Von Elif Shafak

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Ich war ein schwieriges, einsames Kind, unsicher und von Ängsten geplagt. In sich gekehrt, schüchtern, verschlossen. Eine Fremde im eigenen Mutterland, die sich nirgends wirklich zu Hause fühlte. Die Bücher waren meine besten Freunde. In jedem Roman entdeckte ich ein Universum, viel bunter und realer als das, in dem ich lebte. Die Bücher bewahrten mir meinen Verstand. Sehnte ich mich nach einer anderen Welt, die unendliche Schönheit und Freiheit versprach, suchte ich Zuflucht in Geschichten.
Das Land der Geschichten, das war meine Heimat.
Ich begann früh zu lesen, war von Natur aus neugierig. Doch während ich mir das Lesen schon mit etwa fünf Jahren im Wesentlichen selbst beigebracht hatte, ging es mit dem Schreibenlernen quälend langsam voran. In der Grundschule in Ankara bestand meine erste Klasse aus sechsundvierzig Kindern. Die Schüler, die gut lesen und schreiben lernten, wurden von der Lehrerin mit einem roten Band belohnt, das sie sich stolz an die Uniform hefteten. Am Ende des Schuljahres gehörte ich zu den wenigen Kindern, die noch immer kein rotes Band hatten.
Das Problem war meine Linkshändigkeit. Ein genetisch bedingter Makel, der der Lehrerin zufolge mit Beharrlichkeit und Anstrengung korrigiert werden musste. «Den Stift immer schön in der rechten Hand, sonst schreibst du nur düstere Dinge!», wurde mir eingeschärft.
Ich bekam Angst. Ich dachte mir gern Geschichten aus, aber sie hatten alle etwas leicht Düsteres. Das also ist der Grund, sagte ich mir – dass ich Linkshänderin bin. Aber daran etwas zu ändern, fiel mir so schwer! Nicht ich selbst zu sein, fiel mir so schwer!
Ich sah mir die Hände der Lehrerin ganz genau an. Ihre Fingernägel waren perfekt manikürt und in hellen Brauntönen lackiert. Kinder, die unfolgsam waren, packte sie mit ihren langen Fingernägeln am Ohrläppchen und zog ihn oder sie vom Stuhl hoch. Da ich diese Prozedur einige Male selbst erduldet hatte, wusste ich, wie schmerzhaft sie war. Hatten gleich mehrere Schüler den Zorn der Lehrerin auf sich gezogen, wandte sie eine andere Technik an. Wir mussten uns, die Arme vor uns ausgestreckt, in einer Reihe aufstellen; dann schlug sie mit ihrem dicken, langen Holzlineal nacheinander jedem auf die nach oben gekehrten Handflächen. Das tat sogar noch mehr weh. Ich hatte Angst vor ihr.
Eines Tages nahm sie mich zur Seite und fragte: «Warum schreibst du noch immer mit links?» Ich sagte, ich könne nicht anders, weil meine linke Hand der rechten jedes Mal zuvorkomme. Die Lehrerin riet mir, die Linke «ins Exil zu schicken», indem ich sie ständig unter dem Pult hielt. Exil – dieses Wort hatte ich noch nie gehört.
Von nun an blieb meine linke Hand unter dem Pult, wo sie ungeduldig, unerwünscht und unwillkommen herumzappelte. Die Fenster im Klassenzimmer waren zur Hälfte schmutziggrau angestrichen, um zu verhindern, dass die Kinder hinaussahen und sich in Tagträumen verloren. Ich starrte auf die Risse in der Farbe, hinter denen der herrlich blaue Himmel zu erahnen war, und hasste die Schule aus tiefstem Herzen.
Im Sommer jenes Jahres liessen sich meine Eltern scheiden. An meinem Alltagsleben änderte das nicht viel, denn sie hatten bereits getrennt gelebt, und ich hatte meinen Vater schon seit Jahren nicht gesehen. Ich weiss nicht, wessen Idee es war, aber irgendwer beschloss, dass ich die eine Sommerhälfte bei meiner Grossmutter väterlicherseits, die andere bei der Grossmutter mütterlicherseits verbringen sollte. Und dann begann der heisseste, längste Teil des Jahres.
Die Mutter meines Vaters lebte in Smyrna. Ich traf mit einem kleinen orangeroten Koffer bei ihr ein, der ein Paar Schuhe, mehrere Kleider und Shorts, meine Sammlung internationaler Briefmarken, meine Sammlung toter Insekten sowie einige Lieblingsbücher enthielt: «Alice im Wunderland», «Robinson Crusoe», «Betty und ihre Schwestern».
Meine Grossmutter war eine strenge Frau; gross und dünn und, wie ich bald herausfinden sollte, sehr religiös. Als Erstes öffnete sie meinen Koffer und inspizierte den Inhalt, wobei sie ihren Missmut nicht verhehlte. Meine Kleider befand sie für zu kurz, die Shorts als geradezu unanständig. Die Briefmarken- und die Insektensammlung hielt sie für zu jungenhaft, so etwas passe nicht zu einem Mädchen. Ebenso wenig gefielen ihr die Bücher, die ich las. Anstatt meine Zeit mit dem «westlichen Zeug» zu verschwenden, solle ich lieber etwas über unsere Kultur lernen und mich im Kochen, Putzen und in anderen nützlichen Tätigkeiten üben, die mir später im Leben helfen würden. Und beten sollte ich lernen, da ich jeden Moment sterben könne – jeder könne jeden Moment sterben –, und wer im Leben nicht genug gebetet habe, komme direkt in die Hölle. Ob ich denn nicht wisse, fragte sie, dass die Hölle voller kleiner Feuer sei, über denen kochende Kessel mit den vergeblich schreienden und wehklagenden Sündern hingen?
