Wie geht es dir?

Eine Kolumne von Katja Früh

Das Magazin N°15 – 15. April 2017

Ach, diese Frage. Nie habe ich gelernt, darauf so zu antworten, wie es sich gehört. Mit einem kurzen, knappen «Gut» nämlich. Ich fasle etwas Kompliziertes vor mich hin, was keine Sau interessiert. Sogar wenn ein Amerikaner «How do you do?» sagt, gebe ich mir Mühe, eine ehrliche, präzise Antwort zu geben. Die ich dann auch noch hinterfrage und korrigiere. Vielleicht etwa so: «Danke der Nachfrage, wie nett von dir. Was soll ich sagen? Gestern ging es mir ganz gut, bis gegen Abend, da wurde ich leicht melancholisch, Gott sei Dank war das TV-Programm einigermassen erträglich. Obwohl, ich hatte ziemliche Rückenschmerzen, also nicht mehr so schlimm wie früher, aber doch nervend. Heute Morgen war meine Stimmung dann besser, allerdings lief das Schreiben nicht so gut, ich hätte besser an die frische Luft gehen sollen oder mit meinem Enkel spielen, du weisst ja, ich bin jetzt Grossmutter, es ist total entzückend …» usw. Nicht, dass ich ein so besonders intensives Kontaktbedürfnis habe, aber schliesslich, er/sie hat ja gefragt … Idiotischerweise nehme ich immer wieder an, mein Gegenüber sei tatsächlich an meiner Befindlichkeit interessiert. In letzter Zeit habe ich mich etwas gebessert. Manchmal gebe ich ein «Hmm, auf und ab» zur Antwort oder ein «Ganz okay». Ich könnte natürlich auch sagen: «Es muess». Wozu haben wir denn unseren Dialekt? «Es muess» ist doch toll, das klingt nach einem harten Leben, in dem man sich Mühe gibt, nicht aufzugeben, nach Tapferkeit und Demut. «Es muess» ist aber auch nüchtern und realistisch, denn es stimmt ja, es muss. «Ordeli» ist auch schön. Es geht «ordeli». Alles geht seinen Gang, ich habe den Überblick, nichts Unvorhergesehenes bringt mich vom Weg ab. Lieber Langeweile als Unordnung. Ein lockeres «Cha nöd chlage» geht auch immer. Ich würde zwar gern, heisst das wohl, weiss aber nicht genau, worüber. Oder, ich weiss genau, worüber, ich könnte endlos klagen, aber ich verbiete es mir, es gehört sich nicht, es geht die andern nichts an. Ein leicht resigniertes «Ja, ja, mier müend halt au luege» ist auch eine perfekte Antwort. Damit kann man zum Ausdruck bringen, dass man nur knapp über die Runden kommt. Und dass man sich darüber im Klaren ist, zur grossen Mehrheit zu gehören, zur Masse, was einem allerdings auch ein gewisses Gefühl der Geborgenheit vermittelt.

Ich selbst werde weiter daran arbeiten, die Frage nach meinem Befinden immer nur mit «Gut» zu beantworten. Denn es stimmt ja: Global gesehen, geht es mir gut. Und der Fragesteller ist sicher froh.