Von Hazel Brugger

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Gäbe es nicht immer wieder Frauen, die auch vom Sexismus profitieren, wäre er nicht so ein Problem. Und gäbe es keinen Markt für Krieg, wäre immer nur Frieden. Aber es ist der Verrat, der die eigene Revolte ankurbelt und das Vertraute bröckeln lässt.
Ich verstehe mich mit allen Leuten immer auf Anhieb, ausser mit Frauen unter dreissig. Diese Anything-goes-Attitüde, fehlende Leidensbereitschaft und der Hang zur Überkommunikation von eigenen Errungenschaften – dicht besprinkelt mit einer Prise Opferrolle. Sobald Frauen Kinder haben und genügend Enttäuschungen tief in ihren Zellen tragen, von denen sie zehren können, gehts. Männer unter dreissig sind zwar weder spannender noch klüger oder netter, aber immerhin werden wir in der Aussenwahrnehmung nicht in einen Topf geschmissen. Wir sind weder Konkurrenz noch implizit dazu gezwungen, uns bedingungslos zu verstehen und zu unterstützen.
Mein Sexismus gegenüber Frauen ist sehr selbstzentriert. Einerseits basiert er zwar auf einer pauschalisierenden Aussenwahrnehmung, für die ich nicht verantwortlich bin, andererseits kommt er erst durch den Drang meines eigenen Egos, immer einzigartig zu sein, zur vollen Blüte. Als ich noch Philosophie studierte, sass ich regelmässig mit lauter stylishen Millennialfrauen in Seminarräumen. Attraktive, junge Frauen, die schon immer geliebt wurden, Typus Popsternchen mit Freitag-Umhängetasche. Ich hörte zu, wie sie erklärten, warum sie Mitleid mit Tieren hätten, wie crazy doch Kant sei (so ein Freak!) und was sie «Atem» von Samuel Beckett doch für einen Scheiss fanden. Kein einziges Mal dachte ich mir: «Ach ja, erzähl mir mehr!» Immer nur: «Oh Gott, wie kannst du mit so einem Gedankenbrei hinter den Augen überleben?», sofort gefolgt von: «Fuck, in den Augen des fünfzigjährigen Professors und der ganzen Restwelt sind die da und ich dieselbe Person.» Nur dass die anderen öfter zum Sport gingen, sich besser kleideten und weniger unpassend laut waren als ich. Für diese Frauen war ich eine schlechte Partie, optisch auf niedrigerer Stufe, für alle anderen waren wir «die Frauen» und alle eine Partie. Geisteswissenschaftlerinnen des dritten Jahrtausends, alle Aktivistinnen, alle immer im unausgesprochenen, vollen Support füreinander. Nicht dumm genug, um aufzufallen, aber auch nicht schlau genug, um an sich selbst zu zweifeln. Die perfekte Projektionsfläche für Vorurteile gegenüber Frauen.
Eine komische Obsession von mir ist, dass ich mir gern Statistiken zu den Marktwerten von Fussballspielern anschaue. Im Profifussball gibt es zwei grundlegend verschiedene Arten von Mannschaften. Es gibt Vereinsmannschaften und Nationalmannschaften. Prinzip UEFA Champions League versus Prinzip FIFA World Cup. Auf der einen Seite ein herauspoliertes Spitzenteam mit fetten Sponsorenaufdrucken auf dem Trikot und elend teuren Spielern aus aller Herren Länder, mit viel Rechnerei und Reichtum zusammengestellt als bestmögliche Maschine. Und auf der anderen Seite die besten elf Gurken, die das eine Land halt fussballtechnisch gerade zu bieten hat, egal, wie schlecht sie auch sein mögen. Abgelichtet auf Panini, vergöttert oder verhasst bis über den Tod hinaus. Die Vereinsmannschaft arbeitet jeden Tag zusammen, sie ist eine Firma. In der Nationalmannschaft geht es um Ruhm, Wille, Ehre, da hält das ganze Heimatland als Fanblock zu Hause den Atem an. An der Champions League wird kritisiert, dass die reichen Clubs den Wettbewerb kaputtmachen, weil sie sich die besten Spieler halt leisten können (Lionel Messi ist dem FC Barcelona 120 Millionen Euro wert, so viel kostet ein halber Kilometer Schweizer Autobahn). Und bei der WM muss man sich im deutschen Fernsehen Diskussionen anschauen darüber, ob einmal Fahne schwenken schon die Genozidverherrlichung bedeutet. Kapitalismus oder Nationalismus als Auswahlverfahren, wähle dein Gift weise. Der FC Basel ist eine Ideologie, der FC Schweiz heisst nicht FC, sondern einfach nur «Schweiz» und ist geografisch, geopolitisch verursacht und daher «naturgegeben».
