Von Sofi Oksanen

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Ich wurde in eine finnisch-estnische Familie geboren, und meine Welt war auf beide Seiten des Eisernen Vorhangs verteilt: auf das skandinavische Finnland und auf Sowjet-Estland, auf das Grenzland der Schönheitspolitik westlicher und östlicher Kultur. Beide haben ihren eigenen historischen Hintergrund, dessen Reste sich immer noch zum Beispiel darin zeigen, dass die finnischen Frauen weniger Schuhe kaufen als die Frauen anderswo in Europa, und dies ungeachtet unserer vier Jahreszeiten. Die Frauen in Estland dagegen bemühen sich, ihr Schuhregal in gut sortiertem Zustand zu halten, ob sie es sich nun leisten können oder nicht, und in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, gibt es trotz der geringeren Einwohnerzahl mehr Schuhgeschäfte als in der finnischen Hauptstadt Helsinki.
Als im Jahr 1944 in Estland die zweite sowjetische Besetzung begann, kamen aus anderen Gegenden der Sowjetunion Hunderttausende neuer Einwohner ins Land. Die Operation war ein Teil von Stalins Umsiedlungspolitik, die darauf setzte, dass eine Vermischung der Völker die örtliche nationale Identität schwächen würde. Der Zusammenprall der Kulturen konkretisierte sich in den estnischen Nachthemden: Die Frauen der Offiziere der Roten Armee glaubten, das seien Abendkleider, und trugen sie bei Tanzveranstaltungen und zum Spazierengehen. Das amüsierte die Esten, aber in ihrem Gelächter lag auch ein Weinen, und die estnischen Frauen fanden es nun wichtig, sich ungeachtet der Verhältnisse um die äusseren Merkmale ihrer Würde zu kümmern. Das galt auch für ihr Zuhause: Das Aufrechterhalten der estnischen Ästhetik war Widerstand, einer, der noch möglich war, denn der bewaffnete Widerstand war gebrochen und die nationalen Symbole verboten worden.
Die Sowjetmacht begann, den Sowjetmenschen, den Homo sovieticus, zu erschaffen, auch mithilfe von Bildern, und so füllte sich die visuelle Welt der Sowjetunion mit dem stets asexuellen Ideal der Sowjetfrau: entweder mit Kopftuch tragenden Melkerinnen oder mit mythischen Heldenmüttern. Merkmale westlicher Weiblichkeit kamen im Katalog der Sowjetisierung nicht vor. Solche Merkmale galten als Anzeichen dafür, dass die Frau sich durch sie prostituieren musste, um dem Mann zu gefallen, und das wiederum bedeutete Ungleichberechtigung. Da der aufgezwungene Sowjetisierungsprozess nicht das war, wonach die Frauen der besetzten baltischen Länder sich sehnten, wurde das Festhalten an Merkmalen von Weiblichkeit ein Ausdruck stummen Widerstands, ein indirektes Revoltieren gegen das von der Sowjetunion aufgezwungene Ideal.
In der Sowjetunion meiner Kindheit waren die Kleider der Frauen kurz, und von klein auf waren die Menschen daran gewöhnt, dass diese Kürze normal war. Die Lippen wurden grellrot geschminkt, da es keine anderen Nuancen gab. Blitzblau als Lidschatten war der Normalfall, auch das wiederum deshalb, weil die Farbauswahl begrenzt war. Im reklamefreien Sowjetimperium konnte es einen Konsumismus nach westlicher Art nicht geben, und so bedurfte es zur Aufrechterhaltung der Merkmale von Weiblichkeit der Kreativität und des Erfindungsgeistes. Fast jede Frau konnte ihre Kleider selbst nähen. Vielleicht bedeuteten deshalb die Merkmale von Weiblichkeit, die in Finnland für Eitelkeit standen, für mich etwas anderes.
Die Lage im unabhängigen Finnland war anders, und das üppige Angebot in den Geschäften war von westlicher Art. Finnland hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Armut heraus unter grossen Anstrengungen zu einer skandinavischen Demokratie entwickelt und hinsichtlich der Gleichberechtigung eine entsprechende Entwicklung genommen. War früher die sozioökonomische Lage der Frau und ihrer unverheirateten weiblichen Verwandten von einer vorteilhaften Eheschliessung abhängig gewesen, hatte sich nach den Kriegen durch den Eintritt der Frauen ins Erwerbsleben die Lage verändert. Das Ausblenden des Geschlechtsunterschieds war etwas geworden, das für Freiheit und Selbstständigkeit stand, und der Lebensunterhalt der Frau hing von ihrer Arbeitsfähigkeit ab. Die im Land immer noch herrschende Norm, sich praktisch zu kleiden, hängt mit dem Ideal der Gleichberechtigung sowie damit zusammen, dass die wichtigste Bestimmung der finnischen Frau die Erwerbstätigkeit ist: Sich mit Kleidern aufzudonnern, deutet auf Beschränktheit hin, eine weibliche Eigenschaft, die das Vorhandensein beruflicher Kompetenz infrage stellt.
