Von Christof Gertsch

Et Cetera N°13 – 22. April 2017

Die Frau marschiert los, geht immer weiter, und als sie stehen bleibt, sägt sie ein Loch ins Eis, etwa zwei auf zwei Meter. Sie legt die Säge zur Seite und setzt sich im Schneidersitz auf ein Kissen. Sie schliesst die Augen, vertreibt alle Gedanken, atmet. Atmet ein und hält die Luft an, nicht länger als fünfzehn Sekunden, und atmet aus. Sie wartet, bis der Tauchreflex einsetzt, dieser Schutzmechanismus des Körpers, der die Atmung sistiert, den Puls verlangsamt und den Blutkreislauf zentralisiert, von den Extremitäten zum Bauch- und Brustraum, vorwiegend zur Lunge. Sie rutscht mit dem Kissen an den Rand des Lochs heran und geht auf die Knie, legt sich die Schwimmbrille parat und entledigt sich der Handschuhe, der Kappe und des Schals. Sie steht auf und schlüpft aus dem Parka, der Hose und dem Pulli. Sie zieht die Schwimmbrille über den Kopf und zupft das Badekleid zurecht. Sie richtet den Blick auf das Loch und springt hinein, Füsse voran und kerzengerade. Sie schwimmt los.

Über ihr das Eis wie eine dräuende Decke, dreissig bis hundert Zentimeter dick. Unter ihr die schiere Unermesslichkeit, stellenweise bis zu neunzig Meter tief.

Ich bin wegen der Stille gekommen, aber jetzt ist überall Lärm. Die Strassenbahn quietscht um die Kurve, als würden gleichzeitig tausend Kreidestifte über eine Schiefertafel gezogen. Der Lastwagen poltert übers Kopfsteinpflaster, als wäre er eine Pferdekutsche mit drei Rädern. Und beim Fussgängerstreifen klackert die Blindenampel, als ahme sie ein riesiges und nie innehaltendes Metronom nach. Taxis hupen, der Wind bläst, und in der Einkaufsstrasse wird man von Lautsprecherstimmen in die Geschäfte gepeitscht.

In einem Café im Esplanadparken im Zentrum von Helsinki sitzt Johanna Nordblad, 41-jährig. Es ist ein Nachmittag im Dezember, dunkel und kalt.

Sie ist die Frau mit der Säge. Ist Designerin von Beruf. Für ihre Kundschaft zeichnet sie tanzende Igel, eislaufende Füchse, Ski fahrende Hasen. Ihr Alltag besteht darin, dass sie von einem Termin zum nächsten hetzt, von Meeting zu Deadline, irgendwas ist immer. Sie hat einmal eine Werbeagentur besessen, da wars noch viel hektischer, und nachdem sie sie verkauft hatte, arbeitete sie drei Jahre lang nichts.

Aber vor ein paar Monaten ist ihr das Geld ausgegangen, darum nimmt sie wieder Aufträge entgegen. Wenn sie wünschen dürfte, würde sie nie mehr arbeiten, nur noch abtauchen. Man könnte meinen, ihr Leben sei eine Flucht. In Wahrheit ist es ein Ankommen.

Johanna Nordblad ist Eistaucherin. Die beste Eistaucherin der Welt. Sie sägt Löcher in den See, springt hindurch und verschwindet in der Endlosigkeit.

Anderthalb Minuten lang. In zweigrädigem Wasser. Fünfzig Meter weit. Bis zum nächsten Loch. Ohne Sauerstoffgerät, ohne Neoprenanzug, ohne Flossen: Nie ist eine Frau unter dem Eis weiter getaucht als Nordblad am 14. März 2015, einem Samstag, im Päijänne, dem längsten und zweitgrössten See Finnlands. Im Herbst 2016 ist ihr Versuch mit dem «Guinness World Record»-Siegel versehen worden, seither ist ihr Status offiziell. Und seither fragt sie sich: Ginge es weiter?

Sie sagt, sie tauche nicht des Rekords wegen, aber auch: «Ja, es ginge weiter.» Der Rekord der Männer liegt bei 250 Fuss oder 76,2 Metern, aufgestellt am 20. Oktober 2013 von Stig Severinsen, einem Dänen. «Ich glaube, das schaffe ich.» Nicht indem sie länger unten bleibt, aber indem sie schneller schwimmt.

