Kaffee oder Tee?

Auch Kaffee hat sein Gutes: Koffein bremst die Wirkungsspirale des Nukleosids Adenosin, das uns müde macht. Tee hingegen schmeckt besser.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°21– 27. Mai 2017

Wenn wir uns darüber beschweren, dass wir in einer polarisierten Gesellschaft leben, kann ich nur antworten: Weiss ich. Und: Weiss ich schon lange.

Denn nicht nur Weltanschauungen sind aus der Balance geraten, nicht nur das Selbstverständnis dessen, wie Menschen auf dem Land und Menschen in der Stadt leben wollen. Mit Inbrunst wird darüber gestritten, ob der Staat mit seinen Steuereintreibern ein Wegelagerer ist oder ein Wohltäter. Ob es angemessen ist, Menschen das Rauchen zu verbieten, oder ob es ihnen selbst überlassen sein soll, womit sie sich umbringen. Selbst in unser Privatestes züngelt der polarisierende Disput hinein: Ob es uns erlaubt ist, Tiere zu essen, und wenn ja, wie viele – oder ob Vegetarismus und Veganismus zwangsläufig zur Verbesserung unseres Menschseins beitragen.

Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: Kaffee oder Tee?

Kaffee ist die Mainstreamdroge. Wann immer ich auswärts frühstücke und die Frage nach dem passenden Heissgetränk (was für ein Wort!) nicht mit «Kaffee, bitte» beantworte, schaue ich in ein erstauntes Gesicht, in dem reflexartig hochgezogene Augenbrauen signalisieren: What the fuck ..?

Der Morgenkaffee ist eine protestantische Droge. Er wird landläufig als Turbo für das Ansteigen der Leistungskurve betrachtet. Viele Kaffeetrinker klagen, dass sie ohne Koffein nicht einmal aus der Horizontalen in die Vertikale kommen.

Mich amüsiert das ein bisschen, weil ich keine andere Droge kenne, über deren Wirkung in unserer drogenmässig eher verklemmten Gesellschaft so hemmungslos gesprochen wird wie über Koffein. Oder kennen Sie jemanden, der zu Beginn einer Unterhaltung hastig ein Bier hinunterschüttet und sagt: «Ehrlich, ohne 0,2 Promille Alkohol finde ich keinen deiner Scherze lustig.» Oder der auf der Toilette verschwindet, mit weiss bestäubten Nasenlöchern zurückkommt und mitteilt: «Ich hab jetzt ein halbes Gramm Koks unter der Schädelplatte. Wir können anfangen zu diskutieren.»

Aber: «Ich brauche noch einen Kaffee, dann bin ich für Sie da» – diesen Satz kennen wir nur zu gut.

Natürlich ist an der Wirkung des Koffeins was dran. Es hat bremsende Wirkung auf das Nukleosid Adenosin, welches das Gehirn produziert, wenn es ausgelastet ist und den Schongang einlegt. Das hat zur Folge, dass wir müde werden.

Koffein bremst die Wirkungsspirale des Adenosins, wir bleiben/werden wach. Vor allem Menschen, die regelmässig Kaffee trinken, fühlen sich ohne die tägliche Dosis Koffein schlapp. Menschen, die nur hie und da einen Kaffee zum Frühstück nehmen, spüren den Kick nicht, sie können sich ganz auf den Geschmack des Kaffees konzentrieren.

Bekanntlich ist es sehr kompliziert und aufwendig, guten Kaffee selbst herzustellen («Das Magazin» 14/2016). Das erklärt auch den Siegeszug der Kaffeekapseln, mit denen praktisch jeder etwas wenigstens Kaffeeähnliches herstellen kann.

In der Theorie wäre es viel einfacher, guten Tee zu servieren. Man braucht dafür nur heisses Wasser, eine Uhr – und guten Tee, woran die Sache jedoch in der Regel scheitert.

Denn die Gesichter mit den hochgezogenen Augenbrauen eilen meistens zu der Schublade, wo die Packungen mit den Teebeuteln liegen, und servieren dir etwas später ein Kännchen heisses Wasser und einen Beutel English Breakfast Tea, schwarz wie die Nacht und ordinär wie ein Kutscher.

Dabei ist guter Tee das genaue Gegenteil von ordinär. Eine Tasse blassorangen Darjeeling-Tees (ich bevorzuge die feiner gewirkten First-Flush-Pflückungen gegenüber den robusteren Second Flushs) ist ein Muster an Eleganz, ein Genussmittel, das es verdient, in Musse und mit einem feinen Lächeln auf den Lippen getrunken zu werden.

In seiner rätselhaften Komplexität ist Tee ein fast schon philosophisches Elixier. Im Gegensatz zum Kaffee beschleunigt Tee uns nicht, er lässt uns zu uns kommen. Der Genuss von frisch aufgegossenem Tee verführt uns dazu, aus dem Beginn des Tages ein kleines Ritual zu machen, das dem kostbaren Moment angemessen ist. Aus Tassen, deren Ränder nicht zu dick und banal sind, schmeckt der Tee eindeutig köstlicher. Seine Farbe kommt besser zur Geltung, der Duft lädt zum Abschweifen und Nachdenken ein, und wer möchte nicht mit einem vernünftigen Gedanken vom Küchentisch aufstehen und sich in seinen Tag verfügen?

Wer auf den Koffeinkick nicht ganz verzichten will, muss übrigens nur darauf achten, dass der Tee nicht länger als zweieinhalb Minuten zieht. Dann hat sich das Koffein aus den Teeblättern vollständig gelöst, das Theanin, das der aufputschenden Wirkung entgegenläuft, aber noch nicht.

Ich bin übrigens gegen jede Polarisierung. Zwar trinke ich in der Früh stets meinen Tee. Aber nach dem Abendessen gibt es nichts Entspannenderes als einen Espresso.