Baking Bread — TV-Serien aus der Küche

Im Netflix-Zeitalter ist auch die Köchin längst zur Serienheldin geworden. Oder – wie es im internationalen Jargon inzwischen heisst – zum «Starchef».

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

Der slowenischen Köchin Ana Roš wird dieser Tage ein Attribut zugeschrieben, das Ausdruck einer neuen kulinarischen Lingua franca ist: «Starchef», auch wenn sie eigentlich eine «Starchefin» ist. Das -in-Wort hat jedoch den gravierenden Nachteil, dass es nicht international eingesetzt werden kann, also scheidet es aus. Warum Ana Roš aber ein Starchef sein muss, erzählt einiges über die zusehends globalisierte Welt der Spitzengastronomie.

Ana Roš ist Eingeweihten schon lange bekannt. Ihr Restaurant «Hiša Franko» in Kobarid im slowenischen Soča-Tal gilt seit Jahren als bestes Lokal Sloweniens, und Ana Roš bemüht sich redlich darum, diese Einschätzung über die Grenzen Sloweniens hinaus bekannt werden zu lassen. Unter anderem tritt sie am 21. und 22. Mai im Rahmen der Eventserie «Chef Alps» in Zürich auf, aber das nur nebenbei. Wichtiger waren zwei andere – wie sagt man? – Appearances.

Zuerst gestattete sie dem Team der Netflix-Serie «Chef’s Table», eine Folge mit ihr als Hauptperson zu drehen. Das war eine ziemlich grosse Sache, denn in der ersten Staffel der Serie traten nur veritable Weltstars der globalen Gastronomie auf: Amerikas Farm-to-table-Pionier Dan Barber, der italienische Charmemagier Massimo Bottura, der patagonische Dreistern-Purist Francis Mallmann, die japanische Fusionkünstlerin Niki Nakayama, der neuseeländische Foodesoteriker Ben Shewry und das schwedische Nordlicht Magnus Nilsson.

«Chef’s Table» ist ein ziemlich spektakuläres Format. Internationale Dokumentarfilmer gehen mit viel Verve an die Aufgabe heran, Köche, ihre Restaurants und die Ideen, mit denen die Küchen befeuert werden, möglichst attraktiv aussehen zu lassen. Ana Roš kommt in der entsprechenden Netflix-Folge grossartig über die Rampe, ihr sympathisches, bescheidenes Auftreten steht in einer anregenden Beziehung zu den anspruchsvollen, komplexen Gerichten, die sie kreiert.

Als der Film freigeschaltet wurde, veränderte sich die Welt von Ana Roš. Plötzlich hatte sie nicht mehr die Eingeweihten am Telefon, die Stammgäste, die Rückkehrer, sondern jede Menge Menschen, die bei der Frau essen wollten, die sie gerade auf Netflix gesehen hatten. Das ging so weit, dass kein Abend mehr verging, an dem Ana Roš nicht ein Selfie mit irgendwelchen Besuchern machen musste, die zum Teil sogar vor ihrer Wohnungstür auftauchten. Vor Netflix hatte sie mit denen noch maximal über das Essen geredet.

Das zweite Ereignis ging in Australien über die Bühne. Als im April die aktuelle «50 Best»-Liste präsentiert und deren Gewinner – Gratulation nach New York, Daniel Humm – gefeiert wurden, hatte auch Ana Roš ihren grossen Auftritt. Sie erhielt den Preis als «Best Female Chef» – und auch wenn man jetzt ohne Weiteres diskutieren könnte, warum es zwar einen Preis für die beste Frau, aber nicht für den, sagen wir, besten homosexuellen Koch gibt, gab der Award der Karriere der jungen Köchin den nächsten Schub – und stürzte diese in das Dilemma, das mit dem Etikett «Starchef» untrennbar verbunden ist: Ein Star wird geboren, erzeugt Begehrlichkeiten, steht aber nur temporär zur Verfügung.

Wer sich den Reiseplan von Ana Roš ansieht, begreift, was das heissen kann: Die Köchin, unmittelbar zu internationalem Ruhm gekommen, wird zu prestigeträchtigen und gut bezahlten Auftritten in aller Welt eingeladen. Gerade erst war Roš zum zweiten Mal in Australien, sie bereist ganz Europa und in Kürze Bangkok.

Gleichzeitig stehen in ihrem Restaurant die Menschen Schlange, die mit dem Gesicht von «Hiša Franko» sprechen, die das Wasserzeichen der berühmten Köchin in den elf Gerichten des Abendmenüs erkennen wollen. Und obwohl das Team von Ana Roš natürlich auch ohne die Chefin ein beeindruckendes Menü serviert – kein Ferrari wurde von Enzo Ferrari persönlich zusammengeschraubt –, sind manche Gäste enttäuscht, vor allem die, die mit dem Restaurantbesuch auch ein bisschen Starappeal einkaufen wollten: Wo ist denn eigentlich der Starchef oder, okay, die Starchefin geblieben?

Der Koch, der sein Leben in der Küche verbringt, fällt aus unserer Zeit. Prominente Schweizer Gastronominnen und Gastronomen wie Tanja Grandits oder Andreas Caminada können ein Lied davon singen. Ana Roš selbst bleibt gelassen: «Mein Team kann das.» Mehr wird sie uns vielleicht persönlich erzählen. In Zürich, Budapest oder Bangkok.