Ein Gespräch von Sacha Batthyany

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

Tom Wolfe sitzt in einem Sofa, das so weich ist, dass man darin versinkt. Zu seinem ikonischen vanillefarbenen Anzug trägt er ein Einstecktuch, das zur Krawatte passt. Die Socken haben das Muster einer Klaviertastatur.

Solche Details waren Wolfe immer wichtig, ob als Journalist oder später als Autor. Wolfe hat den amerikanischen Journalismus in den Siebzigerjahren geprägt und die Reportage zur Kunstform erhoben. Seine Romane sind immer auch Milieustudien, in denen er scheinbare Details mit grösster Präzision beschreibt – bis hin zur Betonung einzelner Vokale, welche die Herkunft eines Menschen verrät, die geografische, vor allem aber die soziale.

Tom Wolfe ist der Soziologe unter den amerikanischen Schriftstellern. Schon lange vor der Finanzkrise schrieb er über das Leben superreicher Wall-Street-Banker. Er analysierte die Latinostadt Miami, bevor halb Amerika von einer Mauer träumte – und lieferte mit «Ein ganzer Kerl» ein Sittenbild eines Immobilientycoons, Jahre bevor ein solcher ins Weisse Haus einzog.

Wolfes Einrichtung ist reinstes Upper-East-Side-Barock, abgewetzt, aber farblich passend: das dunkle Holz, Trockenblumen in türkisen Vasen, Bücherwände bis zur Decke. Ein nachtblauer Flügel steht in der Ecke vor dem Fenster, dahinter der Blick in die Häuserschlucht Manhattans, an dem man sich nie satt sieht. Wolfes Haushälterin kommt mit einem Tablett. Zwei Tassen randvoll mit dampfendem Kaffee, rosa Porzellan, geschwungene Henkel. Wolfe nimmt die Tasse mit zittrigen Händen, führt sie an die Lippen, trinkt einen winzigen Schluck.

Tom Wolfe — Oh Boy, das Alter.

Das Magazin — «Das Alter ist ein Massaker», schrieb Ihr Kollege Philip Roth.

Mit mir meinte es das Alter bislang ziemlich gut. Aber auch ich kämpfe damit.

Sie sind jetzt 86 Jahre alt und haben Ihr ganzes Leben geschrieben. Wie lautet die wichtigste Schreibregel?

Verlasse das Haus. Sprich mit echten Menschen über echte Probleme. Wenn du einen Funken Talent hat, ergibt sich der Rest von allein. Wenn du talentfrei bist, such dir einen anständigen Beruf, der Geld bringt.

Was war Ihnen wichtiger, Geld oder Ruhm?

Ruhm. Als Autor möchte man publiziert werden und denkt nicht ans Geld, es sei denn, man heiratet früh und hat mit dreissig zwei Kinder.

Waren Sie je neidisch auf die Bücher und die Erfolge anderer Autoren?

Ob ich Neid kenne? Eine seltsame Frage. Wir Schreiber sind zerfressen von Neid.

Das beste Buch, das je geschrieben wurde?

John Steinbeck. «Früchte des Zorns». Steinbeck war damals schon erfolgreich, nahm aber einen Job bei einer Zeitung in San Francisco an, was ihm die Türen öffnete zu den Menschen, über die er berichten wollte. Mir ging es auch so. Wenn ich ohne Zeitungsauftrag recherchierte, fragten mich die Leute jeweils: Und wer zum Teufel sind Sie? Steinbeck schliesst sich einer Familie an, die vor der Dürre in Oklahoma nach Kalifornien flüchtet, wo sie das Paradies, das ihr versprochen wurde, natürlich nicht findet. Es gibt ein Kapitel über eine Schildkröte, die die Strasse überqueren möchte, aber von den Autos immer wieder angefahren wird, bis sie es dann doch schafft. Eine ganz grosse Parabel über Migration.