Jeden Morgen erzählte sie mir von den diversen Strafen Allahs. Ihr Gottesbild war das des Erhabenen; ihr Gott war unnachgiebig, wachsam, richtend. Ein Auge, das vom Himmel aus alles sah, ohne je auch nur zu blinzeln.
Grossmutter hatte bemerkt, dass ich Linkshänderin war, und meinte: «Das muss sich ändern.» Auf den Schultern jedes Menschen, erklärte sie mir, sitze rechts und links je ein Engel, der alle Handlungen, Gedanken und gesprochenen Worte aufschreibe. Der Engel auf der rechten Schulter notiere sich die Tugenden und guten Taten, der Engel auf der linken die Laster und Sünden. Deshalb sei die rechte Seite eindeutig die bessere, und ich beginge eine Sünde, wenn ich den Stift nicht in der Rechten hielte. Auch allein in meinem Zimmer dürfe ich keinesfalls schummeln, denn Gott sehe alles.
«Und im Bad? Sieht er mich da auch?», fragte ich, peinlich berührt.
«Aber natürlich, Dummerchen. Er sieht dich ständig.»
Ich wollte nicht, dass Gott mich ständig sah. Ich wollte wenigstens ein kleines bisschen Privatsphäre.
Die Wochen bei meiner Grossmutter väterlicherseits waren eine Schreckenszeit. Sie behauptete, das Licht unter den Rolltreppen in den Einkaufszentren sei in Wahrheit das Höllenfeuer, und erzählte mir, die Höllenwächter, zebani genannt, hätten eigene Strafen für unartige Kinder. Wenn ich zur Musik aus dem Fernseher tanze, sei das eine Sünde. Sie löschte die Freude aus und ersetzte sie durch Furcht. Nachts bekam ich Albträume, was ihr zufolge daran lag, dass sich Schaitan in meinen Schlaf schlich – ein Zeichen für sündige Gedanken. Ich weiss nicht, warum sie mir solche Angst machte. Vielleicht war sie selbst ein furchtsamer Mensch und projizierte ihre eigenen Ängste auf mich kleines Kind. Ich glaube nicht, dass sie mich liebte oder auch nur mochte. Obwohl ich die Tochter ihres Sohns war, erinnere ich mich nicht an die kleinste zärtliche Geste von ihr und verbinde meine Grossmutter nur mit Disziplin, Angst und Kälte.
Nach eineinhalb Monaten, Mitte Juni, war ich wieder in Ankara, um den restlichen Sommer bei meiner Grossmutter mütterlicherseits zu verbringen. In ihrem Haus ging es ganz anders zu. Es war ein Haus voller Stimmen – ständig kamen Nachbarn vorbei, und es wurde geplaudert. Meine Grossmutter war extrem abergläubisch. Sie las im Kaffeesatz und goss Blei, um die Dschinn abzuwehren. Auch sie besass den Koran, aber der stand im Regal, man konnte ihn berühren und lesen. Daneben fanden sich einige andere Bücher. Die Liebesgeschichte von Farhad und Schirin, die Liebesgeschichte von Jusuf und Suleika, die Liebesgeschichte von Leila und Madschnun, die Abenteuer von Nasreddin Hodscha.
Als ich diese Grossmutter fragte, ob ich den Stift in der linken Hand halten dürfe, antwortete sie, wenn Gott wolle, dass wir alle gleich seien, hätte er uns bestimmt alle gleich erschaffen. «Der Respekt vor den Unterschieden ist der Respekt vor der göttlichen Ordnung.»
Ich wollte von ihr wissen, ob Gott mich auch im Badezimmer beobachte, und sie meinte, Gott habe sicherlich Wichtigeres zu tun. Meine Grossmutter mütterlicherseits sprach weder von zebani noch von Kesseln oder Höllenfeuern. Ihr Bild von Gott beruhte nicht auf Angst, sondern auf Liebe.
So ähnlich sich die zwei Frauen auf den ersten Blick waren – beide Muslimas, beide Türkinnen, beide Angehörige der Mittelklasse und im gleichen Alter –, so unterschiedlich sahen sie die Welt. Den Sommer mit meinen Grossmüttern und den Umschwung von der Angst zur Liebe habe ich niemals vergessen.

Die türkische Bestsellerautorin Elif Shafak, 45, wuchs unter Frauen auf: Als ihre alleinerziehende Mutter studierte und die diplomatische Laufbahn einschlug, wurde ihre Grossmutter mütterlicherseits ihre wichtigste Bezugsperson. Sie erweckte in ihr eine Spiritualität, die heute auch in ihren Romanen eine Rolle spielt – auch wenn Shafak selbst nicht gläubig ist. Ihr jüngster Roman heisst «Der Geruch des Paradieses».

Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger.