Von Elke Heidenreich

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Wohin gehen die alle? Jeder allein, manche forsch, manche eher gehemmt – alle werfen lange Schatten, es wird Abend. Auf der anderen Seite dann stehen sie auch allein herum, und da ist es schon dunkel. Der Gang durch das Liebestor hat nichts gebracht. LOVE. Gross locken die Buchstaben, versprechen alles, halten – nichts?
Das mit Minifiguren und Buchstaben konstruierte Bild der Fotografin Ilona Klimek hat mich in einer Ausstellung förmlich angesprungen. Ich habe es gekauft, es hängt bei mir und warnt mich: nicht auf Versprechungen in Goldbuchstaben reinfallen. Und es drückt genau aus, was für mich Teil der Liebe ist: suchen, sehnen, hingehen, mutig sein, sich darauf einlassen, auf der andern Seite dann im Dunkeln stehen – nichts bereuen, aber die Traurigkeit bleibt, die Einsamkeit bleibt.
Meinem ersten Buch, «Kolonien der Liebe», habe ich 1992 eine chemische Formel vorangestellt, der der Amerikaner Michael Liebowitz zuschreibt, sie löse im Gehirn das Liebessyndrom aus: C6H5(NH2)CH3.
Ist Liebe nichts als ein chemischer Prozess? Oder das grösste aller denkbaren Gefühle? Ohne Liebe kein Leben, mit Liebe keine Ruhe, kein Ort, nirgends, kein Glück? Glück, sagte die wunderbare Ruth Klüger, Glück, das ist Sonne auf der Hoteltapete. Ein Moment freundlicher Geborgenheit, wenn auch in der Fremde. Was aber ist Liebe? Ein Zustand, ein Augenblick, eine lange Strecke, eine Illusion?
Nichts, nichts – die Nacht nicht, nicht der Krieg, der Mond, die Heimat, die Natur – nichts wurde und wird so oft besungen und beschrieben wie die Liebe. Gedichte, Romane, Opern, alles handelt davon, wie wir sie suchen, finden, verlieren, wieder suchen. Wieder verlieren. Nie aufgeben.
Wie denn auch.
Die erste Liebe ist unvergessen. Das erste Mal dieses Kribbeln, dieses unfassbare Gefühl, schön und glücklich zu sein – und kein Gedanke daran, ob lieben wichtiger ist oder geliebt werden, ach, Goethe:
«Ich ging, du standst und sahst zur Erden, / Und sahst mir nach mit nassem Blick: / Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! / Und lieben, Götter, welch ein Glück!»
Wer nie geliebt wird, ist arm dran. Man muss geliebt werden, um sich selbst lieben zu können. Aber wer nie liebt, ist noch ärmer dran. Wer dieses Gefühl des Irrsinns nicht kennt, dieses Überströmen, diesen Mut zum Verwegenen, diese langen, hitzig geschriebenen Briefe, die nächtlichen Gänge zu seinem, ihrem Haus –
Ich stocke.
Man schreibt ja keine Briefe mehr. Man schickt SMS. Man geht nachts nicht mehr zu dem Haus, in dem er lebt, und lehnt die heisse Stirn an die kühle Wand – man schläft ja ohnehin schon als Teenager miteinander. Man bringt mit tausend anderen Idioten auf einer geschundenen Brücke das tausendste hirnrissige Liebesschloss an, und man lässt sich tatsächlich von Blumen- und Schokoladenvereinen einreden, man müsste am Valentinstag Rosen und Pralinen schenken. Mit Liebe hat das nichts zu tun, und ohnehin wurde dieser arme Märtyrer Valentin einst enthauptet, und Mörike weiss ja auch:
«Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden, / geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht; / dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht …»
Für Sankt Valentin von Terni, Schutzpatron der Liebenden, hingerichtet am 14. Februar 269, gibt es nicht nur kein Kissen mehr, es gibt gleich gar kein Haupt mehr, so siehts aus.