In der Sowjetunion dagegen herrschte Vollbeschäftigung, und niemand brauchte um einen Arbeitsplatz zu konkurrieren. Ein Arbeitsplatz wurde jedermann zugewiesen, einen angenehmen Arbeitsplatz versuchte man durch Beziehungen zu ergattern. Um einen Arbeitsplatz zu finden, war es nicht erforderlich, wie der Traktorist auf einem Propagandaplakat auszusehen, und die gläserne Decke hatte weniger mit dem Geschlecht zu tun als mit der politisch opportunen Herkunft. So bedeutete die Erwerbsarbeit in der Sowjetunion nicht dasselbe wie in Finnland, aber in Sowjet-Estland wirkte ein ganz normaler Stil, sich zu kleiden, auf skandinavische Betrachter extrem weiblich und zugleich moralisch zweifelhaft. Ein kurzer Rock und hochhackige Schuhe waren in Finnland zum Merkmal einer Hure geworden. Lange Röcke und Kleider hingegen galten als zu festlich für den Alltagsgebrauch.
Meine Mutter war eine geschickte Schneiderin, so wie alle estnischen Frauen, und deshalb hatte ich viele Kleider, die sie genäht hatte. Im finnischen Kindergarten bekamen wir jedoch zu hören, dass es besser wäre, wenn ich an einem gewöhnlichen Tag «Alltagssachen» tragen würde und keine «Festkleider». So wirkte die durch wirtschaftliche Realitäten bedingte Art meiner Kleidung in der finnischen Schule wie Angeberei, während es in Wahrheit nur von der Lage einer gewöhnlichen Einwandererfamilie zeugte: davon, dass die finnische Konfektionskleidung teuer war.
Während in Finnland die Gleichberechtigung immer noch einen positiven Wert darstellt, dessen Förderung selbstverständlich ist, ist es im heutigen Estland ein wenig anders. Der westliche Feminismus der 1960er-Jahre ist in den Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs ausgeblieben. Die Sowjetunion legte in ihrer Propaganda dar, dass sie ein Land mit Gleichberechtigung sei, dabei wusste jedermann, dass das nicht der Fall war. Deshalb hat das Wort einen schlechten Klang, der immer noch nachhallt.
Im Verlauf meiner Entwicklung habe ich verstanden, dass das, was als schön, erstrebenswert oder schicklich gilt, unlösbar mit Kultur und Geschichte verbunden ist. Die Tatsache, dass finnische Frauen die hochhackigen Schuhe und kurzen Röcke der Estinnen moralisch missbilligten und die finnischen Männer ebendiese Dinge begehrten, erwies sich als Sexualisierung einer Ethnie und brachte mich nicht dazu, das finnische Ideal des Praktischen zu schätzen. Sie erwies sich als Herausstreichung des eigenen Ichs unter dem Mantel der Bescheidenheit.
Im westlichen Schönheitsbusiness des dritten Jahrtausends werden die Ideale von Natürlichkeit und Gesundheit betont. So auch in Estland und Finnland. Aber ist die heutige Auffassung von Schönheit wirklich natürlich oder gesund? Warum müssen die Frauen die Schönheitspflege als etwas Gesundes oder – wie man in Finnland zu sagen pflegt – als Rücksichtnahme auf die anderen bemänteln?
Als in Frankreich die Revolution wütete, wurden die Statussymbole der Oberschicht wie die strammen Korsetts zeitweilig mit Acht und Bann belegt, und der von ihnen modellierte Körper galt als unnatürlich. Deshalb wurde die Form des Korsetts in eine «natürliche» abgeändert. Wie man an den Porträts der damaligen Zeit sehen kann, ist Natürlichkeit ein relativer und zeitgebundener Begriff. Das, was heute als «natürlich» gilt, wird es in den Augen der künftigen Generationen nicht sein.