Ist Ihr neuestes Buch, «Das Königreich der Sprache», auch Ihr bestes?

Das müssen andere entscheiden.

Die Kritiken waren nicht berauschend.

Ich weiss. Es hiess, ich hätte keine Ahnung, worüber ich schreibe, nur weil ich mir erlaubte, den Linguisten Noam Chomsky zu kritisieren. Chomsky ist ein Säulenheiliger der Linken in Amerika. Wer sich mit ihm anlegt, der muss mit grossem Geschütz rechnen. Aber ich habe mir in meinem langen Leben schon einiges anhören müssen. Ich habe eine dicke Haut.

Sie teilen ja auch gerne aus.

Ich bin einem guten Streit nicht abgeneigt, das gebe ich zu. Ich hinterfrage gerne die Sockel, auf die sich Menschen selbst stellen oder gestellt werden – und ich ertrage es nicht, wenn jemand das Gefühl hat, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

Was war das Schlimmste, was Sie je über sich lasen?

Einmal schrieb so ein Provinzjournalist, ich besässe keinen Stil. Ich hätte mich mit ihm zu einem Boxkampf treffen sollen.

Zurück zu «Das Königreich der Sprache». In diesem Buch greifen Sie nicht nur Chomsky an, sondern auch – Charles Darwin.

Darwin war ein snobistischer Stubenhocker und verwöhnter Schnösel, dessen Evolutionstheorie zwar auf die Entstehung der Arten eingeht, aber nichts darüber aussagt, wie unsere Sprache entstanden ist – das Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen Tier und Mensch. Dieser Frage bin ich nachgegangen.

Sie behaupten auch, Darwin sei nicht allein auf die Evolutionstheorie gekommen, sondern habe die Idee kopiert. Ist Darwin ein Hochstapler?

Darwin hat seinen Namen geschickt vermarktet, denn die Idee stammt ursprünglich von einem Mann namens Alfred Russel Wallace – ein Entdecker und Insektensammler, den heute kein Mensch mehr kennt. Er stand mit Darwin in Briefkontakt und schickte ihm seine Überlegungen zur Entstehung der Arten. Es war Wallace, der die Grundlagen zur Evolutionstheorie lieferte, doch der Mann aus dem Arbeitermilieu gehörte nicht zum Establishment und geriet in Vergessenheit, während aus Darwin ein globaler Superstar wurde.

Und was haben Sie gegen Chomsky?

Nichts. Ein blitzgescheiter Mann. Chomsky behauptete als junger Linguist, das Rätsel von der Entstehung der Sprache entschlüsselt zu haben. Wir Menschen seien mit einem Organ geboren, das komplexen Satzbau und Grammatik erst möglich mache. Alle Sprachen würden grammatikalischen Prinzipien folgen, die uns Menschen angeboren seien. Chomsky wurde für seine Behauptungen gefeiert, und er wurde wie Darwin zum Superstar seines Fachs. Doch ein unbekannter Forscher namens Daniel Everett hat ihn widerlegt. Everett fand im brasilianischen Dschungel den Stamm der Pirahãs, die Grammatik nicht kennen. Sie haben keine Wörter für Farben, keinen Humor und reden weder in der Zukunfts- noch in der Vergangenheitsform. Chomskys Theorie war damit erledigt. Die Antwort auf die Frage, wie Sprache entsteht, lautet: Wir wissen es nicht.

Gibt es etwas, das all Ihren Romanen und Reportagen gemeinsam ist?

Dürfte ich meinen eigenen Nachruf in der «New York Times» verfassen, würde ich schreiben: Tom Wolfe machte sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Und fand er sie?

Er kam ihr für wenige Augenblicke ziemlich nahe.

Wie fühlten sich diese Momente an?

Interessante Frage. Meist entstehen diese Momente beim Schreiben. Wenn sich der Nebel verzieht und plötzlich alles klar wird, als würde man etwas zum ersten Mal sehen. Die Zeit bleibt stehen.

