Von Anna Miller

Das Magazin N°19– 13. Mai 2017

Dann ist dieser Sommertag da, der Tag der Abreise. Heute wird Martine * ein Flugzeug besteigen und ihren Mann nach fast fünfzig Jahren Ehe für einen anderen verlassen. Martine geht ins Schlafzimmer und streicht das weisse Laken glatt. Der Koffer hat auf ihrer Seite einen braunen Fleck ins Laken gedrückt, als sie ihn für die Reise packte. Ihre Parfümfläschchen, ihre Cremes, ihre Nachthemden in den Schränken – alles unberührt, «mein Mann will, dass alles so bleibt, wie es ist». Sie hat ihm einen Zettel auf den Herd gelegt, mit der Anleitung für die Wäsche, vierzig Grad bunt, vierzig Grad schwarz.

Der andere nennt sie «ma petite fleurette», mein kleines Blümchen. Über Monate haben sich Martine und Jacques jeden Tag geschrieben, Tausende von E-Mails, bis in die Nacht hinein. Er sass in London, sie in einem alten Haus nahe der französischen Grenze, eingezwängt zwischen Nachbarn, die sie schon ein halbes Leben kennt. Martine hat jede einzelne Mail gelöscht und jede SMS. Jacques auch. Sie haben ihre Spuren verwischt, alles lief im Geheimen. Bis zu jenem Morgen, als Martines Mann zum Frühstück kam und zu ihr sagte: «Bonjour, ma petite fleurette.»

Im vergangenen Winter kam die erste Mail von Jacques. Im Spamordner war sie gelandet, Martine klickte trotzdem darauf. «Hallo, hier ist Jacques, wollen wir uns schreiben?» Und in Martine kamen alle Erinnerungen hoch, an einen süssen Jungen. An ihre Spaziergänge, an den Kuss auf einem Feld. Der erste Mann in ihrem Leben.

Es begann harmlos, sie fragten einander, wie es geht und was sie so getan haben in den vergangenen fast sechzig Jahren. Bis vor drei Monaten. Als sie ihm schrieb: Du sprichst immer von allem Möglichen, nur von uns beiden sprichst du nie. Und Jacques ihr antwortete: Nie im Leben hätte ich mich getraut, den ersten Schritt zu machen.  Im Juni machte Martine mit ihrem Mann noch Ferien in den Niederlanden, der letzte gemeinsame Urlaub. «Lass uns weitermachen wie bisher», sagte er. «Ich fahre am 1. August», sagte Martine, «Jacques kommt mich holen.» Und ihr Mann sagte: «Wenn du es so eilig hast, dann fahr doch sofort.»

Wir haben gesprochen, letzte Nacht, mein Mann und ich. Im Dunkeln, im Bett. Er sagte, ich solle auf mich aufpassen, und er wolle mir Geld geben, für eine neue Wohnung mit Jacques. Das hat mich sehr berührt. Wir haben geweint. Danach bin ich eingeschlafen. Ich kann immer schlafen. Er schlief nicht.

Heute Morgen hat Martines Mann seinen Kaffee verschüttet, was er sonst nie tut. Sie hat die Tischdecke gewechselt, die Laken im Schlafzimmer sollten so bleiben. Er will, dass es ist, als wäre sie noch da.

16.30 Uhr, noch eine halbe Stunde bis zur Fahrt zum Flughafen. Regentropfen fallen auf die Blätter der Pflanzen im Garten, sonst ist es still im Haus. «Gross ist es hier», sagt Martine, «viel zu gross.» Sie zieht sich ihre Lippen nach, sie hat eine Zebrabluse angezogen, einen schwarzen Bleistiftrock. Ewigkeiten hat sie kein Rouge mehr getragen, keine hohen Schuhe. Bis dieser Sommer kam.

Viele sagen mir, ich blühe wieder auf. Auch die jungen Männer aus unseren Vereinen. Sie sagen: Schau, wie sie strahlt, übers ganze Gesicht. Mein Mann sagt nur: Die schwatzen blödes Zeug.

Vor sieben Jahren dachte Martine darüber nach, aus dem Haus zu gehen und nicht zurückzukehren. Einen Grund gab es nicht. Sie hatte bloss genug. Von dem Leben ohne Nähe, von der Einsamkeit zu zweit, von den Reisen in der Gruppe. Martine und ihr Mann hatten sich in einem Kinosaal kennen gelernt. Alle Cousins wollten neben der jungen Martine sitzen, sie wollte nicht, also entschied sie, dass er neben ihr sitzen sollte. Als Abschirmung vor den anderen. Tags darauf stellte er sie seiner Mutter vor.

