Der Auserwählte

Eine Kolumne von Katja Früh

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

Was mich total fasziniert, ist die direkte Linie, die Herrscher und Diktatoren und solche, die es werden wollen, zu Gott haben. Ich stellte mir früher immer so eine geringelte Telefonschnur vor, die von der Erde zum Himmel reicht. Heute mit den Handys ist es einfacher, da gibts keinen Kabelsalat mehr, da gehts durch die Luft direkt ins Universum. Die Trumps und Co. müssen nur schnell unter «Favoriten» suchen, und schon haben sie Gott in der Leitung, der ihnen versichert, dass sie, genau sie, auserwählt sind und in der materiellen Welt Grosses leisten werden. Dabei handelt es sich um einen Auftrag, sie müssen, denn es kommt von ganz oben. Mit dieser Bestätigung lässt sich gut leben. Denn man braucht keine Rechtfertigung für seine Taten, man ist ja berufen und folgt nur den obersten und gottgegebenen Gesetzen. Man weiss, was man zu tun hat, und auch wenn man etwas nur für sich tut, gehört es zu dem grossen Ganzen. Zu etwas Gewaltigem, zu etwas, das über die Zeit geht, zu etwas Höherem. Manchmal, wenn die Kommunikation zwischen oben und unten etwas harzt, kann man auch zu Hilfsmitteln greifen und sich einer, z. B. blonden, Religionsberaterin zuwenden, die einem wieder Mut macht. Zum Beispiel kann sie, dem selten, aber doch hie und da zweifelnden Klienten, Beweise für sein Auserwähltsein darlegen. «Schau, mein Sohn», sagt sie dann vielleicht, «es ist doch ganz klar, dass du derjenige bist, den Gott erwählt hat, wieso sonst hätte er dich mit solch immensem Reichtum bedacht?» Ja, wieso sonst?, fragt sich der Auserwählte, das ist doch sehr einleuchtend. Seine Welt ist jetzt wieder in Ordnung, denn der Allmächtige hätte ja auch ein schwarzes Kind, das nichts zu essen hat, wählen können. Hat er aber nicht. Er hat ihn gewählt. Er hält ihn für fähig, eine Mission zu erfüllen. Und eine Mission ist schliesslich keine Kleinigkeit. Also, folgert der Auserwählte, bin ich etwas ganz Besonderes. Ich muss Ordnung bringen in die Welt, den Saustall ausmisten. Ich darf zu jedem Mittel greifen, denn es geht um etwas Höheres. Und dass ich so viel Glück im Leben habe, zeigt ja deutlich, dass Gott mich liebt.

Nur manchmal, wenn er nach oben telefoniert, ertönt das Besetztzeichen. Das ist dann sehr ärgerlich. Mit wem redet Gott denn da? Etwa mit einem anderen Auserwählten? Das kommt doch gar nicht infrage! Was, wenn der andere noch auserwählter ist? Eine andere Mission aufgetragen bekommt? Unmöglich, beruhigt er sich dann selbst, es kann nur eine Mission geben, nämlich meine. Das muss der da oben doch wissen!