Nicht übertrieben – leider

Ein Kommentar von Niklaus Peter

Das Magazin N°19– 13. Mai 2017

Die Nachricht von seinem Tod sei stark übertrieben, liess Mark Twain einer Zeitungsredaktion ausrichten. «Reports of my demise are not exaggerated», war hingegen der letzte Tweet von Hubert Dreyfus, des 87-jährigen Philosophen, gepostet am Todestag, 22. April 2017: leider «nicht übertrieben». So war es wohl mit seiner Frau abgesprochen, und so hatte ich ihn in Berkeley kennen gelernt, als einen nicht nur klugen und liebenswürdigen, sondern auch humorvollen Menschen.

Bekannt geworden ist Dreyfus mit seinem Buch «Die Grenzen künstlicher Intelligenz: was Computer nicht können» (1972), einer luziden, philosophisch radikalen Kritik der überzogenen Begeisterung für Artificial Intelligence (AI). Die Rechenleistung von Computern, so hatte man verkündet, sei bald so stark, dass die natürliche Intelligenz des Menschen in jeder Hinsicht überholt sei und man in ein posthumanes Zeitalter eintrete. Das amerikanische Militär investierte damals Unsummen in künstliche Intelligenz zur Automatisierung strategischer und taktischer Entscheidungen – emotions-, illusions- und fehlerlos eben, weil computergesteuert.

Dreyfus wies auf die grundlegenden Denkfehler dieser AI-Propheten hin, indem er aufzeigte, wie vielschichtig menschliche Urteilsprozesse sind und wie stark unsere Realitätswahrnehmung sich aus einem Mix intuitiver, sprachlich vermittelter und logisch überprüfter Prozesse zusammensetzt. Und dass diese, ganz nebenbei, manchmal wertegeleitet sind. Daher sei es faktisch unmöglich, derart komplexe Wirklichkeiten zu simulieren, wie militärische Entscheide sie erforderten.

Wer nun einwirft: Dann schau doch mal auf die selbst fahrenden Autos, dem hätte Dreyfus wohl geantwortet: Schon gut, Stadtpläne mit Einbahnstrassen und Lichtsignalen kann man modellieren, Hindernisse mit Sensoren abtasten, auch komplexere Prozesse mögen noch drinliegen. Aber simuliert mal realistisch einen unserer normalen Alltage mit seinen fortlaufenden Entscheidungen, den bewussten, den intuitiven und routinemässigen, aber auch den komplex abgewogenen – dann werdet ihr «auf die Welt kommen».

Das war ein Stichwort seines philosophischen Gewährsmannes Martin Heidegger, den Dreyfus ohne dessen Mystifikationen und Verbohrtheiten las und produktiv machte. Diese Philosophie führte ihn ins Nachdenken darüber, was Intuition, was Sprache und Verstehen mit unserem Menschsein zu tun haben. Dreyfus entwickelte auf Heideggerschen Bahnen ein fünfstufiges Modell, wie wir uns alltagsrelevantes Wissen aneignen. Dieses inspirierte Patricia Benner zu ihrem Buch «Stufen zur Pflegekompetenz: From Novice to Expert». Darin wird eindrücklich beschrieben, wie Pflegefachleute zu ausgewiesenen Profis werden, wenn lehrbuchbasiertes Grundwissen sich mit Erfahrung und Sensibilität zu wahrnehmungssicherer Intuition verdichtet.

Hubert Dreyfus war ein Philosoph mit einem weiten Horizont, aber auch mit Sinn fürs Praktische. Ach, wäre die Todesnachricht doch wenigstens ein bisschen übertrieben.