Ich würde meinem Mann wünschen, dass er eine andere Frau findet. Das ist doch normal, nicht? Er braucht jemanden. Für das Haus. Und fürs Kino, fürs Essen. Jeder braucht doch Gesellschaft im Alter.

17 Uhr, Martine und ihr Sohn fahren vorbei an Mais und Weizen, in Richtung Flughafen, Martine sagt, ruf Grossmutter an, fahr in die Ferien mit Papa, geh vorbei und hol die Gurken, die Bohnen. Gestern war es so schön hier, heute regnet es, in London regnet es sicher auch. Als Martine ihrer Schwiegertochter sagte, dass sie die Familie verlassen werde, fragte diese: Wer wird nun unsere Aperitifs machen? Die Lachsrollen, Gurkensalat? Und Martines Mann sagte: Ich habe Angst, allein zu sein, allein im Bett, allein auf dem Sofa. Eine Freundin meinte, Martine müsse zum Psychiater, sie sei nicht mehr normal im Kopf.

Mein Mann hat mir vor ein paar Tagen gesagt, dass er mich liebt. Ich habe ihm gesagt: Das ist das erste Mal in fünfzig Jahren, dass du mir das sagst, es ist zu spät dafür. Ich selbst habe es ihm auch nie gesagt. Ich habe immer darauf gewartet, dass er den ersten Schritt macht. Das ist die Erziehung, ich konnte nicht anders. Er wahrscheinlich auch nicht.

Eine Nachricht von Jacques, «coucou ma fleurette», sie hat seine Nummer nicht gespeichert, sie kennt sie ohnehin auswendig, und sie weiss gar nicht, wie das ginge, Nummern speichern. Ihr Mann hat ihr den Zugang zum Konto gesperrt. Er sagte: Ich zahle doch nicht die Anrufe von dir und deinem neuen Freund. Sie hat für Jacques Anchovis in Salz eingepackt, die hat er sich gewünscht, eine italienische Salami dazu und einen Spray von Yves Rocher, der nach Wald riecht, sie hatte einen Gutschein dafür.

18.30 Uhr, Jacques schreibt: «Ich fahre jetzt zum Hotel, mein Herz schlägt wie wild.» Sie lächelt. Zu Hause schaltete Martine ihr Handy nur auf laut, wenn ihr Mann nicht da war. Weil er sonst bei jedem Klingeln sagte: Schau, er wieder. Martines Mann war Präsident des Gartenclubs, sie im Komitee der Gymnastikgruppe. Wenn sie zu Hause waren, sahen Martine und ihr Mann bis halb zehn fern. Danach ging sie an ihren PC, er an seinen. Sie in ihrem Zimmer, er in seinem. Dann spielte Martine Solitaire, bis sie müde war. «Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.» Als Jacques kam, war keine Zeit mehr für Karten.

Mein Mann hat uns beiden per E-Mail geschrieben, zwei Tage vor meiner Abreise. An ihn: Du hast mir meine Frau gestohlen, du bist ein Narzisst. Und mir hat er geschrieben: Ich wünsche mir, dass du glücklich bist.

21.25 Uhr, Boarding. Martine fasst sich an den Ringfinger der linken Hand, Gelbgold mit einem kleinen Diamanten, es ist der zweite Ehering, geschenkt zu ihrem fünfzigsten Geburtstag, der erste war ihr zu eng geworden. Martine versucht, den Ring abzustreifen, mit Mühe drückt sie ihn über den Fingerknochen, zieht ihn ab und streift ihn wieder zurück.

Ich kann diesen Ring nicht weglassen. Er ist eine Gewohnheit, eine Erinnerung an mein Leben davor. Das sollte man nie tun – die Vergangenheit auslöschen.

Martine besteigt das Flugzeug. Sie lässt sich in den Sitz fallen. Die Lichter gehen aus, das Flugzeug rollt über das Feld. Müde schaut Martine aus dem Fenster.

Mein Mann sagte, ich kann immer wiederkommen. Auch nach zehn Jahren. Das zeigt, dass ich ihm sehr wichtig bin, oder nicht? Ich sagte: Vielleicht hast du in zehn Jahren eine neue Frau, und er sagte: Das macht nichts, dann wohnst du oben im Haus, und meine neue Frau und ich wohnen unten.

