Von Dörte Hansen

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Ich verbringe sehr viel Lebenszeit damit, auf einem Stuhl zu sitzen und auf eine weisse Wand zu starren. Wahlweise auch auf meinen Bildschirm, meine Tastatur, in meinen Garten oder an die Zimmerdecke. Wenn man mich fragt, was meine Stärke ist und mein Erfolgsrezept, dann kann ich das in einem Satz zusammenfassen: Ich bleibe sitzen.
Ich verlasse dieses Zimmer nicht, selbst wenn ich stundenlang kaum einen Satz zusammenkriege.
An manchen Tagen schreibe ich noch nicht mal einen halben Satz.
An schlimmen Tagen lösche ich für jeden Satz, den ich geschrieben habe, zwei, drei andere, weil sie mir überflüssig oder ungenau erscheinen.
Nach solchen Tagen denke ich abends immer mal daran, mir einen anderen Beruf zu suchen. Entsafterin in einer Apfelmosterei vielleicht, da sieht man abends jedenfalls, was man geschafft hat.
Am nächsten Morgen setze ich mich trotzdem wieder hin. Starre auf die weisse Wand, auf meinen Bildschirm, in den Garten, auf die Tastatur und an die Zimmerdecke …
Und noch bevor ich mit dem Starren überhaupt beginne, habe ich eine andere Wand schon abgetragen: jeden Morgen eine dicke Mauer, die vor meinem Zimmer steht. Jeder Stein ein Zweifel, den ich wegzurollen habe. Grosse Wackersteine, und am nächsten Morgen ist die Mauer wieder da. Sisyphos und ich, wir sind Geschwister.
Ich bin wohl nicht der Mensch, der Dinge abbricht, die er angefangen hat. Langstrecke, immer schon. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren mit demselben Mann verheiratet und nicht die Absicht, das zu ändern.
Ich brauche einen ewig langen Anlauf, bis ich mich zum Beispiel mal für einen Marathon anmelde, aber wenn ich erst gestartet bin, dann laufe ich ihn auch zu Ende. Ich bin Trägerin des Goldenen Totenkopfabzeichens, zwei Stunden Dauerschwimmen. Das ist bekloppt, ich weiss, ich ziehe so was trotzdem durch. Und nicht nur das – ich bin hinterher auch noch stolz auf mich. Leider gibt es die Weltmeisterschaft im Pfahlsitzen nicht mehr, ich hätte exzellente Chancen auf den Sieg gehabt. Der letzte Weltrekord lag meines Wissens bei 184 Tagen. Lachhaft.
Stolz und Selbstbestätigung empfinde ich, nachdem ich etwas überwunden habe – Trägheit, Schwäche, Angst –, und zwar nur dann. Erfolgserlebnis scheint bei mir an Ausdauer geknüpft zu sein, an Zähigkeit und Mut. Vom Fünfer springen, ganz egal, wie sehr die Beine schlottern.
Oder eben fünfzig Jahre Anlauf nehmen für ein Buch – um dann aber auch sauber abzuliefern.
Ich werde manchmal als «Erfolgsautorin» bezeichnet, und daran ist im Grunde nichts verkehrt. Bestseller über Nacht, eine halbe Million Hardcover-Ausgaben verkauft, zehn Übersetzungen bisher, und die Verfilmung ist in Arbeit – von so was träumt man höchstens manchmal, nachts, wenn keiner guckt.
In der realen Welt, im Wachzustand, geschehen solche Dinge nicht, viel eher trifft einen der Blitz oder der Schlag.
Ein Kritiker hat das, was da mit meinem Buch passiert ist, mal das «Dörte-Hansen-Wunder» genannt. Das passt viel besser als «Erfolgsautorin», finde ich. Ein Wunder muss und kann man nicht erklären. Man muss es nicht einmal verstehen. Man staunt, man dankt. Man weiss nur nicht so richtig, wem.
Beim Wort «Erfolgsautorin» zucke ich zusammen. Es gefällt mir nicht, weil es so klingt, als wäre der Erfolg das Thema oder das Motiv, als wäre er der Anlass für mein Buch. Als schriebe ich für ihn und über ihn.
«Erfolgsautorin» klingt in meinen Ohren fast ein bisschen fies – und abgeklärt, wie «Spielerfrau». Es hört sich nach Berechnung an, nach einem raffinierten Plan, der aufgegangen ist, nach Trickserei. Projekt geplant und durchgezogen, zack, gebongt, ganz leicht.
