Die Letzte

Eine Kolumne von Hazel Brugger

Das Magazin N°19– 13. Mai 2017

Als ich beim «Magazin» anfing, war ich ein Wurm. Eine wirbellose Wurst, die ein halbes Talent fürs Schreiben und ein Dreivierteltalent fürs Zwischenmenschliche hatte. Nichts davon ausgebaut, alles unerfahren, hoch neurotisch. Das ist jetzt nicht ganz drei Jahre her; seitdem habe ich viel gefühlt. Hass von anderen, Bewunderung für andere, Bewunderung von anderen, viel Irritation.

Ich wusste immer, dass ich das nicht ewig machen würde, diese Kolumne schreiben. Fünf Jahre max, habe ich mir gesagt, und wenns keinen Spass macht, bin ich nach sechs Monaten schon raus. Es darf nicht monoton werden. Leben heisst Wachstum, und wenn hinter dem Vertrauten keine abgrundtiefe Angst mehr lauert, werde ich unruhig. Nostalgisch will ich nicht sein, und auch für immer gleiche Muster habe ich mich nicht selbstständig gemacht. Heute bin ich ein anderer Mensch als am Anfang, und ich freue mich schon auf den Moment, in dem ich an diese letzte Kolumne zurückdenke und zugeben muss, was ich doch immer noch für ein Würmchen war.

Als Finn mich einstellte, sassen wir im Café Grande in Zürich am Limmatquai. Direkt beim Eingang, links, mit mir an einen runden Tisch gedrängt, sprach er darüber, was eine gute Kolumne ausmache (dicht soll sie sein, aber dann im Nachhinein mit einer nötigen Luftigkeit versehen, wie ein Soufflé aus Gedanken, ein leichter Snack mit vielen Kalorien). Ich lachte ein nervöses Krächzen und sagte, jaja, dass die Kunst ja immer sei, es so zu verkaufen, als ob man nichts verkaufen wolle. Zum Glück war ich zu dumm, um Angst zu haben. Alle zwei Wochen einen Text liefern, der dann gelesen wird und für immer in irgendeiner Datenbank zu finden ist, das ist der kreative Tod, wenn man es sich zu Herzen nimmt.

In der ganzen Zeit habe ich es nie geschafft, die Kolumne pünktlich abzugeben. Nicht ein einziges Mal. Pathologisch mindestens einen Tag zu spät, manchmal sogar drei. Es hat auch nicht immer Spass gemacht zu schreiben. Manchmal habe ich es gehasst und gedacht, ich könnte ja vielleicht noch bis Redaktionsschluss in einen mittelschweren Unfall verwickelt werden, der mich entschuldigen würde.

Als ich dann wusste, wann die letzte Kolumne veröffentlicht würde, kamen plötzlich ganz neue Freuden auf. Als der Abschied Gestalt annahm, hatte ich beim Schreiben so viel Spass wie noch nie bei etwas. Ich begann, Krebspatienten zu verstehen, die sagen, dass sie nach der Diagnose erst richtig angefangen haben zu leben. Leben heisst Veränderung und Schwere, Leichtigkeit und neue Gefilde, das Leben ist ein leichter Snack mit vielen Kalorien. Und eine Kolumne ist zu kurz, um sie mit nur einem Leben zu füllen.

Also danke. Und viel Spass und alles herzlich Gute an Nina Kunz, die von nun an im Wechsel mit Katja Früh hier schreiben wird. Wir lesen uns bald wieder im «Magazin», mal kürzer, mal länger, aber immer zu spät abgegeben.