Das Korsett, über dessen Unbequemlichkeit man sich heute entsetzt, ist keineswegs verschwunden. Es hat lediglich seine Form verändert und ist heute ein Muskelkorsett, und die Muskeln ihrerseits signalisieren die gleichen Dinge wie die Korsetts, die im 18. Jahrhundert die Aristokraten in eine rückengerade Haltung zwangen: Sie verraten eine hohe Moral und Selbstzucht. Weiches Fleisch ist Anzeichen eines schwachen Charakters. In den Nachrichtenschlagzeilen unseres Jahrtausends erscheinen Heldengeschichten von Frauen, deren Taillen unmittelbar nach einer Geburt genauso schmal sind wie vorher: Die Idealfrau besiegt mit starkem Charakter ihre Biologie und ist dennoch fruchtbar.
Das Ideal des Gesunden ist eng verbunden mit Jugend, und dank der technischen Entwicklung lässt sich das Ideal einer verlängerten Jugend noch weiter verlängern. Das war jedoch nicht immer das Ideal, und es ist noch nicht lange her, dass eine Frau, die den Status einer verheirateten Frau erlangt hatte, auch ihrem Alter entsprechend aussehen sollte. Dabei war auch eine von Wohlhabenheit sprechende Fülligkeit nicht von Übel. Heutzutage aber gelten graue Haare nicht als erstrebenswert oder als ideal, vielmehr müssen die Haare nach Farbe und Struktur wie das dicht wallende Haar eines Mädchens im fruchtbarsten Alter sein. Es ist also kein Wunder, dass die Märkte für Echthaar explodiert sind. Während früher die mittellosen Frauen bei schlechtem Licht Korsetts und Perücken für die Angehörigen der oberen Klassen nähten, verkaufen heute die Frauen in den armen Ländern ihre Haare für ein paar Dollar an den Westen. Das Schönheitsideal setzt voraus, dass auch die fiktive Schönheit «echt» und «natürlich» ist. Deshalb wird bei Haarverlängerungen menschliches Haar bevorzugt, obwohl es auch Faserhaar gibt.
All diese Anstrengung ist jedoch nicht nur ein Anzeichen von Eitelkeit – die immer noch als Merkmal einer dummen Frau gilt –, man kann sie sogar als Notwendigkeit betrachten: Zahlreichen Untersuchungen zufolge werden Frauen, die als attraktiv gelten, schneller eingestellt als solche, die als unattraktiv wahrgenommen werden. Auf eine den Normen entsprechende Schönheit zu setzen, ist also immer noch eine Investition, die sich auf die wirtschaftliche Lage einer Frau auswirkt, und daraus ist für die Frauen eine dritte Arbeit geworden, die Zeit, Mühe und Geld erfordert – zusätzlich zur Berufs- und Hausarbeit. Die immer visueller werdende Welt stärkt die Ideale, und die neuen Generationen wachsen so auf, dass sie sich für ihre Fotos in den sozialen Medien um Likes bemühen. Die soziale Akzeptanz der Mädchen beruht stark auf ihrem Aussehen, nicht auf ihrem Können.
Die Gleichberechtigung hat Rückschläge erfahren, nicht nur in Trumps USA oder in Russland, wo die traditionellen Rollen eine Stärkung erleben und die Gewalt in Paarbeziehungen auch juristisch normalisiert worden ist. Sondern auch in Polen und anderen Ländern, wo die Frauen um ihr Recht auf den eigenen Körper kämpfen müssen. Die Gleichberechtigung hat Rückschläge überall dort erfahren, wo die meistgelesenen Pressenachrichten Fotos von «verwelkten» Hollywood-Schauspielerinnen sind. Aus dem Älterwerden einer Frau ist eine Nachricht geworden, und zwar eine schreckliche: ein Skandal.
In einer solchen Welt gibt es nichts Natürliches oder Gesundes. Deshalb ist das Anstreben von «Natürlichkeit» für mich nur etwas Scheinheiliges.

Sofi Oksanen, 40, ist die Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, schreibt aber nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Finnisch. Bekannt wurde sie durch ihren Roman «Fegefeuer», der in vierzig Ländern erschien und viele Preise gewann. Viele ihrer Geschichten erzählen vom Leben im sowjetisch besetzten Estland – von politischer Repression und Gewalt. Sie lebt in Helsinki. Gerade erschien ihr Roman «Die Sache mit Norma», der von weiblicher Ausbeutung handelt.

Aus dem Finnischen übersetzt von Angela Plöger.