Von Nino Haratischwili

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Brief an meine Tochter
Als ich so alt war wie du jetzt, war die Welt noch in Ordnung. Zumindest behaupten das Menschen immer, wenn zwischen dem Jetzt und dem Damals eine beeindruckende Strecke liegt und wenn die Zeit ihre Sicht auf sich selbst und das Leben im Allgemeinen milder, versöhnlicher und vor allem sentimentaler gestimmt hat. Nun ja, die Welt war in überhaupt keiner Weise in Ordnung (wann ist sie das schon?), aber sie war eine andere, so dermassen anders, dass ich es mittlerweile kaum glauben kann, dass es sie wirklich so gegeben hat, im Georgien der Achtzigerjahre. In dieser Welt gab es keine Disney- oder Pixarfilme, dafür die russischen Zeichentrickserien und Märchenverfilmungen, es gab keine Milchshakes, dafür Glace mit einer unverfälschten sahnigen Note, es gab keine Wendy und keine Hello Kitty, stattdessen echte Pferde im Hippodrom, wo man Reitstunden nehmen konnte – jenseits jeder Mädchenromantik –, und die beunruhigend vertraute Melodie aus dem allabendlichen Kinderprogramm «Gute Nacht, Kinder». Aber auch jene Welt, wie die von heute, war in Männer und Frauen unterteilt. Die Männer von damals waren stark und laut, sie drückten den Kleinen schmatzende Küsse auf die Backen, und bei grossen Festen tranken sie, waren stolz auf ihre Frauen und Kinder, manche führten ihre Söhne und Töchter an den Wochenenden in den Zoo, den Zirkus oder die Parks aus. Sie unterhielten sich über «wichtige» Themen, und sie gingen arbeiten. Die Frauen gingen auch arbeiten, denn wir lebten schliesslich im Sozialismus, auch wenn er bereits auf wackligen Füssen stand. Danach kehrten sie heim und kochten, putzten, versorgten die Kinder, halfen ihnen bei den Hausaufgaben, kümmerten sich oftmals auch um ihre alten Mütter, Väter oder beide zusammen. Die Welt, in der ich aufwuchs, war zwar eine Frauenwelt, in der die Frauen das Leben vorantrieben, in der sie jedoch nichts bestimmten. Beziehungsweise so taten, als würden sie nichts bestimmen. Einer der Sprüche, die ich in meiner Kindheit immer wieder zu hören bekam, lautete: «Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals – sie dreht ihn dahin, wo sie ihn haben will.» Dieses Sprichwort wiederholten Frauen mit einem schelmischen Lächeln und einem merkwürdigen Funkeln in den Augen, als wüssten sie etwas, was ich noch nicht wusste – und was vor allem den Männern verwehrt war. Dieses Sprichwort wiederholten Frauen, die selbstständig waren, gebildet, stark, unabhängig, kämpferisch, mutig, alles, was ich mir wünschte zu werden – und dennoch wiederholten sie es mit einer Inbrunst, die sich aus einem blinden Glauben speiste. Als kleines Mädchen hinterfragte ich diesen Satz nicht, genauso wie einige weitere, die mich erst mit der Zeit stutzig machten, zum Beispiel, dass man stets ein Geheimnis für den eigenen Mann bleiben solle – eine gute Methode, ihn lange zu halten. Oder dass männlicher Betrug verzeihlicher sei als weiblicher, denn die Männer seien nun mal triebgesteuerter als Frauen und ausserdem habe man als Frau eine gewisse Pflicht zur «moralischen Erhabenheit». Es war eine Scheinwelt, voller Grauzonen und Schattenräume. Eine Welt, in der die Frauen so taten, als wären sie dümmer und schwächer, als sie es eigentlich waren, und in der die Männer – die stets «triebhafter», «animalischer», «aggressiver» waren – in Unkenntnis oder im Ungewissen gelassen werden mussten, denn diese komischen Halbwahrheiten schienen die eigentliche Macht der Frauen zu sein.
