Lieber Alain Berset,

Eine Kolumne von Max Küng

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

ich hatte eine Idee, welche Sie als Vorsteher des Departements des Innern vielleicht interessieren könnte, denn diese Idee betrifft das Land, das Volk, dessen Innerstes: die Gesundheit. «9 ½ Weeks», den Film mit Kim Basinger und Mickey Rourke, den kennen Sie doch noch, oder? Darum geht es, doch fangen wir vorne an.

Als ich noch Single war, also vor sehr langer Zeit, kurz nach der Erfindung der elektrischen Eisenbahn circa, da pflegte ich jedes Jahr frühlings eisenhart den Giftexorzismus, also eine Fastenkur, durchzuexerzieren, und zwar mit der Hilfe von Dr. Dünners Sambu Holunder Vitalitätswoche. (Dr. Dünner ist natürlich ein super Name für eine Firma im Gesundheitsbereich, besser auf jeden Fall als Dr. Dicker. Dicker hingegen ist ein guter Name für einen Schriftsteller von dicken Büchern, allerdings wäre Besser noch besser. Ist aber eine andere Geschichte.) Die Kur machte ich wie folgt: Zwei Tage bloss weiche Früchte. Dann totale Darmentleerung mittels Glaubersalz. Dann zehn Tage nur noch Dr. Dünners Holundersaft, dazu Entwässerungstabletten aus gepresstem Spargel und morgens ein Löffel Flohsamen. Wer je einen gehäuften Löffel Flohsamen einzunehmen versucht hat, die oder der weiss um den Geisteszustand, in den man kurzzeitig transportiert wird mit einem Mundvoll dieser Dinger, die ihren Namen nicht grundlos tragen.

Natürlich ist so eine saftige Fastenkur grossartig für den Körper, sie bringt aber ein Problem mit sich: die Sozialverträglichkeit. Das Umfeld leidet, denn eine Fastenkur ist als Sologang nur bedingt familientauglich: Ein jesusmässig lächelnder, am Esstisch hockender Typ, der am Holundersaft nippt, während die restliche Familie Hamburger mampft, aus denen Ketchup trieft und Mayo tropft. Auch deswegen gab ich das Fasten auf. Und ja, man leidet psychische Qualen, spätestens am dritten Tag jeweils schlich ich in Buchläden, leer schluckend betrachtete ich die prächtigen Farbaufnahmen der aufwendig gestalteten Kochbücher über etwa die Gerichte der französischen Provinzen, lange starrte ich mit zitterndem Kiefer auf das Bild einer geschmorten Wildschweinhaxe mit schwarzem Rettich. Und als ich bei einem Kurspaziergang Richtung Natur am Waldrand an einem Güggeliwagen vorbeikam, da war es so, als zöge mich der Duft der sich am Spiess drehenden Vögel in ein mittelalterliches Bild hinein, unklar bloss, ob in Bruegels «Das Schlaraffenland» oder doch in die, vom Betrachter aus gesehen, rechte Bildtafel von Hieronymus Boschs «Garten der Lüste».

Von solch rossigen Kuren bin ich zurzeit weit entfernt, aber dort fusst die Idee, von der ich Ihnen berichten möchte. Als ein Freund erwähnte, er habe nun eben sechs Wochen keinen Alkohol getrunken, um den Körper zu reinigen, da sagte ich: «Ha, sechs Wochen, eine blöde Zahl, sechs! Viel zu kurz, zu stier, zu gerade. 9 ½ ist viel attraktiver! Weisst du was: Ich trinke 9 ½ Wochen keinen Alkohol!» – «Weshalb 9 ½ ?», fragte der Freund. «Na wegen dem Film natürlich.» – «Was hat das mit dem Film zu tun.» – «Nichts, aber es ist die Verknüpfung von etwas Populärem, also dem Film  ‹9 ½ Weeks›, mit etwas Unpopulärem, dem gesunden Lebensstil. Genial, oder?» Mein Freund nickte, meinte: «Wow.» Natürlich bereute ich sofort, hatte ich nicht einen anderen Filmtitel als Motto gewählt, «Nur 48 Stunden» etwa oder «Und wieder 48 Stunden», andererseits: «12 Years A Slave» wäre weitaus schlimmer gewesen.

Nun, auf jeden Fall, Herr Bundesrat, da kam mir die Idee: Vielleicht sollten Sie eine landesweite Kampagne starten, TV-Spots schalten, so wie der Ogi damals, 1990, als er der Nation zeigte, wie man energiesparend Eier kocht. «9 ½ Wochen ohne Alkohol». Die neue Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit. Ich denke, da könnte man auch hübsche Plakate drucken, angelehnt an die originalen Filmposter. Das würde der Gesundheit der gesamten Nation einen Schub geben. Der kollektiven guten Laune vielleicht etwas weniger, aber das fällt ja eh nicht so ins Gewicht.

Santé! M. Küng

PS: Song zum Thema: «Chicken and Booze» von Jackie Mittoo  and The Soul Brothers, von der Compilation «Last Train To Skaville», 2003.

PPS: Bis jetzt läuft mein Projekt «9 ½ Weeks» bestens. Voll easy. Kein Problem. Hände ruhig. Geist ebenfalls. Und bald beginnt auch schon die zweite Woch