Eistauchen ist eine spezielle Form des Freitauchens, oder auch: Apnoetauchens. Das Gemeinsame: Keine Hilfsmittel sind erlaubt. Der Unterschied: Freitauchen fängt schön an, und je länger man die Luft anhält, desto schmerzhafter wird es. Eistauchen fängt schmerzhaft an, und je länger man unten bleibt und je besser man sich an die Kälte gewöhnt, desto schöner wird es. Freitaucher gelten als eine Art Helden, spätestens seit «Im Rausch der Tiefe», dem Kultfilm von Luc Besson aus dem Jahr 1988. Eistaucher sind Spinner.

Nicht wahr, Frau Nordblad?

Johanna Nordblad lacht. Sie lacht ständig, den ganzen Abend lang, den wir in diesem Café verbringen, lacht aus Verlegenheit und aus purer Freude. Und vielleicht auch ein bisschen aus Stolz. Sie sagt: «Wenn du Eistaucherin bist, musst du das Schweigen aushalten.»

Können nur Finnen schweigen?

In einer Folge der amerikanischen Fernsehserie «Justified» kommt der Held, ein reihenweise Verbrecher abknallender US-Marshall, abends nach Hause. Seine Ex-Frau, die jetzt gerade wieder seine Frau ist, liegt im Bett und fragt: «Wie war dein Tag?» – Er: «Geht so.» – Sie: «Erzähl mir bitte, wie dein Tag war.» – Er: «Du willst es nicht wissen.» – Sie: «Doch.» – Er: «Ein Mann hat seine Pistole auf den Bauch einer schwangeren Frau gerichtet und gedroht, sie zu erschiessen. Mein Partner hat ihm eine Kugel in den Kopf gejagt.» – Sie: «Damit kann ich umgehen. Womit ich nicht umgehen kann: Schweigen.»

Und im Buch «That’s Not Me», das vom finnischen Schweigen handelt, ist folgende Geschichte zu lesen: Eine Finnin lässt sich von einem befreundeten Amerikaner durch die herbstlichen Appalachen chauffieren, die vielen Farben, es ist wundervoll. Die Finnin schaut aus dem Fenster und sagt kein Wort. Als der Amerikaner die Stille nicht mehr aushält, fährt er rechts heran. «Jetzt ist genug!», sagt er. »Sag mir, was dich stört!»

Autor dieses Buches ist Michael Berry, ein an der Grenze zu Mexiko aufgewachsener Amerikaner, der seit den 1970er-Jahren in Finnland lebt, zuerst als Austauschprofessor, dann als Dozent für Englisch, Geschichte und interkulturelle Beziehungen an der School of Economics in Turku und zwei weiteren Universitäten. Er ist mit einer Finnin verheiratet und hat drei Kinder, und so ziemlich alles, womit er sich als Wissenschaftler beschäftigt, hängt mit Finnland zusammen. Über die Frage, warum die USA während des Zweiten und des Kalten Kriegs derart gute Beziehungen zu Finnland unterhielten, hat er einst doktoriert. Und die Frage, wie versteckte kulturelle Bedeutungen sichtbar gemacht und sprachliche und kulturelle Hürden überwunden werden können, treibt ihn bis heute um.

Berry ist einer dieser Menschen, die irgendwann im Leben ein Thema entdecken und diesem Thema dann ihr Leben widmen. Und er ist ein Herzensmensch. Es hat etwas Grossväterliches, wie er mit mir spricht, und auch etwas Begeistertes. Jedes Gespräch, das wir während meines Finnlandaufenthalts und danach führen, eröffnet er mit Fragen nach meiner Familie und meinem Wohlbefinden, und wenn ich zu Ende berichtet habe, erzählt auch er von Familie und Wohlbefinden. Aber das ist noch nicht der Grund, warum unsere Gespräche so lange dauern, viel länger als abgemacht, und warum immer weitere Gespräche nötig werden, Gespräche am Telefon und via E-Mail, und warum er diese Gespräche oft mit der Ankündigung beschliesst, mir weiterführende Dokumente zuzusenden, wissenschaftliche Arbeiten, Vorlesungsprotokolle, Essays.