23.30 Uhr, Martine ist der erste Passagier im Flugzeug, der sein Handy anmacht. Sie gibt die PIN ein, keine Nachrichten. «Er wird da sein, ich weiss es. Sonst fahre ich eben allein dorthin. Ich habe seine Adresse.»

Martine drängt vorbei an Menschenmengen, vorbei an Plakaten von Banken, die erzählen, dass Ausdauer sich auszahlt. Ein bisschen, sagt Martine, sei es hier wie am Flughafen von Palma de Mallorca, so gross.

Passkontrolle, Baggage Claim. Und plötzlich ist das Leben neu. Dort drüben steht er, klein, mit feiner Brille und zu langer Krawatte. Sie rennen aufeinander zu.

Ich glaube an Gott. Jacques auch. Meinen Mann habe ich nie gefragt, ob er an Gott glaubt. Bis ich 23 war, ging ich immer zur Messe. Ich glaube an Zeichen des Himmels. Und diese Mail, das muss so eine Art Zeichen gewesen sein. So etwas kommt nicht von allein.

Arm in Arm fahren sie auf einer endlos langen Rolltreppe in eine Tiefgarage. «Fast sechzig Jahre, kannst du das glauben?», sagt Martine, «braun bist du geworden», er streicht ihr übers Gesicht, «wir können den Zug nehmen», sagt sie, «ich liebe dich», flüstert er, «du wirst doch nicht weinen  jetzt, nein, nein.»

Der erste Tag nach dem Wiedersehen, Glanz liegt in den Augen, Unsicherheit in der Stimme, viele Fragen. Sie schlendern durch die Strassen Londons, stundenlang, die Körper suchen Wärme. Martines Beine schmerzen vom vielen Laufen und vom Schwimmen heute Morgen, das Wasser war ihr zu heiss im türkischen Bad, eine Idee von Jacques, er wollte ihr etwas von der grossen, schönen Welt zeigen.

Restaurant «Bella Italia», er bestellt Calamari, sie Rohschinken. Dann hört sie ihm zu, wie er von seinen Reisen erzählt, von den Problemen seines Jobs als Ingenieur, von seinen Abenteuern und Reisen um die Welt, seinen Ehen. Er erzählt von seiner ersten Frau, die ihm sagte, sie wolle noch sein Geld, aber ihn halte sie nicht mehr aus, und davon, wie Recycling technisch funktioniert. «Mit mir fühlt sich Martine wieder wie eine Frau», sagt Jacques dann, «ihr Mann hat ihr nicht die Liebe gegeben, die ich ihr gebe. Die Liebe des Herzens, des Körpers.» Martine errötet über ihrem Teller. Sie hat in ihrem Leben nie über solche Dinge gesprochen.

Die Zimmer sind zu klein im Hotel. Ich weiss noch, wo ich die schönsten Zimmer hatte: im Schwarzwald, damals mit meinem Mann. Und in Neapel. Zimmer, so gross wie ein Palast.

Jacques wirft Eiswürfel in seinen Rosé. Er sagt, er sei Waage, diese Art von Mensch rede eben viel. «Mein Mann ist auch Waage. Er sprach nie viel.» Jacques sagt, das sei alles Schicksal mit ihnen. Verstohlen schaut Martine auf ihr Handy. Eine Nachricht von ihrem Mann, die erste SMS seines Lebens: «Ich liebe dich immer noch sehr. Ich werde auf dich warten.»

In ein paar Tagen wollen sie nach Calais fahren, Jacques und sie, mit der Fähre, von Englands Küste aus. Drei Wochen Urlaub in der Provence, ein neues Leben zu zweit. Jacques hat alles organisiert, die Route, die Zwischenstopps, die Besuche bei Freunden und der Familie. «Wir werden heiraten, in der Bretagne, nicht wahr, Martine? Du bist immer noch genauso schön wie damals. Es fühlt sich an, als hätten wir einander nie verlassen.»

Im Februar hat seine zweite Ehefrau Jacques aus dem gemeinsamen Haus geworfen. Seither wohnt er bei seinen beiden Kindern in einer gemieteten Dreizimmerwohnung am Rande der Innenstadt und schläft auf dem Sofa. Jeden Tag packt Jacques das Schlagzeug seines vierzigjährigen Sohns in den Kofferraum, fährt ihn zu Konzerten und wartet stundenlang im Café, bis er ihn wieder nach Hause fahren kann. Jacques’ Tochter studiert Fotografie, sie ist Mitte dreissig. Die beiden schreien ihren Vater oft an.