Lesen Sie neue amerikanische Literatur?

Nein, viel weniger als früher. Soweit ich das überblicke, handelt es sich bei den neueren Sachen meist um psychologische Romane, die interessieren mich nicht. Da liest man seitenweise von den Depressionen eines Ehepaars, aber man erfährt nichts über das Einkommen der beiden. Das verstehe ich nicht. Ich komme aus der Schule des amerikanischen Realismus. Sinclair Lewis war mein Held. Oder Steve Crane, einer der ersten grossen realistischen Romanciers. Ein Kriegskorrespondent und begnadeter Reporter, der in ärmlichen Verhältnissen lebte und viel zu früh an Tuberkulose starb. Er tauchte in die Welten ein, die er beschrieb, so wie ich das später als Journalist auch tat. Ich schrieb nicht nur über Dinge, ich nahm teil.

Sie prägten den «New Journalism».

Ich mochte dieses Label nie, weil es so bieder klingt. Aber ja, damals war das neu, dass man in Zeitungen plötzlich die Gattungen vermischte und den subjektiven Standpunkt einnahm, bis hin zum Tabu, sich in den Kopf der Protagonisten zu versetzen. All dies aber erfand ich nicht. Wir übernahmen es von Autoren wie Steve Crane, ein brillanter Mann. Viele Schriftsteller waren hervorragende Reporter, Émile Zola zum Beispiel und natürlich der fabelhafte Balzac. Solche Menschen konnten uns die Welt erklären.

Welche Gaben besitzt ein guter Reporter?

Es gibt unterschiedliche Techniken. Ich spielte immer den Mann vom Mars. Meine erste Frage lautete stets: «Ich habe zwar überhaupt keinen blassen Schimmer, was Sie hier tun, aber es sieht verdammt interessant aus.» Und dann braucht es den Willen, sich überraschen zu lassen. Man muss sich öffnen und benötigt genug Rückgrat, um dem wütenden Chefredaktor, der auf den Text wartet, zu antworten, man brauche noch drei Wochen und werde – im Übrigen – das Spesenkonto überziehen.

Das waren die goldenen Jahre des Journalismus. Heute ist das nicht mehr möglich.

Diesen Satz höre ich seit fünfzig Jahren.

Herr Wolfe, wen haben Sie im vergangenen November gewählt – Donald Trump oder Hillary Clinton?

Das ist eine unhöfliche Frage.

Ach ja?

Die Wahl des Präsidenten ist auf der einen Seite eine gigantische Show, vielleicht die grösste Show der Welt. Aber am Wahltag wird alles plötzlich ganz intim. Da zieht man sich zurück in eine Kabine hinter Vorhängen und macht sein Kreuz. Nicht einmal Fotos sind erlaubt. Aber gut, wenn Sie mich schon fragen: Ich habe eine Drittperson gewählt. Ich empfand die Auswahl der beiden Kandidaten als Frechheit.

Was macht einen guten Politiker aus?

Gute Politiker müssen gute Entscheidungen fällen können, so einfach ist das, denn daran werden sie gemessen. Mit Intellekt hat das oftmals weniger zu tun als mit Bauchgefühl und Weitsicht. Viele meiner Freunde sagten mir am Abend nach der Präsidentschaftswahl, mit Amerika sei es nun vorbei, aber ich bin dafür, Trump eine Chance zu geben, so wie man Obama damals eine Chance gab. Ich weiss nicht, ob ihr Europäer das versteht, aber der Wille, alle vier Jahre alles hinzuschmeissen und neu zu beginnen, liegt in der amerikanischen DNA. Es ist ein Erbe unserer Entstehungsgeschichte. Es gibt keinen Grund für die Hysterie. Wenn ich allerdings in die Zeitungen blicke, wird mir schlecht.

Wovon?