Der Grund ist, dass Berry das Phänomen des finnischen Schweigens für schwer vermittelbar hält. Das liegt, wie er wiederholt erklärt, daran, dass zwischen dem finnischen comfort with quietness und dem nicht-finnischen discomfort with silence zu unterscheiden sei, zwischen dem Behagen, das viele Finnen dem Schweigen gegenüber empfinden, und dem Unbehagen, das viele Nicht-Finnen dem Schweigen gegenüber empfinden. Er benutzt absichtlich einmal quietness und einmal silence – denn die Schwierigkeit, über das finnische Schweigen zu reden, fängt schon damit an, dass das Wort «Schweigen» im Finnischen nicht exakt dasselbe meint wie beispielsweise im Amerikanischen, Französischen, Deutschen. Und damit ist über die teilweise komplett verschiedenen Bedeutungen, die Finnen und Nicht-Finnen dem Schweigen zusprechen, noch gar nicht geredet.

Badetemperatur zwei Grad: Johanna Nordblad, ausnahmsweise im Neoprenanzug. (Bild: IAN DERRY / CHILLI MEDIA)

Depressiv und isoliert vs. still und grüblerisch

Berry ist pensioniert, aber an der Universität Turku hält er noch immer Seminare, und noch immer zeigt er in einer der ersten Lektionen dieser Seminare den Film «Tango Finlandia», eine von Amerikanern gedrehte und damit im amerikanischen Bezugssystem des discomfort with silence situierte Dokumentation über Leben und Kommunikation der Finnen. Der Film ist voller Klischees, ein einziges Scheitern – aber er verhilft Berry relativ früh im Kurs zu einem Aha-Erlebnis unter den Studierenden. Wenn er nämlich fragt, wie die Finnen im Film gewirkt hätten, sagen die Nicht-Finnen: depressiv, trauernd, isoliert. Und die Finnen sagen: still, melancholisch, grüblerisch.

Nicht-Finnen assoziieren mit dem Schweigen eine Form der Nicht-Kommunikation, sie empfinden schweigende Menschen tendenziell als asozial und unhöflich – das ist die Ausgangslage, mit der sie über finnisches Schweigen urteilen. «Das ist kultureller Imperialismus», sagt Berry. «Wir müssen uns bewusst sein, dass wir unsere Kultur und unsere Gewohnheiten stets miteinbeziehen, wenn wir über andere Kulturen und Gewohnheiten reden.»

In Berrys Seminaren finden seit Jahren sowohl finnische als auch nicht-finnische Studierende zusammen. Aber er betrachtet sie nicht nur als seine Schülerinnen und Schüler, sondern auch als seine Lehrerinnen und Lehrer – und als eine Art Untersuchungsobjekt. Er lässt sich von den Finnen die «Kultur des Schweigens» und von den Nicht-Finnen die «Kultur des Sprechens» erklären, immer wieder. Der Vergleich der Wortmeldungen, die er zusammenträgt, sind dem Verständnis für unterschiedliche Kommunikationsformen wahrscheinlich zuträglicher als jede theoretische Analyse.

Wie Amerikaner reden und wie Finnen reden

Amerikanische Kommunikationsnormen: «Halte das Offensichtliche fest, um sicherzugehen, dass alle informiert sind.» – «Wer kontroverse Themen und Meinungen anspricht, kreiert eine maximal stabile Basis für Kommunikation.» – «Wer laut nachdenkt, hilft anderen und auch sich selbst beim Denken.» – «Sei offen, indem du über deine Gefühle sprichst.» – «Versuche zu vermeiden, dass sich andere durch dein Schweigen unbehaglich fühlen.» – «Bringe die Dinge mit Reden ins Laufen.»

Französische Kommunikationsnormen: «Sprich über das Falsche, um die Wahrheit zu erfahren.» – «Es ist wichtig, sich zu streiten, sich zu hänseln und mit anderen zu debattieren.» – «Ohne Streit ist es langweilig.» – «Zögere nicht, jemanden zu unterbrechen, wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast.» – «Wenn du jemanden unterbrichst, zeigst du, dass du dich einbringen willst.» – «Augenkontakt bedeutet, dass du zuhörst und interessiert bist.» – «Standpunkte, die auf Gefühlen basieren, sind glaubwürdig.»