Wisława Szymborska, die alte polnische Dame, der man 1996 für ihre klarsichtigen Gedichte den Literaturnobelpreis verlieh, schrieb ein Gedicht gegen die dumme glückliche Liebe, die die Welt nicht wahrnimmt – die Glücklichen, sagt sie, sehen doch nur sich selbst. Was wir brauchen, sind die Unglücklichen, die Sensiblen, die Durchlässigen, die die Welt wahrnehmen.
Und so zerfällt das Thema Liebe schon jetzt in glückliche und unglückliche Liebe. Die glückliche interessiert niemanden. Sie ist total ichbezogen, dauert eine Weile, zaubert ein blödes Grinsen ins Gesicht, führt zu Heirat, Heim, Kind, und wenn man Glück hat, geht man im Alter Hand in Hand. Das ist dann aber eher Freundschaft, möchte ich meinen, ein ruhiger Hafen, aus dem Begehren und Leidenschaft verbannt sind. Die gehören zur unglücklichen Liebe, denn Leidenschaften haben es an sich zu erlöschen, da kann man noch hunderttausend Schlösser an hunderttausend Brücken anbringen. Die Leidenschaft geht und nimmt oft die Liebe mit sich. Und irgendwann verabschiedet sie sich still für immer, beleidigt, weil sie merkt, dass man sie zwar noch ersehnt, auf sie aber nicht mehr hereinfällt. Wenn sie noch mal kommt – bitte sehr, nur zu, aber keine Lügen, Versprechungen, keine Ewigkeitsschwüre, vor allem: keine Erwartungen! Es mangelt ja nicht an Liebe in der Welt, es mangelt an erträglichen Erwartungen, und da liegt das ganze Dilemma. Mit diesen Erwartungen ist die arme Liebe überfordert und wendet sich ab, und der Wanderer zieht in kalter Winternacht weiter und schreibt der Geliebten ans Tor «Gute Nacht, / damit du mögest sehen, / an dich hab ich gedacht, / an dich hab ich gedacht.» Schuberts «Winterreise», da klappt aber auch gar nichts mit der Liebe, wie in Schuberts eigenem armem Leben. «Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht – vom einen zu dem andern.» Ja, dann, Feinsliebchen, gute Nacht. Wenn man das nicht weiss und erwartet, wird es mit der Liebe nicht klappen, und die Winterreise wird sehr kalt und lang.
Ich bin mit der Liebe erst klargekommen, als ich sie von Erwartungen weitgehend befreit hatte. Annehmen, froh darüber sein, ihr nicht mehr abverlangen, dass sich nun alles in Gold verwandelt und dass das Ganze ewig dauert. Ewig ist in der Liebe sehr relativ. Es gab in meinem Leben ganz kurze und jahrzehntelange Lieben, schnelle Leidenschaften und die grossen Gefühle, es gab nie das dauerhafte ruhige Glück, aber das habe ich auch nie gesucht. Einzelne Lieben funkeln wie kostbare Perlen, und ich trage unsichtbar um meinen Hals die wunderbarste Perlenkette, aufgefädelt aus dem, was war, seit ich mit fünfzehn zum ersten Mal liebte und küsste – natürlich einen Musiker. Es waren (fast) immer die Musiker. Wenn sich einer ans Klavier setzt, hat er schon mein Herz, ich kann nichts dagegen tun. Ich glaube, ich liebe die Musik mehr als die Männer, aber beides zusammen ist eine unschlagbare Mischung. Bis heute.
Doch nun müssen wir mal ein paar Arten der Liebe unterscheiden, so wie das die alten Griechen getan haben. Wovon ich bisher geredet habe, das ist die Art von Liebe, die einem letztendlich das Herz bricht: genannt auch Eros, die leidenschaftliche Liebe, die aus zweien – vorübergehend – eins und somit glücklich macht, die die Einsamkeit besiegt, um sie uns danach umso schmerzlicher empfinden zu lassen. «Il n’y a pas d’amour heureux», singen Françoise Hardy, Nina Simone, Georges Brassens – gedichtet hat es Louis Aragon: Es gibt keine glückliche Liebe. Schon richtig, auf Dauer gibt es die wohl nicht, aber Gegenfrage: Gibt es ein Glück ohne Liebe?