Von dieser Dauerempörung. Trump wird zum perfekten Bösewicht gestempelt, der jetzt für alles Mögliche seinen Kopf hinhalten muss. Jeder Tag beginnt mit einer neuen Trump-Schlagzeile. Wer soll da den Überblick behalten?

Soll man denn wegschauen? «Demokratie stirbt in der Dunkelheit», ist seit Neuestem das Motto auf der Frontseite der «Washington Post», für die Sie einst gearbeitet haben.

Die Menschen haben zwar Zugang zur Information, sind aber schlechter informiert denn je. Tatsache ist, dass die weisse Arbeiterschicht in Amerika jahrelang mit falschen Versprechungen gefüttert wurde. Die Globalisierung hat den Arbeitern nichts gebracht, das sagt selbst Bernie Sanders. Sie haben auf jemanden wie Trump nur gewartet. Warum war das den Journalisten nicht bekannt? Warum hat niemand im Vorfeld darüber geschrieben? Dass alle über Trumps Siegeszug so überrascht waren, halte ich für eines der grössten Versagen des amerikanischen Journalismus. So wie damals, als die Finanzkrise über uns hereinbrach und man die Wirtschaftsjournalisten fragte, wieso sie so blind wie Maulwürfe waren. Dabei müssten die Reporter aus New York und Washington nur hinausfahren und ein paar Wochen auf dem Land verbringen.

Das haben sie doch getan.

Aber nicht genug. Trumps Kernwähler wurden als Idioten abgestempelt, als Rassisten und Analphabeten. So wie man die Anhänger der rechten Parteien Europas wahrscheinlich wie Bauernflegel behandelt. Das ist nicht gut. Wenn ich mich richtig erinnere, so las ich im vergangenen Jahr, dass die Lebenserwartung weisser Männer in Amerika zum ersten Mal seit Jahren sinkt. Das hätte ein Signal sein müssen. Aber Journalisten sind feige. Ich kann mich an meine Zeit bei der «Washington Post» erinnern, da nahmen die meisten Schreiber das Taxi zur Arbeit, weil es damals auf den Strassen ruppig zu und her ging – und sie verpassten das ganze Leben.

Haben Sie Trump je getroffen?

Nein. Trump lebte zwar sein ganzes Leben in New York, gehörte aber nirgends dazu, nicht zu den Bankern, den Intellektuellen, auch nicht zu den Celebrities. Vielleicht zeichnet ihn das auch aus: Er ist unabhängig, aber auch ein wenig einsam, so wirkt er jedenfalls auf mich. Ich würde ihn das gern fragen: Herr Präsident, Mr. Trump, sind Sie ein einsamer Mensch? Trump war sein Leben lang Immobilienspekulant, das darf man nicht vergessen. Ich habe über solche Typen ein Buch geschrieben («Ein ganzer Kerl», Anm. d. Red.) und viel Zeit mit ihnen verbracht. Sie haben eine ganz spezifische Mentalität, die sie von Chefs grosser Unternehmen wie IBM unterscheidet.

Nämlich?

Jeder Tag ist ein Spiel, es ist wie ein Rausch: draufloshauen und dann geschickt die Scherben einsammeln. Man erkennt den Immobilientycoon in Trump an der Art, wie er sein Einreiseverbot kommunizierte: mit der Abrissbirne und durchaus dilettantisch. Da sassen dann Tausende von Menschen auf der ganzen Welt in Flughäfen fest, nur weil Trump nicht warten wollte. Dazu kommt bei Trump eine unglaubliche Portion Eitelkeit. Im Gegensatz zu anderen prahlt er mit seinem Geld und seinen Erfolgen und würde nie etwas Schlechtes über sich sagen. Das ist beinahe kindlich, hat aber auch etwas Charmantes, weil es so ehrlich ist.

Sie halten Trump für charmant?

Trump hat etwas Entwaffnendes.