Finnische Kommunikationsnormen: «Rede nicht um des Redens willen, und streite dich nur, wenn es wichtig ist.» – «Mische dich nur ein, wenn du einen guten Grund dafür hast.» – «Es ist sinnlos, das Offensichtliche zu diskutieren.» – «Komm auf den Punkt.» – «Beobachte, höre zu und denke nach, wenn du dafür respektiert werden willst, etwas Nützliches zu sagen.» – «Wenn du etwas sagst, ist es wie ein Versprechen.» – «Starre die Leute nicht an, wenn du sprichst.» – «Von Emotionen fühlen sich alle angesprochen, aber nicht vom Reden.» – «Finnische Höflichkeit ist passiv und besteht darin, andere Menschen in Ruhe zu lassen.» – «Wenn du die Meinung deines Gegenübers infrage stellst, stellst du ihn auch als Menschen infrage.» – «Zuhören heisst, still zuhören.» – «Stille ist Harmonie.» – «Mit anderen Menschen zusammen zu sein, aber nicht mit ihnen zu reden, bedeutet Entspannung.» – «Geschwätzigkeit steht für Unzuverlässigkeit.» – «Es gibt vieles, was ohne Worte gesagt werden kann.»

Die Unterschiede zwischen der «Kultur des Sprechens» und der «Kultur des Schweigens» sind riesig. Aber das eine ist nicht besser als das andere. Wenn Nicht-Finnen sagen, den Finnen fehle die Fähigkeit zum Smalltalk – dann formulieren sie das nur darum als Mangel, weil sie in der «Kultur des Sprechens» das Allgemeine und in der «Kultur des Schweigens» das Spezielle sehen. Genauso gut könnten Finnen sagen, den Nicht-Finnen fehle die Fähigkeit zum Innehalten. Und auch das wäre nicht richtig. Wenn Gegensätze zu Wertigkeiten werden, liegt das daran, dass gemeinsame Worte und Kategorien fehlen. Oder wie es ein amerikanischer Student in einem von Berrys Seminaren einmal geschrieben hat: «Ich dachte, die Finnen seien schweigsam, weil sie ihre Gefühle verbergen wollen. Vielleicht ist es andersherum. Vielleicht reden wir Amerikaner so viel, weil wir unsere Gefühle überdecken wollen. Ein Amerikaner, der sich öffnen will, benutzt Worte. Ein Finne, der sich öffnen will, bemüht sich zuallererst darum, seine Empfindungen nicht hinter Worten zu verstecken.»

Man kann es auch so sagen, sehr verkürzt und natürlich sehr vereinfacht (und wahrscheinlich so gar nicht im Sinne Berrys): Amerikaner reden, um Raum zu schaffen. Finnen schweigen, um Raum zu lassen.

Oder man kann es in Berrys Worten sagen. In einem unserer vielen Gespräche erzählt er mir von seiner Hochzeit, die einmal auf Finnisch und einmal auf Englisch begangen wurde, beide Male in einer evangelisch-lutherischen Kirche. Bei der englischen Hochzeit, sagt Berry, sei das Wort «Versprechen» ein zentraler Bestandteil des Gelübdes gewesen, in der finnischen Version dagegen sei das Wort nicht einmal vorgekommen. «Das finnische Wort für Liebe ist derart stark, dass das Versprechen bereits darin enthalten ist.»

Unter dem Eis

Manchmal, wenn es besonders kalt ist, kann Johanna Nordblad das Knacken des Eises hören, Töne wie Nadelstiche, kurz und spitz. Und manchmal, wenn es etwas wärmer ist, kann sie das Schmelzen des Eises hören, Geräusche wie Walgesänge, lang und flach. Aber meistens hört sie nichts, totale Stille. Und im Winter sieht sie auch nichts, totale Dunkelheit, sie sagt: «Ich könnte die Augen genauso gut geschlossen halten.» Aber im Frühling, wenn die Eisdecke dünner wird, können die Augen plötzlich nicht mehr genug von dem Farbenfest bekommen. Dann ist es, wie wenn man eine blaue Murmel ins Licht hält und direkt hindurchblickt.

Kalt ist es immer, aber Nordblad lässt die Kälte nicht an sich heran. «Kopfsache», sagt sie. Und als ich frage, was das heisst, flüstert sie geheimnisvoll: «Es gibt Dinge, die man nicht erklären kann. Oder nicht erklären will.»