Mein erster Widerstand galt diesem Spruch mit dem Kopf und dem Hals. Ich verstand nicht, warum ich nicht mein eigener Hals sein durfte, meinen eigenen Kopf dorthin drehend, wo ich ihn haben wollte, und stattdessen irgendwelche Männer manipulieren sollte. Genauso wenig wollte ich mich mit einer endlosen Aneinanderreihung von sinnlosen Verboten abfinden, die für mich als Mädchen unausgesprochen galten. Während meine männlichen Freunde so lange wegbleiben durften, wie sie wollten, musste ich immer zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sein. Während sie laut fluchen und schmatzend Kaugummi kauen durften, sich raufen und schnell rennen, sollte ich sanft und verträumt wirken, am besten hilfsbedürftig, damit die Jungs ihren Schutzinstinkt ausleben konnten, was unweigerlich die Chancen steigerte, dass sie sich in mich verliebten. Während ihnen wilde Abenteuer und eine offene Zukunft vorausgesagt wurden, stand für mich fest – unabhängig vom beruflichen Werdegang –, dass ich heiraten und Kinder bekommen würde und so weiter und so fort. Diese ungeschriebenen Gesetze, die nur für Mädchen und Frauen galten, schienen zahllos. Aber das Tückischste an dem Ganzen war, dass die offizielle Version der Welt, in der ich lebte, eine ganz andere war. Offiziell waren wir gleichberechtigt, offiziell sollten wir unbedingt lernen, studieren, einen Beruf ergreifen, unabhängig sein, eigenes Geld verdienen, stark, klug, gewitzt, neugierig und wissensdurstig sein. Aber das war nur die glänzende Oberfläche, eine Fassade. Und die Frauen, auch jene, die für mich Vorbilder waren, spielten dieses Spiel mit, ohne zu widersprechen; sie fanden sich ab mit diesen ungeschriebenen Gesetzen, als gälte es, alles in Kauf zu nehmen, jede Ungerechtigkeit, jedes Leid, um bloss nicht die männliche, in meinem Fall, georgische Ehre zu verletzen.
Aber wie sollte man in diesem Paradoxon existieren? Wie sollte man den gesellschaftlichen Normen entsprechen und zugleich frei sein? Wie sollte man den Männern die Stirn bieten, ohne dass man gleich den Frauenstatus aberkannt bekam? Wie sollte man all diese Erwartungen in sich vereinen, ohne daran zugrunde zu gehen? Die Schlachtfelder jener Kämpfe, die in meiner Jugend begannen und bis heute andauern, waren Klassenzimmer und Vorlesungsräume: Was fällt Ihnen ein? Ihre Art, die Diskussion zu führen, ist alles andere als einer jungen Frau angemessen! Es waren Strassen und später laute und verqualmte Clubs: Fass mich nicht an! Es waren öffentliche Verkehrsmittel: Nimmst du bitte die Hand von hier weg! Es war aber auch mein Zuhause: Wieso kann ich nicht länger wegbleiben, so wie die Jungs? Ich war überzeugt, dass diese Kämpfe schlagartig aufhören würden, dass ich sie ein für allemal gewonnen hätte, sobald ich in die Welt der Freiheiten, in den Westen, ziehen würde. Schliesslich setzte sich in meiner rückständigen Heimat das Frauenbild aus sozialistischer Propaganda, orientalischen Märchen und nationalistischen Heilige-Hure-Mythen zusammen, während die westliche Frau durch die 68er-Bewegung von ihren Ketten befreit worden war und durch die hundertjährige Geschichte der Emanzipation gestärkt und vom europäischen Ideal der Gleichberechtigung getragen wurde. Und vor allem glaubte ich, endlich diese verschleierten Wahrheiten hinter mir lassen zu können.