Mit dieser Meinung sind Sie unter Amerikas Autoren in der Minderheit.

Er ist jedenfalls nicht so verklemmt wie die Linken.

Warum sind viele Autoren politisch links?

Ich glaube, es hat mit Erlebnissen auf dem Schulhof zu tun, wie so vieles. Da gibt es, vereinfachend gesagt, die Kräftigen, die ihre Fäuste benutzen. Und dann gibt es die, die eher geschickt mit Worten sind. Sie wissen, dass sie es mit ihren Muskeln allein nicht weit bringen, und schüren Intrigen und streuen Gerüchte, um anderen zu schaden. Sie spielen mit der Macht, übernehmen aber nie Verantwortung und machen sich die Hände nur selten schmutzig. Aus diesen Kindern werden in der Regel Autoren und Journalisten.

Sie sagten, Sie würden Trump fragen, ob er einsam ist. Was würden Sie ihn noch fragen, wenn Sie ihn interviewen könnten?

Ach, es wurde doch schon so vieles über Trump geschrieben … Es ist wie damals bei Muhammad Ali, der war auch jede Woche auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen. Wussten Sie, dass mehrere Boxing-Magazine eingingen, als Ali zurücktrat? Es gab einfach keinen Stoff mehr. Aber zu Trump: Er ist zwar omnipräsent, doch meiner Meinung nach haben die klassischen Newsjournalisten trotzdem einiges verpasst. Zum Beispiel die Haare.

Wie bitte? Alle haben über seine Haare geschrieben.

Ja, indem man sich darüber lustig gemacht hat. Aber genau daran krankt der heutige Journalismus: Man bewertet zu sehr. Ich dagegen würde wirklich gern  wissen, wieso sich unser Präsident die Haare derart zusammenbindet: Was steckt dahinter? Wie lange dauert das? Ich würde ihn fragen, ob er mir seine Frisur erklären könnte.

Wie würden Sie das formulieren? Herr Präsident, können Sie mir bitte Ihre Frisur erklären?

Ja, genau so.

Und sonst?

Wenn wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Trump trägt die Krawatte immer derart lang, dass sie ihm bis unter die Gürtellinie reicht. Das andere Ende ist dann so kurz, dass er es mit Klebstreifen befestigen muss. Auch das halte ich für ein hochinteressantes Detail. Warum muss diese Krawatte so lang sein?

Was vermuten Sie?

Ich glaube, er will seinen Bauch überdecken. Trump mag seinen Bauch nicht. Alles muss makellos sein in der Familie Trump. Auch das sagt viel aus, finde ich: seine Phobie vor Keimen und die Porzellanhaftigkeit seiner Frau. Das sind Dinge, die mich interessieren, aber in den Zeitungen ist heute dafür kein Platz. Ich würde ihn auch fragen, wer seine Freunde sind. Jeder Mensch hat Freunde. Wer steht Trump wirklich nahe?

Seine Kinder.

Ja, aber welches? Eric? Ivanka? Haben Sie je etwas Kluges zu seinen Kindern gelesen? Mich interessieren bei Menschen in erster Linie ihre Statusängste. Auch bei Trump. Und weil von sich aus niemand darüber reden möchte, muss man nach Anzeichen dieser Statusängste Ausschau halten. Das können Kleider sein, Frisuren, die Betonung von Wörtern, Möbel.

Trump mag alles, was glänzt. Was sagt das über ihn aus?

Das weiss ich nicht, ich schreibe keine Horoskope. Mein Beruf ist es, zu beobachten und Fragen zu stellen. Ich habe die Bilder aus seinem Penthouse in New York lange studiert, den Marmor, die geschwungenen Tischbeine. Tatsächlich scheint er es auf den Fake-Louis-XIV-Stil abgesehen zu haben, während seine Frau echten Louis Vuitton bevorzugt. Interessanterweise wählt Trump, trotz Louis XIV, einen Anzug von der Stange, viel zu gross – und immer in derselben austauschbaren Farbe. Der gut sitzende Doppelreiher ist bei Politikern völlig aus der Mode gekommen, weil er zu extravagant wirkt, was er auf keinen Fall tun darf. Ich finde es grässlich, dass sich einige Politiker vor ihren Wählern dümmer verkaufen, als sie in Wahrheit sind.