Sie spürt das Wasser auf ihrem Körper, von den Fingerbeeren bis zu den Zehenspitzen, und sie weiss, dass sie nicht zu lange bleiben darf. Sie weiss, dass sie hier nicht hingehört. Sie hat sich nie eingeredet, ins Wasser zu gehören und sonst nirgendwohin. Sie ist nicht wie Jacques, eine der beiden Hauptfiguren in «Im Rausch der Tiefe». Am Ende des Films, es ist tiefe Nacht, bricht Jacques zu einem letzten Tauchgang auf – und kehrt nicht zurück. Er bleibt, wo die Delfine sind, sie sind das Ziel seiner Sehnsucht.

Sechseinhalb Minuten Luft anhalten

Nordblads Sehnsucht ist die Ruhe. Als ihr Sohn klein war, ging sie mit ihm oft ins Hallenbad, aber sie ertrug den Lärm im Kinderbecken schlecht, weshalb sie zu ihrem Sohn sagte: «Lass uns so tun, als ob ich dein Surfbrett wäre.» Sie legte sich flach hin und hielt den Kopf unter Wasser, und der Sohn kraxelte auf ihren Rücken und rief: «Mama ist mein Surfbrett!»

Wenn sie sich nicht bewegt, kann Nordblad sechseinhalb Minuten lang die Luft anhalten.

Zum Tauchen gefunden hat sie durch einen Gutschein, mit dem sich eine Tauchschule bei ihr für die Arbeit ihrer Agentur bedankte. Das war in den 1990er-Jahren, und es war, was Nordblad heute als erstes von drei Erweckungserlebnissen bezeichnet. Sie fing zu tauchen an, wie es die meisten tun, wenn sie sich in einem Ferienresort auf den Malediven oder sonstwo für einen Anfängerkurs einschreiben: mit Sauerstoffflasche und allem Drum und Dran. Ein paar Jahre später wurde der erste finnische Freitaucherclub gegründet. Nordblad trat bei und erfuhr ihr zweites Erweckungserlebnis, das Tauchen ohne Hilfsmittel und Ballast, nur sie und das Wasser. Nur sie und das, was ihre Lungen hergeben.

Das dritte Erweckungserlebnis folgte auf einen Unfall. Nordblad, die auch noch für ihr Leben gern Motocross fährt, hatte sich bei einem Sturz mit dem Motorrad schwer verletzt. Der Genesungsprozess zog sich hin, und um ihn voranzutreiben, verschrieben ihr die Ärzte Eisbäder. Zuerst legte sie das kaputte Bein eine Minute ins Eisbad, dann fünf Minuten, dann zehn. Sie staunte über das wohlige Glück, das sie dabei durchfuhr. Und als sie, wieder gesund, zum ersten Mal unter einer Eisdecke tauchte, staunte sie über die neue Welt, die sich ihr offenbarte, eine Welt noch zauberhafter und abgeschiedener als beim normalen Freitauchen, «die wahre Freiheit», wie sie sagt.

Nordblad ist überall auf der Welt getaucht, hat zwischendurch auch an Wettkämpfen teilgenommen, an Weltmeisterschaften, sie war Mitglied des Nationalteams. Die Wettkämpfe haben ihr wegen der Stimmung gefallen, die unter den Taucherinnen und Tauchern herrscht, das Kompetitive am Tag, die Lagerfeueratmosphäre in der Nacht, und natürlich wegen der schönen Spots, an denen sie durchgeführt werden. Aber eigentlich hat sie die Wettkämpfe vor allem dafür geschätzt, dass sie ihr die Grenzen aufzeigten. Eine eiserne Taucherregel besagt, dass man immer mindestens zu zweit tauchen sollte. Nordblad taucht lieber allein, also hat sie die Regel an ihre Bedürfnisse angepasst. Ihre persönliche Regel besagt, immer höchstens halb so tief oder halb so weit zu tauchen, wie sie es könnte.

Es gibt Wettkämpfe, in denen man so tief wie möglich taucht, und solche, in denen man so weit wie möglich taucht. Im warmen Wasser liegt Nordblads Tiefenrekord bei 56 Metern, der Weitenrekord bei 137 Metern. Je tiefer man taucht, desto geringer ist der Sauerstoff, der einem zur Verfügung steht, weil der Druck die Luft in den Lungen zusammenpresst. Aus fünf Litern werden in zehn Metern Tiefe drei Liter und in dreissig Metern Tiefe 1,25 Liter; in fünfzig Metern Tiefe schrumpfen fünf Liter zu einem Liter.