Liebe ist Begehren, und Begehren ist Mangel, sagt Sokrates, und Platon haut in dieselbe Kerbe: Man liebt und begehrt, wessen man bedürftig ist. Hört sich nicht nach Himmel an, eher nach Abgrund.
Aber da gibt es ja noch Agape, die grenzenlose Nächstenliebe, die nur Gutes tut – Jesus hat wohl damit angefangen. Gott ist die reine Liebe, man liebe gefälligst seine Feinde (schwere Übung!), «nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die grösste unter ihnen» (1. Korinther 13, Vers 13). Sehr schwierig, diese Liebe – da greifen wir lieber rasch zur dritten möglichen Variante, zu Philia, der Freude an der Liebe, eher noch: an der Freundschaft. Aristoteles war zweimal glücklich verheiratet – wenn er davon erzählt, wählt er nicht den Begriff Eros, sondern Philia; das schliesst Sexualität nicht aus, hat aber eine längere Laufzeit: Freundschaft, Zuneigung, eine Sache ohne Machtspiele. Begehren ist Macht, Liebe ist Freude, sagt Spinoza. Nein, er ist ja Spinoza, er sagt es natürlich etwas komplizierter: «Liebe ist Freude unter der Begleitung der Idee einer äusseren Ursache.» Vielleicht einfacher gesagt: Wenn ich an dich denke, bin ich glücklich. Da ist kein Wollen, Begehren, Machtstreben – nur Glück. Weil es beim Denken aber nun mal nicht bleibt, sind Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Aida und Radames, sind Carmen, die Traviata und die Butterfly am Ende tot, und ob Turandot wirklich glücklich wird, ist auch noch nicht sicher. Salome kriegt ihn, den ersehnten Kuss von Jochanaan, aber dazu muss sie ihm erst den Kopf abschlagen und die toten, blutigen Lippen küssen. Liebe ist nicht zu erzwingen, sie kommt und geht nach ihren eigenen Gesetzen. Die von mir so geliebten Opern handeln von kaum etwas anderem als dem Unglück der Liebe: Mit Dolch im Herzen singen Tenöre ihre schönsten Arien, und Sopranistinnen schaffen schwindsüchtig die herrlichsten Koloraturen. In der Kunstwelt ist die Liebe wunderbar, im wahren Leben tückisch. Und doch: unentbehrlich.
Immer wieder, dichtet Rilke, der die Liebe viel besungen hat und dem sie im Leben selbst auch nicht recht gelang, «immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen / und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen / und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die anderen / enden: immer wieder gehen wir zu zweien hinaus / unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder /zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel».
Nicht im Himmel, schon gar nicht im siebten Himmel, sondern gegenüber dem Himmel. Gegenüber dem unerreichbaren Liebeshimmel.
Liebe, sagt Robert Walser, «Liebe ist ein zu schönes Wort, als dass ichs leichtsinnig in den Mund nähme; ich möchte, was es bedeutet, lieber nur empfinden …»
Ich möchte noch einmal meine heisse Stirn an die kühle Wand eines Hauses legen, hinter der der, den ich liebe, schläft. 1962 dichtete Anna Achmatowa:
«Herr, du weisst: es ist mir so zuwider / Auferstehung, Leben und der Tod. / Nimm mir alles. Aber lass mich wieder / fühlen diese Rose, frisch und rot.»
Es wird aber nie mehr so sein. Die Leidenschaften nutzen sich ab, die Liebe bleibt, arm, zerrüttet, unbeschuht. Macht nichts. Hauptsache, man hat sie gründlich kennen gelernt, gelebt, man hat sich satt geliebt.

Illustration links: Andrea Ventura

Elke heidenreich, 74, war zweimal verheiratet und lebt seit 2006 mit dem 28 Jahre jüngeren Marc-Aurel Floros zusammen, der – natürlich – Musiker ist, nämlich Pianist und Komponist. Ihre Sammlung kurzer autobiografischer Geschichten, «Alles kein Zufall», steht seit Erscheinen im letzten Jahr auf der Bestsellerliste, wie all ihre Bücher zuvor. Im Schweizer Fernsehen ist sie in der Kritikerrunde des «Literaturclubs» zu sehen.