«Gehen wir?», fragt Martine, sein Glas ist noch halb voll. «Erinnerst du dich noch daran, als du mir deine Kommunionkarte gegeben hast, Martine? Wir haben den gleichen Charakter, du und ich. Sanft, ruhig. Du warst so hübsch, du warst mein erster Kuss. Und ich hoffe, du wirst mein letzter sein.» Es ist spät geworden, die beiden gehen den Weg zurück zur U-Bahn-Station, der Typ an der Ecke singt: «Everything means nothing if I ain’t got you.» Sie geht ihm zu schnell. Eine Gewohnheit, sagt sie.

Menschen ändern sich. Ich habe eine Freundin, deren Mann sich geändert hat. Und sie war wieder glücklicher.

Am nächsten Tag Mittagessen in einem Pub in der Hafenbucht, die Masten der grossen weissen Segelschiffe wanken hin und her, Jacques’ zerzauste, grauweisse Haare wehen im Wind. Das beste Pub der Stadt, sagt Jacques, hierher komme er immer, diese wunderbare Sicht, diese alten Mauern, das gute Essen. «Ich werde entweder mit dir zusammen sein oder für immer allein, weisst du, Martine», sagt Jacques leise. «Es ist wie in diesem Lied von Mireille Mathieu, ‹Après toi. Plus personne› – nach dir wird niemand mehr kommen.»

Martine lässt ihr Handy nicht mehr aus den Augen, sie spricht schnell und kurz, während Jacques versucht, ihre Hand in seine zu ziehen. Sie unterbricht ihn oft. «Setzt du dich nicht neben mich?», fragt er. «Dann setz dich doch hierher», sagt sie.

Mein Mann hat mich gefragt: Zwei Tage weg, und du bist schon enttäuscht?

«Wir werden spazieren gehen, morgen», sagt Jacques, «wir werden nach Richmond fahren und Kalb kaufen, für die Blanquette de veau, wir kochen mit der Familie, und du, Martine, kannst Perlen kaufen, in der Oxford Street. Dann fahren wir nach Manchester und hören meinem Sohn zu, wie er Schlagzeug spielt. Dann heim nach Acton, dann die Fähre nach Calais. Bist du seekrank? Oh, das wusste ich nicht.» Weitere Programmpunkte: Nantes, Avignon, Pourcieux, danach Strand, «ohne Rückkehr», scherzt er, Bologna, Verona, ein Besuch bei der Mutter.

Sie spazieren die Themse entlang, das Schiff nach Greenwich wollen sie nehmen, der Himmel ist grau, es ist kühl. Martine zieht die Jacke eng an den Körper und stellt sich an das Geländer, vor ihr der Tower of London, ihr Blick schweift über die Londoner City.

Jacques sagt mir dreissigmal am Tag, wie schön ich bin. Mein Mann hat mir nie Komplimente gemacht. Aber ist das wichtig? Es sind doch die Taten, die zählen, am Ende.

Sie setzen sich im Oberdeck in Fahrtrichtung ans Fenster, Circular Cruise Westminster, Martine schaut ins graue Wasser, er spricht von Bauarbeiten am Suezkanal, von Assisi, Nantes, von Bagdad, von Monaco.

Ich war mir sicher, es würde so aufregend werden wie damals, als wir jung waren. Mein Mann sagte: Du wirst sehen, die Realität wird anders sein.

Das Schiff legt an, Martine und Jacques schlendern durch die alten Gassen, vorbei an Kaffeeketten und Burgerläden, im Café küssen sie sich vor dem Barista. Jacques bestellt, das tut er immer. Martine spricht kein Wort Englisch. Sie fände allein den Weg ins Hotel nicht mehr, vielleicht nicht einmal den Weg zum Flughafen.

In der U-Bahn-Station stellt sich Martine unsicher auf die Rolltreppe, er hinter sie, «du fällst noch», sagt sie, «du machst mich noch ganz schwindelig», sagt er. Er streichelt durch ihr kurzes, störrisches Haar, um sie herum Hunderte Pendler, Rushhour in London. Mit ihren grossen, braunen Augen beobachtet Martine das Treiben, die Menschen mit ihren Smartphones, Aktentaschen und ihrer Eile. Die U-Bahn-Türen im Bahnhof Stratford schliessen, vierzig Minuten Fahrt nach Hause. Sie fragen sich gegenseitig Dinge ab, die sie nicht wissen können, weil sie kein Leben miteinander verbracht haben, das Alter der Kinder, woher ihre Mütter stammen. Für ein paar Minuten schläft Jacques ein, sein Kopf legt sich auf ihre Schulter. Martine atmet hörbar aus, mal kurz Ruhe, Zeit für sich. Der Zug schlängelt sich durch die Tunnel hinaus in die Vorstadt, wieder ans Licht.