Im Winter unter dem Eis, im Sommer vom Kajak aus: Nordblad taucht ab und kommt hoch und holt Luft und taucht wieder ab, ein ums andere Mal, manchmal stundenlang. Die Tauchgänge verschmelzen zu Ewigkeiten, «du verlierst jedes Zeitgefühl», sagt sie, und mit jedem Tauchgang nimmt sie einen neuen Eindruck mit, ein Bild, ein Geräusch, ein Nichts.

«Nimm einen tiefen Atemzug, und stell dir vor, du würdest ins Wasser springen. Das Wasser ist erfüllt von Licht, es erfüllt deinen Geist. Jetzt öffne die Augen. Um dich herum ist alles blau. Lausche. Und lebe das Wohlgefühl, das dir das Dasein im Wasser vermittelt. Es ist sinnlos, es zu leugnen, und vielleicht ist es sogar sinnlos, nach dem Warum zu fragen – aber du bist glücklich.»

So steht es in «Blue Mind», einem Buch des amerikanischen Wissenschaftlers Wallace J. Nichols, das davon handelt, dass wir zufriedener, gesünder und erfolgreicher sind, je öfter wir uns im und am Wasser aufhalten. Einen Abend lang hat mir Nordblad im Café im Esplanadparken zu erklären versucht, worin für sie die Anmut des Tauchens bestehe. Am Ende hat sie aufgegeben, «alles Reden darüber ist irgendwie unzulänglich», und mir dieses Buch empfohlen, das sie x-fach gelesen habe. Und dann hat sie sich verabschiedet und mich zum nahe gelegenen Hafen geschickt. Dort, gegenüber dem Rathaus, befinde sich ein Freibad mit zwei Becken, hat sie gesagt. Das eine Becken sei geheizt. Und das andere?

Die Strassenbahn. Der Lastwagen. Die Blindenampel. Taxis, Wind, Lautsprecherstimmen. Dunkel und kalt.

«Du musst die Ruhe in dir spüren»

Es ist nicht schwer, die Becken zu finden. Aus jenem, das geheizt ist, entweichen Dampfschwaden, viele Meter hoch, und aus dem anderen, dem offensichtlich ungeheizten, entweichen Schreie, solche der Entgeisterung ebenso wie des Entzückens. Einer Anzeigetafel beim Eingang entnehme ich, dass die Temperatur im geheizten Becken 27 Grad beträgt, jene im ungeheizten 2 Grad. Und in einer Broschüre, die mir der Mann hinter der Kasse aushändigt, steht, dass das Wasser im ungeheizten Becken von weit draussen komme, von weit draussen in der Ostsee werde es hierhergepumpt, und weiter: «Erleben Sie die authentische Eisschwimmen-Erfahrung!»

Ich zögere. Und wie ich so auf das Becken blicke und mich mit der Idee anzufreunden versuche, ins eiskalte Wasser zu springen, merke ich, wie der Lärm der Stadt leiser wird. Und ich merke, wie ich mir vorstelle, dass ich mich nicht in Helsinki befinde, sondern am Ufer des zugefrorenen Päijänne. Ich marschiere los, und als ich stehen bleibe, säge ich ein Loch ins Eis, etwa zwei auf zwei Meter. Ich lege die Säge zur Seite und setze mich im Schneidersitz auf ein Kissen. Ich schliesse die Augen, vertreibe alle Gedanken, atme.

«Es ist nicht das Wasser, das mich zur Ruhe kommen lässt, sondern die Vorbereitung darauf», hat Johanna Nordblad gesagt. «Du musst die Ruhe in dir spüren, bevor du dich ins Wasser begibst, sonst gerät alles durcheinander. Du hast nicht genug Luft, verlierst die Fassung, bekommst Angst. Das ist, was ich am Tauchen mag: dass die Anstrengung zuerst kommt. Erst wenn du die Anstrengung hinter dir hast, darfst du abtauchen. Du musst von Reinheit umgeben sein, bevor du bereit bist für die Reinheit unter dem Eis.»

Ich war wegen der Stille gekommen, und ich hatte gedacht, man könne mir das finnische Schweigen erklären wie die Abseitsregel im Fussball oder eine Eröffnung im Schach. Ich hatte keine Ahnung. Stille ist nicht gleich Stille. Die Stille, von der sie in Finnland reden, ist die Stille, die in dir steckt.

Und wenn du sie gefunden hast, und seis nur für einen kurzen Moment, ist es egal, wie laut es um dich herum ist.