Griechische Tragödie

Ein Kommentar von Daniel Binswanger

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

Man muss nicht so weit gehen wie der Rezensent im «Guardian», der das Buch in der Kategorie der «grössten politischen Memoiren aller Zeiten» rangieren will. Aber ohne Zweifel ist «Adults in The Room. My Battle With Europe’s Deep Establishment» (etwa: Die Erwachsenen im Saal. Mein Kampf mit Europas Machtnetzwerken) ein faszinierendes, fesselndes, einzigartiges Erinnerungswerk.

Sein Autor, Yanis Varoufakis, erzählt in dem Buch mit literarischem Talent, akribischer Detailfülle und gewagter Indiskretion, wie er nach dem Beginn der Eurokrise 2010 zu einem prominenten Kritiker der Bail-outs durch die Troika wurde, wie er erst zum Berater und dann zum Finanzminister von Alexis Tsipras aufstieg, wie er während seiner nur fünfmonatigen Amtszeit versuchte, einen Schuldenerlass für Griechenland und eine Lockerung des Spardiktats zu erzwingen, und wie er schliesslich von seinem eigenen Premierminister im Regen stehen gelassen und zum Rücktritt gezwungen wurde. Es zeigt eine europäische Politik von atemberaubendem Zynismus. Und es ist desto packender, als es eine Geschichte erzählt – die Griechenland- und die Eurokrise –, die alles andere als abgeschlossen und bewältigt ist.

Varoufakis schildert die Ereignisse seiner dramatischen Amtszeit – vom berühmten Ledermantel bis zu Wolfgang Schäuble, der ihm den Handschlag verweigert – und liefert erneut eine Analyse der Krise. Er zeigt, dass Griechenland de facto bereits 2010 bankrott war und nur deshalb einen ersten Bail-out von der EU, der EZB und dem IWF bekam, weil es für Angela Merkel und Nicolas Sarkozy die einzige politisch überlebbare Methode war, um die französischen und die deutschen Banken zu retten, die gegenüber Griechenland und dem übrigen Südeuropa mit über 1000 Milliarden exponiert waren.

Der Vorteil dieser Art der Bankenrettung liegt darin, dass er nicht nur von den deutschen und französischen, sondern von allen europäischen Steuerzahlern getragen werden muss und dass der Volkszorn sich nicht gegen die eigene Finanzindustrie, sondern gegen die «faulen Griechen» richtet. «Waren Christine Lagarde, Nicolas Sarkozy und Angela Merkel so naiv zu glauben, dass der bankrotte griechische Staat das Geld je zurückzahlen wird?», fragt Varoufakis. «Natürlich nicht. Sie wussten ganz genau, worum es sich handelte: die zynische Übertragung der Verluste deutsch-französischer Banken auf die Schultern von Europas verwundbarsten Steuerzahlern.»

Ebenfalls eindrücklich geschildert – sowohl mit elegischen Beschreibungen als auch mit nüchternen Zahlenreihen – werden die vernichtenden Effekte, welche die Austeritätspolitik, die dem Land verordnet wurde, um die Fiktion der Zahlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, auf das Lebensniveau der Griechen hatte. Von 2009 bis 2014 ist die griechische Wirtschaftsleistung um fast 30 Prozent geschrumpft und die Jugendarbeitslosigkeit auf über 65 Prozent gestiegen. Varoufakis bestreitet nicht, dass Korruption und Steuerhinterziehung einen entscheidenden Anteil daran hatten, dass Griechenland überhaupt in die Krise hineinschlitterte, im Gegenteil. Aber das macht es nicht sinnvoller, das Land für alle Ewigkeit in einer Schuldknechtschaft gefangen zu halten, die es immer ärmer und den Schuldenberg immer grösser werden lässt.

Warum dann wird die Politik der Fake-Bail-outs fortgesetzt, die zerstörerisch und in niemandes Interesse ist? Weil zu viel «aussergewöhnliches politisches Kapital» in diesen Weg  investiert wurde, sagt der ehemalige Finanzminister. Da sie falsch ist, muss sie fortgesetzt werden: Das ist Varoufakis Bilanz der europäischen Griechenland-Rettung.

Faszinierend ist, wie plastisch die These wird durch die in allen Details wiedergegebenen Diskussionen, die Varoufakis mit europäischen Entscheidungsträgern – den Finanzministern der Eurogruppe, den EU-Kommissaren, den Zentralbankern – führte. Permanent scheint man ihm in der Sache recht gegeben und sich doch nicht hinter ihn gestellt zu haben. Manche der indiskreten Nacherzählungen mögen zu seinen Gunsten geschönt oder gar falsch sein. Doch insgesamt entsteht ein erdrückend konsistentes Bild vom kollektiven Versagen der europäischen Eliten.

Adults in The Room. My Battle with Europe’s Deep Establishment, Vintage 201