Acton Central, Martine und Jacques laufen die Bahnlinien entlang zum Haus seiner Kinder, weiss und eingereiht in eine kleine Strasse, auf der mehr Mülltonnen als Menschen zu sehen sind. «Ich habe immer die Läden zu beim Schlafen», sagt sie, «ich habe sie immer offen», sagt er. Sie ziehen ihre Koffer ins Haus. Die erste Nacht auf dem Sofa.

Das war mit das Schönste an unserer Geschichte: das Warten auf die Nachrichten, diese Ungeduld, diese Freude, jeden Abend.

«Ich gehe einkaufen», sagt er, «was möchtest du, Lamm, Poulet? Ich koche dir alles, was du willst.» Jacques packt eine Einkaufstüte ein, er spricht mit warmer, leiser Stimme, er sieht sich oft nach ihr um, er lächelt. Bevor er das Haus verlässt, steckt er seinen Laptop an den Strom, «soll ich dir zeigen, wie man den PC anmacht? Willst du deine E-Mails lesen?» – «Nein, jetzt schreibt mir ja niemand mehr.»

Martine beginnt, die Küche aufzuräumen, sie stellt die Früchteschale weg, in die Jacques frische Ananas gelegt hat. Sie räumt schmutziges Geschirr beiseite, Tabakkrümel.

Ich bin gewohnt, dass alles aufgeräumt ist, alles sauber, das macht mir zu schaffen hier.

Jacques kehrt zurück und hängt seine Lederjacke wieder in den Holzschrank neben dem Sofa. Er strahlt, er hat Salat gekauft und frisches Brot für morgen früh. Währenddessen klingen im Wohnzimmer nebenan die Tastentöne von Martines Handy durch den Raum, er nimmt sie nicht wahr. Er hört nicht mehr gut, er hört nur noch, was ihm nahe ist.

Wir haben heute telefoniert, mein Mann und ich. Er sagte, er sei jede Nacht unglücklich, dass ich nicht neben ihm liege. Das hat mich glücklich gemacht.

Die Kinder kommen nach Hause, sie machen sich eigenen Salat und Sandwiches, alle nehmen sich einen Stuhl, nur Jacques hat keinen. Sie schreien ihn an, er habe den Salat schon wieder nicht in die richtige Abfalltonne geschmissen, wie dumm könne man sein? Jacques’ Tochter hat heute ihren Freund verlassen, er hatte eine andere. «Weisst du, Kind», sagt Jacques, «er kann nicht gleichzeitig zwei Frauen haben, das geht nicht. Man kann nicht jemandem sagen, dass man ihn liebt, und gleichzeitig irgendwie noch bei jemand anderem sein. Das ist keine Liebe. Wenn du dich entscheidest, dann entscheidest du dich.»

Jacques schiebt das Fleisch in den Ofen, Martine sagt, ihr Mann habe geschrieben, sie lächelt. Allein heute sind es schon drei Nachrichten, und vor ihrer Abreise das ganze Leben keine einzige. «Ich bin mir sicher, dass sie bei mir bleibt», sagt Jacques, «ich kenne ihren Charakter. Ich weiss, dass sie Zuwendung braucht.» Während er die Melone für den Nachtisch schneidet, ruft sie zu Hause an und sagt ihrer Schwiegertochter, dass sie bald zurückkomme. «Was hast du ihr gesagt?», fragt Jacques. «Dass ich bald wieder nach Hause komme», sagt Martine. Dann lachen beide und umarmen sich innig, als wäre das nur ein dummer kleiner Scherz.

Mein Mann wird sich ändern, er hat es mir versprochen. Und Jacques hat mir versprochen, ich könne immer zurück. Er werde auf mich warten.

Ein paar Wochen später ist Martine zurück in der Heimat, in ihrem alten Haus. Wo alles noch so aussieht wie früher, bevor sie aufbrach. Sie schläft wieder an der Seite ihres Mannes, in ihrem alten Bett. Die Kinder kommen zu Besuch, sie kocht, sie macht den Garten. Und abends nach dem Fernsehen setzt sie sich an ihren PC und schreibt an Jacques.

* Alle Namen von der Redaktion geändert.