vollem Namen Hiob und lebte vor 3000 Jahren in Uz.

Man kann sich vorstellen, wie die zuvor brav mitschreibenden Medizinstudenten hellwach wurden – mein Bruder hat mir die Geschichte erzählt, er war einer von ihnen.

Hiob aus Uz im heutigen Irak, wo über Nacht Familienfirmen zunichte werden, wo feiernde Geschwister von «sunnitischen» oder «schiitischen» oder «christlichen» Bomben getötet werden – Hiob, vor 3000 Jahren, er lebt mit seiner Not auch heute, das hat der Professor mit seiner Fallgeschichte ins Bewusstsein gerufen.

Und jetzt wären wir mitten in der biblischen Hiobdichtung, stünden vor diesem Mann mit seinem Leiden und seinen Fragen, würden jetzt die drei Freunde Hiobs auftreten sehen: Eliphas, Bildad und Zofar, wie sie zuerst schweigend neben ihm sitzen, ihm so ihre Anteilnahme zeigen, bis sie seine Trauer, seine Wut, seine Ausfälle gegen Gott nicht mehr aushalten. Und ihn jetzt davon überzeugen wollen, dass irgendwo doch eine Schuld, vielleicht eine verborgene, vorliegen müsse – um dergestalt ihren eigenen Glauben auf Hiobs Rücken und Leiden zu stabilisieren. In der «Gottesrede» (Kap. 42.7) wird die Theologie dieser Freunde scharf kritisiert.

Eines der radikalsten Bücher der Bibel. Lektüre lohnt sich.