Es fühlte sich wie ein Sieg an, als ich dann endlich den erwünschten Studienplatz ergattert hatte und in die ersehnte Freiheit eintreten durfte. Ich liess meine Welt zurück und stürzte kopfüber in eine neue, in der ich glaubte, frei sein zu können – endlich ein Mensch und nicht «nur» eine Frau. Lange habe ich meinen Blick abgewendet, versucht, der Realität auszuweichen, die ich mir anders vorgestellt hatte. Ich wollte mich nicht in verschiedenen Verhandlungsräumen seufzend in den Sessel zurückfallen lassen und denken müssen: Wieso soll mein Kollege für die gleiche Arbeit dreissig Prozent mehr Gage bekommen als ich?! Ich wollte nicht auf den Strassen, in den Clubs, in den öffentlichen Verkehrsmitteln denken: Nicht schon wieder, nicht auch noch hier! Ich wollte aber vor allem nicht umgeben sein von Frauen, zu denen ich aufgesehen hatte, in der Hoffnung, sie wären die wahren Amazonen der Neuzeit, und feststellen, dass sie genauso gefangen waren in diesem unsichtbaren Spinnennetz, das ihnen vorgab, wie sie sein mussten, um zu gefallen, um zu leben, nein, um zu überleben – wie die Frauen in meiner Heimat, denen ich seit jeher vorgeworfen hatte, feige zu sein. Am schmerzhaftesten aber war die Erkenntnis, dass ich zwar dem Ort entkommen war, der mich in archaische Muster und rückständige Rollen zwingen wollte, dass diese Muster und Rollen sich aber in mich eingeschrieben hatten. War man also als Frau stets dazu verdammt, in eine Falle zu tappen, oder war gar das Frausein selbst eine Falle?
Leider bin ich nicht mehr zuversichtlich genug zu glauben, dass du von all diesen Fragen frei sein wirst, wenn du einmal so alt bist wie ich. Ich glaube nicht, dass diese Welt, in die du als Frau hineinwächst, eine wesentlich andere sein wird als die jetzige. So glaube ich, dass auch du auf all den Schlachtfeldern wirst kämpfen müssen, nur hoffe ich, dass deine Waffen präziser sind als meine, dass dein Geist weitsichtiger sein wird und dass dein Selbstverständnis durch niemanden ins Wanken gerät. Ich hoffe vor allem, dass du dir die Liebe nicht erkaufen musst mit Power Yoga, Hot Iron, Spinning, Bauch–Beine-Po, Stretch and Relax oder Pole Dance, nicht mit Hunger- und Fastenkuren, mit Low Carb, Paleo, Insulin-Trennkost oder Dukan-Diät, nicht mit Push-up-BH, Tanga oder Shapewear; nicht mit nett sein und pflegeleicht und zuvorkommend und unkompliziert und handzahm und vor allem sexy hexy oder ein Häschen, ein Liebchen, ein Schätzchen; nicht mit kokettem Lachen und Botoxkuren, nicht mit Brustvergrösserung und Fettabsaugen, nicht mit Anpassung und unzähligen Kompromissen ausschliesslich auf deine Kosten, nicht mit heidnischen Opfergaben, blutig und gross und stets wachsend, weil die Götter immer unersättlicher werden, nicht mit Spagat, für den du dich verrenken musst und der dir die Luft zum Atmen nimmt, nicht mit Lügen und Halbwahrheiten – ja, ich hoffe, dass du dir die Liebe nicht mit alldem erkaufen musst. Und ich hoffe, dass du nicht über Auratherapie, Lach-Yoga, Kartenlesen, Astromedizin, Irisdiagnostik, Mesmerismus und vor allem nicht über Männer dich selbst finden musst. Ich wünsche dir, dass du für dich das Freisein als ein leeres Blatt begreifen kannst, das du beliebig füllst und beschriftest, furchtlos, frei.

Nino Haratischwili, 33, ist Schriftstellerin, Dramatikerin, Theaterregisseurin – und seit Kurzem Mutter einer Tochter. Sie ging als Studentin aus ihrer Heimatstadt Tiflis nach Deutschland, wo sie bis heute lebt. Ihr Tausenddreihundert-Seiten-Buch «Das achte Leben (Für Brilka)» kam bei Kritik und Publikum bestens an; «Der Spiegel» bezeichnete das Werk  als «Roman des Jahres 2014».