Politiker sind Repräsentanten des Volkes.

Richtig. Früher waren es Adlige und Wohlhabende, heute müssen sie Hotdogs essen und sich mit Feuerwehrmännern unterhalten können, um zu gewinnen, das ist eklig. Wobei Trump beide Seiten in sich trägt. Genau das macht ihn ja aus. Er kennt die Welt der Arbeiter, behauptet er zumindest, sieht aber von ganz oben zu. In seinem Arbeitszimmer soll es eine Wand geben, an der lauter Bilder von ihm hängen: Trump im «Time Magazine», im «Playboy», «Esquire», auf allen Titelseiten. Es scheint, als würde er sich für nichts schämen. Auch das müsste man ihn fragen: Kennen Sie Scham?

Er würde aufstehen und davonlaufen.

Es nähme mich wunder, wie er reagieren würde. Scham ist ein interessantes Thema. Nicht nur bei Menschen und auf der individuellen Ebene. Ich bin der Überzeugung, dass es auch so etwas wie eine nationale Scham gibt. Eine Kollektivscham. Wie ist das bei den Schweizern?

Sie schämen sich für ihren Wohlstand und die relative Sorglosigkeit, die in ihrem Land herrscht, während rundherum alles in die Brüche zu gehen scheint.

Interessant.

Und die Amerikaner?

Wir schämen uns für unsere Dummheit. Selbst amerikanische Intellektuelle und Wissenschaftler denken, sie sprechen schlechter Englisch als die Briten und klingen wie Tölpel. Upperclass-Amerikaner leiden darunter, für ein Volk von Idioten gehalten zu werden, und sie verehren daher alles, was aus Europa kommt. Da sind wir ganz anders als die Intellektuellen in Paris, von denen sich alle für Jean-Paul Sartre halten, nur weil sie den ganzen Tag im Café sitzen.

Zuerst kritisieren Sie amerikanische Journa-listen und jetzt die Intellektuellen in Paris. Man sagt doch, man werde im Alter sanfter?

Wer sagt das?

Wie waren Sie als Kind?

Ich bin in Richmond, Virginia, aufgewachsen. Ich war ein sportlicher Junge, selten krank, und ich habe immer gern gelesen. Meine Eltern waren liberale, aufgeklärte Menschen. Sie haben hie und da – und zur Verwirrung vieler – eine schwarze Familie zum Essen eingeladen. Man nannte die Schwarzen damals noch negroes. Sie durften sich nur im hinteren Teil des Busses aufhalten, die Schulen waren noch nach Rassen getrennt. Das scheint, während ich das alles erzähle, so lange her zu sein und ist doch nur ein Menschenleben. Wir haben seitdem viel erreicht – und sind trotzdem noch nirgends. Die Hautfarben sind schwer zu überwinden, das lehrte mich die Arbeit an «Back to Blood», meinem letzten Buch über Miami. Einer Stadt, die oft als Zukunftslabor der USA bezeichnet wird, weil sie so multikulturell sei. In Wahrheit aber entscheiden die Pigmente, wo man in Miami wohnt, wer mit wem ins Bett steigt, welchen Status man hat und wer eher an einer Kugel stirbt.

Sie sagten, Sie interessieren sich für die Statusängste der Menschen. Welches sind Ihre?

Ich habe eine ganze Palette. Und natürlich leide ich unter der Autorenkrankheit – der Angst, in Vergessenheit zu geraten.

Was würden Sie hergeben für einen neuen – und vielleicht letzten – Bestseller?

Alles.