Aber das, was ich da täglich tue, vor meiner weissen Wand, an meiner Tastatur, fühlt sich sehr selten wie das planvolle Agieren einer händereibenden Erfolgsautorin an.
Und von Leichtigkeit beim Schreiben träume ich immer noch.
«Erfolgsautorin» klingt auch ein bisschen so, als gehörten wir zusammen, der Erfolg und ich. Da bin ich mir nicht sicher.
Manchmal sieht man so ein Paar im Restaurant, in einer Bar oder am Strand: sie nicht mehr ganz taufrisch, er jung und gut aussehend, seine Zähne eine Spur zu weiss, sein Lächeln eine Spur zu breit. Und heimlich denkt man dann: Oha, wie passen die denn zueinander?
Ein bisschen ist das wie mit dem Erfolg und mir. Ich weiss noch nicht, ob das was Festes wird mit uns. Mal sehen.
Ich war schon fünfzig, als mein Buch erschien, für eine Debütantin eigentlich zu alt, kein Mensch in dieser Branche kannte mich.
Und plötzlich hatte ich diesen strahlenden Begleiter, die Zähne eine Spur zu weiss, das Lächeln eine Spur zu breit. Riss alle Türen für mich auf, zog mich in Radio- und Fernsehstudios, auf grosse Bühnen und in volle Säle, manchmal auch an weiss gedeckte Tische. Und ich? War erst mal glücksgeschockt und taumelte an seinem Arm von Fest zu Fest.
Ich bin aber zu norddeutsch für den glamourösen Auftritt, auch zu schüchtern. Es gibt Menschen, die im Rampenlicht gedeihen und zu grosser Form auflaufen, ich leider nicht. Ich schrumpfe. Sehne mich, wenn es zu hell wird, schnell nach meiner Schattenbank. Die steht ein bisschen abseits, weg vom Mittelpunkt, der nie mein Lieblingsplatz gewesen ist.
Jetzt habe ich diesen Erfolg an meiner Seite, blendend aussehend, larger than life, und weiss noch immer nicht so recht, wo ich ihn unterbringen soll in meinem ganz normalen Leben.
Ich weiss auch nicht, ob ich dem Typen wirklich trauen kann. Er lullt mich ein, er schmeichelt, er kann lügen wie ein Heiratsschwindler. Ich glaube ihm nur die Hälfte, höchstens.
Toll ist, dass er mir den Rücken freihält. Ich kann mein zweites Buch in Vollzeit schreiben, ich brauche keinen Brotberuf, weil ich allein von meinem Schreiben leben kann. Ganz grosser Luxus! Freiheit! Glück!
Ich bin ihm dafür dankbar, wie für ein Geschenk, das einen Tick zu gross geraten ist. Es macht mich zwar beklommen – aber, klar, ich nehme es gerne an.
Davon abgesehen, ist der Erfolg im Alltag absolut nicht zu gebrauchen.
Er hilft mir morgens nicht beim Steineschleppen und später auch nicht, wenn ich meine Wand anstarre. Er steht im Weg, er lullt und säuselt mir was vor, das bringt mich leider kein Stück weiter. Er gibt mir Tipps, die völlig nutzlos sind.
Meine Familie nimmt ihn sowieso nicht richtig ernst. Erfolg, ach ja? «Wenn du das Dörte-Hansen-Wunder bist, warum habe ich dann immer noch kein Pferd?» In puncto Pragmatismus können halbwüchsige Töchter jeder «Erfolgsautorin» mühelos das Wasser reichen.
Es wäre mir viel lieber, wenn man die Dinge auseinanderhalten könnte: Ich bin Autorin, mein Roman hat den Erfolg. Ich habe mir den nicht verdient, er wurde mir geschenkt. Toll, danke. Jetzt muss ich aber wieder auf den Pfahl.
Es heisst, das zweite Buch zu schreiben, sei das Schwierigste. Ich fürchte, dass das stimmt, es wird noch lange dauern. Aber ich schaff das schon, ich habe ein Erfolgsrezept. Ich bleibe sitzen.

Dörte Hansen, 52, war Redaktorin beim Norddeutschen Rundfunk, bis sie mit fünfzig Jahren ihr Debüt vorlegte: «Altes Land» stand über ein Jahr auf der «Spiegel»-Bestsellerliste; inzwischen hat es sich als Hardcover und Taschenbuch insgesamt rund 700 000 Mal verkauft. Nach Jahren auf dem platten norddeutschen Land lebt sie mit ihrer Familie nun in der Kleinstadt Husum.