Das Problem an Diskussionen über Sexismus ist, dass Weiblichkeit sowohl als Ideologie als auch als Naturphänomen verstanden wird. Ich bin eine Frau, sobald das Ultraschallbild kein Schnäbeli anzeigt, und dann bin ich noch einmal eine Frau, sobald mein Bewusstsein differenziert genug gemalt wird, um mich kulturell zugehörig zu den Frauen zu verstehen. Das Leben ist binär, aber es werden mehrere Münzen gleichzeitig geworfen. Team Frau spielt gleichzeitig in der Champions League und im Länderwettbewerb. Immer in gleicher Konstellation, als ganze Gruppe, geschlossen.
Sexismus von Männern gegenüber Frauen ist Sexismus. Sexismus von Frauen gegenüber Frauen ist Verrat. Trage ich keinen selbst gestrickten Pussyhat, verrate ich die Weiblichkeit, schlage ich als Ersatz, wenn ich mal ausfalle, keine Frau vor, sondern einen Mann, ramme ich ein Messer in den Rücken des feministischen Zusammenhalts. Verrat an der Natur gibt es nicht, so etwas wäre Mutation, die moralisch nicht eingeordnet werden muss. Hat eine Frau zu ihrem X- auch noch ein Y-Chromosom, dann hat sie das ja nicht, weil sie antifeministisch ist, sondern eine biologische Rarität. Verraten kann man nur Interessengemeinschaften, der Profifussballer kann den Verein wechseln und den Club verraten, aber an der WM muss Arjen Robben mit den Niederländern verlieren, ob er will oder nicht. Verrat ist, die ideologischen Gesetze einer Gruppe zu brechen, der man selber angehört. Der, der auf die Konvention pfeift, sieht Verrat als Chance, und der von der Gruppe Abhängige sieht im Verräter den grössten Feind.
Gäbe es nicht immer wieder Frauen, die auch vom Sexismus profitieren, wäre er weder kompliziert noch ein grosses Problem. Eigentlich ist es ja sogar ziemlich einfach: Würde keine Frau mehr mit einem Deppen ins Bett steigen, der sie schlecht behandelt, wären die deppischen Blutlinien schnell im Sand verlaufen. Aber wären im Musikvideo von Ariana Grande nicht ein Dutzend blanker Ärsche auf Fahrradsätteln zu sehen, zu denen masturbiert werden kann, hätte das Filmchen auch nicht eine Milliarde Klicks. Rezipiert wird immer mit den niedrigsten Sinnen, und wer mit biologischen Reizen wedelt, muss keine ideologischen Feedbacks erwarten. Dann ist auch egal, wenn Ariana Grande später im Interview sagt, dass sie sich für den Feminismus auszieht. Weil sie ja angeblich komplett selbst entscheidet, so viel Haut zu zeigen. Masturbiert wird am Ende immer auf den Arsch und nicht auf die Selbstbestimmung.
Aber wo gelebt wird, ist auch Sex, und wo Sex ist, ist auch Unterdrückung. Macht, Besitz, Hierarchie. Egal welche Geschlechter zu welchen Anteilen involviert sind, Sex ist immer etwas Triebgesteuertes und der letzte Zipfel, der das Gehirn noch an den Körper bindet. Niemand, der durch und durch immer vernunftgespiesen handelt, würde ja auf die Idee kommen, so etwas Widerliches zu tun – stimmts, Herr Kant? Ich meine, ernsthaft: Aus den Dingern kommt sonst Pipi raus, und dann plötzlich sollen wir alle was genau machen damit?! Das Schöne an Sex ist die Bereitschaft, alles aufs Spiel zu setzen. Der ultimative Verrat an der Vernunft.
Ich verstehe mich mit allen Leuten immer auf Anhieb, ausser mit Frauen unter dreissig, meinen Teamkolleginnen in der Champions League. Ich kann sie als Frauen nicht respektieren, wenn ich merke, dass sie davon profitieren, dass Männer sie nicht respektieren. Wahrscheinlich bin ich neidisch. Auf jeden Fall aber bin ich eine miese Verräterin, die in der bestmöglichen Mannschaft kicken will, bis der Wettbewerb kaputt ist.

Hazel Brugger, 23, Kolumnistin bei «Das Magazin», wurde schon die «böseste Frau der Schweiz» genannt. Sie selbst sagt über sich, sie sei «ganz lustig für eine Frau». Jedenfalls ist sie die mit dem galoppierendsten Hirn. Regelmässig tritt sie in Satire-sendungen wie der «heute-show» auf, sonst tourt sie mit ihrem Soloprogramm. Nach vielen anderen Auszeichnungen erhält sie heute den Salzburger Stier. Ihr erstes Buch heisst «Ich bin so hübsch» und zeigt sie auf dem Cover mit Papiersack über dem Kopf.